Soziales Ethos | Die gekrachte Schublade – 31. August 2025 ![]() |
(Zwischenmenschliche Beziehungen in der Fabrik)
In der wissenschaftlichen Zeitschrift des Deutschen Gewerkschaftsbundes (Gewerkschaftliche Monatshefte, Januar 1956) mokiert sich der Hamburger Theologieprofessor Helmut Thielicke sehr geistreich über „human relations“, die in vielen Fällen nur Ausdruck eines ökonomischen Kalküls seien, nur eine Art „Bewirtschaftung“ der Arbeiter-„Seelen“ – aus der klugen Überlegung der Unternehmer, dass für ein erfolgreiches Produzieren der mit psychologischen Eigentümlichkeiten behaftete „Faktor Mensch“ in eine genau zu berechnende Relation zu den übrigen Fabrikationsfaktoren gebracht werden müsse. Dieser berechnenden Unternehmerklugheit gegenüber redet Thielicke einem „sozialen Ethos“ das Wort, das er theologisch als „Nächstenliebe“ zu fundieren und zu empfehlen versucht.
Man darf füglich die Berufung der Theologie zur Erzeugung von „sozialem Ethos“ bezweifeln. Man darf Prof. Thielicke darauf hinweisen, dass der „Klassenkampf“ durch Rudolf Steiner eine Deutung erfahren hat, die von der Beurteilung nach der bürgerlichen Schablone (auch der theologisch-bürgerlichen Schablone) abweicht. (Vergl. „Die Kernpunkte der sozialen Frage“, 1. Kap.) Der Proletarier denkt. Indem der Anhänger der modernen „Arbeiterbewegung“ denkend die Zusammenhänge der modernen Ökonomie zu durchdringen strebt, bedient er sich der Methoden und Denkmittel, die der moderne Wissenschaftsgeist zur Verfügung stellt. Die ursprüngliche Arbeiterbewegung ist aus Gedanken erwachsen und lebt aus dem Vertrauen in die Wissenschaft. Aber es wurde zum Verhängnis des Proletariers, dass die moderne Wissenschaft unfähig ist, eine „seelentragende“ Weltanschauung hervorzubringen. Der Proletarier hat das Vertrauen zu den bisherigen, religiös fundierten Weltanschauungen verloren; er empfindet die Fragwürdigkeit des bürgerlichen Hängens an egoistischer Religiosität. In der Idee des „Klassen-Bewusstseins“ erhebt sich, dem Proletarier mehr oder weniger deutlich bewusst, die Forderung des modernen, auf Wissenschaftlichkeit vertrauenden Menschen nach einem neuen Bewusstsein; die Forderung nach der Erfüllung des Bewusstseins mit Inhalten, die dem Wesen „der Mensch“ Genüge tun. In den Mitteilungen der Anthroposophie wird dieses für die bürgerliche Wissenschaft verlorene Wesen „Mensch“ beschrieben – in seinem Zusammenhange mit dem Weltall, und in seiner Teilnahme an der Entwicklung des kosmischen Menschheitsprozesses. Einzig in einer derart umfassenden Weltanschauung liegen die Möglichkeiten eines „sozialen Ethos“, das seine Energien nicht an der Vergangenheit, sondern an den gegenwärtigen Taten des Menschheitsgeistes entfacht.
Beiläufig: Der Anthroposoph unterscheidet sich vom Theologen nicht etwa dadurch, dass er von der Vergangenheit geringschätzig denkt. Er versteht sein Verhältnis zum Theologentum im Sinne der aufklärenden Sätze in Rudolf Steiners Buch „Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit“, die lauten: Aus der Anschauung der wahren Wesenheit des Menschen ergibt sich unmittelbar die Christus-Idee. „Man braucht nur zu wissen, was der Mensch in Wirklichkeit ist, und man kann von solcher Erkenntnis aus zu der Einsicht in die Wesenheit Christi vorschreiten. Wenn man aber durch die wahre Menschheitsbetrachtung zu dieser Christus-Idee gekommen ist, und weiß, dass man den Christus am besten entdeckt, wenn man ihn erst in sich selber sucht, und wenn man dann zurückgeht zu den biblischen Urkunden, dann gewinnt erst die Bibel ihren großen Wert.“ „Der Mensch ist die Offenbarung des Geistes durch seinen Leib; die Evangelien sind Schriftwerke, welche aus der Weisheit stammen, die [im Sinne der anthroposophischen Einsicht in göttliches Menschen-Erbauen, K.B.] den Menschen gestaltet.“
Keine akademische „Ethik“, auch nicht eine theologische, ist heute imstande, „soziales Ethos“ zu entzünden. Dazu imstande ist die anthroposophische Weltanschauung, die es vermag und wagt, der akademischen Internationale des Nichtwissens die Inhalte eines neuen Bewusstseins entgegenzustellen. Soziales Ethos wird erwachsen, wenn die geistig ausgehungerten Menschen sich werden erschüttern lassen vom Anblick des Weltwunders, das der MENSCH ist. – Die Gesetze der moralischen Weltordnung müssen, nach der strengen Forderung der Geisteswissenschaft, aus der Erfahrung stammen. Diese Forderung muss auch von dem „Sozialen Hauptgesetz“ erfüllt sein. So kann man sich das Zustandekommen des „Sozialen Hauptgesetzes“ in der Weise vorstellen, dass man sich sagt: Wenn irgendeinmal ein repräsentativer Mensch im Umgange mit seinen Mitmenschen absolut nichts für sich und alles für die Mitmenschen wollte und praktisch verwirklichte, so hätte dieser Repräsentative an seinem Dasein die Erfahrungsgrundage für die Kreierung des „Sozialen Hauptgesetzes“.
Lamone, 10. Januar 1956
Ein Typoskript Ballmers, über dessen Entstehungsanlass oder Verwendung noch nichts bekannt ist. Zum „Sozialen Hauptgesetz“ (von Rudolf Steiner) müssen wir auf einen geplanten Sammelband mit Texten Ballmers zur „Sozialen Frage“ verweisen.
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