Zurück zur Eingangsseite!

Hauptmenu

Karl Ballmer

Vita

Aktuelles

Wir: Edition LGC

Unsere BĂŒcher

Die gekrachte Schublade

Andere Verlage

Der Maler

Archiv

Links

Kontakt / Impressum

Suche 🔍

vorherige Seite Übersicht nĂ€chste Seite

Sonntag, 1. Januar 2006

Roswitha Quadflieg: Beckett was here

(:template each :)

Cover Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg
1. Auflage 2006, 224 Seiten
EUR 19,95
ISBN 3-455-09541-1

[Nicht bei uns erhÀltlich!]


Roswitha Quadflieg lĂ€sst den Leser am „GelĂ€nder“ von Becketts Aufzeichnungen Tag fĂŒr Tag den neunwöchigen Aufenthalt Becketts in Hamburg im Herbst 1936 miterleben. Ihre umfangreiche Recherchen liefern Hintergrundinformationen auch zum Besuch Becketts in Ballmers Atelier und wenige Tage spĂ€ter beim Richtfest des neuen Atelierhauses.

Da das Buch kein Personenregister hat, hier die Seiten, wo Ballmer erwÀhnt ist: 16, 78, 100, 105, 139-141, 166, 167, 168-174, 175, 176, 183, 185, 186-189, 190, 206, 207

Auf der Buchvorderseite ist ein Ausschnitt von Ballmers Bild „Landschaft (Hamburg)" (1932) abgebildet.


Im folgenden geben wir eine Rezension des Buches wieder, aus dem Rezensionsforum „literaturkritik.de“, Nr. 4, April 2006. Originaladresse am 15.04.2006: www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=9335&ausgabe=200604

Kraft durch Freude Conversations

Roswitha Quadflieg hat Samuel Becketts Hamburger TagebĂŒcher zusammengefasst

Von Friedhelm Rathjen

Neun Wochen, die zwar nicht die Welt, aber vielleicht die Weltliteratur und ganz gewiß Samuel Beckett verĂ€nderten: das waren diejenigen, die der 30jĂ€hrige Dubliner Ende 1936 in Hamburg verbrachte. Mit diesen neun Wochen begann seine Bildungsreise durch Deutschland, die insgesamt ein halbes Jahr dauerte und dem knospenden Schriftsteller denkwĂŒrdige Begegnungen mit KĂŒnstlern und Intellektuellen, neue EindrĂŒcke vielfĂ€ltigster Art, aber auch allerlei Frustrationen und einen anschaulichen Einblick in das Wirken der Nazi-Diktatur einbrachte. Die Zeit in Hamburg war dabei besonders wichtig, nicht nur weil der Aufenthalt in der Elbmetropole lĂ€nger dauerte als jede andere Station der Reise, sondern auch weil Beckett hier die Kontakte knĂŒpfte, die ihm dann auch anderswo Zugang zu Menschen und Kunstwerken verschafften, die aus der Öffentlichkeit verschwunden waren. Als Beckett nach Deutschland kam, waren die Museen des Landes nĂ€mlich schon weitgehend von allem gesĂ€ubert, was der faschistischen Ideologie als ‘entartet’ oder ‘undeutsch’ galt, vor allem von den Werken der Moderne, die Beckett besonders interessierten. Vieles, was bleibende EindrĂŒcke hinterließ, sah Beckett nur in Kellern, Magazinen und Privatsammlungen. Auch manches Buch, das er haben wollte, konnte er nur unter der Ladentheke erstehen oder in privaten Bibliotheken einsehen.

Dass Beckett damals eine Reise durch Deutschland unternahm, ist seit Jahrzehnten bekannt, doch ĂŒber das, was er dabei erlebte, konnte lange nur spekuliert werden - bis nach Becketts Tod sein Neffe im Nachlass eine sensationelle Entdeckung machte: Beckett hatte auf seiner Reise akribisch Tagebuch gefĂŒhrt, und dieses Tagebuch ist komplett erhalten. James Knowlson hat es fĂŒr seine Beckett-Biographie, die 1996 auf englisch und 2001 in deutscher Übersetzung erschien, auswerten dĂŒrfen, doch leider sperrt sich der Neffe dagegen, das Tagebuch insgesamt veröffentlichen zu lassen. Eine Ausnahme machte er nur fĂŒr eine Luxusedition, in der Roswitha Quadflieg 2003 den Hamburg-Teil des Tagebuchs (er reicht vom 2. Oktober bis zum 4. Dezember 1936) veröffentlichen durfte, allerdings zu einem so horrenden Preis, dass Normalsterbliche sich den Band kaum leisten konnten. So wartet die ĂŒberwiegende Mehrzahl der Beckett-Leser weiterhin vergebens auf den grĂ¶ĂŸten aller denkbaren GlĂŒcksfĂ€lle, nĂ€mlich den Zugang zu den kompletten Reiseaufzeichnungen.

Was Roswitha Quadflieg uns jetzt mit dem Band „Beckett was here“ vorlegt, das ist gewissermaßen der zweitgrĂ¶ĂŸtmögliche GlĂŒcksfall. Tag fĂŒr Tag prĂ€sentiert sie charakteristische AuszĂŒge aus dem Hamburger Tagebuch, verbunden durch erlĂ€uternde Zwischentexte, die all das mitteilen, was sie nicht im Originalwortlaut wiedergibt. Auf diese Weise bekommen wir sozusagen die Essenz des Tagebuchs geliefert, die die WĂŒrze des Originals weitgehend bewahrt, es aber gleichzeitig bestens verdaubar macht; ZusammenhĂ€nge werden erklĂ€rt, erwĂ€hnte Personen mit biografischen Skizzen vorgestellt, topografische Einzelheiten auch fĂŒr Leser, die in Hamburg nicht zu Hause sind, durchschaubar gemacht, und dies alles auf so knappe wie anschauliche Weise, dass die Freude des Lesens keine kleine ist.

Und was lesen wir da? Vielfach sind es die BanalitĂ€ten des Alltags, die Beckett aufzeichnet, und zwar in aller Regel in einem pointierten Gemisch aus Englisch aus Deutsch, das zu allem und jedem ein deutliches Urteil formuliert. Alles wird kommentiert - die unfreundliche Witterung: „Hundewetter again“; das bedrĂŒckende politische Klima: „Alle KlowĂ€rter sagen Heil Hitler“; die Konversation: „the usual Quatsch“; seine leeren Taschen: „Money knapper & knapper“; das Essen: „SĂŒlze. GrĂ€ĂŸlich.“ Wenn er einigermaßen bei Stimmung ist, scheint ihm Hamburg immerhin halbwegs zu gefallen, er nimmt Anteil an dem, was um ihn herum geschieht, und als eine Sturmflut die Deiche entlang der Elbe bedroht, will er sich sogar den Rettungsmannschaften anschließen.

Beckett ĂŒberwindet seine natĂŒrliche SchĂŒchternheit und versucht, mit möglichst vielen Leuten ins GesprĂ€ch zu kommen, um sein Deutsch zu trainieren, denn ohne Sprachkenntnis nĂŒtzt die beste Schweigsamkeit nichts: „To be really wortkarg one must know every Wort.“ Bisweilen verwirrt sich ihm dann aber auch alles: „phrases rattling like mashinegun fire in my skull...“. Einmal spĂŒrt er ein „dim desire for female company“; der Versuch, bei einer kultivierten Schönen zu landen, scheitert leider. Auf seine Bitte vermittelt die Akademische Auslandsstelle ihm eine ‘Lotsin’, die ihn bei SpaziergĂ€ngen und Veranstaltungsbesuchen begleitet und mit ihm Konversation macht. Dieses FrĂ€ulein Asher ist allerdings nicht ganz nach Becketts Gusto: „Her Kraft durch Freude conversation kills me.“ Sie empfiehlt ihm BĂŒcher von Ernst Wiechert, doch Beckett ist fĂŒr derlei Zeugs nicht zu begeistern, auch andere Proben großdeutschen Kunstgeschmacks, die ihm vor Augen und Ohren kommen, haben deutliche Bemerkungen im Tagebuch zur Folge: eine Lesung Hermann Stehrs ist fĂŒr ihn „Earnest Kitsch, delivered in a senile whisper“; als im Radio ein Konzert mit Musik des in Deutschland geschĂ€tzten Edward Elgar ĂŒbertragen wird, etikettiert Beckett ihn als den „Galsworthy of music“. Auch der Großteil der GemĂ€lde, die Beckett bei insgesamt elf Besuchen in der Kunsthalle in Augenschein nimmt, beschwört sehr abfĂ€llige Bemerkungen herauf.

Und doch ist es die Kunst, die am Ende den stĂ€rksten Eindruck hinterlĂ€sst. Beckett schĂ€tzt die wenigen Beckmann-Bilder, die er noch zu sehen bekommt, steht lange vor Noldes „Christus und die Kinder“ und begeistert sich fĂŒr Werke von Munch und Otto MĂŒller - sie findet er freilich nicht in öffentlichen Ausstellungen, sondern nur durch private Vermittlung. Auf diese Weise lernt er schließlich auch die beiden Maler Willem Grimm und Karl Ballmer kennen, mit denen er freundschaftlich verkehrt und an deren Bildern er „the stillness & the unsaid“ bewundert. Beckett-Kenner sind mit diesen Namen schon lange vertraut, denn die beiden KĂŒnstler werden in spĂ€teren kunstkritischen Essays Becketts gepriesen.

Nicht-Beckett-Kenner freilich wissen mit diesen Namen sicherlich erst einmal wenig anzufangen, und das hat seinen unguten Grund. Wie Roswitha Quadflieg mit ihren Zwischentexten und insbesondere mit kleinen biografischen Skizzen immer wieder zeigt, ist genau jene KĂŒnstler-Szene, in die Beckett zu Ende seines Aufenthalts gerĂ€t und die eigentlich die Spitze der Hamburger Kultur hĂ€tte ausmachen können, von den Nazis planmĂ€ĂŸig verfolgt und zerstört worden. Dass Roswitha Quadflieg die Schicksale aller Personen, mit denen Beckett in Hamburg in BerĂŒhrung kommt, akribisch verzeichnet, ist zwar fĂŒr den unmittelbaren Beckett-Kontext unerheblich, verleiht dem BĂŒchlein jedoch eine zusĂ€tzliche Dimension und macht es lesenswert fĂŒr alle, die sich ganz unabhĂ€ngig von Beckett fĂŒr die Sozialgeschichte der KĂŒnstler- und Intellektuellenschicht Hamburgs (oder ĂŒberhaupt Mitteleuropas) interessieren.

Roswitha Quadflieg hat mĂŒhevoll allem und jedem nachgeforscht, was irgendwie mit Becketts neun Wochen in Hamburg zu tun hat; etliche verschollene Personen hat sie ermittelt, mit ihren Nachkommen gesprochen, Fotoalben studiert - und dabei einige kleine SchĂ€tze gehoben, etwa Briefe und Ansichtskarten von Becketts Hand und behördliche Aufzeichnungen ĂŒber die Versuche des jungen Iren, verbotene Kunst zu sehen. Dass im Anhang nicht nur die 21 BĂŒcher aufgelistet sind, die Beckett in Hamburg kaufte, sondern auch die vielen weiteren, die er sich auslieh oder sonstwie erwĂ€hnte, versteht sich angesichts des Quadflieg'schen Rechercheeifers fast von selbst; auch die ĂŒppigen Bildbeigaben sind mehr als ein hĂŒbsches Beiwerk. Alles in allem ist „Beckett was here“ eine so liebevoll prĂ€sentierte und auch im Detail so anregende Darstellung, dass wir es der Autorin gerne durchgehen lassen, wenn sie im Übereifer Becketts LieblingsgetrĂ€nk „Whisky“ schreibt (irischer Whiskey schreibt sich nie ohne das --e-!) und in der Zeittafel am Ende Becketts Heirat falsch datiert.

Am Tag vor seiner Abreise aus Hamburg notiert Beckett ein Epigramm, mit dem er die Mitmieter in seiner Pension zu belustigen sucht, wenn auch leider vergeblich: „Ich weiß ungefĂ€hr was ich tue, was ich bin weiß ich gar nicht.“ Wir Beckett-Leser wissen nach der LektĂŒre von „Beckett was here“ nun aber besser als zuvor, was Beckett war - und bis ins Detail, was er in Hamburg tat.


mit Rahmen zum Seitenanfang (shift-alt-4) ohne Rahmen – zum Drucken