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Wallstreet, Kreml, Feind Rudolf SteinersDie gekrachte Schublade – 22. Mai 2024

27. Januar 1949

Die als konkretes „Ich“ vorzustellende allgemeine Gruppenseele der Persönlichkeiten der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft soll und will mehr sein als nur der symbolische Ausdruck des Gehaltes des gegenwärtigen äußeren weltgeschichtlichen Geschehens als des Widereinanders von Ost und West. In ihrem inneren Selbst-Widerspruch (dass hier der Schatzmeister, und dort, wo der Schatzmeister nicht ist, der Schatz) bringt es die Gruppenseele noch nicht dazu, als die Einheit ihres Widerspruches einen Inhalt zu haben; ebenso wie die Einheit des Widerspruches zwischen dem Schatzbesitzer Wallstreet und dem eifersüchtigen Schatzmeister Kreml nicht mehr ist als der leere Name einer einheitlichen gegenwärtigen Menschheit.

Die als selbstbewusstes „Ich“ gedachte Gruppenseele als ihr Selbstwiderspruch (dort der Schatz, hier der Schatzmeister), indem sie die Versöhnung des Widerspruchs zunächst und vorläufig im bloß abstrakt inhaltlosen Postulat der Gesellschafts-Einheit hat, empfängt den Keim echten und wahren Inhaltes, sofern sie jetzt wollend wissen will:

Ich als Einzelner befinde mich als Glied der A.A.G. in ausgezeichnet besonderer Weise auf dem Wege, an dessen Ende das Bild des MENSCHEN sichtbar werden soll. Wollend weiß ich, dass der im Bilde gemeinte wirkliche MENSCH im Können steht, sich selbst Feind zu sein. Der neue Gedanke, den ich wollend erfasse („über das Christliche hinaus“) ist der, dass der Schöpfer der Erzeuger auch des Bösen sein will. (Zyklus 12, Buch S.298, Z.5–7). Unter der Voraussetzung, dass Ich EINER ist, gibt es meine – so schön besungene – Freiheit in der Weise, dass ich der Feind des Menschen, der EINER ist, sein darf. Ich nehme also „Feind“ als meinen höchsten Ehrentitel. Das Bild des Menschen wird plastisch, wenn ich mich einen Feind R Sts weiß; dagegen ist Verschwommenheit und Blässe das Charakteristikum des Menschenbildes derjenigen, die sich treuherzig tapsig zudringlich als die Freunde wissen, – wozu sie ja übrigens zu ungezählten Malen bei den Vortragsbeginnen – „Meine lieben Freunde!“ – eingeladen sind.

Indem ich die aktuelle Gruppenseele als empfindendes Selbstbewusstsein vorstelle, sehe ich sie noch kaum den ersten Schritt tun auf dem WEGE, der sie vor das Menschenbild führen will, das am Ende des Weges aufgestellt ist. Die Gruppenseele hat noch durchaus nicht geschaut, was sie auf dem Werdewege schauen lernen soll: das Können des MENSCHEN, sich selbst Feind zu sein. Das Selbst der Gruppenseele als die Fähigkeit, dieses Können zu schauen, ist noch nicht erweckt. Es kann sich notwendig nur in Einzelnen erwecken. Das heißt denn, dass Einzelne dahin gelangen können, es als ehrenvoll zu wissen, als „Ich im Ich“ der Feind sein zu dürfen. In dieser Perspektive allein kann ein Inhalt für die fatale Abstraktion „Gesellschafts-Einheit“ gesucht werden. Denn Gesellschaft – wozu ursprünglich Zwei gehören – heißt in principio nichts anderes als „Ich im Ich“. Das heißt dann weiter, dass die Feindschaften, die aus der Sorge um die Gesellschaftseinheit bestehen, doch nur das Übungsgelände sein können für die Ausbildung der Freiheit, der Feind R Sts zu sein. Gesellschaft bedeutet die Aufgabe: Wir sollen lernen, dass wir unser autonomes „Ich“-sagen-können als die Wirkung der Eigenschaft des MENSCHEN haben, opferträchtig SICH Feind zu sein. Wir sollen die Eigenschaft des MENSCHEN, sich der Feind sein zu können, verstehen lernen im Zusammenhange mit der weiteren Eigenschaft und Fähigkeit des MENSCHEN, sich der Christus zu sein. Mit andern Worten: Man wird einmal beginnen, Interesse zu nehmen an einem PROBLEM Anthroposophie, ohne dass man dadurch das Krankenasyl der armen Seelen (das ja auch eine Erscheinungsweise der A. sein muss) zu kränken brauchte. Hier ist der Vorschlag zu machen, ein zeugungskräftiges Urphänomen von „Gesellschaft“ zu erblicken in dem Nebeneinander von Dr. Carl Unger und R St. Man beginnt zweckmäßig mit dem gereiften Studium von Ungers Aufsatz „Das Ich und das Wesen des Menschen“. Man kann dahin kommen, zu wissen, dass in diesem Aufsatze von 1909 eigentlich nur die weißen Zwischenräume zwischen den gedruckten Textworten von Unger sind. Der Aufsatz Ungers hat zwei Autoren – jede Diskussion über diesen Punkt entfällt für den, der in dieser Sache wissend ist.

Der Aufsatz Ungers behandelt den Gegenstand, der weltbekannt ist durch seine erstmalige Aufzeichnung in Gen. I,3, also den sogenannten Sündenfall. Nach anthroposophischer Erkenntnis und Lehre ist das Verständnis der Kirche hinsichtlich Gen. I,3 nicht adäquat. Es kann im Ernste nicht davon die Rede sein, dass das „Geschöpf“ von sich als Geschöpf aus der Feind sein könnte. Es ist vielmehr notwendig, den Sündenfall als eine Veranstaltung der „schöpferischen Mächte“ zu wissen, bei welcher Veranstaltung die Menschen noch nicht einmal Zuschauer sein können, weil sie ja durch die Veranstaltung des Schöpfers überhaupt erstmals zu sich kommen. Bei Unger wird nun der als „Sündenfall“ populäre kosmische Vorgang in der Weise dargestellt, dass der Denker Unger mit seinem vollen philosophischen Selbstbewusstsein dabei zu sein begnadet ist.

Hier ist dazu aufzufordern, den Aufsatz Ungers unter dem bezeichneten Gesichtspunkte zu sehen. Es könnten sich aus dem hypothetischen Gelten der Aufforderung mögliche Arbeitsmethoden ergeben, durch die isolierte Positionen aufzusprengen wären.

Als mich ein Doktor Leiste über mein Anti-Anthroposophentum belehrte, hatte ich den entsprechenden Humor, mit Leiste einverstanden zu sein, der als „Feind“ eben das leistete, was er zu leisten vermochte. Damals, 1942, habe ich es vermieden, Herrn Leiste darauf aufmerksam zu machen, dass jene von mir in einer Situation der Polemik aufgestellte These (nämlich die Unterscheidung: die Erkenntnistheorie Rudolf Steiners und unsere Erkenntnistheorie) lange vor meinem Versuche nicht nur bestätigt, sondern mit aller Präzision durchgeführt ist durch Unger.

Es sollte im Unterschied der Erkenntnistheorie der „Philosophie der Freiheit“ und „unserer“ Erkenntnistheorie das Gesetz der Struktur von „Gesellschaft“ erfragt werden.

Erläuterung

Dieser Text liegt als dreieinhalb Schreibmaschinenseiten (Durchschlag) von Ballmer vor. Ballmer datiert es oben handschriftlich auf den 27. Januar 1949 mit dem Zusatz: „an [Roman] Boos gesandt“. – „Zyklus 12“ entspricht dem heutigen GA-Band 120 („Die Offenbarungen des Karma“, Hamburg 1910). Den Aufsatz von Carl Unger findet man in „Die Grundlehren der Geisteswissenschaft auf erkenntnistheoretischer Grundlage“ (Dornach 1929) oder in „Schriften“, Erster Band, Stuttgart 1964 – seitdem leider nicht mehr veröffentlicht. – Die „Belehrung“ durch „Doktor Leiste“: Ballmer hatte seine genannte These 1941 im Abschnitt „Die Karma-Orientierung der Erkenntnistheorie“ innerhalb seiner Schrift „A. E. Biedermann heute!“ ausgeführt (Troxler-Verlag, mit Vorwort von Friedrich Eymann). Darauf reagierte Heinrich Leiste (innerhalb der gleich unten genannten Schrift) mit einem ausführlichen „Anhang – 1. Teil: Eine notwendige kritische Auseinandersetzung“, nämlich mit dem genannten Ballmerschen Kapitel. Er schreibt: „Ballmers Vorgehen ist ein Aufheben der Anthroposophie. Ballmer lässt sie gewissermaßen auf diese Weise sich selbst umbringen.“

Hans GessnerHans Gessner (1898-1986) umreißt den Vorgang 1968 (im Vorwort zu „Dank an Karl Ballmer“) so:

„Nicht ohne Veranlassung durch Frau M. Steiner und Herrn A. Steffen hatte sich damals Dr. H. Leiste der Aufgabe unterzogen, in seiner Schrift ‘Anthroposophie und Anthroposophische Gesellschaft’ (Rudolf Geering Verlag, Basel 1941) ein besonderes Kapitel der Kritik der Ballmerschen Gedanken einzuräumen. Dass sich bei schwierigen Fragen, die sich beim Studium der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners ergeben, Differenzen in der Auffassung herausstellen, ist selbstverständlich. Dass solche zur Diskussion kommen, müsste begrüßt werden. Dass aber nicht nur eine regelrechte Verketzerung praktiziert wurde, sondern außerdem der Troxler-Verlag, in welchem Ballmers Biedermann-Schrift erschienen war, von der Gesellschaftsleitung in Dornach dazu veranlasst wurde, den Verkauf der Schrift einzustellen, war eine den Prinzipien des freien Geisteslebens ins Gesicht schlagende Handlung reiner Willkür.“

👉 Aus der „gekrachten SchubladeDie gekrachte Schublade“ bekommen Sie wechselnd verschiedene Texte von Karl Ballmer zu lesen. Bei der Auswahl gilt das Motto von Rudolf Steiner: „Es muss der Zufall in seine Rechte treten.“ Besuchen Sie diese Seite also öfter. Bei Fragen kontaktierenKontakt/Impressum Edition LGC Sie uns bitte.

Erläuterung

{=$:Titel}Die gekrachte Schublade – 22. Mai 2024


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