Herumfaulendes Kapital und kindlicher Aberglaube | Die gekrachte Schublade – 31. August 2025 ![]() |
10. November 1945
Wochenbericht der Basler Börse
Aus dem Wochenbericht der Basler Börse (3.–9. November 1945) verdient ein bemerkenswerter Satz (oder wenn man will ein – haarsträubender Satz) festgehalten zu werden:
„Das Anlagebedürfnis für brachliegendes Kapital hat nicht nachgelassen, was besonders in den Kurssteigerungen der Industriewerte deutlich zum Ausdruck kam.“ (Basler Nachrichten, Nr.479)
An der Basler Börse sind sie mithin der Ansicht, dass Industriewerte (also Fabriken, mit ihren maschinellen Einrichtungen, mit dem Können ihrer Ingenieure, Techniker und Kaufleute) einfach aus dem Grunde wertvoller werden, weil es herumfaulendes arbeitsloses Kapital gibt. Das herumlungernde Geld stürzt sich zinsgierig auf die Industrieaktien und dadurch soll das Können einer Fabrik volkswirtschaftlich wertvoller werden –
Ein absurderer Unsinn lässt sich kaum ausdenken. Man braucht sich die Sache nur in einem vergleichenden Bilde zu verdeutlichen, etwa so: Mein Magen ist, ähnlich wie eine Fabrik, eine Produktionsanlage. Der „Wert“ meines Magens besteht darin, dass er die ihm von der Natur zugeteilte Aufgabe erfüllt. Mein Magen wird nicht dadurch wertvoller, dass in Europa Millionen Menschen Hunger leiden. – Ebensowenig wird der Wert einer Industrieanlage dadurch gesteigert, dass es hungerndes und notleidendes „Privatkapital“ gibt. Der „Wert“ einer Industrieanlage ergibt sich aus ihrer Leistung für die Volks-Wirtschaft, nicht aber daraus, dass überschüssige Kapitalien als Zins pickende Hühner auf die börsianischen „Industriewerte“ losgelassen werden.
Über die Intelligenz unserer bürgerlichen „Volkswirtschaft“ wird man sich in hundert Jahren mit der gleichen Verachtung äußern, wie der aufgeklarte Bürger von heute sich über den kindlichen Aberglauben primitiver Wilder ausspricht.
Es ist ein bürgerliches Vorurteil, das herumfaulende überschüssige Kapital stelle eine Kalamität dar. Diese Kalamität besteht durchaus nicht, – denn das überschüssige Kapital kann jederzeit (wir vermeiden das anrüchige Wort „Vermögensabgabe“) für Allgemeinzwecke ausgegeben werden.
k.b.
Eine von ca. 30 Glossen für die Berner Tagwacht (diese wurde offenbar nicht unveröffentlicht).
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