Dienstag, 11. November 2025

Europa-Sentenzen
Aus Vorträgen von
Dr. Rudolf Steiner
in den Jahren 1918–1919
Im Januar des Kriegsjahres 1943 stellte Karl Ballmer umfangreiche Abschriften aus Vorträgen Rudolf Steiners für eine Publikation zusammen. Im „Geleitwort“-Entwurf erwartet er offenbar bereits das Kriegsende – und im Herbst 1945 bietet er dieses Material drei schweizerischen (nicht-anthroposophischen) Verlagen an. Parallel wird Marie Steiner um ihre urheberrechtliche Genehmigung angefragt. Beides geschieht unter dem Namen von Ballmers Freund Hans Gessner, vielleicht aus taktischen Erwägungen. Der Sinn des geplanten Buches:
Das Projekt wurde damals nicht verwirklicht, möglicherweise, weil Marie Steiner gar nicht geantwortet hat. Aber dies kann nicht mit Sicherheit gesagt werden.
Wir veröffentlichen die Textzusammenstellung hier aus naheliegenden Gründen: Wenn Karl Ballmer 1945 der deutschsprachigen Öffentlichkeit eine Auswahl Steinerscher Gedanken vorlegen wollte, kann uns diese heute intensiv interessieren.
Zu beachten ist, … ±
… dass Ballmer in der Mappenaufschrift, die ansonsten im obigen Titel und Untertitel wiedergegeben ist, das Manuskript als „nicht druckfertig“ bezeichnet. Vielleicht ist gemeint, dass Ballmer noch einen Korrektur-Durchlauf plante, aber auch die Auswahl der Stellen noch abschließend entscheiden wollte. So notierte er z.B. zu den Auszügen unter der Überschrift „Manes, Manichäismus“, von denen die ersten beiden als einzige nicht vom 1. Weltkriegsende, sondern noch aus theosophischer Zeit stammen: „vorläufig weglassen“, möglicherweise, weil er auch damals schon kein dem Kontext angemessenes Verständnis der von Steiner benutzten theosophischen „Rassen“-Vokabeln erwartete.
Unsere Publikation geschieht hier ohne Gewähr, mit Werkstattcharakter: wir haben die Übereinstimmung zwischen den Abschriften und den originalen „Zyklen“-Texten noch nicht geprüft. Der Interessierte kann sich für jeden Absatz durch Klick auf den kleinen Button eine Synopse mit dem Text der Dornacher Gesamtausgabe (GA) anzeigen lassen. Das empfiehlt sich auch bei einigen Stellen, wo der Zyklen-Wortlaut nicht stimmig zu sein scheint. An anderen Stellen ist der GA-Text ausführlicher, ohne dass klar ist, ob es an Ballmers Zyklen-Ausgabe lag oder er bewusst gekürzt hat. Gelegentlich wirken Ballmers Hervorhebungen nicht leicht nachvollziehbar, auch dies ist noch nicht geklärt. – Die Synopse ist allerdings automatisiert (unser eigentlich internes Arbeitswerkzeug) und funktioniert bei längeren Unterschiedlichkeiten nicht mehr befriedigend.
Die Überschriften der Passagen sind von Karl Ballmer.
Siehe auch die Auswahl an dazugehörigen Dokumenten am Schluss!
Inhalt (-)
Die folgende Zusammenstellung einiger Gedanken aus Vorträgen, die von Rudolf Steiner in den Jahren 1918–1919 gehalten wurden, kann im Leser den Eindruck erwecken, es spreche ein heute Lebender zur unmittelbaren Gegenwart über dringende Fragen der Gegenwart. Die europäische Situation der Jahre 1918–1919 erfährt heute eine Art Wiederholung: nach unerhörter Kriegsanstrengung ringt die Frage des Geistes um Atem. Beim Ausgang des ersten Weltkrieges wollte es die Tragik Europas, dass die Antworten des Geistes verhallten.
Durch die Art der Auswahl und Zusammenstellung wird den vorliegenden Sentenzen der Charakter des Aperçuhaften nicht vorenthalten, mit Bedacht – in der Meinung, dadurch einem weiteren Leserkreise zu dienen. Das Ausziehen von Sentenzen aus Werk und Leistung umfassender Geister wurde von jeher mit vielen guten Gründen zur Fragwürdigkeit gestempelt. Wer sich verpflichtet fühlt gegenüber der nachstehenden Sammlung von Sentenzen die prinzipiellen ablehnenden guten Gründe um neue zu vermehren, möge sich keinen Zwang antun. Doch werden sich unter den Lesern möglicherweise solche finden, die aus der Kenntnisnahme einiger Gedanken Rudolf Steiners das Vorurteil gewinnen, es spreche sich darin ein ungewöhnliches umfassendes höchstes Verantwortungsbewusstsein aus – und dieses Vorurteil wird wertvoller sein als andere Vorurteile.
Dornach, 8. Dezember 1918
• Von den drei Dingen, die in Goethes „Märchen“ aufgezählt sind – Gewalt, Schein, Erkenntnis –, ist dem Deutschen im intellektuellen Zeitalter die Scheingestaltung der Intellektualität zugefallen. Will er nun doch eingreifen in die Politik, da steht er vor der Gefahr, dass er dasjenige, was schön ist innerhalb der Gedankengestaltung, in die Wirklichkeit hineinbringt; das ist das Phänomen z.B. Treitschkes. Der Wirklichkeit gegenüber wird dann zuweilen dasjenige, was gerade im Schein schön ist („Schein“ und „schön“ hat sogar dem Wortlaute nach einen ähnlichen Ursprung), weil es nicht in den eigenen Anlagen liegt, etwas, was nicht so recht mit dem Menschen zusammenhängt, was eigentlich bloße Behauptung bleiben kann, was dann auf die Welt den Eindruck der Unwahrhaftigkeit machen muss. Denn die große Gefahr, die selbstverständlich zu überwinden ist, aber nicht immer überwunden wird, besteht darin, dass der Deutsche nicht nur, wenn er höflich ist, lügt, sondern dass er auch lügen kann, wenn er gerade seine besten Talente in ein Gebiet hineintragen will, für das er nicht angeborene Anlagen hat, sondern für das ihm die Anlagen nur anerzogen werden können, für das er sich anstrengen muss.
• Ich habe vor einigen Jahren gesagt: Der Engländer ist etwas; der Deutsche kann nur etwas werden. Daher ist es so schwierig mit der deutschen Kultur; daher ragen in der deutschen und in der österreichisch-deutschen Kultur immer nur einzelne Individualitäten heraus, die sich in die Hand genommen haben, während die breite Masse beherrscht sein will, sich gar nicht mit den Gedanken befassen will, die bei der britisch sprechenden Bevölkerung in die Instinkte gelegt sind. Daher verfiel auch die mitteleuropäische Bevölkerung solchen Herrschaftsgelüsten, wie die der Habsburger und Hohenzollern es waren, eben wegen der apolitischen Natur, weil, wenn der Deutsche zu seiner Aufgabe kommen will, ganz andere Notwendigkeiten vorliegen. Er muss zu dieser Aufgabe erzogen werden. Er muss gewissermaßen berührt werden von dem, was Goethe im „Faust“ zur Gestaltung gebracht hat, vom Werden des Menschen zwischen Geburt und Tod.
Von KB weggelassener Absatz, GA-Text: ±
Das zeigt sich wiederum beim Hüter der Schwelle. Wenn jemand im Volkstum der Deutschen drinnen stehenbleibt, und er kommt an den Hüter der Schwelle, dann bemerkt er nicht wie jene britischen Gesellschaften, von denen ich gesprochen habe, die bösen Diener von Krankheit und Tod. Daran können Sie eben die Unterscheidung machen, wenn Sie diese Dinge recht ins Auge fassen. Er bemerkt aber vor allen Dingen, wie ahrimanische und luziferische Mächte – die einen herüberstürmend aus der physischen Welt, die andern heranstürmend aus der geistigen Welt – miteinander im Kampfe liegen, und wie dieser Kampf angeschaut werden muss, weil er eigentlich ein fortwährend fortlebender Kampf ist, weil man niemals dazu kommen kann, zu sagen: da wird der Sieg sein. Mit demjenigen macht man sich beim Hüter der Schwelle bekannt, was die eigentliche reale Grundlage des Zweifels ist, mit dem, was in der Welt lebt als fortwährend sich anfachender, unentschieden bleibender Kampf, was einen geradezu ins Schwanken bringt, was aber zu gleicher Zeit dazu erzieht, die Welt von den verschiedensten Seiten anzuschauen. Und das wird die besondere Mission, trotz allem und alledem, des Deutschtums sein, dass von dieser Seite aus es in die Weltenkultur eingreift, auch als Deutschtum. Durch sein besonderes Volkstum werden gewisse Dinge, die ich heute zum Beispiel auf dem Erkenntnisgebiete berühren will, nur durch das deutsche Volkstum entwickelt werden können.
• Aus dem britischen Volkstum ist der Darwinismus in seiner materialistischen Färbung entstanden. Das ist ein ganz richtiges Prinzip, meine lieben Freunde. Sie können das nachlesen in meinen „Rätseln der Philosophie“, ein ganz richtiges Prinzip, dass sich die organischen Wesen von dem Unvollkommenen allmählich zu dem Vollkommenen, bis hinauf zum Menschen entwickelt haben; das Vollkommene stammt vom Unvollkommenen ab, – es ist dies Prinzip absolut richtig, wenn man die physische Welt betrachtet. Aber, meine lieben Freunde, man kann auch anders sagen, man kann nämlich sagen: dass das Unvollkommene von dem Vollkommenen abstammt. Lesen Sie das Kapitel über Preuß bei mir in den „Rätseln der Philosophie“ im zweiten Bande; man kann ebenso nachweisen, dass zuerst das Vollkommene war und dann durch Dekadenz das Unvollkommene entsteht, dass zuerst der Mensch da war, und dass von ihm die anderen Naturreiche durch Dekadenz abstammen. Es ist ebenso richtig nämlich! Die Lage, in der der erkennende Mensch ist in dem Augenblicke, wo er sich sagen muss: das eine ist richtig, das andere ist richtig, diese Lage in ihrer ganzen Fruchtbarkeit zu erkennen, das wurde eigentlich durch das Volkstum nur dem deutschen Volksstamm gegeben. Das versteht man sonstwo in der Welt gar nicht. Man versteht nicht in der Welt, dass sich die Leute lange darüber streiten können, dass der eine behaupten kann: die vollkommenen Wesen stammen von den unvollkommenen ab, wie z.B. Darwin, oder dass der andere behaupten kann, wie Schelling: die unvollkommenen Wesen stammen von den vollkommenen ab. Sie haben beide recht, nämlich von verschiedenen Gesichtspunkten aus. Sieht man den geistigen Vorgang, so stammt das Unvollkommene vom Vollkommenen ab, sieht man den physischen, so stammt das Vollkommene vom Unvollkommenen ab.
• Darauf hin ist die ganze Welt dressiert, meine lieben Freunde, einseitige Wahrheiten festhalten zu können. Die Deutschen sind dazu, ich möchte sagen, tragisch verurteilt, sich gegen ihre eigenen Anlagen abzustumpfen, wenn sie bei einer einseitigen Wahrheit verweilen wollen. Entwickeln sie ihre eigenen Anlagen, so wird ihnen sofort überall auftauchen, wenn sie sich nur ein wenig vertiefen: wenn man irgendeine Behauptung macht über Weltenzusammenhänge, so ist das Gegenteil davon auch richtig. Und nur durch das Zusammenschauen der zwei ist es möglich, die Wirklichkeit zu sehen.
• Noch anders, meine lieben Freunde, ist es bei der eigentlich slawisch sprechenden Bevölkerung; aber ich sagte schon: eingesprengt sind in einer gewissen Weise die westlichen Slawen in die deutsch sprechende, mitteleuropäische Bevölkerung. So wie das Romanentum der Schatten der Vergangenheit ist, so sind die eingesprengten Westslawen, mit denen die deutsch sprechende Bevölkerung nach Osten hin in Zusammenhang gebracht worden ist, das Wetterleuchten dessen, was in der Zukunft aus dem Slawentum hervorgehen soll. Dadurch zeigen sie in einer gewissen entgegengesetzten Art dasjenige, was die romanische Bevölkerung innerhalb der englisch sprechenden zeigt. Die Westslawen, meine lieben Freunde, sind ja auch im Zeitalter der Bewusstseinsseele für die Intellektualität organisiert; aber sie mystizieren sie, sie bilden sie in Mystik um. Die Deutschen sind apolitisch; die Westslawen sind auch apolitisch, aber sie tendieren nach einem Heruntertragen der geistigen Welt in die physische Welt; sie machen das schon aus dem heutigen Leben heraus. Dadurch haben sie die entgegengesetzte Eigenschaft, wie zum Beispiel die Franzosen oder die Italiener. Die Italiener und die Franzosen sind in ihrer Politik von dem abhängig, wie sie den andern gefallen, die Politik Englands wird als selbstverständlich akzeptiert, ob sie gefällt oder nicht gefällt. Die Politik Frankreichs hing davon ab, wie die Franzosen den Menschen gefielen. Davon war die Wirksamkeit dessen, was sie taten, abhängig. Sie gefielen ja sehr zu gewissen Zeiten. Bei den Westslawen ist das anders. Ihre Politik ist davon abhängig, wie ihre Geistnatur unsympathisch wirkt auf die deutsch sprechende Bevölkerung. Die sind von dem, wie sie nicht gefallen, abhängig. Und Sie können das Schicksal der Tschechen, Polen, Slowenen, der Serben, der Westslawen studieren: das ist gegeben dadurch, inwiefern sie unsympathisch sind, nicht gefallen der mitteleuropäischen Bevölkerung. Das Verhältnis zu den Franzosen oder Italienern oder Spaniern ist dadurch gegeben, wie sie gefallen, das Verhältnis zu den Polen, Tschechen, Slowenen, Serben ist dadurch gegeben, wie sie nicht gefallen. Studieren Sie die Geschichte, so werden Sie diesen Satz in einer wunderbaren Weise bestätigt finden, weil das eine mit der Vergangenheit, das andere mit der Zukunft zusammenhängt.
• Ganz anders liegt die Sache bei der slawischen Bevölkerung des Ostens, die den Keim für die Zukunft in sich hat. Da ist die Sache so, dass keimende Spiritualität der Grundcharakter, das elementarste Wesen dieser slawischen Bevölkerung ist. Daher ist z.B. das Russentum in einem noch höheren Grade, als die breite Masse der deutschen Bevölkerung, die nur immer ihre Individualitäten aus sich herausschießen lässt, auf die Individualität angewiesen, die nun außerhalb des Volkstums dasjenige geoffenbart erhält, was das Volkstum geoffenbart erhalten soll.
• Das englisch sprechende Volkstum wird durch seine Politik einfach zu dem gebracht, wozu es durch seine Natur veranlagt ist. Die deutsch sprechende Bevölkerung wird durch ihre Politik zu etwas gebracht, was ihr eigentlich nicht liegt, wodurch sie sehr leicht in ein trübes Fahrwasser, in die Unwahrhaftigkeit kommen kann, namentlich wenn sie sich den Instinkten überlässt; während sie niemals in ein trübes Fahrwasser kommen kann bei entsprechender Selbstzucht derjenigen Menschen, die eigentlich das deutsche Volkstum repräsentieren, die nach der Intellektualität hinstreben. Denn die anderen sind noch nicht angelangt bei dem, was das eigentliche Wesen des deutschen Volkstums ist, sie leben unter dem Niveau. Noch mehr ist das der Fall bei dem russischen Volkstum. Das russische Volkstum ist nicht nur apolitisch wie das deutsche, sondern antipolitisch. Daher wird britische Politik selbstsüchtig sein; deutsche Politik wird in träumerischen Idealismus, der mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun zu haben braucht, ausschlagen, in träumerischen Idealismus mit allem – das ist jetzt nicht moralisch gemeint – mit allem Unwahrhaftigen, mit allem Theoretisierenden, und alles Theoretisierende ist unwahrhaftig. Die russische Politik, meine lieben Freunde, muss durch und durch unwahr sein, denn sie ist ein fremdes Element, denn sie ist nicht dem russischen Charakter angemessen. Wenn der Russe aus seinem Charakter heraus politisch werden soll, dann wird er lieber krank; denn innerhalb des russischen Volkstums bedeutet „politisch“ werden „krank“ werden, bedeutet zerstörende Kräfte in sich aufnehmen. Der Russe ist antipolitisch, nicht apolitisch bloß. Er kann überwältigt werden von solchen Politikern, wie etwa diejenigen waren, die am Ausgangspunkt dieser kriegerischen Katastrophe standen. Aber die wirken nicht als Russen, sondern die wirken als etwas ganz anderes. Der Russe aber wird krank, wenn er Politiker sein soll, denn er hat mit der Politik gar nichts zu tun, wenn er innerhalb seines Volkstums steht. Er hat mit etwas anderem zu tun, er hat mit dem, was die dritte Macht bedeutet nach dem Goetheschen „Märchen“, mit der Erkenntnis, mit der Weisheit, die innerhalb des 6. nachatlantischen Zeitraumes der Menschheit aufgehen soll.
• So ist verteilt das Dreigliederige: Gewalt, Erscheinung, Erkenntnis – Westen, Mitte, Osten. Das muss in Rechnung gezogen werden. Weil im Grunde genommen diese Russennatur krank wird an der Politik, kann ihr auch eine solche Politik, wie die des Bolschewismus, zunächst zugemutet werden in seiner krassesten, in seiner radikalsten Gestalt; denn man könnte ihr ebensogut etwas anderes einimpfen. Sie ist eben nicht nur apolitisch, sie ist antipolitisch.
Zyklus 50, XXI. Vortrag, S.12 — GA 181 📄 (1967/1991) S.419–425
Berlin, 6. August 1918
• Wir wissen aus der Geisteswissenschaft, dass aus den geistigen Welten das Wesentliche, das Zentrale des Menschen herunterkommt, sich mit dem verbindet, was als fleischliche materielle Hülle den Menschen zwischen Geburt und Tod, oder zwischen Empfängnis und Tod, umgibt. Heute untersucht man die Probleme der Empfängnis, der Geburt, der embryonalen Entwickelung; aber man kann sie ja nicht untersuchen, weil man nur das in das Lebendige eingebettete Tote studiert. Damit wird man niemals zum Begreifen desjenigen kommen, was einem die Menschheit einzig und allein verständlich macht. Wenn der Mensch so aus der geistigen Welt herunterkommt – er wird „empfangen“, wird von Vater und Mutter empfangen, geht durch die ganze embryonale Entwickelung durch. Heute lebt die Wissenschaft in der Anmaßung, Vater und Mutter gäben dem Kinde das Dasein. Und da Vater und Mutter Mittelpunkt der Familie [sind] und die Familie die Grundlage der sozialen Gemeinschaft, so betrachten auch die sozialen Gemeinschaften, welche die erweiterte Familie sind, den Menschen als ihr Eigentum. Da kommt man auf sehr bittere Begriffe in der Gegenwart. – Aber so ist es nicht.
• Was gibt denn der Empfängnisakt dem Menschen? Was hat der Mensch vom Empfängnisakt? Was der Mensch empfängt – wie die Geisteswissenschaft zeigen kann – ist die Möglichkeit, ein sterbliches Wesen zu sein; die Möglichkeit zu sterben erhält er durch den Empfängnisakt. Nehmen Sie das, was in meinen verschiedenen Büchern beschrieben ist: Sie werden erkennen, dass das, was ich jetzt sage, die notwendige Tatsachenfolge ist. Schon indem der Mensch empfangen wird, wird ihm das eingegliedert, was hier auf der Erde sein Sterben möglich macht. Das ganze Leben zwischen Geburt und Tod ist eine Entwickelung zum Tode hin, und eingeimpft wird der Tod in das Empfangene. Was der Mensch als „Mensch“, als Lebewesen ist, das wird nicht bei der Empfängnis irgendwie „erzeugt“, sondern einzig und allein wird diesem sonst Unsterblichen das eingeimpft, was die Möglichkeit zu sterben enthält. Eltern können dem Kinde nur den Tod geben! So würde es extrem ausgedrückt heißen – nur die Möglichkeit, hier auf der Erde einen sterblichen Leib zu tragen. Was an diesem Leibe lebt, das muss durch das kommen, was aus der geistigen Welt herunterkommt. Man muss lernen, den Menschen wieder in seiner konkreten Erscheinungsform an die geistige Weltenentwickelung anzuschließen. Dazu wird man lernen müssen, nicht in jener feigen Erkenntnisfurcht vor den höchsten Problemen zu stehen, in der heute die gegenwärtige Wissenschaft vor ihnen steht, sondern diese höchsten Probleme wirklich anzufassen. Wenn man vor ihnen zurückschreckt, dann kann man auch nicht das, was in der unmittelbaren Gegenwart lebt, verstehen.
• In der unmittelbaren Umgebung – man kann schon so sagen – leben heute die verschiedensten Völker. Denken Sie sich nur, welche unwahren Begriffe zum Beispiel Woodrow Wilson aus dem Völkerbegriff, aus dem Volksbegriff gemacht hat. Davon haben wir öfters gesprochen. Man muss sich darüber klar sein, dass man diesen Volksbegriff nicht verstehen kann, wenn man nicht auf die ganze Erdenevolution eingehen kann. Woher kommt denn die Gliederung der Menschheit in „Völker“?
• Wir wissen aus der Geisteswissenschaft, die Evolution ist so vor sich gegangen, dass wir erst die Saturn-Verkörperung der Erde hatten, daran schloss sich die Sonnen-Verkörperung, es folgte die Monden-Verkörperung und dann der jetzige Erdenzustand; dann wird eine Jupiter-Verkörperung kommen usw. Das ist aber nicht so glatt vor sich gegangen, dass sich einfach ein alter Saturn-Körper in einen Sonnen-, Monden- und Erden-Körper verwandelt hat, sondern es hat einmal eine Abtrennung der Sonne von der Erde, dann eine Abtrennung des Mondes von der Erde stattgefunden; so dass wir eine fortlaufende Entwickelung haben und etwas, was sich abgetrennt hat, wieder vereinigt hat, wieder getrennt hat. Gerade das, was ich vorhin die „kosmische Entwickelung“ nannte, das Abtrennen, spielte in das alte Hellsehen hinein. Und es blieb in diesem Hellsehen ganz unbewusst, blieb „chthonisch“, wie man es im alten Hellsehen nennt, in der fortgehenden Erdenentwickelung das, was der Menschenkeim der Zukunft ist. Denn was aus dem Universum kommt, war ja zum Absterben bestimmt; es wurde nur dadurch erhalten, dass es von der luziferischen Kraft ergriffen wurde. So haben sich die verschiedenen Differenzierungen in Nationen, in Völker gebildet: vom Kosmos herein; aber imprägniert sind die kosmischen Kräfte mit den luziferischen Kräften. Diesen verschieden differenzierten Völkern steht gegenüber, was ja auch noch in einer besseren Zeit als die heutige ist begriffen worden ist: das allgemein Menschliche. Dieses hat einen ganz anderen Ursprung. Es ist das, wovon man nicht reden kann in abstracto, wovon man aber in Wirklichkeit nur redet, wenn man das wirklich erfasst, was als Zukunftskeim im Menschen ist. In diesem ist nichts von Nation, nichts von Volk; denn es ist das, was nicht vom Kosmos herkam, sondern das, wozu der Christus hingegangen ist, und womit er sich verbunden hat. Der Christus hat sich nicht mit irgend einem Nationalen verbunden, wie noch die Jehova-Gottheit, sondern er hat sich mit dem allgemein Menschlichen verbunden. Er war in der Gemeinschaft derjenigen Götter, aus denen die Nationen geworden sind, aber er verließ dieses Gebiet, als es reif zum Untergange war, kam auf die Erde und nahm Platz im allgemein Menschlichen. Es ist inbezug auf den Christus-Jesus die größte Gotteslästerung, ihn für etwas anderes zu gebrauchen als für das allgemein Menschliche, wenn man sagt: „Nicht ich, sondern der Christus in mir.“
• Dieses zu durchschauen, gehört gewissermaßen zu den wichtigsten Vorstellungen der Zukunft. Zu den wichtigsten Vorstellungen der Zukunft gehört es, das Verhältnis des Christus-Jesus zur Menschheit zu durchschauen, zu durchschauen auch, was alles bloß Völkisches außerhalb des ganzen Gebietes des Christus-Jesus ist, weil es alter Rest desjenigen ist, was eigentlich zur Zeit des Mysteriums von Golgatha zum Untergange reif war. Aber alle Dinge bleiben noch über den Zeitpunkt, wo sie zum Untergange reif sind, wie verdorrte Früchte in der Welt vorhanden. So konnte von dem, was eigentlich zum Untergange reif war, nichts anderes bleiben als jene Wissenschaft, die in ihrer Erkenntnis nur das Untergehende verwalten will, die sich – wie die gegenwärtige Natur- oder Sozialwissenschaft – mit Ideen beschäftigt, die das Untergehende verwalten können: entweder das in der Natur Untergehende, Sterbende, oder das in Kultur Vergehende, Sterbende, wie ich gezeigt habe.
• Man kann in unserer Kulturgeschichte manchmal geradezu hart aneinanderstoßen sehen dieses Untergehende, das in toten, abstrakten Ideen leben will und sich von ihnen vormacht, dass sie irgend etwas Bedeutsames wären, – und das den Menschenkeim, der allein zukunftsträchtig ist, Ergreifenwollende. Ich habe öfter auf jenes bedeutsame Gespräch aufmerksam gemacht, welches Goethe und Schiller geführt haben, als beide einmal in einer Versammlung der Naturforschenden Gesellschaft in Jena waren, da der Botaniker Batsch über die Pflanzen vorgetragen hat, wo dann Schiller beim Weggange zu Goethe sagte: Die botanische Anschauung ist doch etwas, was alles zerstückelt, das Verbindende austreibt. Goethe zeichnete darauf seine Pflanzenmetamorphose mit einigen charakteristischen Strichen vor Schiller hin. Da sagte dieser: Das ist aber keine Erfahrung, das ist eine Idee. Schiller konnte sich nicht aufschwingen zu der Anschauung von dem zukunftsträchtigen Menschen, dass dieser dann auch wieder finden könne das Zukunftsträchtige draußen in der Welt, nämlich das Übersinnliche. Daher erwiderte er Goethe: Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee. Goethe sagte darauf: Dann sehe ich meine Ideen mit Augen. Für ihn war das, was er aufzeichnete, etwas, was er auch schaute, was ihm gerade so „wirklich“ war, wie etwas mit den physischen Sinnen Angeschautes. Da stand der, welcher – wie Schiller – zu dem Übersinnlichen nicht hinaufschauen konnte, sondern dem nur durch die tote abstrakte Idee vorschwebte, dem Goethe gegenüber, der aus dem in der Natur Erkannten das herausholen wollte, was das Zukunftsträchtige, das Unvergängliche im Menschen ist, dem gegenüber das Vergängliche nur ein Gleichnis ist, das er verbinden wollte mit dem Unvergänglichen, und der deshalb nicht verstanden wurde, weil er auf etwas Übersinnliches, Unvergängliches, wie auf etwas Sinnliches hinschaute.
Deshalb muss das notwendige Erfordernis für unsere Zeit der weiter-ausgebildete, in seinem Gebiete weitergebildete Goetheanismus sein. Und erst dann wird es hell werden, wenn man einsehen wird, dass so etwas, wie die einzelnen Konfessionen, auch die mosaische, besonders die katholische, nur die Voraussetzungen sind des Alten, nicht mehr sein Sollenden, und so in die Entwickelung hereinragen wie etwas Abdorrendes, daher sich nur durch äußere Macht Festhaltendes; und wie neben diesem Alten, Hereinragenden, sich dasjenige aufpflanzt, was von vornherein nur das Vergängliche mitnehmen will für die Zukunft. Was so sich ausspricht, dass es nur mitnehmen will das Vergängliche, das ist der Amerikanismus. Darauf beruht ja die Verwandtschaft zwischen Amerikanismus und Jesuitismus, von dem ich das letzte Mal gesprochen habe.
• Allen diesen Dingen steht gegenüber der Goetheanismus. Ich meine damit auch wieder nicht etwas dogmatisch Festzusetzendes, sondern Namen muss man gebrauchen für etwas, das weit über den Namen hinausgeht. Ich verstehe unter „Goetheanismus“ nicht das, was Goethe bis zum Jahre 1832 gedacht hat, wohl aber etwas, was vielleicht erst im nächsten Jahrtausend im Sinne Goethes gedacht werden kann; was aus der Goethe’schen Anschauung, aus dem Goethe’schen Vorstellen und Empfinden werden kann. Darauf ist es zurückzuführen, dass gerade in demjenigen, was mit dem Goetheanismus in irgend einem Zusammenhange steht, alles Abdorrende seinen eigentlichen Feind sieht. Auf diesem Gebiete erlebt man ja – ich möchte sagen – die stärksten Kulturparadoxien. Es ist doch wahrlich eine Art Kulturparadoxon, dass das geistreichste Buch über Goethe – trotz allem, was dagegen spricht – ein Jesuit geschrieben hat: der Schweizer Pater Baumgartner. Es ist ein Buch, welches Goethe in Grund und Boden bohrt. Es ist ja gerade das Charakteristische, dass alles, was irgendwie jesuitisch ist, gegnerisch in bezug auf Goethe ist; aber dies ist ein geistvolles, tiefgründiges Buch, nicht in bloßen Aperçus geschrieben: Es ist doch Goethe getroffen, – während ein Spießbürger des 18. Jahrhunderts, der 1749 in Frankfurt am Main geboren ist, nach Leipzig als Student ging, dann nach Weimar berufen wurde und nach Italien reiste, sehr alt wurde und fälschlicherweise „Johann Wolfgang Goethe“ genannt wurde, beschrieben wird in dem Buche des bedeutenden englischen Gentleman Lewes – und bewundert wird. Damit schreibt man ja kein Buch, dass man „Johann Wolfgang Goethe“ darauf schreibt und im übrigen einen Spießbürger des 18. Jahrhunderts beschreibt. Ein Kulturparadoxon liegt mit dem Jesuitenbuche über Goethe aus dem Grunde vor, weil man daraus wieder sieht, wie die Kräftegegensätze in der neueren Zeit gehen, wo wirklich die wahren Kräftegegensätze sind.
• Im Kleineren zeigt sich das bei uns. Solange wir als eine „verborgene Sekte“ gelten konnten, wurde Anthroposophie wenig angegriffen. Jetzt wo sie sich etwas verbreitet, sieht man schon die wütendsten Angriffe zum Beispiel gerade auf jesuitischer Seite, und die Hefte der Zeitschrift „Stimmen aus Maria Laach“, jetzt „Stimmen der Zeit“, begnügen sich gar nicht mehr mit einem Aufsatz, sie schreiben gleich ganze Hefte über das, was von mir Anthroposophie genannt wird. Daher muss ich immer wieder und wieder mahnen, daran zu denken, wenn von dieser Seite Angriffe kommen, [nicht zu glauben,] dass es vom Gesichtspunkte jener Leute zu unserem Besten wäre, wenn gesagt würde: Wir reden doch von dem Christus, wir fördern das Christus-Verständnis usw. Das verbieten ja gerade diese Leute! Das ist gerade das, was man nicht tun darf. Man darf nicht irgend etwas über den Christus behaupten, wenn es nicht zum Lehrgut der Kirche gehört. Daher sei man in unseren Kreisen nicht mehr so naiv zu glauben, dass man dadurch, dass man ein guter Christ sei, den Katholizismus versöhnen könne. Gerade dadurch, dass man ein guter Christ ist, macht man sich den Katholizismus zum allergrößten Feind, wie es überhaupt notwendig und immer notwendiger sein wird, darauf zu achten, dass die Naivität mit Bezug auf solche Dinge, die um uns herum leben, aus unserem Kreise verschwinde.
Zyklus 52, 3.Vortrag, S.18 — GA 186 📄 (1963/1990), S.257
Dornach, 15. Dezember 1918
• Äußerlich, abstrakt betrachtet könnte man glauben, dass der Sozialismus der Gegenwart, die sozialen Forderungen der Gegenwart, aus sozialen Impulsen hervorgehen. Ich habe Ihnen neulich charakterisiert, wie der Mensch hin und her pendelt zwischen sozialen und antisozialen Trieben oder Instinkten. Der abstrakt Denkende wird es als etwas ganz Selbstverständliches betrachten, dass der soziale Proletarier in der Gegenwart aus dem Sozialen geboren ist; denn es schickt sich so, nicht wahr, dass man das Soziale aus dem Sozialen definiert. Aber das ist ja nicht wahr, meine lieben Freunde. Wer den proletarischen Sozialismus der Gegenwart betrachtet, seiner Wirklichkeit gemäß betrachtet, der weiß, dass der Sozialismus, wie er heute als Marxismus auftritt, eine antisoziale Erscheinung ist. Er geht aus den antisozialen Impulsen hervor. Das ist der Unterschied, sehen Sie, zwischen abstrakten Definitionen, zwischen abstraktem Denken und wirklichkeitsgemäßem Denken. Wenn Sie sich fragen: Was treibt die Menschen, die nach dieser hier gemeinten Richtung hin heute den Sozialismus verwirklichen wollen? Treiben sie etwa soziale Instinkte? Nein, antisoziale Instinkte. Ich habe es gestern sogar aus äußeren Hinweisen gezeigt, aus der Konfiguration der Grundformel „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Das heißt: Fühlet den Hass zu den anderen Klassen, damit ihr das Band der Vereinigung fühlt; da haben Sie einen der antisozialen Impulse. Man könnte unendlich viele der antisozialen Impulse aufführen, wenn man die Sozialpsychologie der Gegenwart studiert. Das ist der Unterschied zwischen derjenigen Denkweise, die sich heraufentwickelt, heraufentwickeln muss, und die durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gefördert werden soll, und dem, was heute landläufigen Denkgewohnheiten entspricht.
• Deshalb findet auch das, was als anthroposophischer Standpunkt gegenüber der sozialen Frage geltend gemacht werden muss, heute noch so viel Widerstand, weil die Leute nicht wirklichkeitsgemäß denken können, weil die Leute vor allen Dingen nicht differenziert denken können und oftmals sogar glauben, wenn jemand differenziert denken kann, so widerspricht er sich selber.
• Wichtige Fragen der Gegenwart sind nur zu lösen durch wirklichkeitsgemäßes Denken. Ich will Ihnen eine solche Frage, die sich anknüpft an das, was wir schon besprochen haben, sagen. Ich habe gesagt: das, was in den proletarischen Köpfen besonders spukt, was einen treibenden Motor bildet, das ist, dass an die Stelle des alten Sklaventums die Versklaverei der Arbeit getreten ist, indem Arbeit in der heutigen sozialen Struktur Ware ist. Ich habe Ihnen gestern scharf betont, dass gerade darin die Aufgabe des sozialen Denkens besteht, die Ware loszulösen von der Arbeitskraft; die dreigliedrige soziale Struktur, von der ich gesprochen habe, enthält schon denjenigen Impuls, der die Ware von der menschlichen Arbeit loslöst. Denn was durch diese Dreigliederung bewirkt wird, sind nicht logische Konsequenzen, sondern sind eben Wirklichkeitskonsequenzen, die auch der Anschauungswirklichkeit entsprechen.
• Nun schließt sich an diese Frage eine andere, meine lieben Freunde, die gewissermaßen brennend ist. Sie wissen, eine der Grundforderungen des proletarischen Materialismus, der marxistisch gefärbt ist, ist die der Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Die Produktionsmittel sollen in den Gemeinbesitz übergehen. Das würde ja nur der Anfang des Gemeinbesitzes überhaupt sein, auch des Grund und Bodens und so weiter. Und Sie wissen ja auch aus dem, was ich Ihnen vorgeführt habe als das Programm der russischen Räterepublik, dass es zu dem Programm gehört, die Produktionsmittel und Grund und Boden zu verstaatlichen, besser gesagt, zu vergesellschaften. Das weist Sie schon hin auf die denkbar wichtigste soziale Unterfrage der Gegenwart. Die kann man so formulieren: soll das soziale Eingreifen in die gegenwärtige Kultur, oder auch in das gegenwärtige Chaos, wenn wir auf die Mittelländer und Ostländer sehen, so geschehen, dass die Tendenz sich herausbildet, dass möglichst gegen die Zukunft hin immer mehr einzelne Menschen Eigentümer werden, Besitzer werden, oder soll es sich so entwickeln, dass die Gemeinschaft Besitzer wird? Sie verstehen, was ich meine. Soll es so werden, dass möglichst der einzelne Mensch einen Besitz, ein Eigentum hat, oder soll, um die Ungerechtigkeit zu vermeiden, dasjenige, was Besitz werden kann, Grund und Boden, Produktionsmittel und so weiter, Gemeinbesitz werden? Das ist eine sehr wichtige soziale Unterfrage. Die Tendenz des proletarischen Denkens strebt heute darauf hin, die Dinge zum Gemeinbesitz zu machen. Aber, meine lieben Freunde, es ist mit Bezug auf die wichtigsten sozialen Impulse kein Unterschied, ob ein einzelner oder eine Assoziation oder die Gesamtheit Besitzer ist. Die Gesamtheit – für den, der die Wirklichkeit studieren kann, bezeugt sich dieses – wird kein anderer, kein minder schlimmer Unternehmer sein gegenüber dem Einzelnen, als es der einzelne Unternehmer ist. Das liegt einfach wie ein Naturgesetz in der Natur der Tatsachen, und das sieht man nur nicht ein; deshalb geht man in die Irre. Denn die Frage ist diese: sollen alle Menschen Besitzer werden? Das würde dann sein, wenn man nicht gemeinschaftlichen Besitz hätte, sondern – ich kann die Technik nicht weiter ausführen, sie ist aber vollständig durchführbar –, sondern wenn die einzelnen Individualitäten nach der Opportunität, die auf irgendeinem Territorium herrscht, wenn Jeder Besitzer wäre in gerechter Weise. Sollen alle Besitzer werden, oder sollen, wie es das heutige proletarische Denken will, alle Proletarier werden? das ist die Alternative. Das heutige proletarische Denken will alle zu Proletariern machen, und nur die Gesamtheit zum Unternehmer. Was sich da ergibt. wenn man die Wirklichkeit erfassen kann, das ist das Gegenteil. Denn niemals ist es möglich, die Dreigliedrigkeit der sozialen Struktur zu erreichen, wenn man alle Menschen zu Proletariern macht. Was erreicht werden muss als Tendenz der dreigliedrigen Struktur, ist die Freiheit des einzelnen Menschen in leiblicher, seelischer Beziehung. Das ist nicht zu erreichen, wenn alle Menschen Proletarier werden; aber sie ist für jeden Menschen zu erreichen, wenn alle eine Grundlage des Besitzes haben.
• Zweitens, was erreicht werden muss, ist eine solche Regulierung der Verhältnisse, dass vor dem Gesetze oder vor der Verfassung, überhaupt vor der Regierung alle gleich sind. Freiheit auf dem geistigen Wege. Gleichheit meinetwillen im Staate, wenn man das eine Drittel weiter so nennen will; Brüderlichkeit in bezug auf das Leben in der Ökonomie. Ich kenne sehr geistvolle Bücher, die mit Recht hervorheben, dass die drei Ideen Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit einander widersprechen. Nun, Gleichheit widerspricht der Freiheit ganz entschieden; das haben schon 1848 geistvolle Schriftsteller, und auch schon früher, ausgesprochen; das ist ganz richtig. Wenn man alles durcheinanderwirft, widersprechen sich die Dinge. Freiheit auf dem geistigen, juristischen Gebiete, der Religion, des Unterrichts, der Jurisprudenz. Gleichheit in der Verwaltung, in der Regierung, in dem Sicherheitsdienst. Brüderlichkeit auf ökonomischem Gebiete. – Auf ökonomischem Gebiete ist das Eigentum, das nur in entsprechender Weise für die Zukunft ausgebildet werden muss; auf dem Gebiete des Sicherheitsdienstes und der Verwaltung das Recht, und auf dem Gebiete des geistigen und juristischen Lebens die Freiheit. Wenn die Dinge nach der Trinität verteilt sind, widersprechen sie einander nicht; denn dasjenige, was sich in Gedanken widerspricht, das ist deshalb wirklichkeitsgemäß, weil es in der Wirklichkeit auf Verschiedenes verteilt ist. Der Gedanke, der krebst nach Widersprüchen; die Wirklichkeit lebt aber nach Widersprüchen. Nun kann man die Wirklichkeit nicht erfassen, wenn man die Widersprüche nicht erfassen kann, wenn man in seinen Gedanken nicht nachkommt den Widersprüchen. Sie sehen aus alledem, dass die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, tatsächlich etwas zu sagen hat bei den wichtigsten Fragen der Gegenwart. Das, meine lieben Freunde, werden vielleicht noch einige von Ihnen begreifen, dass diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft im Grunde beeinflusst werden sollte von dem Bewusstsein, wie sie zu den wichtigsten Forderungen der Zeit steht.
• Das ist ja etwas, was auch innig zusammenhängt mit der ganzen Art, wie ich mir zum Beispiel persönlich vorstellen muss, dass im Geistesleben der Gegenwart diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, oder ihr Träger, die anthroposophisch orientierte Geistesbewegung, stehen soll. Das ist natürlich nicht mit einem Schlage von unseren Zeitgenossen zu erreichen, dass man richtig sieht. Glauben Sie nicht, meine lieben Freunde, – und derjenige, der mich kennt, der wird das ganz gewiss nicht glauben –, dass es aus einer Albernheit heraus ist oder aus einer persönlichen Eitelkeit, wenn ich diese Dinge charakterisiere; aus der Notwendigkeit der Tatsachen heraus bin ich immer wieder gezwungen, nach der einen oder anderen Richtung hin zu charakterisieren. Es ist wirklich so – ich habe Ihnen ja das bei verschiedenen Anlässen gezeigt, dass ich das, was ich selber kann und will, gar nicht geneigt bin, zu überschätzen. Ich kenne die Grenzen und weiß manches, wovon vielleicht der eine oder andere nicht ahnt, dass ich es weiß. Aber gerade für diejenigen, die mich nach dieser Richtung ein wenig beurteilen können, darf ich vielleicht doch sagen, dass ich eines, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, – er ist nicht ganz richtig gebraucht, aber es gibt keinen andern – dass ich eines „herbeiwünschen“ möchte; das ist: eine gewisse Unterscheidung, meine lieben Freunde, zwischen so etwas, wie es gewollt wird hier, und denjenigen Dingen, mit denen das, was hier gewollt wird, sehr häufig verwechselt wird. Wie viele gibt es heute noch, die da oder dort diese oder jene okkulte oder sich okkult nennende Gesellschaft sehen und sich nicht einlassen auf eine durch den gesunden Menschenverstand herbeigeführte Unterscheidung dessen, was hier gefunden werden kann! Denn, mag es noch so unvollkommen sein, die Bemühung liegt doch hier vor, wirklich mit dem Bewusstsein der Zeit zu rechnen. Sehen Sie sich dagegen all das Zeug an, was vielfach auch als okkulte oder ähnliche Bewegungen aufgefasst wird, wie das mit dem Bewusstsein der Zeit rechnet. Alle diese niederen und Hoch-Grad-Maurer, auch alle die verschiedensten Religionsgemeinschaften: an ihnen ist ja gerade das Antiquierte, dass sie nicht imstande sind, mit dem Bewusstsein der Zeit wirklich zu rechnen. Wo redet man denn aus den Untergründen heraus, die in diesen Dingen zu finden sind? Wo redet man denn in einer wirklich modern eingreifenden Weise, so dass es der Wirklichkeit angepasst ist, über die brennenden Fragen der Gegenwart? Aus den Ritualien und Vorschriften der einen oder der anderen Maurerei oder Konfessionsgemeinschaft werden Sie diese Dinge nicht herausfinden können. Das möchte man, dass ein Unterscheidungsvermögen Platz griffe!
• Gewiss, es ist erschwert, das gebe ich zu, aus dem Grunde erschwert, dass aus den historischen Verhältnissen, wie ich sie Ihnen geschildert habe, diese Gesellschaft, um die es sich hier handelt, im Anfang konfundiert wurde mit der theosophischen oder mit allerlei anderen Gesellschaften. In äußerer Beziehung mag es ein Fehler gewesen sein; karmisch ist es gerechtfertigt. Gescheiter wäre es gewesen, wenn diese anthroposophische Gesellschaft sich, ganz auf sich selbst stehend, ohne irgendeine Beziehung zu anderen Gesellschaften begründet hätte. Gewiss, äußerlich gefasst, wäre es gescheiter gewesen; denn das ganze philiströse Bourgeoistum der theosophischen Gesellschaft z.B., das antiquierte Zeug, all das wäre nicht eingeflossen. In die Anthroposophie ist es ja nicht eingeflossen, aber vielfach in den gesellschaftlichen Betrieb. Es könnte, wenn Anthroposophie in der richtigen Weise in unserer Gesellschaft lebte, wie sie es eben nicht tut, es könnte diese Gesellschaft schon, in einem gewissen Sinne wenigstens, das eine Drittel unserer sozialen Struktur, wie sie aus der Anthroposophie selbst folgt, musterhaft charakterisieren, das geistige Drittel, selbst mit Einschluss des Juristischen. Denn, meine lieben Freunde, was als Recht von Individuum zu Individuum eigentlich unter Anthroposophen herrschen sollte, das sollte eine selbstverständliche Sache sein. Ich empfinde es immer als den schärfsten, herbsten Bruch mit dem, was sich unter uns entwickeln soll, wenn der eine über den andern so spricht, dass er nach außen irgendwie klagen geht. Da soll sich auch das Rechtsbewusstsein, soweit es eben in dem einen Drittel der sozialen Struktur gemeint ist, entwickeln. Aber es ist eben noch weit hin, dass eine solche anthroposophische Gesellschaft wirklich das enthält, was sie enthalten könnte, nach den anthroposophischen Impulsen, wie sie eigentlich gemeint sind. Dann muss erst noch das Ohr sich für innere Wahrheit entwickeln, meine lieben Freunde, dieses Ohr für innere Wahrheit, das heute die wenigsten Menschen haben. Weil diese Unterscheidung, die eigentlich von außen kommen sollte, von außen nicht kommt, deshalb ist es schon notwendig, das eine oder das andere Mal von diesem oder jenem Gesichtspunkte auf das Unterscheidende hinzuweisen. Ich möchte insbesondere mit Bezug auf gewisse Dinge heute dieses sagen: dadurch unterscheidet sich das, was durch mich selbst in dieser anthroposophischen Bewegung lebt, von anderem, dass durchaus immer von mir gearbeitet wurde nach jenem Grundsatz, den ich bereits beim Erscheinen meiner „Theosophie“ in der Vorrede ausgesprochen habe, dass ich nichts anderes mitteile als das, was ich aus persönlicher Erfahrung mitteilen kann. Hier wird nichts anderes mitgeteilt von mir, als wofür ich aus persönlicher Erfahrung einstehen kann. Hier wird nicht in irgendeinem Sinne, wie es sonst da oder dort gemacht wird, die Berufung auf Autoritäten gepflogen.
• Das hat das andere, meine lieben Freunde, im Gefolge, dass ich sagen darf, dass die geistige Strömung, die durch die anthroposophische Bewegung geleitet wird, von keiner andern Strömung abhängig ist, sondern allein von der Geistigkeit abhängt, die durch die Gegenwart fließt, einzig und allein davon. Daher bin ich nicht verpflichtet – ich bitte Sie, das in allem Ernste aufzufassen – daher bin ich nicht verpflichtet, niemandem gegenüber verpflichtet, irgend etwas, wovon ich selber finde, dass es gesagt werden soll in der Gegenwart, zu verschweigen. Ein Gebot des Verschweigens gibt es bei demjenigen nicht, der niemandem gegenüber mit Bezug auf sein Geistesgut verpflichtet ist. Das gibt schon eine Grundlage für die Unterscheidung dieser Bewegung von anderen Bewegungen. Denn, wer jemals behaupten sollte, dass dasjenige, was innerhalb der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft verkündet wird, anders verkündet wird, als im Sinne dieses in meiner „Theosophie“ stehenden Wortes – dass ich rein persönlich dafür eintrete –, der mag meinetwillen die Verhältnisse nicht kennen und oftmals nicht dagewesen sein, sondern sie von außen ansehen, er verkündet aber die Unwahrheit, aus Böswilligkeit oder nicht aus Böswilligkeit. Wer aber oftmals bei uns war und anderes sagt, etwa irgendeine Vergangenheit oder einen Zusammenhang dieser geistigen Bewegung mit einer anderen konstatiert, wenn er die Verhältnisse hier kennt, der lügt. Das ist es, um was es sich handelt, meine lieben Freunde: entweder wird er aus Unkenntnis der Verhältnisse die Unwahrheit sagen, oder es wird bei Kenntnis der Verhältnisse gelogen. So ist auch alle Gegnerschaft gegen diese Bewegung aufzufassen.
• Deshalb muss ich immer wieder betonen: Ich habe nur dasjenige zu verschweigen, von dem ich weiß, dass es der gegenwärtigen Menschheit wegen ihrer Unreife noch nicht mitgeteilt werden kann. Aber ich habe nichts aus irgendeinem Grunde gegenüber jemandem zu verschweigen, dem gegenüber ein Gelöbnis oder dergleichen abgelegt wäre. Niemals ist in diese Bewegung etwas eingeflossen, was von der anderen Seite gekommen wäre. Diese Bewegung war geistig nie abhängig von einer anderen; die Zusammenhänge waren nur äußere. Vielleicht, meine lieben Freunde, werden die Zeiten kommen, wo Sie auch einsehen werden, dass es gut ist, wenn Sie sich daran erinnern, dass ich manchmal Dinge vorhersage, die erst nachher in ihrem richtigen Zusammenhange eingesehen werden. Es wird Ihnen vielleicht einmal, wenn Sie den guten Willen dazu haben, gut dienen können, dass Sie sich erinnern, in welchem Sinne das Geistesgut gepflegt wird, das durch die anthroposophische Bewegung fließen soll.
• Aber auch einen Probierstein hat jeder, der diese anthroposophische Bewegung unterscheiden will von andern. Der Probierstein, der heute da ist für eine solche Bewegung, ist ein Dreifaches. Erstens, dass sich eine solche Bewegung den wissenschaftlichen und intellektuellen Anforderungen der Gegenwart gewachsen zeigt. Nehmen Sie die von mir gepflegte Literatur durch, – Sie werden durchaus, mag das einzelne unvollkommen sein, die Bemühung sehen, dass hier eine Bewegung geschaffen werden soll, die nicht aus Altem, Antiquiertem heraus schafft, sondern die mit den wissenschaftlichen Mitteln der Gegenwart durchaus vertraut ist und in vollem Einklang mit dem wissenschaftlichen Bewusstsein der Gegenwart wirkt. Das ist das eine.
• Das zweite ist, dass eine solche Bewegung in wirklich lebensvoller Weise etwas über die Lebensfragen der Gegenwart zu sagen hat, also zum Beispiel über die soziale Frage. Was andere Bewegungen nach dieser Richtung zu sagen haben, versuchen Sie es zu vergleichen in seiner Antiquiertheit, in seiner Wirklichkeitsfremdheit, mit dem, was diese Bewegung dazu zu sagen hat.
• Das dritte, der dritte Teil des Probiersteines ist, dass eine solche Bewegung die verschiedenen Religionsbedürfnisse bewusst über sich aufzuklären vermag; darüber aufzuklären vermag: dass sie also zu verbinden vermag Aufklärung über die religiösen Bedürfnisse mit einer vollständigen Wirklichkeitsvertrautheit. Dadurch schon, meine lieben Freunde, können Sie diese Bewegung unterscheiden von all denjenigen Bewegungen, die im Grunde genommen es doch nur bis zur Sonntagnachmittagspredigt bringen; die es dahin bringen, den Leuten Moralpauken und dergleichen zu halten; gegenüber den konkreten, in der gegenwärtigen sozialen Struktur wirkenden Begriffen aber weltfremd sind. Eine heutige Wirklichkeitswissenschaft muss über Arbeit, über Kapital, über Kreditverhältnisse, über Bodenverhältnisse, über alle diese Dinge, die mit dem heutigen Leben zusammenhängen, über die Gestaltung des sozialen Lebens so reden können, wie sie zu reden versteht über das Verhältnis des Menschen zum göttlichen Wesen, über das Verhältnis des Menschen zur Nächstenliebe und so weiter. Das ist, was die Menschheit so lange versäumt hat: den Anschluss zu finden von oben herunter bis in die unmittelbarsten konkreten Gestaltungen und Prozesse des Lebens. Das ist, was Theologie und Theosophie in unserer Zeit versäumten in ihren verschiedenen Gestaltungen, was auch eine okkulte Richtung versäumte. Sie reden sozusagen von oben herunter bis dahin, wo sie den Leuten sagen können: Seid gute Menschen, und dergleichen ähnliches. Aber sie sind unfruchtbar, sie sind steril, wenn es darauf ankommt, die brennenden konkreten Fragen der Gegenwart wirklich zu erfassen. Die äußere Wissenschaft redet wiederum, aber auch wirklichkeitsfremd, von diesen Dingen, die das unmittelbare Leben betreffen. Ich habe Ihnen gestern gezeigt, wie fremd die Menschen diesem Leben gegenüberstehen. Wie viele Menschen wissen denn heute überhaupt, was zum Beispiel Kapital ist; was es in Realität ist: Gewiss, sie wissen, wenn sie so und so viel Geld im Schrank haben, so ist das ein Kapital. Aber das heißt nicht, wissen, was Kapital ist. Wissen, was Kapital ist, heißt wissen, wie die Regulierung in der sozialen Struktur mit Bezug auf gewisse Dinge und Personen ist. Gerade so, wie man für den einzelnen Menschen anthroposophisch die Beziehungen kennen muss, die da herrschen im Blutkreislauf, der rhythmisch das menschliche Leben reguliert, so muss man wissen, was im sozialen Leben in der verschiedensten Weise pulsiert. Aber, meine lieben Freunde, die gegenwärtige Physiologie ist noch nicht einmal imstande, materialistisch die wichtigsten Fragen zu lösen; die können erst gelöst werden, wenn anthroposophische Einsicht erlangt wird in den dreigliedrigen Menschen.
• Was weiß z.B. heutige Wissenschaft von einem außerordentlich Wichtigen, worauf rein materialistisch das Vorstellen beruht, worauf rein materialistisch der Wille beruht nach einer gewissen Richtung hin? Solche Dinge spreche ich heute aus, weil ich 30 bis 35 Jahre meines Lebens Forschung getrieben habe über diese Dinge, wie ich mit Bezug auf einen anderen Punkt bereits gesagt habe. Die Vorstellung beruht darauf, dass der Mensch in sich im Verlaufe des Blutkreislaufes zum Beispiel innerlich Kohlensäure hat, die noch nicht ausgeatmet ist. Wenn innerlich Kohlensäure zirkuliert, die noch nicht ausgeatmet ist, so ist das das materielle Gegenstück, das materielle Korrelat des Gedankens. Wenn im Menschen Sauerstoff ist, der noch nicht zur Kohlensäure verarbeitet wurde, Sauerstoff, der auf dem Umwege zur Verarbeitung in Kohlensäure, zur Umlagerung in Kohlensäure ist, so ist das, nach einer gewissen Richtung hin, das materielle Korrelat für den Willen. Wo im Menschen pulsiert Sauerstoff, der noch nicht ganz verarbeitet ist und Funktionen hat, da ist materiell der Wille betätigt. Wo im Innern des menschlichen Leibes schon Kohlensäure ist, die noch nicht ganz so bearbeitet wurde, dass sie ausgestoßen oder ausgeatmet wird, da ist die materielle Grundlage für eine Gedankenform. Aber wie diese beiden Pole, der Gedankenpol, der auch der Kohlensäurepol genannt werden kann, und der Willenspol, der der Sauerstoffpol genannt werden kann, wie diese Pole reguliert werden, – das gibt nur eine Wirklichkeitswissenschaft. Nirgends finden Sie solch eine Wahrheit in heutigen Büchern, wie ich sie Ihnen jetzt ausgesprochen habe. Weil man aber nicht das Denken mit Bezug auf eine solche Wirklichkeit schult, schult man das Denken auch nicht mit Bezug auf das, was notwendig ist für den heutigen Menschen in bezug auf die soziale Struktur. Das aber muss eintreten, das ist der Gegenwart notwendig, und auch das wird eintreten müssen, meine lieben Freunde, dass hinzugerechnet wird zu unserer sozialen Frage das geistig-seelische Hineinstellen des Menschen in die soziale Struktur.
• Das ist versäumt worden. Denken Sie sich nur, wie es anders würde, wenn in diesem oder jenem Etablissement der einzelne Arbeiter auch geistig-seelisch hineingestellt würde in den ganzen Prozess, den die von ihm erzeugte Ware in der Welt durchmacht; wenn er verstünde, wie er in der sozialen Struktur drinnensteht dadurch, dass er gerade diese Ware erzeugt. Das aber kann nur sein, wenn wirklich solches Interesse von Mensch zu Mensch waltet, dass nach und nach kein erwachsener wahrer Mensch mehr da ist, der nicht die wichtigsten sozialen Begriffe in einer wirklichkeitsgemäßen Weise beherrschen kann. Es muss die Zeit kommen, das ist eine soziale Forderung, in der man als Mensch einfach ebensogut weiß, was Kapital, was Kredit, was Bargeld, was Check ist in bezug auf den nationalökonomischen Effekt – und man kann es wissen, es ist nicht so schwierig, es muss nur erst selbst von denen, die es lehren sollen, richtig angepackt werden –, wie man heute weiß, dass man die Suppe nicht mit der Gabel isst, sondern mit dem Löffel. Nicht wahr, wer die Suppe mit der Gabel isst, der würde einen Unsinn begehen; aber ebenso begeht derjenige einen Unsinn, der die anderen Dinge nicht weiß. Das muss allgemeine öffentliche Meinung werden.
• Dann, meine lieben Freunde, wird der wichtigste Impuls der Gegenwart, der soziale Impuls, auf eine ganz andere Grundlage gestellt werden.
Zyklus 52, S.172 — GA 186 📄 (1963/1990), S.238
Dornach, 15. Dezember 1918
• Welches ist denn die Grund-Seelen-Eigenschaft gerade in dem Zeitalter, das im fünfzehnten Jahrhundert begonnen hat, und das bis ins dritte Jahrtausend hinein währen wird, welches ist die Grundeigenschaft, die die menschliche Seele zur Erscheinung Entscheidung bringt? Diese Grundeigenschaft, die jetzt noch kaum sich in ihrer wahren Gestalt gezeigt hat, sondern erst in den Anfängen, die Haupteigenschaft, die sich entwickelt und und sich immer weiter entwickeln wird, das ist die menschliche Intelligenz, die Intelligenz als Seeleneigenschaft. So dass der Mensch im Laufe dieses Zeitraums immer mehr und mehr berufen werden soll, aus dieser seiner Intelligenz heraus über alle Dinge, also auch und namentlich über die sozialen, wissenschaftlichen und religiösen Dinge zu urteilen, denn sie erschöpfen ja eigentlich den Umkreis des menschlichen Lebens: die religiösen, die wissenschaftlichen, die sozialen Impulse.
• Nun, vielleicht wird Ihnen diese Vorstellung des intelligenten Wesens, des menschlichen Wesens, die hier notwendig erweckt werden muss, leichter werden, wenn Sie sich klarmachen, dass man für den 4. nachatlantischen Zeitraum nicht in dem Sinne wie heute sprechen kann: dass der Mensch sich als Persönlichkeit ganz auf den Boden nur der Intelligenz stellen wollte. Ich habe das besonders in meinem Buch „Die Rätsel der Philosophie“ mit Bezug auf das philosophische Nachdenken scharf hervorgehoben. In dem 4. nachatlantischen Zeitraum, der im 15. nachchristlichen Jahrhundert endete, war es nicht notwendig, dass die Menschen sich persönlich der Intelligenz bedienten. Mit den Wahrnehmungen der Umgebung, mit dem übrigen Lebenszusammenhang mit der Welt, flossen auch, so wie die Farbe und die Töne durch die Wahrnehmung in den Menschen hereinkommen, die Begriffe, die Ideen, also das Intellektuelle, in den Menschen herein. Der Inhalt des Intellektuellen war zum Beispiel für die Griechen, war auch für die Römer Wahrnehmung.
• Für den Menschen seit dem 15. Jahrhundert kann das Ergebnis des Intellektuellen nicht mehr Wahrnehmung sein. Aus der Wahrnehmungswelt bleibt das Intellektuelle weg. Der Mensch nimmt nicht mehr die Begriffe, die Ideen mit den Wahrnehmungen zugleich auf. Es ist nur ein Irrtum, wenn man meint, dass da nicht dieser große Umschwung eingetreten sei um die Wende des 15. Jahrhunderts. Nicht wahr, dieser Irrtum, der darauf beruht, nicht unterscheiden zu können, den sahen ja manche Menschen schon im äußeren Leben. Für den Europäer zum Beispiel stellt sich sehr leicht heraus, dass er alle Japaner, trotzdem sie ebenso unterschieden sind wie die Europäer, für absolut gleich ansieht. Er unterscheidet eben nicht. So unterscheidet die heutige Wissenschaft nicht zwischen den einzelnen Zeiträumen, glaubt, alles sei gleich. Aber das ist eben nicht der Fall, sondern es ist so, dass ein gewaltiger Umschwung stattgefunden hat z.B. um die Wende des 15. Jahrhunderts, wo die Menschen aufgehört haben, mit den Wahrnehmungen zugleich die Begriffe wahrzunehmen, wo sie angefangen haben, sich auch die Begriffe erarbeiten zu müssen.
Der gegenwärtige Mensch muss sich aus seiner Persönlichkeit heraus die Begriffe erarbeiten. Das ist im Anfange, aber das wird immer weiter und weiter sich ausbilden. Und gerade mit Bezug auf diese Ausbildung der Intelligenz sind die Westmenschen, Mittelmenschen und Ostmenschen im höchsten Grade verschieden.
• Sehen Sie, man unterschätzt die Bedeutung dieser Dinge aus dem Grunde, weil sie auch heute noch vielfach nur im Unterbewussten wirken. Der Mensch mag nicht gerne unterscheiden mit seinem bequemen Denken im vollen Bewusstsein. Aber jeder Mensch hat ja einen innerlichen Menschen in sich, der nur bis zu einem gewissen Grade heraufleuchtet in das Bewusstsein. Der unterscheidet sehr scharf, der macht zum Beispiel einen scharfen Unterschied zwischen Westmenschen, Mittelmenschen und Ostmenschen, je nach dem Gesichtspunkte, ob der Mensch selber ein Westmensch, Mittelmensch oder Ostmensch ist. Nicht die einzelne Individualität ist dabei gemeint, sondern dasjenige im Menschen, was dem Volkstum angehört. Diesen Unterschied bitte ich Sie immer zu machen. Es hebt sich natürlich der einzelne aus dem Volkstum heraus. Gewiss, es gibt Menschen, in denen das Volkstum heute kaum wirkt, es sind solche, die sich systematisch bemühen, Menschen zu sein, ohne das Volkstümliche in sich wirken zu lassen; aber insofern das Volkstümliche wirkt, drückt es sich so aus, wie wir es verschiedentlich schon charakterisiert haben und wie wir es jetzt von gewissen Gesichtspunkten noch einmal mit Bezug auf die soziale Frage ins Auge fassen wollen.
• Wenn nämlich so etwas wie die soziale Frage auftaucht, auch wenn sonst etwas auftaucht, was von der Gemeinschaft, nicht von den einzelnen Menschen abhängt, dann kommt immer das Volkstümliche schon in Betracht. Und es mag noch so sehr der Angehörige – sagen wir – der britischen Nation, oder der Angehörige des deutschen Volkes, oder der Bewohner der russischen Erde – ich unterscheide ganz absichtlich in dieser Weise –, es mögen diese drei als Menschen meinetwillen ganz gleich urteilen, die englische, die deutsche, die russische Politik oder die soziale Strukturgestaltung, die können nicht gleich sein, die müssen differenziert sein, weil das Gemeinsame in Betracht kommt. Also nicht so sehr das individuelle Verhältnis von Mensch zu Mensch ist es, was wir hier in Frage stellen, sondern dasjenige, was von Volk zu Volk wirkt, und als Volkstum von einem andern Volkstum sich unterscheidet. Ich muss das immer scharf betonen, weil zum Teil gutwillig, zum Teil böswillig, diese Dinge immer wieder und wieder missverstanden werden.
• Nehmen Sie zum Beispiel eines. Ich bitte, diese Dinge ganz „sine ira“ aufzufassen, sie sind ja auch nicht als Kritik gemeint, sondern nur als Tatsachenangabe; ich bitte also, diese Dinge ganz ohne Sympathie und Antipathie aufzunehmen. Nehmen wir einen mitteleuropäischen Menschen, der sich das Leben des englisch sprechenden Volkstums ansieht, das Leben des russisch sprechenden Volkstums andrerseits, wie sich diese ausleben in den Vorstellungsarten des Volkstums – also wieder nicht des einzelnen Menschen, sondern des Volkstums. Der Angehörige des mitteleuropäischen Volkstums wird vielleicht bewusst allerlei urteilen. Man redet natürlich heute nach der öffentlichen Meinung, was immer eine private Faulheit ist, dies oder jenes; das mag sein, aber der innerliche Mensch, ich meine jetzt den innerlichen mitteleuropäischen, der wird, wenn er urteilt – was er sich gar nicht zum Bewusstsein zu bringen braucht – wenn er nach Westen hinübersieht zu der englisch sprechenden Bevölkerung, wenn er das Volkstum ins Auge fasst in der Art, wie es sich politisch, sozial äußert, er wird das Urteil fällen: das ist Philistrosität. Und wenn er nach Russland hinübersieht, wird er das Urteil fällen: das ist Boheme. Das ist natürlich etwas radikal ausgesprochen, aber so ist es. Gewiss, er selbst wird von links und rechts hören: du magst uns Philister nennen, du magst uns Boheme nennen, aber du bist ein Pedant! Das mag sein, gewiss, das ist wiederum von dem andern Gesichtspunkte aus beurteilt. Aber diese Dinge sind mehr Realität, als man denkt, und diese Realitäten müssen aus den Untergründen des menschlichen Werdens herausgeholt werden.
• Nun tritt das Eigentümliche ein, dass innerhalb der englisch sprechenden Bevölkerung die Intelligenz instinktiv ist. Sie wirkt instinktiv; es ist ein neuer Instinkt, der da heraufgekommen ist in der Menschheitsentwickelung; der Instinkt, intelligent zu denken. Dasjenige, was die Bewusstseinsseele gerade erziehen soll, die Intelligenz, das wird von der englisch sprechenden Bevölkerung instinktiv geübt. Das englische Volkstum ist für instinktives Üben der Intelligenz veranlagt.
• Die russische Bevölkerung, die unterscheidet sich wie der Nordpol vom Südpol, oder sogar könnte ich sagen: wie der Nordpol vom Äquator mit Bezug auf diesen Impuls des intelligenten Wesens. – In Mitteleuropa, da hat man die Intelligenz nicht instinktiv, sondern man muss zu ihr erzogen werden; sie wird anerzogen. Das ist der große, gewaltige Unterschied. In England, in Amerika ist die Intelligenz instinktiv. Da hat sie alle Eigenschaften eines Instinktes. In Mitteleuropa wird einem von Intelligenz nichts angeboren, sondern sie muss anerzogen werden, sie muss im Werden des Menschen ergriffen werden. In Russland – ich möchte mich da auf verschiedene literarische Kundgebungen stützen, damit Sie nicht glauben, ich konstruierte diese Dinge – ist die Sache so, dass man sozusagen darüber streitet, was die Intelligenz eigentlich ist. Nach den Angaben, welche einsichtige Russen machen, ist das etwas ganz anderes, was man dort Intelligenz nennt, als was man auch nur in Mitteleuropa, geschweige denn in England Intelligenz nennt. In Russland ist nicht derjenige ein intelligenter Mensch, der dies oder jenes gelernt hat. Wen nennen wir dagegen die Intellektuellen – das bezieht sich ja wohl auf „Intelligenz“ –?: diejenigen, die dies oder jenes gelernt haben, dies oder jenes sich angeeignet haben, sich dadurch geschult haben im Denken. Wie gesagt, in Westeuropa und Amerika ist das sogar angeboren. Aber wir werden uns doch nicht erlauben, einen Kaufmann oder einen Staatsbeamten oder einen Vertreter irgendeines liberalen Berufes nicht zur Intelligenz zu rechnen. Das tut aber der Russe. Der rechnet nicht ohne weiteres einen Kaufmann oder Staatsbeamten oder den Vertreter irgendeines liberalen Berufes zu den intelligenten Menschen, sondern ein intelligenter Mensch, der soll bei dem Russen ein Mensch sein, der aufgeweckt ist, der zu einem gewissen Selbstbewusstsein gekommen ist. Der Staatsbeamte, der viel gelernt hat, der auch über viele Dinge ein Urteil hat, der braucht kein aufgeweckter Mensch zu sein; der Arbeiter, der nachdenkt über seinen Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Ordnung, der erweckt ist in bezug auf sein Nachdenken über sein Verhältnis zur Sozietät, der ist ein Intelligenter. Und es ist sehr bezeichnend, dass man ja sogar genötigt ist, das Wort Intelligenz in einem ganz anderen Sinne anzuwenden. Denn, sehen Sie, während im Westen die Intelligenz instinktiv ist, angeboren wird, in der Mitte anerzogen wird, oder wenigstens entwickelt wird, wird sie eigentlich im Osten als etwas behandelt, was ganz gewiss nicht angeboren ist, nicht anerzogen, nicht entwickelt werden kann ohne weiteres, sondern was aus gewissen Tiefen der Seele heraus erweckt wird. Man wacht auf zur Intelligenz.
• Nun, diese Intelligenz in Russland hat eine ganz besondere Stellung in der Menschheitsentwickelung. Wenn Sie sich nicht täuschen lassen, wenn Sie sich nicht Illusionen hingeben über die äußeren Symptome, sondern auf das Innere gehen, dann können Sie über diese russische Intelligenz, wenn sie Ihnen heute auch nach Ihren west- oder mitteleuropäischen Begriffen bei dem oder jenem Russen sehr gering erscheint, dann können Sie sich sagen: sie wird bewahrt vor allem Instinktiven. Sie soll sich ja – das meint der Russe – nicht anfressen lassen von irgendeinem menschlichen Instinkt, man soll auch nicht glauben, dass mit dem, was man anerzieht als Intelligenz, schon irgend etwas Besonderes erreicht wird. Der Russe will – natürlich unbewusst – die Intelligenz bewahren, bis der 6. nachatlantische Zeitraum, sein Zeitraum, kommt, damit er dann durch die Intelligenz nicht hinuntergreift in die Instinkte, sondern die Intelligenz hinaufträgt, wo das Geistselbst blühen wird. Während die englisch sprechende Bevölkerung die Intelligenz heruntersinken lässt in die Instinkte, will der Russe sie gerade davor bewahren. Er will diese Intelligenz ja nicht in die Instinkte hinunterlassen, er will sie pflegen, mag sie heute noch so gering sein, damit sie bewahrt bleibe für das kommende Zeitalter, wo das Geistselbst, das rein Spirituelle, mit dieser Intelligenz durchzogen werden kann.
• Wenn man die Sache so in ihren Gründen betrachtet, meine lieben Freunde, dann erscheint einem auch so etwas, was man sonst mit unbefangenem Urteil in Grund und Boden kritisieren muss, doch von einer gewissen Notwendigkeit der Menschheitsentwickelung gegeben. Wie gesagt, Russen selber, einsichtsvolle Russen, die diese Dinge charakterisieren, finden ganz richtig heraus, dass die russische Intelligenz zwei Untergründe hat; die liegen in ihrer Entwickelung. Diese russische Intelligenz hat die Konfiguration, den Charakter, den sie heute hat, dadurch erhalten, dass der zur Intelligenz entwickelte Russe, der ein Aufgeweckter werden will, zunächst durch die Polizeigewalt unterdrückt war. Er musste sich wehren bis zum Martyrium gegen die Polizeigewalt. Diese mag man, wie gesagt, verurteilen, aber man muss sich ein unbefangenes Urteil darüber bilden. Es ist der Charakter, der spezifische Charakter dieser russischen Intelligenz, die gerade sich aufbewahren will für künftige spitituelle Impulse der Menschheit, vollständig bedingt durch die polizeiliche Unterdrückung, die da war bis zum Martyrium. Und auf der anderen Seite, ganz selbstverständlich – die russischen Schriftsteller heben das fortwährend hervor – ist diese russische Intelligenz (weil sie sich aufbewahren will für kommende Zeiten) heute etwas Weltfremdes, etwas, was nicht leicht mit dem Leben fertig wird, was auf ganz anderes hingerichtet ist als auf das, was in der Welt unmittelbar pulsiert. So dass man sagen kann: auch in dieser Beziehung ist das russische Seelenleben der Gegensatz z.B. der englisch sprechenden Bevölkerung. Man kann sagen: Im Westen ist die Intelligenz von der Polizei protegiert, im Osten ist die Intelligenz von der Polizei perhorresziert, dem einen kann das eine, dem andern kann das andere gefallen, aber es handelt sich um die Feststellung der Tatsachen. Also im Westen ist – wie gesagt – die Intelligenz protegiert. Der eigentümliche Charakter der Intelligenz soll einfließen in das äußere Leben, soll überall drinnen sein in der sozialen Struktur. Die Menschen sollen aus ihrer Intelligenz heraus teilnehmen an der sozialen Struktur usw. usw. In Russland, gleichgültig, ob das der Zar oder der Lenin tut, wird die Intelligenz polizeilich unterdrückt und wird noch lange polizeilich unterdrückt werden. Vielleicht liegt gerade darinnen der Nerv ihrer Stärke, dass sie polizeilich unterdrückt wird. Man kann überhaupt mit Bezug auf dieses, meine lieben Freunde, eine ziemlich schematische, aber doch gültige Zusammenstellung machen. Man kann sagen: in Russland wird die Intelligenz verfolgt, in Mitteleuropa gezähmt, und im Westen ist die Intelligenz schon zahm geboren.
• Wenn man diese Einteilung, diese Gliederung macht, so trifft man, trotzdem die Worte sonderbar klingen, eigentlich durchaus das Richtige. In England und Amerika wird mit Bezug auf den Verfassungsstaat, mit Bezug auf die äußere Politik, auch mit Bezug auf die soziale Struktur die Intelligenz schon zahm geboren. In Mitteleuropa wird sie gezähmt. Im Osten möchte sie gern frei herumlaufen, wird aber verfolgt.
• Nun handelt es sich darum, dass ja auf der einen Seite die Menschen in dieser Weise, gerade mit Bezug auf die Intelligenz, differenziert sind, insofern das Volkstum in den Menschen wirkt. Sie sind so differenziert, wie ich es verschiedentlich angedeutet habe, wie ich es heute wiederum von einem gewissen Gesichtspunkte aus andeute. Aber auf der anderen Seite muss im Zeitalter der Bewusstseinsseele zugleich diese Differenzierung durchschaut werden, und man muss die Möglichkeit haben, über sie hinauszukommen.
• Man kommt auf zweierlei Weise praktisch über diese Differenzierung im Leben hinaus. Erstens dadurch, dass man sie kennen lernt. Wenn man nur deklamiert von ganz allgemeinen abstrakten Standpunkten aus, dies oder jenes sei der richtige soziale Standpunkt, ohne eine Erkenntnis der Differenziertheit innerhalb der Menschheit, so ist das gar nichts wert, so redet man nur an der Wirklichkeit vorbei. Also die Einsicht in diese Verhältnisse ist das eine, worauf es ankommt. Das andere ist, dass man aber doch in der Lage ist, sich in einer gewissen Weise mit seinem ganzen menschlichen Erleben wiederum hinauszubringen über diese Dinge und mit der Differenzierung zu rechnen, wenn man praktisch sein will, dass man nicht glaubt, die Menschen seien über den ganzen Erdkreis gleich, und man könne die soziale Frage über den ganzen Erdkreis gleich lösen. Man muss wissen, dass man verschiedentlich die soziale Frage lösen muss, weil sie sich selber in verschiedener Weise lösen will, aus den Impulsen der Volkstümer heraus.
• Dies aber, meine lieben Freunde, ist ja nur möglich unter einer solchen Voraussetzung, wie diejenige [ist], die hier von der Geisteswissenschaft gemacht wird. Denn wie wollen Sie, wenn Sie irgendein mehr oder weniger chaotisches oder auch harmonisch zusammenhängendes soziales Ideal haben, dieses auf alle Menschen anwenden? Das können Sie ja nur einseitig anwenden. Sie können die allerschönsten, am besten zu beweisenden Ideen haben, Sie werden nicht anders glauben können, als dass Sie die Menschen über die ganze Erde mit diesen schönen Ideen beglücken können. Das ist eben geradezu das Unglück unserer Zeit, dass man zumeist so etwas will. Wer glaubt oder denkt denn heute anders, wenn er sich vor die Menschen hinstellt und von sozialen oder politischen Ideen spricht, als: über die ganze Erde hin sind die Verhältnisse so und so zu ordnen, und mit den Ideen, die ich ausdenke, mit denen kann die ganze Menschheit beglückt werden. So denken doch die Menschen heute. Und aus den Voraussetzungen unserer Denkgewohnheiten ist überhaupt kaum anders zu denken, meine lieben Freunde.
• Nehmen Sie aber das aus der Geisteswissenschaft herausgeholte Soziale, das ich Ihnen hier vor einiger Zeit vorgebracht habe, da werden Sie sehen, dass das allerdings mit den Denkgewohnheiten unserer Zeit bricht, aber einen ganz anderen Charakter hat. Ich habe Ihnen gesagt: Es handelt sich ja nicht darum, irgendein einheitliches soziales Ideal zu haben, sondern zu erforschen: was will sich verwirklichen in der Realität? – Da habe ich Sie auf eine Dreigliederung desjenigen Lebens hingewiesen, was bisher chaotisch zusammengefasst wurde im eingliedrigen Staate. Ich habe Ihnen gesagt, dass die Wirklichkeit dahin strebt, das, was da zusammengefasst ist in Einem, auseinanderzuhalten. Das geistige Leben mit Einschluss des juristischen – aber eben nicht Verwaltungsjustiz, sondern Zivil- und Strafjustiz –, bildet eine besondere Gliedlichkeit, das ökonomische Leben eine zweite Gliedlichkeit; und dasjenige Leben, was die beiden reguliert, das bildet ein Drittes, wo verwaltet wird, wo der Sicherheitsdienst geleistet wird und so weiter. Diese drei stehen einander gegenüber, wie sich heute Staaten gegenüberstehen, verkehren durch Vertreter miteinander, ordnen ihre gegenseitigen Verhältnisse, aber sie sind in sich, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, souverän.
• Man kann das, was ich da sage, in Grund und Boden rezensieren, aber dann kritisiere man nicht eine Anschauung, sondern etwas, was sich im Laufe der nächsten vierzig bis fünfzig Jahre verwirklichen will. Diese Dreigliederung gibt Ihnen einzig und allein die Möglichkeit, nun wiederum mit der Differenzierung der Menschheit zu rechnen; denn wenn Sie nur ein Eingliedriges haben, dann müssen Sie das ja der ganzen Menschheit aufdrängen, wie wenn Sie einem kleinen, einem mittleren Menschen und einem Riesen denselben Rock anziehen wollen (wobei die Größe hier nur zur Verdeutlichung genommen wird, es sollen nicht Völker etwa damit klein oder groß bezeichnet werden). Aber indem Sie diese Dreigliedrigkeit haben, da haben Sie die Möglichkeit, etwas Universelles drinnen zu haben. Da wird der Westen sich so gestalten mit Bezug auf seine soziale Struktur, dass bei ihm überwiegt das, was Verwaltung, Verfassung, überhaupt Regulierung des öffentlichen Lebens ist, Sicherheitsdienst im umfassendsten Sinne und so weiter. Die anderen beiden sind untergeordnete Momente, sind von diesem abhängig. Und wiederum für andere Gebiete ist es anders. Da ist das eine von den dreien überwiegend, die andern beiden sind wiederum mehr oder weniger abhängig. Dadurch also, dass Sie eine Dreigliedrigkeit haben, haben Sie die Möglichkeit, auch in Ihrer Ansicht die Wirklichkeitsdifferenzierung zu finden. Was nur ein Einheitliches ist, das müssen Sie über die ganze Erde ausbreiten; was aber in sich dreigliedrig ist, von dem können Sie sagen: Im Westen ist Eins vorherrschend, in den Mittelländern ist das Zwei vorherrschend, und im Osten ist das Drei vorherrschend. Dadurch differenziert sich dasjenige, was Sie als Ideal der sozialen Struktur finden, über die ganze Erde hin. Darin liegt der Grundunterschied der Anschauung, die hier aus der Geisteswissenschaft heraus vertreten wird, von anderen Anschauungen.
• Die Anschauung, die aus der Geisteswissenschaft heraus vertreten wird, ist von vornherein auf die Wirklichkeit anwendbar, weil sie sich in sich selber differenzieren lässt und dann differenziert auf die Wirklichkeit angewendet werden kann. Das ist der Unterschied einer abstrakten Anschauung von einer konkreten Anschauung: eine abstrakte Anschauung ist eine Summe von Begriffen, bei der man glaubt, glücklich zu sein oder die Menschen beglücken zu können. Eine konkrete Anschauung ist eine solche, bei der man weiß, sie ist in sich selber so, dass sich einmal das eine auswachsen kann, dann das andere oder das dritte. Dann ist das Eine oder das Zweite oder Dritte auf andere äußere Verhältnisse anwendbar. Das ist es, was den Unterschied einer Wirklichkeitsanschauung von allem Dogmatismus bedeutet. Aber Dogmatismus schwört auf Dogmen. Dogmen aber können sich nur geltend machen, wenn sie die Wirklichkeit tyrannisieren. Eine Wirklichkeitsanschauung, die ist so, wie die Wirklichkeit selbst, in sich lebendig.
Zyklus 58A, S.93 — GA 192 📄 (1964/1991), S.182
Stuttgart, 9. Juni 1919
• Das darf nimmermehr geschehen, dass den westlichen Völkern allein überlassen werde die Vollziehung der sozialistischen Experimente in Mittel- und Osteuropa. Es kann aber nur verhindert werden, wenn wir unsere Aufgabe ergreifen und dem mitteleuropäischen Geistesleben ein Ziel setzen. Das ist unsere Aufgabe.
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Zyklus 51, S.48 — GA 186 📄 (1963/1990), S.64
Dornach, 1. Dezember 1918
• Die Menschen sind über die Erde hin verschieden. Und gerade gegen die Zukunft hin wird sich diese Verschiedenheit trotz allem Internationalismus immer mehr und mehr zeigen. Und die Folge wird sein, dass derjenige einen ganz unwirklichen Gedanken ausspricht, der da glaubt, man könne in Russland geradeso wie in China, geradeso wie in Südamerika, in Deutschland oder wie in Frankreich sozialisieren, der also absolute Gedanken da ausspricht, wo individuelle, relative Gedanken allein der Wirklichkeit entsprechen. Das ist außerordentlich wichtig, dass man dieses ins Auge fasst.
• Und es war mein großer Schmerz in den letzten Jahren, wo es so notwendig gewesen wäre, dass diese Dinge verstanden worden wären an den geeigneten Orten, dass diese Dinge eben nicht verstanden worden sind. Sie erinnern sich, meine lieben Freunde, ich habe vor zwei Jahren hier eine Karte aufgezeichnet, die sich jetzt realisiert. Und diese Karte habe ich nicht nur Ihnen aufgezeichnet. Ich habe diese Karte dazumal angeben wollen, um auszusprechen, wie die Impulse von einer gewissen Seite her gehen, weil es ein Gesetz ist, dass, wenn man diese Impulse kennt, wenn man sich einlässt darauf, wenn man sie ins Bewusstsein aufnimmt, sie in einer gewissen Weise korrigiert, sie in anderes gelenkt werden können.
Aber es hat sich eben niemand gefunden, auf den es angekommen wäre, der sich auf diese Dinge eingelassen hat, der diese Dinge im wirklichem Sinne ernst genommen hätte. Dass sie ernst zu nehmen waren, das zeigen ja die heutigen Geschehnisse.
• Nun, meine lieben Freunde, die Tatsache, die dabei berücksichtigt werden muss, ist die, dass von gewissen Grundgesetzen der Weltevolution heute tatsächlich in größerem Umfange, und so, dass dieses Wissen auch äußerlich betätigt wird, nur etwas gewusst wird innerhalb gewisser geheimer Gesellschaften der britisch sprechenden Bevölkerung. Das ist etwas, was wichtig ist zu berücksichtigen. Geheime Gesellschaften bei den andern Bevölkerungen sind im Grunde genommen nur Phrasengeklingel. Geheime Gesellschaften dagegen innerhalb der britisch sprechenden Bevölkerung sind Quellen, von welchen aus durch gewisse Methoden, über die ich ja vielleicht auch einmal sprechen werde, aber die heute zu weit führen würden, Wahrheiten gewonnen werden, nach denen man die Dinge politisch lenken kann. So dass man sagen kann: Jene Kräfte, welche einfließen von diesen geheimen Gesellschaften in die Politik des Westens, jene Kräfte gehen mit der Geschichte in sachgemäßem Sinne. Sie rechnen mit den Gesetzen der historischen Entwickelung. Es braucht nicht im Äußeren immer bis aufs i-Tüpfelchen alles zu stimmen, es handelt sich darum, ob man mit den Gesetzen der historischen Entwickelung in sachgemäßem Sinne geht, oder ob man dilettantisch vorgeht, bloß nach willkürlichen Einfällen.
• Im eminentesten Sinne eine dilettantische Politik, die gottverlassen von allen historischen Gesetzen war, war zum Beispiel die mitteleuropäische Politik. Eine nicht dilettantische, eine sachgemäße oder, wenn ich mich des Spießerausdrucks bedienen darf, eine fachliche Politik war die Politik der britisch sprechenden Bevölkerung, des britischen Reiches und seines Anhanges Amerika. Das ist der große Unterschied, meine lieben Freunde, das ist das Bedeutsame, das ins Auge gefasst werden muss, denn es ist aus dem Grunde bedeutsam, weil das, was in jenen Kreisen gewusst wird, schon in die Wirklichkeit hineinfließt. Es fließt auch in die Instinkte hinein, hinter denjenigen Menschen, die dann äußerlich auf ihrem Platze stehen und die Repräsentativpolitiker sind, wenn sie auch nur aus politischen Instinkten heraus handeln; hinter ihnen stehen die Kräfte, von denen ich eben Andeutung mache. Sie brauchen daher nicht zu fragen, ob Northcliffe oder selbst Lloyd George in diesem oder jenem Grade in die Kräfte, um die es sich handelt, eingeweiht sind, darauf kommt es gar nicht an, sondern darauf kommt es an, ob es eine Möglichkeit gibt, dass sie im Sinne dieser Kräfte sich verhalten. Sie brauchen das, was in der Richtung ihrer Kräfte liegt, nur in ihre Instinkte aufzunehmen. Das gibt es aber, das geschieht. Und diese Kräfte wirken in der Richtung der Weltgeschichte. Das ist das Wesentliche. Und man kann günstig im weltgeschichtlichen Zusammenhange nur wirken, wenn man wirklich wissentlich aufnimmt, was in dieser Weise in der Welt vorgeht. Sonst hat der andere, der wissentlich im Sinne der Weltgeschichte wirkt oder wirken lässt, immer die Macht, und derjenige, der nichts weiß, die Ohnmacht. Solcherweise kann die Macht über die Ohnmacht siegen. Das ist ein äußeres Geschehnis. Aber der Sieg der Macht über die Ohnmacht geht letzten Endes in diesen Dingen auf den Unterschied von Wissen und Nichtwissen zurück. Das ist’s, was ins Auge gefasst werden muss.
• Und wichtig ist es, dass jenes Chaos, das sich im Osten und in Mitteleuropa jetzt vorbereitet, auf der einen Seite ja zeigt, wie schrecklich alles das war, was vorgab, in dieses Chaos staatliche Ordnung hineinzubringen, und was jetzt hinweggefegt ist; aber auf der anderen Seite zeigt dasjenige, was in Mittel- und Osteuropa geschieht, dass eben Dilettantismus auf diesem Gebiete das öffentliche Leben durchsetzt. Im Westen, in der englisch sprechenden Bevölkerung der Erde, herrscht gar nicht Dilettantismus, herrscht überall, wie gesagt – wenn ich mich des Spießerausdrucks bedienen darf – fachmännische Betrachtung dieser Dinge.
• Das ist es aber, meine lieben Freunde, was der Geschichte der nächsten Jahrzehnte seine Gestalt geben wird. Man mag noch so hehre Ideale aufstellen in Mittel- und Osteuropa, man mag noch so guten Willen haben in diesen oder jenen Programmen, mit alledem ist nichts getan, solange man nicht von Impulsen auszugehen vermag, die ebenso oder besser von jenseits der Schwelle des Bewusstseins hergenommen sind, wie letzten Endes die Impulse des Westens, der britisch sprechenden Bevölkerung von jenseits der Schwelle des Bewusstseins hergenommen werden.
• Die Freunde, die wenigstens auf die Dinge gehört haben, wie ich sie seit Jahren, ebenso wie heute vor Ihnen, vorgebracht habe, haben immer bei diesen Dingen einen Fehler gemacht, von dem in der Regel auch unsere besten Freunde schwer abzubringen sind, den Fehler, der etwa von dem Gedanken ausgeht: Ja, was nützt es denn, wenn man den Leuten auch sagt, aus gewissen geheimen Zentren gehen diese oder jene Dinge aus, man muss ihnen doch erst den Glauben beibringen können, dass es solche Geheimgesellschaften gibt. Das wurde vielfach als das Fundamentale betrachtet, diesen Glauben zu erwecken, dass es solche geheime Gesellschaften gibt. Das ist aber nicht das, worauf man in erster Linie sehen sollte, meine lieben Freunde. Sie werden wenig Entgegenkommen finden, wenn Sie, ich will sagen einem Staatsmann vom Kaliber eines Kühlmann beibringen wollen, dass es Geheimgesellschaften gibt, die solche Impulse haben. Aber darauf kommt es gar nicht an. Man macht sogar einen Fehler, wenn man das als das Fundamentale ansieht. Dass man davon als dem Fundamentalen ausgeht, rührt von der ja auch bei Anthroposophen vorhandenen, noch aus der Unsitte der alten Theosophischen Gesellschaft heraufgetragenen Geheimniskrämerei. Wenn man das Wort „geheim“ oder „okkult“ ausspricht und auf irgend etwas Geheimes oder Okkultes hinweisen kann, o, da gibt man sich schon ein ganz besonderes Ansehen dadurch! Das ist es aber nicht, was irgendwie günstig wirkt, meine lieben Freunde, wenn es sich um die äußere Wirklichkeit handelt. Darum handelt es sich, dass man aufzeigt, wie die Dinge geschehen, dass man einfach auf das, was jeder mit seinem gesunden Menschenverstand verstehen kann, hinweist.
• Innerhalb jener Gesellschaften, die solche okkulten Wahrheiten, die auf die Wirklichkeit gehen, pflegten, fand sich zum Beispiel der Satz: Man muss eine solche Politik befolgen, dass, nachdem das russische Zarenreich zum Heile des russischen Volkes gestürzt sein wird, in Russland die Möglichkeit geboten wird, sozialistische Experimente zu unternehmen, die man in westlichen Ländern nicht unternehmen will, weil sie sich da nicht als vorteilhaft, nicht als wünschenswert herausstellen.
Meine lieben Freunde, solange ich sage, dass das in geheimen Gesellschaften gesagt worden ist, kann man es ja bezweifeln. Aber wenn man dann darauf hinweist, dass die ganze politische Leitung so verläuft, dass dieser Satz zugrunde liegt, dann steht man mit dem gewöhnlichen gesunden Menschenverstand in der Wirklichkeit drinnen, und darum handelt es sich, dass man Wirklichkeitssinn erwecke.
• Was sich da in Russland entwickelt hat, ist im Grunde genommen nur eine Realisierung desjenigen, was im Westen gewollt ist. Dass heute noch ungeschickte sozialistische Experimente von Nichtengländern gemacht werden, dass sich die Dinge in allerlei Windungen realisieren, das wissen diese Gesellschaften so gut, dass ihnen das nicht besonderen Kopfschmerz macht; denn sie wissen eben: es handelt sich darum, dass man diese Länder zunächst so weit bringt, dass sozialistische Experimente notwendig sind. Erhält man sie dann bei dem Nichtwissen über eine soziale Ordnung, dann macht man die soziale Ordnung bei ihnen, dann macht man sich zum Regierer der sozialistischen Experimente.
• Sie sehen, meine lieben Freunde, in dem Vorenthalten einer gewissen Art von okkultem Wissen, das sehr sorgfältig gerade in diesen Zentren gepflegt wird, liegt eine ungeheure Macht. Und keine Rettung gibt es gegen diese Macht, als indem das Wissen von der anderen Seite erworben wird und entgegengehalten werden kann.
Auf diesem Gebiete redet man nicht von Schuld oder Unschuld; auf diesem Gebiete redet man einfach von Notwendigkeiten, von den Dingen, die da kommen müssen, weil sie jetzt schon in den Untergründen, in der Region der Kräfte, die noch nicht Phänomene sind, aber die schon Kräfte sind und zu Phänomenen werden, wirksam sind.
• Ich brauche wohl kaum zu betonen, meine lieben Freunde, dass ich das, was ich immer ausgesprochen habe: dass das eigentliche Wesen des deutschen Volkstums nicht untergehen kann, festhalte. Dieses eigentliche Wesen des deutschen Volkstums muss sich seinen Weg suchen. Aber eben darum handelt es sich, dass es den Weg finden kann, dass es nicht auf falschen Wegen sucht, nicht auf unwissenden Wegen sucht. Also deuten Sie dasjenige, was ich jetzt sagen werde, nicht etwa in dem Sinne, dass es irgendwie widersprechen würde dem, was ich im Laufe der Jahre gesagt habe, denn die Dinge haben alle zwei Seiten, und das, was ich angedeutet habe, meine lieben Freunde, ist in vieler Beziehung ein Wollen. Es kann ja paralysiert werden, wenn von der anderen Seite auch Kräfte spielen; die aber müssen auf Wissen beruhen, nicht auf dilettantischer Unwissenheit.
• Sehen Sie, meine lieben Freunde, worauf es ankommt, das ist dieses: wenn vom Osten aus – und mit dem Osten meine ich alles dasjenige, was vom Rhein nach Osten liegt, bis nach Asien hinüber –, wenn vom Osten aus kein Widerstand erhoben wird, so wird eben die britische Weltherrschaft sich mit dem Untergange des romanisch-lateinischen Franzosenelementes so entwickeln, wie es in den Intentionen jener Kräfte liegt, die ich heute wiederum und schon öfter als hinter den Instinkten gelegen bezeichnet habe. Hinter den Instinkten liegen sie. Es ist daher wichtig, nicht bloß mit dem heute vielfach den Menschen anerzogenen Denken sich an das zu machen, was Woodrow Wilson sagt, sondern es ist wichtig, dass man mit einem tieferen Wissen erfasst, was selbst in solchen Menschen wie Woodrow Wilson nur an Instinkten zutage tritt, was dann in allerlei Sätzen formuliert die Menschen berückt, was aber doch nur dadurch aus der betreffenden Seele kommt, dass diese Seele in einer gewissen Weise von unterbewussten Kräften besessen ist.
• Um was es sich handelt, ist doch, dass in den ihr Wissen geheimhaltenden Zirkeln des Westens sehr darauf gesehen wird, dass gewisse Dinge sich so herausbilden, dass dieser Westen unter allen Umständen über den Osten die Herrschaft erwirbt. Mögen die Leute heute in ihrem Bewusstsein sagen, was sie wollen – dasjenige, was angestrebt wird, ist, zu begründen eine Herrenkaste des Westens, und eine wirtschaftliche Sklavenkaste des Ostens, die beim Rhein beginnt und weiter nach Osten bis nach Asien hinein geht. Nicht eine Sklavenkaste im alten griechischen Sinne, aber eine ökonomische Sklavenkaste; eine Sklavenkaste, welche sozialistisch organisiert werden soll, welche alle Unmöglichkeiten einer sozialen Struktur aufnehmen soll, die aber dann nicht angewendet werden soll auf die englisch sprechende Bevölkerung. Darum handelt es sich, die englisch sprechende Bevölkerung zu einer Herrenbevölkerung der Erde zu machen.
Zyklus 51, 2.Vortrag, S.4 — GA 186 📄 (1963/1990) S.41
Dornach, 30. November 1918
• Wenn man die Grundeigenschaften des Bolschewismus betrachtet, so muss man sagen: sein erstes Bestreben geht dahin, dasjenige, was wir im Sinne des Marxismus charakterisiert haben als die Bourgeoisie, zu vernichten, aus der Welt zu schaffen. Das ist sozusagen Grundmaxime. Alles, was als Bourgeoistum, als Bourgeoisie heraufgekommen ist im Laufe der geschichtlichen Entwickelung, mit Stumpf und Stiel als der Menschheitsentwickelung nach seiner Ansicht schädlich auszurotten. Dazu sollen ihn verschiedene Wege führen, erstens die Überwindung aller Klassenunterschiede beim Menschen. Auf solche sachliche Überwindung der Klassen- und Ständeunterschiede, wie ich sie Ihnen gestern vorgeführt habe, lässt sich der Bolschewismus nicht ein. Er denkt ja durchaus selber bürgerlich. Und das, was ich Ihnen vorgeführt habe, ist nicht bürgerlich gedacht, sondern ist menschlich gedacht. Er will in seiner Art die Klassenunterschiede, die Ständeunterschiede überwinden. Nun sagt er sich: Die gegenwärtigen Staaten sind aufgebaut in ihrer Struktur von der bürgerlichen Lebensauffassung. Daher müssen die Formen der gegenwärtigen Staaten verschwinden. Es muss alles das, was Anhängsel des Bürgertums ist in den gegenwärtigen Staaten, wie die Polizeiordnung, die Militärordnung, die Justizordnung, alles das muss verschwinden. Was also das Bürgertum zu seiner Sicherheit, zu seiner Rechtsprechung geschaffen hat, das muss verschwinden, mit dem Bürgertum selbst verschwinden. Übergehen muss die gesamte Verwaltung, die gesamte Organisation der sozialen Struktur in die Hände des Proletariats. Dadurch wird der Staat, wie er bis jetzt bestanden hat, absterben, und das Proletariat wird verwalten die gesamte menschliche Struktur, das gesamte gesellschaftliche Zusammenleben. Das kann nicht erreicht werden durch die alten Einrichtungen, die eben das Bürgertum sich geschaffen hat, das kann nicht erreicht werden etwa dadurch, dass man Reichstage oder sonstige Volksvertretungen nach diesem oder jenem Wahlrecht wählt, wie das in der bürgerlichen Lebensauffassung gemacht worden ist; denn würde man solche Vertretungskörper weiter wählen, so würde nur das Bürgertum sich darinnen fortsetzen. Also mit allen solchen Vertretungskörpern, seien sie nach diesem oder jenem Wahlrecht, kommt man nicht zu den Zielen, die da angestrebt werden. Daher handelt es sich darum, dass zunächst wirklich diejenigen Maßregeln Platz greifen, welche aus dem Proletariat selber herauskommen, welche in keinem Bürgerkopfe wachsen können, weil der Bürgerkopf notwendigerweise nur solche Maßregeln treffen kann, die überwunden werden sollen. Daher kann nicht von irgendeiner National- oder Staatsversammlung irgend etwas verwaltet werden, sondern einzig und allein von der Diktatur des Proletariats; das heißt, es muss übergeführt werden die gesamte soziale Struktur in die Diktatur des Proletariats. Nur das Proletariat wird einen Sinn dafür haben, wirklich das Bürgertum aus der Welt zu schaffen. Denn das Bürgertum, wenn es in Vertretungskörpern sitzen würde, würde ja keinen Sinn dafür haben, sich selber aus der Welt zu schaffen, und darauf kommt es an, dass das Bürgertum, dass die Bourgeoisie entrechtet werde. Daher können Einfluss auf die soziale Struktur nur haben diejenigen Menschen, welche im echten Sinne Proletarier sind, das heißt nur diejenigen, welche Arbeit verrichten, die der Allgemeinheit nützen. Kein Recht zu wählen hat daher derjenige im Sinne dieser proletarischen Weltanschauung, welcher in irgendeiner Form sich von anderen Menschen, die er bezahlt, Dienste leisten lässt. Also wer immer Leute anstellt, Leute für sich verdingt, die er bezahlt für ihre Dienste, hat kein Recht, irgendwie teilzunehmen an der sozialen Struktur, hat also auch kein Wahlrecht. Ebensowenig hat ein Wahlrecht derjenige, welcher von den Zinsen etwa seines Vermögens lebt, der also Zinsgenießer ist. Ebensowenig hat ein Recht zu wählen derjenige, der ein Händler ist, der also nicht werktätige Arbeit verrichtet, oder der ein Zwischenhändler ist. Alle diese Menschen also, die von Zinsen leben, die andere Leute anstellen und sie bezahlen, die Händler sind oder Zwischenhändler, können auch nicht Regierungsorgane sein, während die Diktatur des Proletariats waltet. Während dieser Diktatur des Proletariats gibt es keine allgemeine Redefreiheit, keine Versammlungsfreiheit, keine Organisationsfreiheit, sondern allein Versammlungen abhalten, sich organisieren können diejenigen, die werktätige Arbeit verrichten. Allen anderen ist die freie Rede, ist das Versammlungsrecht, ist das Recht, sich in Gesellschaften oder Vereinen zu organisieren, verboten. Ebenso genießen nur diejenigen Menschen Pressefreiheit, welche werktätige Arbeit verrichten. Die Presse der Bourgeoisie wird unterdrückt, wird nicht geduldet.
Dies sind ungefähr solche Maximen, welche leiten sollen – ich möchte sagen – die Übergangszeit. Denn wenn diese Maximen eine Zeitlang – das verspricht sich die proletarische Weltanschauung von ihrem Vorgehen – gewaltet haben, wird eben nur noch werktätige Menschheit da sein. Es wird nur noch Proletariat da sein. Das Bürgertum wird ausgerottet sein.
• Zu diesen Dingen, die in der Hauptsache für die Übergangszeit Bedeutung haben, kommen dann diejenigen Dinge, die dauernde Bedeutung haben. Zu denen gehört zum Beispiel die allgemeine Arbeitspflicht. Jeder Mensch ist verpflichtet, irgend etwas zu arbeiten, welches der Allgemeinheit nützt.
Ein einschneidender Grundsatz, der ebenfalls dauernd gilt, ist die Aufhebung des Privateigentums an Grund und Boden. Größere Güter werden landwirtschaftlichen Kommunen übergeben. Privateigentum an Grund und Boden soll es nach dieser proletarischen Weltanschauung nicht geben. Industrielle Betriebe, Unternehmerbetriebe werden enteignet, gehen über in die Verwaltung der Gesellschaft, werden von der zentralisierten Arbeiterverwaltung verwaltet; an deren Spitze steht dann der oberste Rat für Volkswirtschaft – das ist eben gerade der Bolschewismus in Russland –, Banken werden verstaatlicht, eine allgemeine, das ganze Gemeinwesen umfassende Buchhalterei wird eingerichtet, welche alle Produktion zu umfassen hat. Aller Außenhandel eines Gemeinwesens wird gemeinschaftlich, die Betriebe werden verstaatlicht. –
• Das sind ungefähr die Grundsätze, welche das Ideal von Trotzki, Lenin bilden, und aus denen Sie hervorspringen sehen, ich möchte sagen, die Angelpunkte dessen, was vom modernen Proletariat gewollt wird.
• Meine Lieben Freunde! Damit ist es natürlich nicht getan, dass man sich täglich von seiner Zeitung erzählen lässt, dass so und so viel Bluttaten getan werden durch den Bolschewismus. Wenn man vergleicht die Bluttaten durch den Bolschewismus mit der ungeheuren Anzahl der Bluttaten, die durch diesen Krieg getan worden sind, dann sind die Bluttaten des Bolschewismus selbstverständlich eine Kleinigkeit; sondern darauf kommt es an, zu sehen, was übersehen worden ist, was versäumt worden ist, damit in der Zukunft denkend die Entwickelung der Menschheit verfolgt werde. Man muss doch zuerst seelisch und dann geistig diese Sache, die so innig zusammenhängt mit der ganzen Fortentwickelung der Menschheit, ins Auge fassen. Das soll ja gerade die Aufgabe der Geisteswissenschaft sein, auch diese Dinge wirklich geistig und seelisch ins Auge zu fassen. Die Zeit muss aufhören, wo faule Pastoren- und Pfarrerwirtschaft den Leuten von den Kanzeln theoretisches, mit dem Leben nicht zusammenhängendes Zeug zur sogenannten Erwärmung der Seelen an jedem Sonntag vorgeredet haben. Das dagegen muss beginnen, wo jeder verpflichtet ist, der an dem geistigen Leben teilnehmen will, in das Leben auch hineinzuschauen, mit dem Leben in unmittelbarer Verbindung zu stehen. Das ist nicht zum geringen Teil an dem Unglücke der Gegenwart schuld, dass seit langer Zeit gerade diejenigen, die die religiösen Gefühle der Menschheit verwaltet haben, von ihrem Orte, von ihren Kanzeln herunter Dinge geredet haben, die eigentlich mit gar keinem Leben in irgendeinem Zusammenhange standen, Reden gehalten haben, die nur gehalten worden sind, um den Leuten lahmes Zeug für ihre Herzen oder ihre Seelen zu bieten, das sie angenehm berührt hat, das aber nicht eingegriffen hat in das Leben. Daher ist das Leben geistlos geblieben und ist endlich in das Chaos gekommen. Suchen Sie vieles von den Schulden, die heute bezahlt werden müssen, gerade in der törichten Rederei derjenigen, die die religiösen Gefühle zum Beispiel zu verwalten hatten und die mit dem Leben in gar keinem Zusammenhang standen. Was haben sie erreicht von dem, was zu geschehen hat in dem Zeitalter, in dem eine ganz neue Menschheit in Form des Proletariats sich heraufentwickelt hat, was haben sie erreicht, diese Leute, die unnötiges Zeug von den Kanzeln verkündet haben, solches Zeug, das die Leute nur begehrt haben, weil sie sich hinwegtäuschen wollten durch allerlei Illusionen über die wahren Realitäten des Lebens? Die Zeiten sind ernst, und die Dinge müssen ernst betrachtet werden.
• Das, meine lieben Freunde, was so gesagt wird, dass die Menschen Interesse gewinnen müssen, der einzelne für den andern, das darf nicht nur im Sinne der Gesinnung betrachtet werden, wie es in den Sonntagnachmittagspredigten angegeben wird, sondern das muss so betrachtet werden, wie es tief hineinweist in die soziale Struktur der Gegenwart.
Nehmen Sie einen konkreten Fall. Wie viele Menschen gibt es heute, die eine ganz abstrakte, konfuse Vorstellung von dem Leben, von ihrem eigenen, persönlichen Leben haben! Wenn sie sich zum Beispiel fragen: Wie lebe ich? (sie tun’s ja meistens nicht, aber wenn sie es schon einmal täten), dann sagen sie sich: von meinem Gelde. Unter denen, die sich sagen: von meinem Gelde – sind sehr viele, meine lieben Freunde, die haben dieses Geld zum Beispiel ererbt von ihren Eltern, und glauben nun, sie leben von ihrem Gelde, das sie ererbt von ihren Vätern haben. Aber, meine lieben Freunde, von Geld kann man nicht leben. Geld ist nicht irgend etwas, wovon man leben kann. Da muss erst angefangen werden, nachzudenken. Und diese Frage hängt innig zusammen mit dem wirklichen Interesse, das man von Mensch zu Mensch hat. Wer da glaubt, dass er von dem Gelde, das er ererbt hat z.B., oder das er auf irgendeine andere Weise bekommen hat, außer, wie es heute der Fall ist, dass man Geld durch Arbeit bekommt, wer so lebt und glaubt, dass er vom Gelde leben kann, der hat kein Interesse für seine Mitmenschen, weil vom Gelde niemand leben kann. Der Mensch muss essen, und was gegessen wird, das muss von irgendwelchen Menschen erarbeitet werden.
• Der Mensch muss sich kleiden. Dasjenige, was er anzieht, müssen Leute arbeiten. Damit ich einen Rock anziehen kann oder ein Beinkleid, müssen Menschen stundenlang ihre Arbeitskraft verwenden, das zustande zu bringen. Die arbeiten für mich. Davon lebe ich, nicht von meinem Gelde. Mein Geld hat keinen andern Wert, als dass es mir die Macht gibt, des andern Arbeit zu benützen. Und so wie die sozialen Verhältnisse heute liegen, fängt man erst an, Interesse für seine Mitmenschen zu haben, wenn man sich die Frage in der entsprechenden Weise beantwortet, wenn man sieht im Geiste: soundso viele Menschen müssen soundso viele Stunden arbeiten, damit ich in der sozialen Struktur drinnen leben kann. Nicht darum handelt es sich, dass man sich selber wohltut, indem man sich sagt: ich liebe die Menschen. Man liebt nicht die Menschen, wenn man glaubt, man lebe von seinem Gelde, und sich nicht im geringsten vorstellt, wie die Menschen für einen arbeiten, damit man nur des Lebens Minimum überhaupt hat.
• Aber dieser Gedanke, meine lieben Freunde, soundso viel Leute arbeiten, damit man des Lebens Minimum hat, der ist ja untrennbar von einem anderen Gedanken; der ist ja untrennbar von dem Gedanken, dass man das wiederum der Sozietät zurückgeben muss, nicht durch Geld, sondern wiederum durch Arbeit zurückgeben muss, was für einen gearbeitet wird. Und erst, wenn man das Interresse hat für seine Mitmenschen, dass man sich verpflichtet fühlt, das Quantum von Arbeit, das für einen geleistet wird, auch wiederum zurückzuarbeiten in irgendeiner Form, erst dann hat man Interesse für seine Mitmenschen. Dass man seinen Mitmenschen sein Geld gibt, das bedeutet nur, dass man die Mitmenschen am Gängelbande, am Sklavenbande führen kann, sie zwingen kann, dass sie für einen arbeiten.
Ich frage Sie, meine lieben Freunde, können Sie aus Ihrer Erfahrung sich nicht selbst die Antwort geben auf die Frage: wie viele Menschen bedenken, dass Geld nur eine Anweisung auf menschliche Arbeitskraft, dass Geld nur ein Machtmittel ist? Wie viele Menschen sehen im Geiste, dass sie gar nicht da sein könnten in dieser physischen Welt, ohne dass sie der Arbeit der anderen Menschen das, was sie selbst beanspruchen für ihr Leben, verdanken? Sich verschuldet fühlen der Gesellschaft, in der man drinnen lebt, das ist der Beginn jenes Interesses, das verlangt werden muss für eine gesunde soziale Gestaltung.
• Diese Dinge muss man sich schon einmal überlegen, sonst steigt man in ungesunder Weise in spirituelle Abstraktionen auf und nicht in einer gesunden Weise von der physischen Wirklichkeit zur geistigen Wirklichkeit. Der Mangel an Interesse für die soziale Struktur, der charakterisiert gerade die letzten Jahrhunderte. Denn in den letzten Jahrhunderten hat sich allmählich als menschliche Gewohnheit herausgebildet, dass die Menschen eigentlich nur für ihre eigene werte Persönlichkeit in bezug auf soziale Impulse Interesse entwickeln. Mehr oder weniger war alles auf Umwegen nur für ihre eigene Persönlichkeit. Gesundes soziales Leben ist nur möglich, wenn dieses Interesse für die eigene werte Persönlichkeit erweitert wird zum wirklichen sozialen Interesse. Und in dieser Beziehung darf schon die Bourgeoisie fragen: Was hat sie versäumt? – Man bedenke einmal folgendes, meine lieben Freunde: Es gibt eine geistige Kultur, es gibt Kulturwerke – ich will eine Sache herausgreifen – es gibt Kunstwerke. Ja, meine lieben Freunde, fragen Sie sich: Wie vielen Menschen sind diese Kunstwerke zugänglich? Oder fragen Sie sich besser: Wie vielen Menschen sind diese Kunstwerke ganz und gar nicht zugänglich? Für wie viele Menschen sind sie ganz und gar nicht da, diese Kunstwerke! Aber rechnen Sie sich nun aus, wie viele Menschen arbeiten müssen, damit diese Kunstwerke da sein können. Irgendein Kunstwerk ist in Rom. Irgendein Bourgeois kann nach Rom fahren. Zählen Sie sich bloß zusammen, wieviel gearbeitet werden muss von den Schaffenden etc., etc., etc. – das „etc.“ hört gar nicht auf –, damit dieser Bourgeois nach Rom fahren und etwas ansehen kann, was für ihn da ist, weil er Bourgeois ist, was für alle diejenigen Leute nicht da ist, die jetzt anfangen, ihre proletarische Lebensauffassung geltend zu machen. Das hat sich gerade innerhalb der Bourgeoisie herausgebildet, dass der Genuss wie als etwas Selbstverständliches angesehen wird. Aber der Genuss sollte eigentlich gar niemals wie etwas Selbstverständliches angesehen werden. Man sollte geradezu als eine soziale Sünde ansehen, irgend etwas zu genießen, ohne das Äquivalent dafür der Allgemeinheit zurückzugeben in der Form, in der man es kann, aber in irgendeiner Form. Nichts sollte ungenützt bleiben für die Allgemeinheit. In der Natur- und Geistesordnung liegt es nicht, meine lieben Freunde, dass irgend etwas der Allgemeinheit vorenthalten werden soll. Zeit und Raum sind nur künstliche Hindernisse, sind aber nicht wirkliche Hindernisse. Das ist doch nur ein Anhängsel der Bourgeois-Weltanschauung, dass die Sixtinische Madonna immer unausgesetzt in Dresden hängt und nur von denjenigen Leuten gesehen werden kann, die nach Dresden kommen können; denn sie ist beweglich, sie kann in der ganzen Welt herumgebracht werden. Und gesorgt werden kann dafür – ich greife nur eines als Beispiel heraus –, dass dasjenige, was der eine genießt, auch der andere genießen kann.
• Ich greife ein Beispiel heraus, aber ich wähle immer solche Beispiele, die für alles andere eben Beispiele sind, das heißt, die die andern Dinge auch durchaus erklären. Sie sehen, meine lieben Freunde, man braucht nur solche Töne anzuschlagen, dann rührt man an eine ganze Fülle von Dingen, über die die Leute eigentlich gar nicht weiter nachgedacht haben, sondern die sie als etwas Selbstverständliches hingenommen haben. Selbst in unserem Kreise, meine lieben Freunde, wo die Dinge so nahe liegen, wird nicht immer bedacht, dass jedes, was man aufnimmt, bedingt, dass man ein Äquivalent an die Sozietät dafür abgibt, dass man nicht bloß genießt.
• Nun, meine lieben Freunde, werden Sie eine Frage herausspringen sehen aus alledem, was ich jetzt aus einzelnen Beispielen, die nicht verhundertfacht, sondern vertausendfacht werden könnten, angeführt habe, die Frage: Ja, wie kann denn das anders werden, wenn das Geld eigentlich nur ein Machtmittel ist? – Das liegt schon beantwortet in jenem sozialen Urgrundsatz, den ich Ihnen letzte Woche hier angeführt habe; denn das ist das Eigentümliche desjenigen, was ich Ihnen als eine Art Sozialwissenschaft, die aus der geistigen Welt heraus geschöpft ist, angeführt habe, dass sie so sicher ist wie die Mathematik. Bei diesen Dingen, die ich angeführt habe, handelt es sich nicht darum, dass irgend jemand nun ins praktische Leben hineinschauen und sagen kann: Na, wir müssen erst nachsehen, ob die Dinge so richtig sind. Nein, die Dinge, die ich Ihnen als eine soziale Wissenschaft aus der Geisteswissenschaft heraus angeführt habe, die sind ungefähr so wie der pythagoräische Lehrsatz. Wenn Sie den pythagoräischen Lehrsatz nehmen, wenn Sie wissen, dass der Inhalt des Quadrats der Hypotenuse gleich ist der Summe der Quadrate der beiden Katheten, so kann es keine Erfahrung, die dem widerspricht, geben, sondern Sie müssen überall diesen Grundsatz anwenden. So ist es mit dem Grundsatz, den ich Ihnen als den Grundsatz der sozialen Wissenschaft und des sozialen Lebens angeführt habe. Alles, was so der Mensch erwirbt, dass er es für seine Arbeit im sozialen Zusammenhange erhält, das wird zum Unheil. Heilsamkeit erfolgt nur im sozialen Zusammenhange, wenn der Mensch nicht von seiner Arbeit, sondern aus anderen Quellen der Sozietät sein Leben zu fristen hat. Scheinbar widerspricht das dem, was ich soeben gesagt habe, aber eben nur scheinbar. Das gerade wird die Arbeit wertvoll machen, dass sie nicht mehr entlohnt wird. Denn worauf hingearbeitet werden muss, selbstverständlich vernünftig, nicht bolschewistisch, das ist: die Arbeit zu trennen von der Beschaffung der Existenzmittel. Das habe ich ja neulich ausgeführt. Wenn jemand nicht mehr für seine Arbeit entlohnt wird, dann verliert das Geld als Machtmittel für die Arbeit seinen Wert. Es gibt kein anderes Mittel für jenen Missbrauch, der getrieben wird mit dem bloßen Gelde, als wenn überhaupt die soziale Struktur so geschaffen wird, dass niemand für seine Arbeit entlohnt werden kann, dass die Beschaffung der Existenzmittel von ganz anderer Seite her bewirkt wird. Dann können Sie natürlich nirgends mit dem Gelde erreichen, dass jemand in die Arbeit gezwungen werden kann durch das Geld.
• Die meisten von den Fragen, die jetzt auftauchen, tauchen eben so auf, dass sie konfus werden. Sollen sie in die Klarheit gehoben werden, so kann das nur durch die Geisteswissenschaft geschehen. Geld darf in der Zukunft kein Äquivalent sein für menschliche Arbeitskraft, sondern nur für tote Ware. Nur tote Wäre wird man in Zukunft bekommen für Geld, nicht menschliche Arbeitskraft.
Das ist von ungeheurer Wichtigkeit, meine lieben Freunde. Und jetzt bedenken Sie einmal, dass gerade aus der proletarischen Weltanschauung das herausspringt in der verschiedensten Gestalt, dass Arbeitskraft eine Ware ist. Das ist ja einer der Grundsätze des Marxismus, einer derjenigen Grundsätze, mit denen er am meisten Proselyten gemacht hat unter den Proletariern, dass Arbeitskraft im modernen Industrialismus in erster Linie zu einer Ware geworden ist.
Da sehen Sie, dass von einer ganz anderen Ecke konfus und verworren eine Forderung auftaucht, die allerdings erfüllt werden muss, aber von ganz anderer Seite her erfüllt werden muss. Und das ist das Eigentümliche bei den sozialen Forderungen der Gegenwart, dass sie, insoferne sie instinktiv auftreten, aus durchaus richtigen und gesunden Instinkten hervorgehen, nur, dass sie auftauchen aus einer chaotischen sozialen Struktur und daher konfus auftauchen und daher auch zu Konfusionen führen. So ist es auf vielen Gebieten, meine lieben Freunde. Deshalb ist es so notwendig, wirklich eine geisteswissenschaftliche soziale Weltanschauung zu erfassen, weil die allein das wirkliche Heil bringen kann.
• Nun werden Sie fragen: Ja, aber wird denn das eine Änderung hervorrufen? Wenn zum Beispiel einer ein bloßer Erbe ist, dann wird er ja auch sich weiter Ware kaufen für das Geld, das er hat oder ererbte, und in den Waren steckt ja schon die Arbeitskraft der andern Leute. Also das ändert sich nicht, werden Sie sagen. Ja, wenn Sie so abstrakt denken, so ändert sich nichts. Aber wenn Sie hineinschauen würden in die ganze Wirkung dessen, was da geschieht, wenn abgesondert wird die Beschaffung der Existenzmittel von der Arbeit, so werden Sie anders urteilen. Denn in der Wirklichkeit ist es nicht so, dass man bloß abstrakte Konsequenzen zieht, sondern da haben die Dinge auch ihre realen Wirkungen. Wenn es wirklich so sein wird, dass die Existenzmittelbeschaffung abgetrennt wird von der Arbeitsleistung, dann, meine lieben Freunde, gibt es nämlich keine Erbschaften mehr. Das bewirkt eine solche Änderung der Struktur, dass man kein Geld hat anders als zur Warenbeschaffung. Denn wenn eine Sache real gedacht wird, so hat sie nämlich allerlei Wirkungen. Unter anderem hat sie eine sehr eigentümliche Wirkung, diese Trennung der Beschaffung der Existenzmittel von der Arbeit. Ja, meine lieben Freunde, wenn man von Realitäten spricht, so kann man nicht so sprechen, dass Sie dann vielleicht sagen: Ja, das sehe ich nicht ein. Da können Sie auch sagen: Ich sehe nicht ein, warum Morphium schlaferzeugend ist. Das folgt Ihnen auch nicht aus einem bloßen Begriffszusammenhange. Das zeigt sich Ihnen nur, wenn Sie die Wirkungen verfolgen.
• Es gibt heute etwas höchst Unnatürliches in der sozialen Ordnung. Das besteht darin, dass Geld sich vermehrt, wenn man’s bloß hat. Man legt es auf eine Bank und bekommt Zins. Das ist das Unnatürlichste, was es geben kann. Es ist eigentlich ein bloßer Unsinn. Man tut gar nichts; man legt sein Geld auf die Bank, das man vielleicht auch nicht erarbeitet, sondern ererbt hat, und bekommt Zinsen dafür. Das ist ein völliger Unsinn. Die Notwendigkeit wird aber eintreten, wenn die Existenzmittelbeschaffung getrennt sein wird von der Arbeit, dass Geld verwendet wird, wenn es da ist, wenn es erzeugt wird als Äquivalent der Waren, die da sind; es muss verwendet werden, es muss zirkulieren; denn die reale Wirkung wird eintreten, dass Geld sich nicht vermehrt, sondern dass es sich vermindert. Wenn heute einer eine bestimmte Summe Vermögen hat, so hat er in ungefähr vierzehn Jahren bei einer normalen Verzinsung fast das Doppelte, er hat nichts getan, hat nur gewartet. Wenn Sie sich so denken die Umänderung der sozialen Struktur, wie sie unter dem Einfluss dieses einen Grundsatzes, den ich Ihnen angeführt habe, geschehen muss, so vermehrt sich das Geld nicht, sondern vermindert sich, und nach einer bestimmten Anzahl von Jahren hat der Geldschein, den ich eben vor diesen Jahren erworben habe, keinen Wert mehr; er ist entwertet, er hört auf, einen Wert zu haben.
• Ja, meine lieben Freunde, ich weiß, es wird das zuweilen so empfunden, wenn man das in der Gegenwart noch ausspricht, als ob einen gewisse Tiere juckten – wenn ich den Vergleich gebrauchen darf –, ich weiß das, ich würde den Vergleich nicht gebraucht haben, wenn ich nicht die merkwürdigen Bewegungen im Auditorium wahrgenommen hätte. Aber weil das so ist heute, dass man die Sache so empfindet, als wenn einen gewisse Tiere juckten, daher der Bolschewismus. Suchen Sie nur die richtigen Gründe. Da liegen die richtigen Gründe! Und Sie schaffen das, was da heraufkommt, gar nicht aus der Welt anders, als dass Sie auf die Wahrheit wirklich eingehen wollen. Da nützt nichts, dass die Wahrheit unangenehm ist. Und das wird zur Erziehung der Menschheit der Gegenwart und der nächsten Zukunft im wesentlichen gehören, dass man nicht mehr glauben wird, dass Wahrheiten nach subjektivem Ermessen, nach subjektiven Sympathien und Antipathien sich regen dürfen. Dazu kann aber Geisteswissenschaft schon sorgen, wenn sie mit dem gesunden Menschenverstand aufgefasst wird. Denn die Sache lässt sich auch geistig betrachten. Mit der vagen Redensart, die ich auch schon gehört habe, selbst von Anthroposophen, die Geld in die Hand nehmen und sagen: das ist Ahriman – mit dieser vagen Redensart, meine lieben Freunde, ist nichts getan. Geld bedeutet ein Äquivalent für Ware und Arbeitskraft heute. Es ist eine Anweisung auf etwas, was geschieht. Geht man über von der bloßen Abstraktion zur Wirklichkeit, überlegt man sich, wenn man hier zehn Hundertmarkscheine hat, und man bezahlt sie jemandem, dass man mit diesen zehn Hundertmarkscheinen soundso vieler Leute Arbeit als Äquivalent von Hand zu Hand gehen lässt, dass in diesen Scheinen die Macht liegt, dass soundso viele Leute arbeiten, dann steht man schon im Leben drinnen; dann steht man im Leben mit allen seinen Verzweigungen und Impulsen drinnen, und dann wird man nicht mehr an der bloßen Abstraktion, an der gedankenlosen Abstraktion des Geldzahlens haltmachen, sondern man wird sich fragen: Was bedeutet das, dass ich zehn Hundertmarkscheine von Hand zu Hand gehen lasse, die aufrufen, dass soundso viele Menschen, die Kopf und Herz und Sinn haben, arbeiten müssen? Was bedeutet das?
• Antwort auf eine solche Frage gibt letzten Endes eine geistige Betrachtung der Sache. Nehmen wir den extremsten Fall, meine lieben Freunde. Nehmen wir an, jemand hat, ohne dass er sich selbst für die Menschheit anstrengt, Geld. Es gibt ja den Fall. Ich will diesen extremen Fall betrachten; jemand hat, ohne dass er sich für die Menschheit anstrengt, Geld. Er kauft sich für das Geld etwas. Er ist sogar in der Lage, sich ein ganz angenehmes Leben zu zimmern dadurch, dass er dieses Geld hat, welches Anweisung auf menschliche Arbeitskraft ist. Schön. Dieser Mensch braucht ja kein schlechter Mensch zu sein, kann ein ganz guter Mensch sein, kann sogar ein sehr strebsamer Mensch sein. Die soziale Struktur durchschaut man ja oftmals nicht. Man hat nicht das Interesse an seinen Mitmenschen, das heißt, an der wirklichen sozialen Struktur. Man denkt, man liebt schon die Menschen, wenn man sich für sein ererbtes Geld zum Beispiel irgend etwas kauft, oder wenn man es selbst schenkt. Wenn man es schenkt, tut man ja auch gar nichts anderes, als dass man für denjenigen, dem man das Geld schenkt, soundso viele Leute arbeiten lässt. Es ist nur ein Machtmittel. Dadurch, dass es Anweisung auf Arbeitskraft ist, ist es ein Machtmittel.
• Aber, meine lieben Freunde, das ist ja so geworden, das hat sich so herausgebildet. Und das ist das Spiegelbild von etwas anderem. Das ist das Spiegelbild von dem, was ich im vorigen Vortrag erwähnt habe. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, dass der Jahve-Gott die Welt dadurch für eine gewisse Zeit beherrscht hat, dass er die anderen Elohim aus dem Felde geschlagen hat, dass er sich nun nicht mehr retten kann vor den Geistern, die er dadurch wachgerufen hat. Er hat seine Genossen, seine anderen sechs Elohim aus dem Felde geschlagen. Dadurch ist nur dasjenige, was der Mensch schon im Embryo erlebt, herrschend geworden im menschlichen Bewusstsein. Die sechs anderen Kräfte, die der Mensch nicht im Embryo erlebt, die sind dadurch unwirksam geworden, sind dadurch unter den Einfluss niederer geistiger Wesen gekommen. Und in den vierziger Jahren, sagte ich Ihnen, konnte Jahve sich nicht mehr retten. Da brach, weil mit der Jahve-Weisheit, die im Embryonalen erworben wird, nur die Vorsehung der äußeren Natur begriffen werden kann, brach die bloße atheistische Naturwissenschaft herein. Das Spiegelbild davon, meine lieben Freunde, ist die Zirkulation des Geldes, ohne dass mit dem Gelde Ware zirkuliert, dass das Geld einfach von einem Menschen auf den andern übergeht, ohne dass Ware zirkuliert. Denn mag der Mensch noch so sehr sich bestreben auf irgendeinem Gebiete: in dem, was Geld als Geld scheinbar produziert, lebt die ahrimanische Kraft. Sie können nicht erben, ohne dass soundso viel ahrimanische Kraft mit dem Gelde übergeht. Es gibt keine andere Möglichkeit, Geld in heilsamer Weise innerhalb der sozialen Struktur zu haben, als, es christlich zu haben, das heißt, zu erwerben so, dass man mit dem, was man zwischen Geburt und Tod entwickelt, das Geld erwirbt. Also nicht darf die Art, wie man das Geld bekommt, ein Spiegelbild sein desjenigen, was jahvistisch ist, dass wir geboren werden, das heißt, aus einem Embryo ins äußere Leben übergehen. Davon ist das Spiegelbild – sagen wir –, dass wir Geld erben. Die Eigenschaften, die wir mit dem Blute erben, sind durch die Natur ererbt. Das Geld, das wir erben und nicht erwerben, wäre ein Spiegelbild davon.
• Dadurch, meine lieben Freunde, dass das christliche Bewusstsein noch nicht Platz gegriffen hat, dass eigentlich noch immer mit der alten Jahve-Weisheit oder mit ihrem Gespenst, dem romanischen Staatsdenken, die soziale Struktur bewirkt wird, dadurch sind alle die Dinge hereingekommen, welche das heutige Unheil von der einen Seite her bewirkt haben.
Ich sagte: Man darf die Sache nicht so abstrakt betrachten, wenn Geld Geld hervorbringt, sondern man muss sie in ihrer Wirklichkeit betrachten. Jedesmal, wenn Geld Geld hervorbringt, ist dies etwas, was nur auf dem physischen Plan hier vorgeht, während dasjenige, was der Mensch ist, immer zusammenhängt mit der geistigen Welt.
Was tun Sie also, wenn Sie selbst nicht arbeiten, aber Geld haben und dieses Geld hingeben und der andere Mensch dafür arbeiten muss? Dann muss der Mensch das zu Markte tragen, was sein himmlischer Anteil ist, und Sie geben ihm nur Irdisches, Sie bezahlen mit nur Irdischem, mit rein Ahrimanischem. Sehen Sie, das ist die geistige Seite der Sache. Und wo Ahriman im Spiel ist, kann nur Untergang entstehen.
• Auch das ist wieder eine unangenehme Wahrheit; aber es hilft nichts, meine lieben Freunde, wenn sich etwa jemand sagt: Na, ich bin ja sonst ein anständiger Kerl oder eine anständige Kerlin, also tu’ ich doch nichts Unrechtes, wenn ich von meiner Rente dies oder jenes bezahle. – Sie tun tatsächlich doch das, dass Sie Ahriman für Gott geben. Dazu ist man gewiss in der gegenwärtigen sozialen Struktur vielfach gezwungen. Aber man soll nicht Vogel-Strauß-Politik spielen und die Sache sich verdecken, sondern man soll der Wahrheit ins Auge schauen. Denn davon hängt es gerade ab, was die Zukunft bringen soll, dass man der Wahrheit ins Auge schaut. Vieles von dem, was so katastrophal über die Menschheit hereingebrochen ist, ist eben dadurch hereingebrochen, dass die Leute die Augen und die Seelenaugen zugedrückt haben vor der Wahrheit, dass sie sich abstrakte Begriffe für Recht und Unrecht gezimmert haben und nicht auf das Wirkliche, Konkrete eingehen wollen.
Zyklus D, 5.Vortrag, S.112 — GA 185a 📄 (1963/2004), S.132
Dornach 17. November 1918
• Karl Marx knüpfte in echt Hegelscher Weise an die Dialektik an. Er sagte: Wir wollen als Proletarier gar nichts, was wir erfinden, sondern was uns die Entwickelung selber lehrt; wir wollen bloß etwas das Rad ins Rollen bringen, dass es bewusst weiterrollt. All das würde schon von selber kommen, all dasjenige, was wir wollen, indem sich das Unternehmertum immer mehr und mehr in Gesellschaften, in Trusts und so weiter zusammentut. Indem es die staatlichen Impulse in seinen Dienst stellt, sorgt das Unternehmertum schon dafür, dass es sich immer mehr und mehr als eine Klasse absondert von der Klasse des Proletariats, dass die Besitzenden und Besitzlosen immer schroffer einander gegenüberstehen, aber so, dass das alles immer mehr und mehr uniformiert wird, dass immer weniger einzelne Besitzende da sind, sondern immer größere Gesellschaften von Besitzenden, die notwendigerweise auch gerade in dieser Weise vom Proletariat hervorgerufen würden; der Besitz organisiert sich. Kampfstimmung war vor allen Dingen das, was im Proletariat aufdämmerte aus der marxistischen Dialektik, aus der marxistischen Wissenschaft. Und diese Kampfstimmung lebte seit Jahrzehnten in dem Gegensatze zwischen dem Proletariat, das über alle nationalen, über alle sonstigen Grenzen hin sich bloß als Proletariat fühlte, und zwischen dem Unternehmertum, das sich immer mehr und mehr auch vergesellschaftete und endlich auswuchs in dem Imperialismus. So dass nach und nach das moderne Leben die alte politische Form immer mehr und mehr verlor und dasjenige, wovon man konfuserweise sich noch die Illusion machte, dass es alte Staatsgebilde seien, zu den neuen Imperialismen wurde, die eigentlich nichts anderes sind als die Verkörperung desjenigen, was dem Proletariat gegenübersteht als das Unternehmertum. Und im eminentesten Sinne gehört zu solchen Imperialismen dasjenige, was sich einbildet, ein altes politisches Gebilde zu sein, was aber nach und nach ganz und gar nur eine Unternehmerveranstaltung geworden ist: das Britische Reich; dazu gehören die Vereinigten Staaten. Sie können das in älteren Schriften und Vorträgen von Wilson nachlesen, der ja das alles bewiesen hat, dass es so ist in Wirklichkeit, der in diesem Gebiete in bezug auf das Sehen in diesem Gebiete wirklich ein einsichtiger Mann ist.
Also das ist dasjenige, meine lieben Freunde, was – man könnte sagen – eigentlich zugrunde liegt diesem Kriege, sogenannten Kriege; das ist es, was lauerte, und was sich maskiert hat in dem sogenannten Gegensatze der Zentralmächte und der Entente. Das hat sich seit Jahrzehnten herausgebildet. Das musste zum Ausdruck kommen. Immer mehr und mehr wird der Kampf die Form annehmen, in dieser Maske den Gegensatz, der sich in dem Millionen-Proletariat vorgebildet hat, zum Ausdruck zu bringen. Staat heißen in dem Sinne, wie die westlichen Staaten „Staaten“ bleiben wollen, Staat heißen wird man nur können, wenn man in irgendeiner Weise den Staat benützt als Rahmen für Unternehmerbestrebungen, Kapitalistenbestrebungen. Und Gegner, Gegnerschaft wird sich herausbilden da, wo das Bewusstsein des Proletariats überwiegt. Das gloste – wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf (gloste, glimmte, sengte: was nicht ganz glimmt, das glost) –, glomm unter dem, was sich als eine große Lüge, als die Lüge des sogenannten Weltkriegs über die Welt hin erstreckte; das benützte all dasjenige, was nun phrasenhaft hineinklang von Freiheit der Nationen, Selbstbestimmungsrecht jeder Nation. Freiheit der Nationen klingt ja schöner, als wenn man sagt: Wir brauchen im Osten von Europa ein Absatzgebiet, denn wo Produktion ist, da muss Konsumtion sein. Man sagt es vielleicht nur dann, wenn man einer ganz geheimen Loge angehört, die von den hinteren Machtgefilden aus die ganze Situation beherrscht. An der Außenseite verbrämt man die ganze Sache mit schönklingenden Phrasen, putzt sie dadurch auf, dass man möglichst Worte prägt, über die sich die Leute entrüsten können, von allen möglichen ungeheuerlichen Taten und so weiter. Dasjenige, was als Wahrheit hinter den Dingen ist, das wird sich den Menschen schon zeigen; das wird sich eben zeigen, dass herausspringt aus der Summe von Unwahrhaftigkeit dasjenige, was dahinter sitzt und was nur geheilt werden kann durch ein so tiefes Verständnis der Wirklichkeit, wie es einzig und allein der Geisteswissenschaft möglich sein kann.
• Denn, meine lieben Freunde, dasjenige, was sich in der alten Art, sei es bewusst oder unbewusst, organisiert hat, und was sich aus dem Geistigen heraus in neuer Art organisiert, das nimmt ja in einer eigentümlichen Weise an dem Prozess teil. Wir leben im Zeitalter der Bewusstseinsseele. Durch die Bewusstseinsseele wird vorzugsweise in alledem, was sich als Britische Reichsgemeinschaft in der englischsprechenden Bevölkerung zusammenschließt, gewirkt. Sie wissen, ich habe das zu anderer Zeit ausführlich entwickelt; das ist also das hauptsächlich Zeitgemäße. Aber dieses Zeitgemäße, das muss sich kleiden eigentlich in Unternehmertum, in Imperialismus. Das muss Weltherrschaft werden in bezug auf das äußere Materielle. Wird das nun mit solchen Mitteln geführt, wie ich sie auch auseinandergesetzt habe hier in den Weihnachtsvorträgen 1916, dann muss eben das herauskommen, was bisher herausgekommen ist, was weiterhin herauskommen wird. Das ist dasjenige, was trotzdem der eigentliche treibende Motor ist hinter den Kulissen der Geschichte, das andere ist etwas, wovon man gut reden kann. Aber die Ausbreitung der Weltherrschaft, und zwar der materialistischen, der materiellen Weltherrschaft, das ist dasjenige, was entweder von der einen Seite gefördert wird, von der anderen Seite bäumen sich die Leute dagegen auf. Das ist, was da eigentlich läuft; alles andere sind Bekleidungsstücke. Denn dasjenige, was sich in einer anderen Ordnung gebildet hat, was weniger zeitgemäß sich in den Entwickelungsprozess der Menschheit hineinstellt, das muss auch in anderer Weise seine Entwickelung finden. So kommt es, dass das romanische Element, als dessen vorzüglichste Träger – wenn wir vom Spanischen, das korrupt ist, absehen – wir das Italienische und das Französische sehen, dass sich das romanische Element, welches aus ganz anderen Voraussetzungen, durch Erbschaft aus der früheren Kulturperiode, aus der 4. nachatlantischen Kulturperiode in die 5. sich erhalten hat, dass dieses romanische Element gerade durch die Siege, die es jetzt erfochten hat, in die Dekadenz, in seinen Untergang kommen wird. Das können Sie aber auch aus gewissen Dingen entnehmen, die Ihnen gerade zeigen können, wie Geisteswissenschaft der Wirklichkeit entnommen ist. Sehen Sie, meine lieben Freunde, ich habe Ihnen ausgeführt, was französisches Zusammenschließen ist in staatlicher Form. Ich rede selbstverständlich nicht von den einzelnen Franzosen, sondern von dem Franzosen, der sich als Franzose fühlt, insoferne er dem Staate Frankreich angehört, jenem Staate Frankreich, der Wert darauf legt, Elsass-Lothringen zu besitzen usw. usw. Das ist ein großer Unterschied; nichts richtet sich gegen den einzelnen Menschen, was gesagt wird, es richtet sich überhaupt nicht, sondern charakterisiert nur – aber es richtet sich darauf, insoferne der Mensch Angehöriger dieser oder jener Gruppe ist, was einen ja immer schlechter macht. Also bedenken Sie, meine lieben Freunde, dass wir in einer dreifachen Entwickelung drinnenstehen. Das Französische ist insbesondere da, um auf der Stufe, in der es jetzt möglich ist, auszubilden, was wir Verstandes- oder Gemütsseele nennen (darüber haben wir schon gesprochen). Diese Verstandes- oder Gemütsseele fällt in ihrer besonderen Entwickelung in die Jahre des Menschen von 28 bis 35 (wie Sie wissen: astralischer Leib bis zum 21.Jahre, Empfindungsseele bis zum 28. Jahre, Verstandes- oder Gemütsseele bis zum 35. Jahre; vom 35. bis 42. Bewusstseinsseele, dann kommt das Geistselbst).
• Nun aber laufen ja Entwickelungsströmungen durcheinander. Sie wissen, der einzelne Mensch als Einzelmensch ist heute in der Entwickelung der Bewusstseinsseele begriffen, das heißt, er wird eigentlich nur so recht erst in die Kräfte eingeführt, die ihm sein Zeitalter geben kann, wenn er über’s 35. Jahr hinaus lebt; vorher muss er das lernen, muss erzogen werden darinnen, aber niemals kann man selbst das nur lernen, was das Zeitalter gibt, wenn man über das 35. Jahr hinaus lebt. Das ist unangenehm für diejenigen, die das Wahlalter hinausschieben wollen, aber es ist eben eine Entwickelungstatsache. So dass man sagen kann: Diese Entwickelung ist besonders günstig der Teilnahme von 35 bis 42 Jahren. Da entwickeln sich für dasjenige, was am allerzeitgemäßesten im Zeitalter der Bewusstseinsseele ist, die Kräfte, die so recht konsolidieren können. Das könnte natürlich dazu führen, dass ein Verständnis dafür vorhanden ist, nicht wahr, wie gerade von 35- bis 42-jährigen englischsprechenden Männern und Frauen die Konsolidierung desjenigen ausgehen kann, was das britische Weltreich innerlich groß macht (– wenn auch Lloyd George ein 27jähriger geblieben ist, aber Lloyd George ist dafür kein typischer Mensch, sondern ein typischer Mensch für die Menschheit der Gegenwart, nicht für das Britentum).
• Dagegen die Gesamt-Menschheit, die entwickelt sich so, dass die Menschen bei ihrem immer Jünger- und Jüngerwerden gegenwärtig gerade dabei stehen, den Zeitraum vom 21. bis 28. Jahre zu entwickeln, die Empfindungsseele. Diese zwei Strömungen laufen nun in der Vorwärtsentwickelung der Menschheit. Sie sehen, da bleibt der Zeitraum vom 28. bis 35. Jahre brach, unfruchtbar. Der aber ist gerade zugewiesen der französischen Entwickelung: 28. bis 35. Jahr. Das drückt sich so stark aus, was Sie da geisteswissenschaftlich erforschen können, dass sogar die Unfruchtbarkeit der französischen Bevölkerung darinnen ausgesprochen ist, die physische Unfruchtbarkeit. Das ist zu gleicher Zeit der perspektivische Hinweis auf dasjenige, was sich sonst in zahlreichen okkulten Forschungen darstellen ließe: dass das französische Volk nicht weiterhin in der Lage ist, aufrechtzuerhalten aus den Wirrnissen heraus dasjenige, was die Erbschaft des Romanismus ist. Nur das, was zufließt dem Italienertum aus dem Umstande, dass das Italienerturn sich gerade in der Entwickelung der Empfindungsseele, 21. bis 28. Jahr, befindet, gerade durch diese Auffrischung fällt dem Italienischen zu die Übernahme der Hegemonie der romanischen Völker, soweit sie noch eine Aufgabe haben in der zukünftigen Zeit. Das ist so besonders wichtig, dass man sich im europäischen Prozess solche großen Dinge vor Augen führt; dass man also weiß zum Beispiel, dass etwas, was aus ganz anderen als Gegenwartsimpulsen hervorgegangen ist, wie die Nachwirkung des Romanismus in der europäischen Kultur, ja allerdings in der Dekadenz ist, dass aber zunächst in die Hegemonie das italienische Volk kommt.
• Vielleicht weist mir jemand nicht das Recht zu, über diese Tragik zu sprechen. Das ist aber auch dasjenige, was man mit einer gewissen Tragik aussprechen kann: dass weder nach der einen Seite, noch nach der anderen Seite hin die Franzosen für die französische Sache sich eingesetzt haben, sondern alles mögliche aufgebracht haben, um dasjenige zu fördern, was das französische Wesen aus dem Entwickelungsprozesse der neueren Menschheit verschwinden machen wird.
Zyklus 51, 1.Vortrag, S.4 — GA 186 📄 (1963/1990), S.12
Dornach, 29. November 1918
• Darum handelt es sich gerade, dass der Fortgang von der alten Zeit zur neuen Zeit notwendig macht, den Menschen als Menschen in der Welt hingestellt zu sehen. Nicht anders bekommen wir die Möglichkeit eines Verständnisses dessen, was unsere Zeit fordert, als dadurch, dass wir uns in die Lage versetzen, den Menschen wirklich als Menschen zu verstehen. Das kann natürlich nur geschehen von denjenigen Empfindungen, die aus Geisteswissenschaft heraus hervorgebracht werden.
• Nun muss das, was ich Ihnen entwickelt habe, wie ich schon neulich sagte, auf einem breiten, welthistorischen Tableau gesehen werden. Einiges von dem Inhalte dieses Tableaus habe ich Ihnen angegeben. Damit ich nun weiter fortschreiten kann in der Schilderung solcher Verhältnisse, möchte ich heute – ich möchte sagen – mehr aus dem Okkulten heraus nochmals die Grundlage schaffen, um Ihnen zu zeigen, dass diese Dinge nicht so genommen werden können, dass jeder sich etwas ausdenkt, was gar nicht die tatsächlichen Verhältnisse berücksichtigt, sondern dass die Dinge so genommen werden müssen, dass wirklich aus der Bewegung der Tatsachen heraus die Dinge geschaut werden. Da muss ich davon ausgehen, dass vor allen Dingen die soziale Struktur sich aufbauen muss auf dem sozialen Verständnis. Das ist es ja, was gerade gefehlt hat seit Jahrzehnten. Es ist das Feld, das man da berührt, auf dem die meisten Fehler gemacht worden sind. Soziales Verständnis war bei der allergrößten Mehrzahl der Menschen der führenden Stände nicht im geringsten vorhanden. Deshalb braucht man sich gar nicht zu wundern, dass solche Umschwünge, wie jetzt in Mitteleuropa, den Leuten wie etwas vorkommen, das aus der Erde herauswächst, worauf sie gar nicht vorbereitet waren. Wer soziales Verständnis hat, dem kommt das nicht unvorbereitet. Aber ich fürchte, meine lieben Freunde, die Menschen werden auch weiterhin von derselben Gesinnung sich durchdringen, von der sie sich durchdrungen haben vor dem Jahre 1914. Wie ihnen dazumal der selbstverständlich über allen Häuptern schwebende Weltkrieg überraschend gekommen ist, so werden in einer noch wichtigeren Sache die Menschen sich ebenso verhalten. Sie werden auch wiederum schlafend hereinbrechen lassen, was sich als soziale Bewegung über die Welt hin verbreitet. Das eben wird vielleicht ebensowenig zu verhindern sein bei der gegenwärtigen Denkträgheit der Menschheit, als zu verhindern war, dass die Menschen unvorbereitet die jetzige Katastrophe über sich haben hereinbrechen lassen.
• Nun, meine lieben Freunde, um was es sich handelt, ist, dass man vor allen Dingen sich bekanntmacht damit, dass die Menschen über die Erde hin wirklich nicht aus abstrakten Ideen heraus nach der einen oder anderen Richtung hin handeln dürfen, sondern dass sie in dem Augenblicke, wo ihr Handeln sozialen Effekt hat, so handeln müssen, wie die im Weltgeschehen, in das der Mensch eingespannt ist, liegenden Impulse die Menschen veranlassen zu handeln. Nun, eine elementare Tatsache wird heute noch – ich spreche aus Erfahrung, denn ich war genötigt, über diese Dinge in den letzten Jahren mit den Menschen mannigfaltigster Berufe und Stände zu sprechen, und weiß, wie man ankam, wenn man über diese Dinge sprach – eine elementare Tatsache wird von den Menschen auch heute noch ganz außer acht gelassen. Das ist diese, dass die Menschen des Ostens und des Westens – und an der zukünftigen Gestaltung der Dinge werden alle Menschen teilnehmen – ganz verschieden sind in bezug auf ihre Impulse, ganz verschieden sind in bezug auf dasjenige, was sie wollen. Ja, meine lieben Freunde, wenn man immer den allernächsten sozialen Umkreis in Frage zieht, so kann man zu keinem klaren Urteil kommen über das, was in der Welt notwendigerweise vorgeht. Zu einem klaren Urteil kommt man nur, wenn man die Dinge wirklich – ich muss noch einmal das Wort gebrauchen – nach den Impulsen des Weltgeschehens beurteilt. Mitreden werden die Menschen des Westens, also der europäischen westlichen Staaten mit dem amerikanischen Anhang; mitreden werden die Menschen des europäischen Ostens mit dem asiatischen Hinterlande, mitreden werden sie in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten; aber sie werden in ganz verschiedener Weise sprechen, weil die Menschen über die Erde hin notwendigerweise verschiedene Vorstellungen haben über das, was der Mensch als Bedürfnis seiner Menschenwürde und seines Menschenwesens hier auf der Erde empfindet und empfinden muss. Darüber kann man nicht sprechen, wenn man sich nicht darüber klar sein will, dass in der Zukunft gewisse Dinge auftreten müssen, welche die Menschen am liebsten vermeiden wollten. Ich habe schon am letzten Sonntag davon gesprochen, dass es einfach untunlich ist, dass wirksame, fruchtbare soziale Ideen in der Zukunft auf einem anderen Wege gefunden werden, als auf dem, der dahin führt, die Wahrheiten zu suchen jenseits der Schwelle des gewöhnlichen physischen Bewusstseins. Innerhalb des gewöhnlichen physischen Bewusstseins finden sich keine wirksamen sozialen Ideen. Und so müssen sie an die Menschen herantreten, wie ich das am letzten Sonntag beschrieben habe, diese sozialen, wirklich wirksamen Ideen. Aber, meine lieben Freunde, dadurch ist zu gleicher Zeit gegeben, dass man sich nicht wird scheuen dürfen in der Zukunft, sich – so gut es jeder kann – bekanntzumachen mit dem, was eigentlich die Schwelle zur geistigen Welt ist. Auf dem Gebiete des alltäglichen Lebens, auf dem Gebiete auch der Wissenschaft können die Leute noch lange forttrotten, ohne dass sie Bekanntschaft machen mit dem, was die Schwelle der geistigen Welt ist. Da lässt sich zur Not auskommen. Mit Bezug auf das soziale Leben lässt sich nicht auskommen, ohne aufmerksam zu werden auf das, was hier immer genannt worden ist die Schwelle der geistigen Welt. Denn es liegt in den Menschen der Gegenwart, zwar noch unbewusst, aber es tritt immer mehr und mehr ins Bewusstsein herauf, es liegt in den Menschen der Gegenwart der Trieb, eine solche soziale Struktur herbeizuführen, die jeden Menschen in entsprechender Weise Mensch sein lässt.
• Wenig klar, aber doch immerhin instinktiv, fühlen die Menschen auf den verschiedensten Territorien unserer Erde, was das ist, Menschenwürde, menschenwürdiges Dasein und so weiter. Der abstrakte Sozialdemokrat von heute glaubt, dass man ohne weiteres international ausdrücken kann, was Menschenwürde, Menschenrecht und so weiter ist. Das kann man nicht; denn notwendigerweise muss man, wenn man das zum Ausdrucke bringen will, daran denken, dass die eigentliche Vorstellung vom Menschen weset hinter der Schwelle zur geistigen Welt, denn der Mensch gehört ja der geistig-seelischen Welt an. Also kann die völlig zutreffende, die umfassende Vorstellung desjenigen, was der Mensch ist, nur von jenseits der Schwelle der geistigen Welt kommen. Sie kommt in Wirklichkeit auch daher. Denn wenn Ihnen auch der Amerikaner oder Brite oder Franzose oder Deutsche oder der Chinese, der Japaner, der Russe vom Menschen spricht und Ihnen noch so ungenügende Begriffe, ungenügende Vorstellungen vorsagt – in seinem Unterbewusstsein ruht etwas viel Umfassenderes, aber etwas, was erfasst werden muss. Und das, was da ruht, dieses Umfassendere, das strebt herein ins Bewusstsein. Wir können also sagen: Es ist einmal so weit gekommen in der weltgeschichtlichen Entwickelung, dass in den Menschenherzen ein Bild des Menschen lebt. Und ohne aufmerksam zu sein auf dieses Bild des Menschen, kann kein soziales Verständnis sich entwickeln. Dieses Bild lebt; aber es lebt im Unterbewussten. In dem Augenblicke, wo es heraufstrebt ins Bewusstsein, und wo es wirklich ins Bewusstsein eintritt, kann es nur erfasst werden mit den Fähigkeiten, wenigstens mit den begriffenen Fähigkeiten, mit den durch den gesunden Menschenverstand aufgenommenen Fähigkeiten jenes Bewusstseins, das übersinnlicher Natur ist. In den Menschen, die heute sozial streben, lebt ein Bild des Menschen, das so lange unbewusst bleiben kann, instinktiv bleiben kann, solange im Menschen nicht der Trieb erwacht, die Sache zur Klarheit zu bringen. Will er sie aber zur Klarheit bringen, so kann er es nur dadurch, dass er die Sache in jenem Lichte sieht, das von jenseits der Schwelle kommt. Und da stellt sich für den objektiven geistigen Beobachter heraus, dass das Bild des Menschen, das da instinktiv spukt in den Seelen, beim Menschen des Westens ganz verschieden ist als beim Menschen des Ostens. Und das wird eine ungeheuer wichtige Frage sein in der Zukunft. Sie spielt hinein in alle tatsächlichen Verhältnisse. Sie spielt hinein in den russischen Wirrwarr, sie spielt hinein in die mitteleuropäische Revolution, sie spielt hinein in die Konfusion, die sich im Westen vorbereitet, bis nach Amerika hinüber. Mit anderen Worten: Das, was sich vorbereitet, muss angeschaut werden, wenn es verstanden werden soll, im Lichte des übersinnlichen Bewusstseins. Es muss erfasst werden mit den Fähigkeiten, die aus dem übersinnlichen Bewusstsein kommen. Denn es gibt keinen Weg vom sinnlichen Bewusstsein aus, dasjenige zu verstehen, was instinktiv als Menschenbild sowohl bei dem Menschen des Westens wie bei dem Menschen des Ostens vorhanden ist.
• Um aber dieses Verständnis zu erwerben, ist es notwendig, dass Sie sich mit zwei Dingen bekannt machen. Es ist notwendig, dass Sie sich bekanntmachen mit der eigentümlichen Art, wie so etwas in das wirkliche Bewusstsein, in das übersinnliche Bewusstsein heraufsteigt, wovon der Mensch eigentlich unterbewusst besessen ist. In zweifacher Weise erfährt der Mensch beim Hüter der Schwelle, wie so etwas, was in seinen Instinkten rumort, was also nicht er selbst ist – denn nur, was man bewusst erfasst, ist man selbst –, wie das vor ihm auftritt. Zwei Gestalten haben die Dinge, die instinktiv im Menschen diesen Menschen besessen machen, zwei Gestalten haben sie vor dem Hüter der Schwelle. Das heißt, kommt man zur Schwelle, dann stellt sich heraus: dasjenige, wovon man instinktiv besessen ist, hat entweder die eine oder die andere Gestalt. Die eine Gestalt ist diese, meine lieben Freunde, die man bezeichnen kann als die Gespenst-Gestalt. Wovon der Mensch instinktiv besessen ist, tritt in dem einen Falle so auf vor dem Hüter der Schwelle, dass es wie eine äußere Wahrnehmung ist; sie ist dann halluzinär, aber sie ist eine äußere Wahrnehmung, sie tritt tatsächlich vor den Menschen hin, und kündigt sich dem Menschen wie eine äußere Wahrnehmung an. Das ist der Gespenst-Charakter. Es kann also etwas, was instinktiv im Menschen lebt, was in ihm rumort, wenn er es bewusst kennen lernt beim Hüter der Schwelle, wo alle Instinkte aufhören, wo die Dinge anfangen, vollbewusst zu sein und in das freie Geistesleben sich einzugliedern, es kann vor dem Hüter der Schwelle ein solches instinktiv Lebendes als Gespenst auftreten. Dann ist man es los als Instinkt. Man darf sich nicht fürchten davor, dass so etwas als Gespenst auftritt, denn nur dadurch bekommt man es los, dass man es in der Objektivierung außen sieht, dass man das, was da in einem rumort, wirklich als Gespenst außen vor sich hat. Das ist die eine Form, meine lieben Freunde.
Die andere Form, in der ein solches Instinktives auftreten kann, das ist die als Alp. Das ist nicht eine Wahrnehmung von außen, sondern eine bedrückende Empfindung, oder auch eine Nachwirkung in einer Vision von dem, was einen bedrückt, ein imaginatives Erlebnis, das man aber zugleich als Alpdruck empfindet. Entweder als Alp oder als Gespenst muss dasjenige, was instinktiv im Menschen lebt, zum Vorschein kommen, wenn der Mensch es ins Bewusstsein heraufbringen will. So wahr jeder Instinkt, der im Menschen lebt, nach und nach, damit der Mensch vollständig Mensch werde, sich heraufheben muss und entweder Gespenst oder Alpdruck werden muss, so wahr muss auch dasjenige, was unbewusst, instinktiv als Menschenwürde, als Bild des Menschen im Westen und Osten lebt, in der einen oder anderen Form vor die Menschen hintreten und verstanden werden; vor allen Dingen mit dem gesunden Menschenverstand verstanden werden. So wird es sein können, dass der Geisteswissenschafter, der praktizierende Geisteswissenschafter plausibel machen kann, das oder jenes erscheint als Alpdruck, das oder jenes erscheint als Gespenst; aber er wird das, was er aus der Erfahrung heraus erlebt, in solche Worte kleiden, dass er sich historischer oder sonstiger Vorstellungen bedienen wird, so dass dasjenige, was er erlebt, mit dem gesunden Menschenverstand aufgefasst werden kann von denen, die noch nicht solche okkulte Fähigkeiten haben, durch die diese Dinge geschaut werden können.
• Niemals, meine lieben Freunde, kann irgendeine Ausrede gelten, dass man diese Dinge nicht schaut. Denn alles, was geschaut wird, wird in solche Vorstellungen gekleidet, dass sie der gesunde Menschenverstand erfassen kann. Das Vertrauen zu demjenigen, der die Dinge schaut, darf sich nur so weit erstrecken, dass man Vertrauen hat, er kann Anregungen geben; aber man braucht ihm nicht zu glauben. Denn das, was gesagt wird, kann, wenn man sich nur der Unbefangenheit befleißigt, mit dem gesunden Menschenverstand jederzeit durchschaut werden.
• Nun stehen die Dinge so, meine lieben Freunde, dass jene Instinkte, welche im Westen leben als Bild des Menschen und nach sozialer Struktur hinstreben, dass diese vor dem Hüter der Schwelle sich erweisen als Gespenster. Dasjenige Bild des Menschen, das bei den Menschen des europäischen Ostens mit ihrem asiatischen Hinterlande lebt, das erweist sich als Alpdruck. Die okkulte Tatsache ist einfach diese: Wenn Sie – wo es am ausgeprägtesten ist – von einem Amerikaner sich schildern lassen, was er als Bild der echten Menschenwürde empfindet, wenn Sie dieses Bild, okkult verarbeitet, bis zum Hüter der Schwelle tragen und vor dem Hüter der Schwelle Ihre Erfahrungen machen über dieses Bild, so tritt es vor Sie hin als Gespenst. Lassen Sie sich von einem Asiaten oder von einem wissenden Russen schildern, was er sich als Bild des Menschen vorstellt, dann wirkt das auf den, der es bis zum Hüter der Schwelle tragen kann, als Alp.
• Aber das, was ich Ihnen da sage, meine lieben Freunde, ist nur die Charakterisierung einer okkulten Erfahrung. Die okkulte Erfahrung hat ihre Grundlage in historischen Impulsen, in historischen Geschehnissen. Denn dasjenige, was instinktiv sich bildet in den Herzen und Seelen der Menschen, das bildet sich ja auch aus historischen Unterlagen heraus. Die westlichen Völker, Briten, Franzosen, Italiener, Spanier, Amerikaner, sie haben sich einfach aus gewissen historischen Impulsen, allerdings nicht mit vollem, klarem Bewusstsein, sondern auf instinktive Art, bei ihrer Entwickelung von alten Zeiten bis zu ihrem gegenwärtigen Zustand ein solches Bild des Menschen in ihre Herzen einwurzeln lassen, welches man wirklich richtig charakterisieren kann, wenn man auf die historischen Impulse eingeht.
• Dieses Bild des Menschen, sowohl das östliche wie das westliche Bild, das muss ersetzt werden durch dasjenige, was durch geisteswissenschaftliche Forschung wirklich gefunden werden kann, und was allein einer wirklichen sozialen Gestaltung zugrunde liegen kann, nicht einer solchen, die durch Gespenster oder auch durch den Alp regiert wird. Wenn man sachgemäß untersucht: warum ist das westliche Menschenbild ein Gespenst?, so stellt sich heraus, nach Erwägung aller historischen Untergründe, dass in die Instinkte, die zum Bild des Menschen geführt haben im westlichen Gebiete, die Instinkte, die zum Beispiel jetzt geführt haben zu dem sogenannten Wilson-Programm der Welt, das so viel angebetet wird, dass ihnen zugrunde liegt das Gespenst des alten römischen Reiches. Alles dasjenige, meine lieben Freunde, was sich geschichtlich nach und nach entwickelt hat, was eigentlich einen durchaus veralteten, das heißt luziferisch-ahrimanischen Charakter hat, was nicht der Gegenwart unmittelbar angemessen ist, sondern was Gespenst ist früherer Zeiten, ist das Gespenst des Romanismus. Gewiss, meine lieben Freunde, es ist in den westlichen Kulturen vieles, was gar nicht zusammenhängt mit dem Romanismus. In englisch sprechenden Gegenden finden Sie natürlich vieles, was nicht damit zusammenhängt. Auch in den eigentlichen romanischen Ländern finden Sie vieles, was nicht zusammenhängt mit dem Romanismus. Aber darauf kommt es nicht an, sondern das worauf es ankommt, ist das Bild des Menschen, insoferne er sich in die soziale Struktur einreihen soll. Das ist durchaus heute in diesen Territorien instinktiv bestimmt und beeinflusst von dem, was sich gebildet hat innerhalb der romanischen Kultur. Das ist ein Produkt ganz und gar noch der lateinischen Denkweise der vierten nachatlantischen Kultur. Das ist nichts, was lebt, das ist etwas, was spukt wie das Gespenst eines Verstorbenen. Und dieses Gespenst ist es, was dem objektiven okkulten Betrachter erscheint, wenn er sich ein Bild machen will von dem, was weltbeherrschend gemacht werden soll vom Westen herüber.
• Es nützt nichts, meine lieben Freunde, über diese Dinge ohne Wissenschaft abzusprechen, denn das gestattet der Zustand der Menschheit in der gegenwärtigen Periode nicht mehr. Um was es sich handelt, ist, dass es notwendig ist, diesen Dingen klar ins Auge zu schauen. Das Gespenst des Romanismus geht um im Westen. Und wenn ich neulich darauf aufmerksam gemacht habe, welches das Schicksal verschiedener Völker des Westens, namentlich eines einzelnen Volkes, der Franzosen, sein wird, so hängt das damit zusammen, dass gerade die Franzosen am intensivsten festhalten an dem romanischen Gespenst, dass sie vermöge ihrer ganzen instinktiven Temperaments- und Charakteranlagen nicht loskommen können von dem romanischen Gespenst. Sehen Sie, das ist die eine Seite, die nach dem Westen hin.
• Die andere Seite ist diese, dass sich auch im Osten geltend macht ein gewisses Bild vom Menschen, insofern er sich in die soziale Struktur einreihen soll. Dieses Bild ist allerdings so, dass durch die Notwendigkeit der Tatsachen schon dasjenige herauskommen wird, wovon ich immer gesprochen habe: dass sich im europäischen Osten besonders die sechste Kulturperiode vorbereitet. Aber wenn man die Sache vom Gegenwartsstandpunkte aus beobachtet, so ist dasjenige, was heute noch lebt im Osten von Europa, mit dem asiatischen Hinterlande, nicht das Bild, das sich zukünftig einmal vom Menschen entwickeln wird auf naturgemäße Weise, das aber der Mensch verpflichtet wäre, schon heute aus der Erkenntnis heraus zu entwickeln, sondern es ist ein Bild, welches, wenn man es nimmt und mit ihm zum Hüter der Schwelle geht, um es da zu beobachten, als Alp erscheint.
• Und auch dieses, meine lieben Freunde, dieses Bild erscheint als Alp aus dem Grunde, weil die Instinkte, welche genährt werden, die Instinkte, welche im Osten sich geltend machen bei der Bestimmung dieses Bildes, weil die genährt werden von einer noch unvollkommenen Kraft. Sie wird sich ja erst in der Zukunft, in der 6. nachatlantischen Kulturperiode, zu ihrer vollen Höhe entwickeln. Diese Kraft, sie braucht aber einen Impuls, der sie unterstützt. Sie braucht, bevor das Bewusstsein erwacht – und das Bewusstsein muss gerade vom Osten aus erwachen – eine instinktive Grundlage, – bevor das Bewusstsein von dieser Kraft erwacht. Und diese Instinkt-Grundlage, die heute noch in den Menschen des Ostens lebt, wenn sie sich das Bild des Menschen machen, die wirkt als Alp. Und geradeso, wie alle die Impulse, die vom Romanismus zurückgeblieben sind, mitbestimmend sind als alte abgeleitete Impulse bei dem Bilde im Westen, so, meine lieben Freunde, wirkt als Alp (der aber unterstützen soll, der eben gerade den Osten unterstützen soll, dass er sich befreien will von diesem Alp) diese Instinkt-Grundlage, und zwar auf ganz geheimnisvolle Weise: so wie der Alp wirkt, den man dann überwindet, wenn man aufwacht von ihm, so dass man klar wird über das, was eigentlich geschehen ist. Diese Kraft, die da nach Osten hin wirken soll, ist nun nicht etwas Überlebtes, sondern etwas gerade in der Gegenwart erst recht Wirkendes. Es sind die Kräfte, welche ausgehen vom britischen Weltreich. Geradeso wie im Westen das Bild des Menschen zum Gespenst gemacht wird durch die Impulse des Romanismus, so wird im Osten das Bild des Menschen so in die menschliche Seele hineingepresst, dass dasjenige, was noch lange in die Zukunft hinein als die Bestrebungen des britischen Weltreiches ausgehen wird, ein Alpdruck ist.
• Diese zwei Dinge, meine lieben Freunde, die bewirken, dass dasjenige, was bewusst im römischen Reiche war, auf der einen Seite unbewusst nachlebt in gespensterhafter Weise im Westen, und dass dasjenige, was sich vorbereitet, was in der Gegenwart gerade wirksam ist, die britisch-amerikanischen Weltreich-Impulse, dass diese als Alpdruck, als Widerlage des Alpdrucks da sind, um die Menschen des Ostens zur bewussten Geburt eines entsprechenden Menschenbildes zu bringen.
• Diese Dinge heute auszusprechen, meine lieben Freunde, ist unbequem; und sie anzuhören, ist den Menschen auch unbequem. Aber, meine lieben Freunde, wir sind einmal in einer Epoche der weltgeschichtlichen Entwickelung angekommen, in welcher nur etwas erreicht werden kann, wenn der Mensch aus seiner Erkenntnis heraus, aus seinem vollen Bewusstsein heraus die Dinge der Welt objektiv anschaut, sich wirklich mit den Dingen der Welt objektiv bekannt macht. Auf eine andere Weise geht es nicht weiter. Und das, was schließlich in der Gegenwart geschieht, das ist dazu angetan, den Menschen zu zwingen, dass er diese Geschehnisse in einer gewissen Weise umkehrt. Es darf eigentlich nicht so weiter gehen, dass ebenso, wie man sich lange Zeit hat zwingen lassen, so zu denken, man sich jetzt wieder zwingen lässt, weil auf einem gewissen Gebiete der Erde die Dinge vom Untersten zum Obersten gekehrt sind, zwingen lässt zu anderen Gedanken. Man kann heute Leute kennen lernen
An dieser Stelle unterbricht Ballmer und zitiert eine Passage von ca. 4 Buchseiten nicht mit. Siehe dazu den GA-Vergleich „•“.
• Sehen Sie, wenn Sie das nehmen, was ich gesagt habe, dass im Westen der Mensch als Gespenst wirkt vor dem Hüter der Schwelle, im Osten als Alp wirkt, dann, meine lieben Freunde, werden Sie gewissermaßen den Impuls erhalten, um die Verhältnisse in der Gegenwart in der richtigen Weise zu sehen. Im Westen ein untergehendes Bild des Menschen, das daher als Gespenst erscheint; im Osten ein aufgehendes Bild, das wir aber in seiner Gegenwartsgestalt nicht nehmen dürfen, weil es noch bloß eine Imagination des Alpdruckes ist und erst nach Überwindung des Alpdruckes in seiner wahren Gestalt auftauchen kann. Daher liegen die Dinge so, meine lieben Freunde, dass man tiefer schauen muss, wenn man sich überhaupt an der Diskussion über die soziale Frage heute beteiligen will. Und die Dinge, die man in einem tieferen Sinne erschauen muss, sind vor allen Dingen solche, die sich auf die Art des Denkens beziehen, wie dieses Denken aus dem ganzen Menschen heraussprießt, differenziert bei den Persönlichkeiten über die ganze Erde hin.
• Dass dieses romanische Gespenst einen so tiefen Einfluss gewinnen konnte, das rührt ja eben davon her, dass im wesentlichen im Menschendenken das Denken der alttestamentlichen Weltanschauung noch nicht überwunden ist. Das Christentum ist wirklich erst im Anfange. Das Christentum ist noch nicht so weit, dass es die Menschengemüter wirklich durchdrungen hätte. Dafür hat die römische Kirche, welche ja selbst ganz unter dem Einfluss des romanischen Gespenstes in bezug auf Theologie steht, schon das Nötige gewirkt. Diese römische Kirche hat ja – wie ich öfter erwähnt habe – mehr beigetragen zur Hintanhaltung als zum Hineintragen des Bildes des Christus in die Menschenherzen und Menschenseelen. Denn die Vorstellungen, die verwendet worden sind innerhalb der römischen Kirche, um den Christus zu erfassen, die sind eben ganz die Vorstellungen der sozialen und politischen Struktur des alten römischen Reiches. Wenn die Menschen das auch nicht wissen, in ihren Instinkten wirkt es.
• Nun, meine lieben Freunde, diejenigen Vorstellungen, welche im Alten Testamente geltend waren, die wir vorzugsweise bezeichnen müssen als die Vorstellungen des alttestamentlichen Judentums, die ihre Verweltlichung gefunden haben im Romanismus, wenn er auch gegensätzlich ist zum Judentum (er ist nur dasjenige, was das Judentum geistig ist, auf weltlichem Gebiete), die sind auf dem Umwege durch das Römertum hereingekommen in unsere Gegenwart, sie spuken gespensterhaft herein. Dieses alttestamentliche, noch nicht durchchristete Denken, das muss man seinem wahren Ursprunge nach in dem Menschen suchen. Man muss sich die Frage beantworten: Von welchen Kräften hängt gerade dieses Denken ab, wie es das alttestamentliche Denken ist?
• Dieses Denken, meine lieben Freunde, hängt ab von dem, was mit dem Blute von Generation zu Generation vererbt werden kann. Die Fähigkeit, so zu denken, wie die Denkrichtung des Alten Testamentes ist, die wird in der Menschheitsfolge im Blute vererbt. Das, was wir von unseren Vätern erben an Fähigkeiten, dadurch, dass wir einfach geborene Menschen sind, dadurch, dass wir vor unserer Geburt embryonale Menschen waren, das, was wir also als Kraft des Denkens erben, was im Blute lebt, das, meine lieben Freunde, ist das alttestamentliche Denken. Denn unser Denken zerfällt durchaus in zwei Glieder, in zwei Teile. Das eine Denken ist dasjenige, das wir haben durch unsere Entwickelung bis zu unserer Geburt, das wir also erben von unseren Vätern, beziehungsweise von unseren Müttern. Wir können so denken, wie man alttestamentlich gedacht hat, weil wir Embryos waren. Das ist das Wesentliche auch des alten jüdischen Volkes, dass es in der Welt, die man hier durchlebt zwischen der Geburt und dem Tode, nichts hinzulernen wollte zu dem, was man als Fähigkeit mitbekommt dadurch, dass man Embryo gewesen ist bis zu der Geburt. Sie verstehen das alttestamentliche Denken nur dadurch, dass Sie es so auffassen, dass Sie sich sagen: Das ist das Denken, das wir haben kraft dessen, dass wir Embryo gewesen sind.
• Das Denken, das zu diesem hinzukommt, ist dasjenige, das wir uns nach der Embryonalzeit noch erwerben in der menschlichen Entwickelung. Für gewissen äußeren Gebrauch erwirbt sich ja der Mensch allerlei Erfahrung, aber er treibt das nicht bis zu einer wirklichen Umgestaltung des Denkens, so dass selbst heute noch, viel mehr als man glaubt, das alttestamentliche Denken nachwirkt. Der Mensch durchdringt die Erfahrungen, die er hier macht, nicht mit dem Denken, das sich ihm aus diesen Erfahrungen selbst ergibt. Das tut er im allergeringsten Sinne höchstens instinktiv. Er treibt wenigstens diese Erfahrungen, die er macht, nicht bis zu der Geburt einer besonderen Denkungsart. Das tut nur der wirkliche, im heutigen Sinn entwickelte Okkultist. Der verwendet das Leben, das er hier lebt, so, dass er neuerdings aufwacht, so wie das Kind, nachdem es geboren wird, erwacht. Derjenige der sich im Sinne von „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ verhält, der macht das noch einmal durch, der verhält sich, wie sich der gewöhnliche Mensch zum Embryo verhält. Aber im gewöhnlichen Leben macht man es so, dass man ja zwar genötigt ist, die Erfahrungen zu machen, dass man aber das Denken nur anwendet, das man kraft dessen, dass man Embryo war, erworben hat. So gehen die Menschen herum, machen ihre Erfahrungen, wollen nicht weiter gehen, sondern wenden auf diese Erfahrungen als Denkinhalt, namentlich als Denkrichtung, als Denkform dasjenige an, was ihnen das Leben als Embryo gibt, was also durch das Blut sich von Generation zu Generation vererbt.
• Nun ist eine Tatsache von fundamentaler Bedeutung, meine lieben Freunde, – diese Tatsache ist, dass das Mysterium von Golgatha in seiner besonderen Eigenart nie begriffen werden kann mit dem Denken, das man nur kraft der Embryonalentwickelung hat. Ich habe Ihnen daher in diesen Vorträgen auch bei meinem diesmaligen Hiersein ausgeführt, dass das Mysterium von Golgatha etwas ist, was man mit dem gewöhnlichen physischen Denken nicht erfassen kann, was man immer ableugnen wird, wenn man ehrlich ist, solange man beim physischen Denken stehenbleiben will. Das Mysterium von Golgatha, alles Durchchristete überhaupt, muss begriffen werden nicht vom Monden-, sondern vom Sonnenhaften, von demjenigen Standpunkte aus, den man erringt nach der Geburt hier im Leben. Das ist der große Unterschied zwischen dem Durchchristeten und dem Nichtdurchchristeten. Das Nicht-Durchchristete wird von einem Denken beherrscht, das in der Blutsfolge sich vererbt. Das durchchristete Erfassen der Welt wird von einem Denken beherrscht, das man individuell, als Persönlichkeit in der Welt erwerben muss durch die Erfahrungen des Lebens, indem man diese Erfahrungen so vergeistigt, wie Sie es beschrieben finden in „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“
• Das ist das Wesentliche, dass dasjenige Denken, das man kraft der Embryonalentwickelung hat, nur dahin führt, die Gottheit als Vater zu erkennen. Dasjenige Denken, welches man erwirbt in der Welt durch das persönliche Leben in der Nachembryonalzeit, führt dahin, die Gottheit auch als Sohn zu erkennen.
• Nun, meine lieben Freunde, es wirkt nach und wirkt nach bis in das neunzehnte Jahrhundert der Drang, sich nur desjenigen Denkens zu bedienen, das ein Jahwe-Denken ist. Dieses Denken ist aber auch nur geeignet, vom Menschen dasjenige zu begreifen, was vom Menschen in die Naturordnung herein gehört. Und das ist dadurch gekommen, dass – Sie wissen, dass Jahve ist einer der sieben Elohim –, dass diese Jahwe-Gottheit, also einer der sieben Elohim, zunächst vorzeitlich sich bemächtigt hat der Herrschaft über das menschliche Bewusstsein und die anderen Elohim zurückgedrängt hat. Dadurch sind die anderen Elohim zunächst in die Sphäre der sogenannten Illusion gedrängt worden, das heißt, sie werden für phantastische Wesen gehalten. Das rührt aber davon her, dass die Jahwe-Gottheit diese Geister vorläufig verdrängt hat und das menschliche Bewusstsein nur mit dem durchsetzt hat, was aus der Vorembryonalzeit erkraftet werden kann.
• Das ging bis ins 19. Jahrhundert herein; denn, meine lieben Freunde, dadurch, dass die Jahwe-Gottheit gewissermaßen entthront hat die anderen Elohim und die anderen Elohim sich erst durch die Persönlichkeit des Christus wieder geltend machten und sich nacheinander geltend machen werden in der verschiedensten Weise, dadurch kam die menschliche Natur unter den Einfluss niedererer elementarer geistiger Wesenheiten, die entgegenwirkten den Bestrebungen der Elohim. So dass also die Entwickelung für das menschliche Bewusstsein so war, dass die Jahwe-Gottheit sich als Alleinherrscher eingesetzt, die andern entthront hatte. Dadurch, dass die andern entthront worden sind, ist die menschliche Natur unter die Einflüsse von niedrigeren Wesen, als die Elohim, gekommen. Und so wirkt nicht nur Jahwe fort bis ins 19. Jahrhundert, sondern die niederen Götter anstelle der Elohim. Und wenn auch das Christentum sich ausgebreitet hat, – ich habe Ihnen ja immer gesagt, es ist in Wirklichkeit erst im Anfange –, die Menschheit hat’s noch nicht verstanden; weil eben die Menschen nicht gleich die Wirksamkeit der Elohim entgegengenommen haben, weil sie hängengeblieben sind an dem Jahwe-Denken, an dem durch embryonale Kraft erweckten Denken, und weiter unter dem Einfluss der Gegner der Elohim geblieben sind.
• Nun hat sich das im 19. Jahrhundert, und zwar genau in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts, die ich Ihnen öfters als einen besonderen Wendepunkt bezeichnet habe, so herausgestellt, dass allmählich Jahwe in seinem Einfluss auf das menschliche Bewusstsein selber von der Gewalt derjenigen Geister, die er gerufen hat, überwältigt worden ist. Daraus ging hervor, weil man mit der Jahwe-Kraft bloß dasjenige, was an die Naturordnung im Menschen, also an das Blut gebunden ist, begreifen kann, dass das frühere Suchen des einen Gottes in der Natur durch den Einfluss der entgegenstrebenden Dinge auf die bloße atheistische Naturwissenschaft überging, in das bloße atheistische, naturwissenschaftliche Denken und auf praktischem Felde in das bloße Utilitätsdenken überging.
Das ist genau festzuhalten für die 40er Jahre, für den Zeitpunkt, den ich Ihnen angegeben habe. So ist dadurch, dass Jahwe die Geister, die er gerufen hat, nicht losbekam, übergegangen das alttestamentliche Denken in die atheistische Naturwissenschaft der neueren Zeit, die auf dem Gebiete des sozialen Denkens Marxismus oder ähnliches geworden ist, so dass auf dem Gebiete der sozialen Welt ein von der Naturwissenschaft beeinflusstes Denken waltet.
• Dies hängt zusammen mit vielem, was sich unmittelbar am heutigen Tage abspielt. Es steckt einfach in dem heutigen Menschen in Naturalismus umgewandeltes, alttestamentliches Denken. Gegen dieses Denken ist sowohl das, was als Bild des Menschen vom Westen, wie das, was als Bild des Menschen vom Osten kommt, kein hinlänglicher Schutz. Denn es hält den Menschen ab von wirklicher, richtiger Einsicht.
Zyklus 58A, S.28 — GA 192 📄 (1964/1991), S.42
Stuttgart, 23. April 1919
• Physisches Geistesleben, meine lieben Freunde, ist deshalb hier in der physischen Welt, weil wir als Menschen uns etwas durch die Geburt mit hereinbringen. Alles physische Geistesleben, in dem Umfang, wie ich heute davon gesprochen habe, entsteht nicht bloß aus dieser physischen Welt heraus, es entsteht aus denjenigen Impulsen heraus, die wir hereintragen durch unsere Geburt aus der geistigen Welt in das physische Dasein. Indem wir Menschen sind, die hereinbringen in das physische Dasein Nachklänge eines übersinnlichen Daseins, gestalten wir in der menschlichen Gesellschaft hier in der physischen Welt dasjenige aus, was dieses physische Geistesleben ausmacht. Es gäbe keine Kunst, es gäbe keine Wissenschaft, höchstens eine Experimental-Beschreibung, eine Beschreibung von Experimenten, es gäbe keine Erziehungsimpulse; wir könnten die Kinder nicht erziehen, wir könnten keine Schulbildung erteilen, wenn wir nicht durch die Geburt Impulse aus dem vorgeburtlichen Leben in das physische Leben hineinbrächten. Das ist das eine.
• Nun bitte nehmen Sie alles das, was Sie an Beschreibung der übersinnlichen Welt in meiner „Theosophie“ oder in der „Geheimwissenschaft“ finden. Nehmen Sie insbesondere das, was in diesen Büchern gesagt ist aus der übersinnlichen Welt heraus über die Beziehungen, die da herrschen zwischen Menschenseele und Menschenseele, wenn diese Seelen entkörpert sind, wenn diese Seelen leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Sie wissen, wir müssen da von ganz anderen Beziehungen von Seele zu Seele sprechen, als diejenigen, von denen wir hier in der physischen Welt sprechen können. Sie erinnern sich, wie ich zusammengesetzt habe das, was von Seele zu Seele erlebt wird, aus Grundklängen, die hier in schattenhaften Bildern vorhanden sind. Sie erinnern sich der Beschreibung in der „Theosophie“ des Lebens in der Seelenwelt, wie ich von gewissen Wechselwirkungen, von in der physischen Welt [nicht?] vorhandenen Seelen- und Astralkräften sprechen musste, indem ich das entkörperte Leben in der übersinnlichen Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt schildern wollte. Da steht Seele zu Seele in einer inneren Beziehung. Da ist ein Verhältnis von Seele zu Seele, welches durch die innere Kraft der Seele selbst hervorgerufen wird. Durchdringt man sich nun ganz fest mit dem, was so als Verhältnis von Seele zu Seele existiert in der übersinnlichen Welt; fasst man das ins Auge und macht man sich so recht gegenständlich, was so existiert, dann bekommt man, wenn man in der richtigen Weise vergleicht, eine merkwürdige Anschauung heraus. Sie wissen, es beruht auf solch inneren Tendenzleistungen sehr vieles, was zur Erkenntnis in der übersinnlichen Welt, oder auch zur Erkenntnis der Zusammenhänge der übersinnlichen mit der sinnlichen Welt führt. Man wird da direkt auf das Rechts-, Staats- oder politische Leben geleitet, und zwar so, dass es keinen größeren Gegensatz gibt gegen die besondere Ausgestaltung des übersinnlichen Lebens als das politische, das Rechtsleben hier auf dem physischen Plan. Das sind die beiden großen Gegensätze, meine lieben Freunde, und man empfindet diese Gegensätze, wenn man in sachgemäßer Weise das übersinnliche Leben kennenlernt. Das übersinnliche Leben hat gar nichts von dem, was durch Rechtssatzungen oder äußere Sittenimpulse geregelt werden kann, denn da wird alles durch innere Seelenimpulse geregelt. Hier wird, im physischen Leben, der volle Gegensatz aufgestellt, indem man das Staatsleben mit seiner Grundnuance aufstellt, weil uns durch die Geburt dasjenige verlorengeht, was in der Seele lebt als Grundimpulse, die von Seele zu Seele das Verhältnis herstellen; dieses Gegenteil sind die Rechtssatzungen, die existieren; die stellen her, was hergestellt werden muss, das Rechtsverhältnis; weil der Mensch das, was in der übersinnlichen Welt das Verhältnis von Seele zu Seele angeht, verloren hat. Das sind die beiden Pole: übersinnliches Verhältnis von Seele zu Seele – Staatsverhältnis hier auf dem physischen Plan.
• Von Mensch zu Mensch tragen wir in die physische Geisteskulturwelt etwas herein, was uns durch die Geburt als Nachklang bleibt aus der übersinnlichen Welt. Wir breiten gleichsam einen Glanz über das Leben dadurch, dass wir hereinleuchten lassen das, was wir in die Welt hereintragen, indem wir es zu offenbaren suchen in Kunst, Wissenschaft und Erziehung der anderen Menschen. Das ist mit dem Rechtsleben etwas anderes. Das müssen wir hier begründen auf der physischen Erde als einen Ersatz für das, was wir in übersinnlicher Beziehung verlieren, indem wir durch die Geburt in das physische Dasein hereinkommen.
• Das gibt Ihnen zu gleicher Zeit einen Begriff davon, meine lieben Freunde, was gewisse religiöse Urkunden meinen (und Sie wissen, inwiefern religiöse Urkunden immer etwas durchdrungen sind von diesen oder jenen absoluten Wahrheiten), wenn sie sprechen von dem berechtigten „Fürsten dieser Welt“. Sie meinen, wenn sie davon sprechen: der Staat soll sich nur ja nicht darauf einlassen, dasjenige verwalten zu wollen, was der Mensch sich durch die Geburt aus der übersinnlichen Welt als deren Abglanz hereinbringt in die physische Welt. Er soll sich darauf beschränken, den rechtlichen Fürsten auszubilden, der das gerade Gegenteil hier im Staatsleben ausgestaltet: das Leben, das wir brauchen, weil uns die Impulse der geistigen Welt, indem wir durch die Geburt gegangen sind, verloren gingen. Das Staatsleben hat die Aufgabe, das auszubilden, was notwendig ist für den Menschen in der physischen Welt. Er hat nur eine Bedeutung für das Leben zwischen Geburt und Tod.
• Sehen wir uns das Wirtschaftsleben an. Da wird etwas gesagt werden müssen, was ganz besonders paradox ist: Wir tauchen, krass ausgedrückt, gewissermaßen unter in ein Untermenschliches, indem wir uns in das Wirtschaftsleben einlassen. Dadurch aber zieht immer etwas vor unsere Seele, indem wir uns in das Untermenschliche einlassen. Und das können Sie ja spüren. Denken Sie einmal, wie sehr Sie sich anstrengen müssen in sich, aktiv, wenn Sie sich der geistigen Kultur hingeben, und wie gedankenlos manche Menschen sein können im bloßen Wirtschaftsleben. Man überlässt sich oftmals den Trieben und Instinkten. Das Wirtschaftslebenen geht eben überhaupt ohne viel unmittelbar innerlich-aktives Denken vor sich. Aber jedenfalls: wir tauchen unter in ein Untermenschliches. Da bewahrt sich die Seele innerlich etwas zurück. Geisteswissenschaftlich gesprochen ist der Körper mehr angestrengt, wenn wir bei einer materiellen Tätigkeit sind, als man sogar gewöhnlich glaubt. Wir müssen, wenn wir vom Wirtschaftsleben sprechen, auch von dem Endgliede des Wirtschaftsprozesses sprechen, von Essen und Trinken. Wir müssen uns klar sein, dass da nicht ein voller Parallelismus ist zwischen leiblicher und geistiger Tätigkeit, dass da der Körper überwiegt in bezug auf die Tätigkeit gegenüber dem Geistig-Seelischen. Aber dieses Geistig-Seelische, das entwickelt dann eine stark unbewusste Tätigkeit. Und in dieser unbewussten Tätigkeit liegt ein Keim. Diesen Keim, den tragen wir durch die Pforte des Todes. Die Seele kann gewissermaßen ruhen, wenn wir wirtschaften. Das aber, was äußerlich dem Bewusstsein als Ruhe erscheint, das entwickelt einen Keim, der durch die Pforte des Todes getragen wird. Und entwickeln wir gar moralisch die Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben, wie ich es jetzt immer schildere, dann tragen wir einen guten Keim durch die Pforte des Todes, gerade durch das, was wir als Mensch dem Menschen gegenüber im Wirtschaftsleben entwickeln. Mag es Ihnen materialistisch erscheinen, wenn ich sage: Gerade in der Brüderlichkeit des Wirtschaftslebens legt sich der Mensch in die Seele die Keime für sein Leben nach dem Tode; während er in dem, was Geisteskultur ist, von der Erbschaft desjenigen zehrt, was er hereinbringt aus vorgeburtlichem Leben. Mag Ihnen das materialistisch erscheinen, es ist wahr, einfach wahr gegenüber der geisteswissenschaftlichen Forschung. Mag es Ihnen materiell erscheinen, dass ich Ihnen sage: Wenn Sie untertauchen in die Tierheit, dann sorgt Ihre Menschheit dafür, dass Sie das Übersinnliche für die Zeit nach dem Tode entwickeln – es ist so. Der Mensch ist ein dreigliedriges Wesen. Er hat in seinem Wesen ein Erbgut aus vorgeburtlicher Zeit, er entwickelt etwas, was zwischen der Geburt und dem Tode allein Gültigkeit hat, er entwickelt hier in der physischen Welt etwas, durch das er anknüpft das Zukunftsleben nach dem Tode an das physische Leben hier. Dasjenige, was hier ausgestaltet wird, was hier geoffenbart wird als Lebensglanz und Lebenszukunft und Lebensinteresse in der physischen Geisteskultur, das ist ein Erbgut der geistigen Welt, das wir uns hereinbringen in die physische Welt. Indem wir dieses Geistesgut erleben, es recht erleben, erweisen wir uns als Angehörige der geistigen Welt; wir bringen in die physische Welt einen Abglanz der übersinnlichen Welt, die wir durchlaufen haben vor unserer Geburt und Empfängnis.
• Sehen Sie, die abstrakte Wissenschaft, auch die abstrakte Philosophie redet ja natürlich immer im Abstrakten herum. Die redet davon, man müsse die Ewigkeit der Substanz beweisen, dass, was von der menschlichen Substanz bei der Geburt vorhanden ist, dann bleibt, und dann wiederum durch den Tod geht. Solche Beweise können nie aus dem bloßen Denken gelingen. Die Philosophen haben sie auch immer gesucht, aber es hat der Beweis niemals standgehalten gegenüber dem inneren logischen Gewissen. Mit der Unsterblichkeit verhält es sich nämlich viel geistiger. Nichts irgendwie Materielles, geschweige denn Substantielles ist in einer solchen Weise vorhanden. Was vorhanden ist, ist das Bewusstsein, das Bewusstsein nach dem Tode, das zurückschaut in diese Welt. Das ist das, was wir betrachten müssen, wenn wir die Unsterblichkeit betrachten. Wir müssen viel immaterieller werden, als selbst die abstrakten Philosophen, wenn wir von diesen höheren Dingen reden. Aber die Sache ist so, dass wir das, was ich eben charakterisiert habe, als einen Abglanz der übersinnlichen Welt, den wir offenbaren als den Schmuck, den Glanz des Lebens hier –, dass wir den verbrauchen und neu anknüpfen hier im physischen Leben, dass wir als ein neues Kettenglied unseres ewigen Daseins hier anknüpfen müssen, das wir durch den Tod tragen. Wenn jemand nur an das denkt, was sich fortsetzt in dieses Leben hinein: wenn er konsequent forscht, muss der Faden abreißen; nur wenn er weiß, dass er ein neues Kettenglied ansetzt, das hinausgeht über den Tod, kommt er an die Unsterblichkeit heran.
• So ist der Mensch dieses dreigliedrige Wesen. Er entwickelt in sich Fähigkeiten, die diesen Abglanz der übersinnlichen Welt in dieses Leben hereintragen. Ein Leben entwickelt er, das die Brücke bildet zwischen dem vorgeburtlichen und dem nachtodlichen Leben, und das sich auslebt in all dem, was nur seine Wurzel hat in dem Leben zwischen Geburt und Tod, was sich äußerlich darstellt in dem äußerlichen Rechts-, Staatsorganismus und so weiter. Und indem er untertaucht in das Wirtschaftsleben, und indem er in der Lage ist, in diesem Wirtschaftsleben ein Moralisches zu pflanzen, das Brüderliche, entwickelt er die Keime für das nachtodliche Leben. Das ist der dreifache Mensch.
• Und denken Sie sich diesen dreifachen Menschen nun seit dem 15. Jahrhundert in einer solchen Entwickelungsphase, dass er alles, was früher instinktiv war, bewusst ausbilden muss. Dadurch ist er heute in die Notwendigkeit versetzt, dass sein äußeres soziales Leben ihm Anhaltspunkte bietet, dass er da drinnen stehe mit seiner dreifachen Menschlichkeit in einem dreifachen Organismus. Wir können nur, weil wir drei ganz verschiedene Wesensglieder, das Vorgeburtliche, das Irdischlebendige, das Nachtodliche in uns vereinigen, in dem sozialen Organismus richtig drinnen stehen in drei Gliedern. Sonst kommen wir als bewusste Menschen in einen Missklang mit der übrigen Welt; und wir werden immer mehr und mehr dahin kommen, wenn wir nicht danach trachten würden, diese umliegende Welt als dreigliedrigen sozialen Organismus zu gestalten.
Zyklus 50, XX. Vortrag, S.9 — GA 181 📄 (1967/1991), S.390
Später zitiert Ballmer eine unmittelbar vorangehende Passage.
Berlin, 30. Juli 1918
• … Man lerne nur die Philosophie der Jahrhunderte zwischen dem achten und fünfzehnten Jahrhundert kennen, wie sie überall darauf hinzielt, nachzuweisen, dass man mit den menschlichen Ideen und Begriffen auf keinen Fall das zu erfassen versuchen sollte, was in der geistigen Wirklichkeit vor sich geht, wie das (man hatte es glücklich auf eine Formel gebracht!) der Offenbarung überlassen werden muss, wie das dem Lehramt der Kirche überlassen werden muss.
• So hatte sich die Macht der Kirche herausgebildet. Diese Macht der Kirche ist nicht bloß aus theologischen Impulsen heraus entstanden, sondern sie hatte sich dadurch herausgebildet, dass die Menschen darauf verwiesen worden sind, ihre eigenen Erkenntniskräfte, ihre eigenen Seelenkräfte nur auf das physisch-sinnliche Leben zu beziehen und nicht an eine Erkenntnis des Übersinnlichen zu denken. Daraus entwickelte sich der spätere, in den ersten Jahrhunderten durchaus noch nicht vorhandene (man datiert ihn nur zurück) Glaubensbegriff. Dieser Glaubensbegriff besagt: Über das Geistig-Göttliche könne man nur einen Glauben haben – kein Wissen. Diese Trennung zwischen „Glaubenswahrheit“ und „Wissenswahrheit“ bildete sich tatsächlich aus gewissen geschichtlichen Hintergründen heraus, die bedeutsam sind.
• Nun leben wir seit dem fünfzehnten Jahrhundert, approximativ seit dem Jahre 1413, in einem Zeitraume (das wird erst das 3. Jahrtausend zeigen), in dem wir es zu tun haben zum Teil mit der Erbschaft alles desjenigen, was unter solchen Einflüssen, die ich hier charakterisiert habe, geschehen ist. Mit Erbstücken aus der damaligen Zeit haben wir es auf der einen Seite zu tun, und auf der andern Seite haben wir es weiter mit etwas zu tun, was sich als ganz Neues in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum bildet. In jenem vierten Zeitraume, wenn wir ihn überblicken, haben wir es zu tun mit einer Art Abschnürung der Menschenseele vom Geistig-Göttlichen, mit einem Verwiesenwerden auf die bloß äußeren physisch-sinnlichen Vorgänge. Das war damals für diesen Zeitraum auch neu. Ich habe ja vorhin angedeutet, dass es im ägyptisch-chaldäischen Zeitalter nicht vorhanden war. Mit einem solchen ähnlichen Neuen haben wir es auch in unserem Zeitraume zu tun, und die Aufgabe der Menschheit – die Menschheit ist ja allmählich in ein Zeitalter eingetreten, in welchem die Bewusstheit eine immer größere Rolle spielen muss – die Aufgabe der Menschheit wäre, dies alles eben einzusehen, einzusehen, was auf der einen Seite Erbschaft ist aus der eben charakterisierten vergangenen Zeit, und was neu aus unserem Zeitalter entsteht. Wollen wir einmal zuerst auf die Erbschaft hinblicken.
• Wir haben gesehen, dass diese Erbschaft darin besteht, dass der Mensch sich gewissermaßen gezwungen fühlt, sein Seelisches abseits von dem Übersinnlichen zu entwickeln. Und Erbschaft davon ist wieder etwas anderes, was Sie, wenn Sie die historischen Vorgänge immer genauer und genauer überblicken werden, auch gerade immer besser einsehen werden; gerade durch genaues Überblicken wird die Sache nicht etwa irgendwie einem Zweifel unterworfen, sondern gerade in die Bewahrheitung eingestellt. Sie werden nämlich sehen, wie das, was sich damals herausbildete, dass man die menschliche Seelenkraft im Sinnlichen erhalten, von dem Übersinnlichen abschließen will, dann im fünften nachatlantischen Kulturzeitraum – seit dem fünfzehnten Jahrhundert – sich dahin entwickelte, dieses Übersinnliche überhaupt abzulehnen. Damals wollte man gewissermaßen das Übersinnliche vom Menschen fernhalten, und dadurch ist gerade das achte Konzil zu Konstantinopel vom Jahr 869 charakterisiert. Nun entwickelte sich aus diesem Fernhalten, das sich gerade die Kirche zur Aufgabe machte, die Ablehnung des Übersinnlichen; es entwickelte sich der Glaube, dass das Übersinnliche überhaupt nur von Menschen ausgedacht sei, dass es keine Wirklichkeit hätte. Will man historisch-psychologisch den Ursprung des neueren Materialismus wirklich verstehen, so muss man ihn bei der Kirche suchen. Natürlich ist die Kirche nur der äußere Ausdruck für tiefere, in der Menschheitsentwickelung wirkende Kräfte, aber man lernt eine Erkenntnis dieser Menschheitsentwickelung, wenn man genauer zusieht, wie das eine aus dem andern wirklich entsteht. Der Rechtgläubige im vierten nachatlantischen Zeitraume sagte: Das menschliche Erkenntnisvermögen ist nur bestimmt, die sinnlichen Zusammenhänge zu verstehen; das Übersinnliche muss der Offenbarung überlassen sein, da darf nicht hineingeredet werden; denn alles was hineingeredet wird, ist Ketzerei und kann nur zu einem Irrwahn führen. – Der moderne Marxist, der moderne Sozialdemokrat, welcher der rechte Sohn dieser Anschauung ist, die nichts anderes ist als die Konsequenz des Katholizismus aus den früheren Jahrhunderten, der sagt: Alle Wissenschaft, die dieses Namens würdig ist, kann nur von sinnlich-physischen Ereignissen handeln; „Geisteswissenschaft“ gibt es nicht, weil es keinen Geist gibt; Geisteswissenschaft ist höchstens Gesellschaftswissenschaft, Wissenschaft vom menschlichen Zusammenleben. Natürlich hat sich in den verschiedensten Gebieten der Kulturländer diese eben charakterisierte Tendenz ausgelebt, aber das nur als Nuance.
• So ist es nötig geworden, dass vom neunten Jahrhundert ab in den mittleren und westlichen Ländern Europas darauf Rücksicht genommen wurde, dass sich das menschliche Seelenleben in einer gewissen Weise doch mitbetätigt, indem es „glaubt“ an das Übersinnliche, aber nichts von ihm weiß als durch Offenbarung. Die Rassen- und Volkseigenschaften Mitteleuropas waren so, dass man auf sie Rücksicht nehmen musste, dass man sie nicht einfach so lassen konnte. Den Leuten sagen: „Eure menschlichen Kräfte müssen sich beschränken auf Essen und Trinken, und was sonst in der Welt geschieht, das andere lebt über euch“ – ganz so konnte man es in Westeuropa doch nicht machen; man tat das aber in Osteuropa, und das ist der Sinn der Kirchenspaltung zwischen Ost- und Westeuropa. In Osteuropa wurde der Mensch wirklich auf die Sinneswelt beschränkt, dort sollten sich seine Kräfte entwickeln. Und innerhalb der Mysterienhöhen, ganz unberührt vom Sinnlichen, sollte sich das entwickeln, was dann zur orthodoxen Religion führte. Da wurde wirklich streng getrennt das, was der Mensch über sein Menschentum herausbrachte, und das, was die wirkliche geistige Welt war, die einzig und allein schwebte und lebte in dem über den Menschen schwebenden Kultus.
• Was musste sich da entwickeln? Es musste sich, wiederum in verschiedenen Nuancen, die Anschauung, die Empfindung entwickeln: Bedeutung, Wirklichkeit hat eigentlich nur das Sinnlich-Physische. Man könnte sagen: Kräfte, die nicht geübt werden, sondern die man so behandelt, dass sich der Mensch ihnen gegenüber in der Weise verhält, sie in sich abzusperren, solche Kräfte entwickeln sich auch nicht, die verkümmern. Hatte man also den Menschen durch Jahrhunderte hindurch davon abgehalten, in seinem Geist das Übersinnliche zu erfassen, so wurden seine Kräfte auch immer ungeübter, um dieses Übersinnliche zu erfassen, und es entschwand ihm vollständig. Und dieses vollständige Verschwinden finden wir in den modernen sozialistischen Weltanschauungen, deren Unglück – nicht in ihrem Sozialismus! – sondern darin besteht, dass sie das Geistig-Übersinnliche vollständig ablehnen und sich daher beschränken müssen auf die bloße soziale Struktur des Animalischen im Menschen. Diese ist vorbereitet worden durch das Lahmlegen der übersinnlichen Kräfte des Menschen. Sie hat sich dadurch ergeben, dass die Menschen gezwungen sind, sich zu sagen: wir wollen gar nicht unsere Seele erkennend und erlebend mit dem verbinden, was den Strom des Lebens für sich lebt, so dass unsere Seligkeit durch es bewirkt wird … und worin das Mysterium von Golgatha eingespannt ist.
• Womit hängt das zusammen? Es hängt damit zusammen, dass gerade in diesem vierten nachatlantischen Zeitraum ganz besonders stark die luziferischen Kräfte wirkten. Sie lösten den Menschen los von dem Kosmos; denn diese Kräfte sind immer darauf aus, den Menschen egoistisch zu isolieren, ihn loszulösen vom ganzen geistigen Kosmos, auch in seinem Wissen vom Zusammenhang mit dem physischen Kosmos. Daher gab es keine Naturwissenschaften, als diese Loslösung in der höchsten Blüte stand. Luziferisches ist das. Daher muss man sagen: was damals wirkte in der Trennung sinnlichen Wissens und übersinnlicher Dogmatik, das ist luziferische Art. Dem Luziferischen steht entgegen das Ahrimanische. Das sind zunächst die zwei Gegner der menschlichen Seele. Dieses Verkümmernlassen der übersinnlichen Menschenkräfte – was dann zur rein animalischen Form des Sozialismus geführt hat, der verheerend und zerstörend über die Menschheit hereinbrechen muss – ist auf luziferische Kräfte zurückzuführen. Das Neue, was sich in unserem Zeitalter entwickelt, ist anderer Natur; das ist mehr ahrimanischer Natur. Das Luziferische will den Menschen isolieren, abschnüren vom Geistig-Übersinnlichen, will ihn in sich selbst die Illusion einer Totalität erleben lassen. Das Ahrimanische dagegen jagt dem Menschen Furcht ein vor dem Geistigen, lässt ihn nicht an das Geistige herankommen, gibt ihm die Illusion, dass das Geistige doch nicht vom Menschen erreicht werden kann. Muss die luziferische Abhaltung des Menschen vom Übersinnlichen mehr erzieherischer, kulturerzieherischer Art sein, so ist die ahrimanische Abhaltung vom Übersinnlichen, die auf Furcht vor dem Geistigen beruht, mehr eine natürliche, die in dem Zeitalter seit dem 15. Jahrhundert besonders hervorbricht. Und wie die luziferische Abschnürung vom Geistigen in dem Leben unter der Decke des orthodoxen Christentums des Ostens besonders zum Ausdruck kommen konnte, so die ahrimanische Furcht, die Zurückhaltung vor dem Geistigen besonders in dem Element der westlichen Kultur und besonders auch in dem Element der amerikanischen Kultur.
• Solche Wahrheiten mögen heute unbequem sein, aber sie sind eben Wahrheiten, und wir kommen heute nicht dadurch vorwärts, dass wir „im allgemeinen“ herumreden – wenn auch noch so mystisch oder theosophisch – von dem Zusammenhang des Menschen mit dem Göttlichen, oder wie sonst die Frage heißen möge. Sondern nur dadurch kommen wir vorwärts, dass wir die Wirklichkeit erkennen, wie sie ist. Nur dadurch können wir wieder eine Ordnung in unserem Chaos finden, dass wir die verschiedenen nebeneinander lebenden Strömungen in ihrer Eigenart erkennen. Denn ihrerseits entwickeln sich die verschiedenen Strömungen aus ihren Voraussetzungen, lokal, und verbreiten sich dann, und in dem modernen Kuddelmuddel, das man „Kultur“ nennt, geht doch alles durcheinander.
Was ich jetzt nennen möchte „Amerikanismus“, das Amerikanische als Kollektivbegriff (nicht auf die einzelnen Amerikaner bezüglich), das ist die Furcht vor dem Geistigen, ist die Sehnsucht, nur mit dem physisch-sinnlichen Plan zu leben, höchstens noch mit dem, was von unten herauf in diesen physisch-sinnlichen Plan an Grobgeistigem, Spiritistischem und dergleichen hereinkommt, was nicht wirklich ein Geistiges ist. Furcht vor dem Geistigen ist es, was den Amerikanismus charakterisiert. Aber der Amerikanismus lebt nun nicht etwa bloß in Amerika; da lebt er ganz und gar im sozialen Pol als willenshaft, nicht menschlich. Aber er lebt vor allem in aller Wissenschaft. Diese Wissenschaft hat nämlich in diesem Zeitraume seit dem fünfzehnten Jahrhundert immer mehr und mehr auch dasjenige herausgebildet, was man nennen könnte „Furcht vor dem Geistigen“. Als „objektive“ Wissenschaft wird ja nur dasjenige bezeichnet, was womöglichst nicht mit lebendigen, im Innern der Seele erzeugten Begriffen sich befasst. Was irgendwie eine Idee, ein Begriff ist, die im Inneren der Seele erzeugt werden, darf nicht in die Naturbeobachtung eingreifen. Es darf nur das Tote der Naturbeobachtung, nicht das durchgeistigte Lebendige in die Wissenschaft eingehen. Wenn man – ich will sagen – etwa in Hegelscher Weise, was eine richtige europäische Weise ist (aber auch in Schellingscher Weise, in Goethescher Weise) den „Begriff“ in die Naturbetrachtung einführt, dann glaubt man sogleich, dass man dadurch ins Unsichere komme; denn man traut sich nicht zu, etwas objektiv Wirkliches im geistigen Erfassen, im geistigen Erleben zu erfahren. Man glaubt, da könne nur Willkür leben, da komme man gleich ins Nichtobjektive hinein, wenn man irgend etwas Subjektives in die Erfahrungen hineinträgt. Das ist ahrimanisch. Die Wissenschaft ist universalistisch amerikanisch, insofern sie diesen Grundsatz hat, alles Subjektive aus der Naturbetrachtung herauszuwerfen. Das ist das, was sich elementar herausgebildet hat aus dieser früheren Abschnürung des Geistigen im vierten nachatlantischen Zeitraum.
• So haben wir zu jenem Erbstück das Neue hinzugefügt, jenes Neue, das sich in die Zukunft hinein neben dem, was sich als fruchttragend entwickeln muss – aber bewusst entwickeln muss –, immer mehr und mehr als ein Zerstörendes geltend macht. Dieses Neue ist im wesentlichen ahrimanischer Natur, ist Furcht vor dem Geistigen und wirkt zerstörend, wirkt auflösend auf alle Menschheitskultur, die doch eben im Geistigen fußen muss.
• An der Wende dieses vierten und fünften nachatlantischen Zeitraumes, besonders im fünften darinnen, kamen natürlich gerade diese Impulse, die ich jetzt charakterisiert habe, immer mehr und mehr heraus. Mit der Entdeckung Amerikas und der Verpflanzung europäischen Wesens nach Amerika entwickelte sich drüben jene Furcht vor dem geistigen Leben. Aber auf der andern Seite entstand, ich möchte sagen, eine „Spannung“ in den Menschenseelen; denn die Volkskräfte Europas waren nicht so, dass sie nicht aus sich heraus von dem Zusammenhange mit dem Geistigen des Kosmos doch etwas verspürt hätten. Es entstand eine Spannung, gewissermaßen an der Wende zwischen dem vierten und dem fünften nachatlantischen Kulturzeitraum in den Jahrhunderten, in denen sich das herausbildete, was man als „neuere Geschichte“ bezeichnet. Da entstand diese Spannung des unterdrückten Geistigen in der Menschenbrust. Dem musste ein Damm entgegengesetzt werden, teilweise, indem man gut verstand, was als altes Erbgut vorhanden war, und teilweise, indem man das neuherankommende Ahrimanische sehr sachgemäß ins Auge fasste. Da entstand dann jene Geistesströmung, die doch einen viel größeren Einfluss hat, als die meisten Menschen denken, – jene Geistesströmung, die sich bemüht, dieses Zurückgehaltenwerden der Menschenseele von dem Übersinnlichen zu perpetuieren, fortzusetzen. Es entstand, mit andern Worten, der Jesuitismus. Sein inneres Prinzip besteht darin, alles das in der Menschheitsentwickelung zu tun, was den Menschen fernhalten kann von dem Zusammenhange mit dem Übersinnlichen, von dem wirklichen Zusammenhange mit dem Übersinnlichen. Selbstverständlich wird man um so mehr dieses Getrenntsein dadurch erreichen, dass man dieses Übersinnliche gerade von jesuitischer Seite strikte dogmatisch als etwas hinstellt, woran das menschliche Erkennen nicht rühren kann. Aber das jesuitische Vorgehen rechnet auf der andern Seite damit sehr gut, und es will keine innere Verwandtschaft als die zwischen der modernen Wissenschaft und dem Amerikanismus, zwischen moderner Wissenschaft und Jesuitismus. Darin ist der Jesuitismus ja immer groß: die physische Wissenschaft tief bedeutsam zu betreiben. Die Jesuiten sind große Geister auf dem Felde der physisch-sinnlichen Wissenschaft, denn der Jesuitismus rechnet mit diesem elementaren Hang der Menschennatur, der überwunden werden muss durch die Hinlenkung der Menschennatur auf die geistige Welt: Furcht zu haben vor dem Geistigen. Und er rechnet damit, dass man diese Furcht sozialisieren kann dadurch, dass man gewissermaßen dem Menschen sagt: Du kannst und sollst nicht an das Geistige heran; wir verwalten dir das Geistige, wir bringen es in der rechten Weise an dich heran.
• Diese beiden Strömungen – Amerikanismus und Jesuitismus – arbeiten gewissermaßen ineinander; nur dürfen Sie es nicht leicht nehmen, sondern müssen bei alledem die tiefer wirksamen Impulse in der Menschheitsentwickelung suchen. Wer nach den Kräften suchen wird, welche die jetzige Katastrophe herbeigeführt haben, der wird ein merkwürdiges Zusammenarbeiten finden von Amerikanismus – in dem hier gemeinten Sinne – und Jesuitismus. Wenn man dies alles überblickt, dann findet man, wie auf der einen Seite Erbschaft aus früheren Zeiten in unserem Kulturleben wirkt, und wie auf der andern Seite Neues dazu tritt. Indem man dies bezeichnet als das Luziferische auf der einen Seite, das Ahrimanische auf der andern Seite, bezeichnet man gerade das Gegnerische gegenüber dem, was als richtiges Geistesleben zur Rettung der Menschheit in die Entwickelung der Menschheit hineingegossen werden muss. Wer mit innigem Anteil nun an eine solche Gestalt herangeht, wie es Bernhard von Clairvaux ist, der gewissermaßen nach der einen Seite hintendiert, der rechnet damit: Das menschliche Erkennen ist doch nur auf das Physisch-Sinnliche gerichtet, also richten wir die Seele auf das Geistig-Göttliche in Inbrunst, in elementarem Erleben. Dadurch kommt etwas Enthusiastisches in diese Natur hinein. Man könnte sagen: Was da nach der einen Seite, nach dem Geistigen, in den Menschenseelen lebt, das lebt nach der andern Seite auch in unserer Zeit, aber nach der dunkeln, nach der finstern Seite. Das zwölfte Jahrhundert hatte seinen Bernhard von Clairvaux – und unser Jahrhundert hat solche Gestalten wie Lenin und Trotzki; wie dort die Hinneigung zum Übersinnlichen wirkte, so lebt in diesen Gestalten der Hass gegen das Übersinnliche, wenn das auch in andern Worten, in andern Inhalten zum Ausdruck kommt. Das ist die finstere Kehrseite jener Zeiten: dort das Eingießen der Menschenseele in das Göttliche, hier das Eingießen des Menschenwesens in das Animalische, das allein eine soziale Struktur erhalten soll.
Zyklus 50, 17.Vortrag, S.16 — GA 181 📄 (1967/1991), S.335
Berlin, 9. Juli 1918
• Diese naturwissenschaftliche Ergründung hat im Laufe der letzten vier Jahrhunderte es notwendig gemacht, dass der Mensch wirklich darauf ausgegangen ist, die Natur in ihren Einzelheiten zu studieren, Gesetze und Wesenheiten der Natur in ihren Einzelheiten kennenzulernen. Der Mensch trägt ja sogar diese Art, naturwissenschaftlich zu betrachten, in alles mögliche hinein, z.B. in das Geschichtliche, wo es nicht hineingehört. Es wird sich niemand darauf einlassen, auf dem Gebiete der Naturwissenschaft nur immer Natur! Natur! Natur! zu sagen, gewissermaßen eine Art „Pan-Naturalismus“ zu begründen, eine All-Natur. Mit der All-Natur würde man die moderne Kultur wenig gefördert haben; aber es gibt immerhin Menschengesinnungen, welche bei diesem Pan-Naturalismus stehenbleiben wollen. Ich will Ihnen ein Beispiel dafür anführen.
• Als ein Niniveh-Forscher, Layard, bei dem Kadi von Mossul einmal angefragt hat über die Charaktere der einzelnen Menschen seiner Untertanenschaft, über die Vorgeschichte einzelner Staaten, da war das dem Kadi von Mossul schon viel zu viel konkretes naturwissenschaftliches Denken. Er konnte nicht begreifen, dass man sich darauf einlassen soll, die Charaktere der einzelnen Untertanen zu studieren wie die Landschaft, oder gar die Geschichte der Staaten zu studieren. Das käme, meinte er, von dem europäischen Unfug her, die Natur so studieren zu wollen. Und er sagte zu dem Forscher: „Höre, mein Sohn: die einzige wirkliche Wahrheit, die es gibt, ist, an Gott zu glauben. Und diese Wahrheit, an Gott zu glauben, sollte einen abhalten, seine Taten erforschen zu wollen. Siehe hinauf: Da oben siehst du einen Stern, um den ein anderer Stern wandelt. Und einen Stern siehst du, der geschwänzt ist; viele Jahre hat er gebraucht, um hierher zu kommen; viele Jahre wird er brauchen, um aus unserem Kreise zu treten. Wer wollte so töricht sein, erforschen zu wollen, welches die Bahnen dieses Sternes sind! Diejenige Hand, die ihn geschaffen hat, wird ihn auch lenken und leiten. – Höre, mein Sohn: du sagst, dass das nicht Neugier sei, sondern dass du nur wissbegieriger seist, als ich. Nun, wenn dir dein Wissen das gebracht hat, dass du ein besserer Mensch bist als du früher warest, so sei mir doppelt willkommen; aber verlange nur nicht, dass ich mich darum kümmere. Ich kümmere mich um kein Wissen als um dasjenige, das in dem Glauben an Gott besteht. Ich verachte alles andere Wissen. – Oder ich frage dich: Hat dich denn dieses Wissen, das überall herumstöbert, dazu geführt, dass du einen zweiten Magen bekommen hast? Oder haben dir deine Augen den Blick in ein Paradies eröffnet?“ Das sagte der Kadi von Mossul, indem er das naturalistische Wissen damit treffen wollte.
• Sie werden vielleicht ein innerliches Lächeln darüber haben, dass der Kadi von Mossul, ein typischer Vertreter dieser Anschauung, diese Gesinnung äußern konnte. Aber der Geisteswissenschaft gegenüber wird, allerdings übertragen auf ein anderes Gebiet, diese Gesinnung auch gar sehr geltend gemacht. Diese „Kadis von Mossul“ sind sehr verbreitet. Sie sagen immer wieder und wieder: Ach, es ist durchaus nicht notwendig, dass sich der Mensch in der geistigen Welt um etwas anderes kümmere als um das, was ihm das Vertrauen zu Gott gibt. Wie der Kadi von Mossul die äußere Naturwissenschaft abwies, so weisen innerhalb unserer Gegenden sehr viele Leute – gerade offizielle Vertreter des Geisteslebens – die Geisteswissenschaft ab. Erst jetzt ist wieder ein Büchlein erschienen, worin man, obwohl es sonst sehr wohlwollend geschrieben ist, den schönen Satz lesen kann: Das sei das Schlimme an der Geisteswissenschaft, dass sie etwas „wissen“ wolle über die geistige Welt, während die wahre Bedeutung des religiösen Lebens gerade darin beruht, dass man nichts wisse von der geistigen Welt, und doch eben das Vertrauen, das große Vertrauen habe, an das zu glauben, wovon man nichts wisse. Das soll gerade das den Menschen so Auszeichnende sein, dass er sich gestehen kann: Ich weiß nichts, aber ich nehme dieses Göttliche an. – Man sieht heute noch nicht klar ein, was man aber sollte: dass dies mit Bezug auf die geistige Welt ganz genau dieselbe Anschauung ist, wie diejenige in Bezug auf die physisch-sinnliche Welt und ihre Erkenntnis, welche den Kadi von Mossul auszeichnete, und über die Sie eben leise gelächelt haben. Aber das ist es ja gerade, worauf es ankommt, dass die Menschheit den Übergang zur Erkenntnis des Geistigen ebenso findet, wie sie den Übergang zur Erkenntnis des Natürlichen gefunden hat. Das muss stark und klar gesehen werden. Denn davon hängt ab, ob wir gegen die Zukunft zu überhaupt eine Weltanschauung haben werden, welche imstande ist, die menschliche soziale Struktur zu begründen.
Zyklus 50, 18.Vortrag, S.9 — GA 181 📄 (1967/1991), S.346
Berlin, 16. Juli 1918
• Es gibt natürlich eine ganze Anzahl von Impulsen, die den Untergang des Römischen Reiches herbeigeführt haben, aber ein ganz wesentlicher ist der, dass durch den Gang der römischen Geschichte allmählich das Geld abgeflossen war nach dem Orient. Mit der Ausbreitung des Römischen Reiches mussten die Legionen immer mehr und mehr an den Rand des großen Reiches geschoben werden; man musste den Sold den Leuten immer mehr und mehr in Geld auszahlen – nicht in Naturalien, wie es möglich war, solange das Römische Reich enger war. Dadurch aber hat sich, mit dem sich ausbreitenden Reiche, der Geldreichtum nach und nach wirklich nach dem Orient verschoben, und ein wesentliches Kennzeichen Europas in den Jahrhunderten, namentlich in der ersten Zeit dieser Jahrhunderte, vom dritten, vierten an, ist seine Geldarmut, namentlich seine Armut an Metallgeld. Damit hängen manche andere Dinge zusammen, und es ist wichtig, dass man sich über diese Dinge nicht in mystische Schwärmereien ergeht, sondern dass man sich den gesunden Blick für die Wirklichkeit schon bewahrt. Die „Goldmacherkunst“, die Alchemie, ist zum Teil in Europa dadurch bedingt, dass das Gold nach dem Orient abgeflossen war, und man dachte, man könnte es machen, könnte es schaffen, man könnte sich wieder reich machen. Hinter der Alchemie, wie sie sich in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters herausbildet, steckt vielfach als Grund die Verarmung an Geld, die durch die Ausbreitung des Römischen Reiches gekommen ist. – Damit hängt wieder zusammen, dass in diesen Jahrhunderten in das verarmte Römische Reich die Völkerschaften hereinrückten, die vom Norden kamen, die heidnische Anschauungen, heidnische Kultur, heidnische Empfindungen hatten, die wenig verstanden von jener sozialen Struktur, die im Römischen Reich allmählich immer mächtiger geworden war gerade unter dem Einfluss des Geldes. Die Römer haben das als recht unbehaglich empfunden, nachdem ihnen das Geld nach dem Orient abgeflossen war; die nachrückenden germanischen Völker haben sich dabei recht wohl befunden.
• In diese Stimmung des Römischen Reiches hinein fällt die Ausbreitung des Christentums. Man stellt es heute nicht mehr dar, aber es ist so, dass auf den Wellen des sich ausbreitenden Christentums in den ersten Zeiten durchaus eine tiefsinnige Geistesanschauung lebte. Es ist ja heute geradezu eine heillose Angst, besonders in theologischen Kreisen, vor der sogenannten „Gnosis“ vorhanden. Vielfach, wenn man frägt, warum denn die Menschen unsere Geisteswissenschaft, namentlich in theologischen Kreisen, nicht mögen, sie sogar fürchten, bekommt man vielfach die Antwort, diese Geisteswissenschaft könnte zu einer „Erneuerung der Gnosis führen“. Und das ist schon ein Grund, die Sache abzulehnen. Gnosis ist ja nichts anderes (natürlich muss sie in unserem heutigen Zeitalter anders auftreten, als sie in den ersten Jahrhunderten des Christentums aufgetreten ist) als ein positives Wissen über die geistige Welt, die Fähigkeit des Menschen, Einblicke in die geistigen Welten zu gewinnen, so wie man durch die Sinne Einblicke gewinnt in die physischen Welten. Man kann heute Leuten begegnen, die sich lustig machen über die Streitigkeiten, die es einmal darüber gegeben hat, ob der Geist vom Vater oder vom Sohne ausgeht, oder irgendwie anders zusammenhängt mit Vater und Sohn. Mit solchen Begriffen verbinden die Leute heute gar keine Vorstellung mehr. Dazumal hatte man schon Vorstellungen damit verknüpft. Wer mit wirklicher Kenntnis die Geschichte der ersten christlichen Jahrhunderte schreiben würde, der würde sehen, dass in dieser Dogmenentstehung schon „Geist“ steckt, nur findet man ihn heute nicht mehr. Es war auf den Wellen des sich ausbreitenden Christentums schon eine tief bedeutsame Geistesanschauung vorhanden, und man kann verfolgen, wie diese Geistesanschauung in dem sich ausbreitenden Christentum bis ins neunte Jahrhundert hineinragt. Studiert man in den Einzelheiten dieses sich ausbreitende Christentum, so findet man, dass die spätere Ansicht, wonach die religiöse Anschauung sich darauf beschränken solle, von Glaubenskraft sich zu durchdringen und möglichst wenig auf Einzelheiten der geistigen Welt sich einzulassen, dadurch entstanden ist, dass man mit einem gewissen richtigen Blick die Völkerschaften angeschaut hat, aus denen sich das neue Europa herausbilden sollte. Es waren heidnische Völkerschaften, Völkerschaften aber auch, die im Denken, in der Verbindung, in der Ausbildung von Begriffen, die in die geistige Welt hineinführen, es nicht sehr weit gebracht haben: es waren starke, kräftige, elementarisch gesunde Menschen, aber nicht gerade Menschen, deren geistige Veranlagung dahin ging, sich sehr konkrete Vorstellungen über irgend etwas Geistiges zu machen.
• So hat man denn, um das Christentum zur Ausbreitung zu bringen, sich diesen Völkerschaften angepasst. Man wandte sich mehr, weil diese Leute weniger denken konnten, an das „Gemüt“, wie man sagt, an die Glaubenskraft. So sieht man, wie im 10. Jahrhundert eigentlich schon alles Geistesschauerische aus dem Christentum mehr oder weniger verschwunden ist, aber alles hat sich zusammengedrängt in die Glaubenskraft. Und das, was man anschaute in der Glaubenskraft, was man neben sich zu haben meinte in der Glaubenskraft, das war Seeleninhalt für die Menschen allmählich geworden. Die Seelen lebten schon anders, als sie jetzt leben. Man muss sich vorstellen, was eine solche Seele damals bei einer Legende erlebte; ich will nur eine einfache Legende erzählen, die aber überall damals verbreitet wurde, die sinnig ist. Sie lautet so:
Der heilige Bernhard ritt einmal auf einem Esel. Er hatte einen Mönch bei sich. Dieser Mönch litt, wie man heute sagen würde, an Epilepsie. Er fiel immer um. Das sah gerade der heilige Bernhard, als dieser Mönch ihn begleitete und ihm den Esel führte. Da wandte er sich an seinen Gott, dass dieser Mönch fortan niemals den epileptischen Anfall erhalten solle, ohne dass er es vorher wisse. Und die Legende erzählt weiter, der Mönch lebte noch zwanzig Jahre, und jedesmal, wenn er wieder einen Anfall bekam, wusste er es vorher; er konnte sich ins Bett legen und zerschlug sich nicht die Glieder, wenn er wieder umfallen wollte.
• Es ist eine einfache, harmlose Sache, aber eine Sache, die tief wirkte, die damals überall erzählt wurde. Denn man fühlte seine Seele stark, wenn man die Tragkraft der Glaubenswirklichkeit empfinden konnte, und die Menschen lebten in der Aura dieser Empfindung.
• Nun wäre es nicht möglich gewesen, dass die Glaubenskraft sich so konsolidieren konnte, wenn Europa nicht gewissermaßen durch die Jahrhunderte, die ich angeführt habe, sich isoliert hätte. Das Geld war nach dem Orient abgeflossen; damit hatte der Handel allmählich aufgehört. Europa war eine Zeitlang im wesentlichen beschränkt auf seinen Ackerbau. Aber das ist ein geradezu tief bedeutsames Symptom für die Entwickelung Europas in diesen Jahrhunderten, dass ein Drittel des europäischen Bodens an diejenigen übergeht, die die Träger dieser Glaubenskraft sind: In den kirchlichen Besitz geht ein Drittel des Bodens in dieser Zeit über. Es ist, wie wenn das, was gelebt hat, nur durch das römische Element unterbrochen, im ganzen vierten nachatlantischen Zeitraum sich in diese Glaubenskraft zusammengedrängt hätte. Aber eines ging verloren gerade unter dieser Erstarkung der Glaubenskraft: verloren ging der Fortschritt im eigentlichen Christus-Bewusstsein. Man darf nicht vergessen, dass im höchsten Stile von Christus gewusst worden ist in der Zeit der ersten christlichen Jahrhunderte bei denen, welche die Christus-Gestalt, die Christus-Wesenheit hineinstellen konnten in den ganzen Zusammenhang der Kräfte der geistigen Welt. Für diejenigen, die zuerst ergriffen waren von der Christus-Gestalt, war der Grund ihres Ergriffenseins ja der, dass sie hinaufschauten in die geistige Welt und gewissermaßen die Annäherung der Christus-Gestalt durch die geistigen Welten durch Äonen hindurch zur Erde her erblickten, und diese ganzen Ereignisse von Golgatha anschließen konnten an alles Geschehen im Kosmos. Das war das Ergreifende des Ereignisses von Golgatha, dass die, die es zuerst auslegten, es sich so zurechtlegten, dass das, was auf der Erde geschah, das Herabfließen eines Ereignisses aus den Welten des großen kosmischen Geschehens war.
• Dass man das heute anders darstellt, das weiß ich sehr wohl. Aber wenn man sagt, man müsse zurückgehen auf die „schlichten, einfachen Vorstellungen, die man in den ersten Jahrhunderten von dem Christus Jesus hatte“, so redet man eben nur von seinen eigenen Liebhabereien, weil man verdecken will die Größe der Christusidee und den tiefen Einblick, den die ersten Jahrhunderte in das Mysterium von Golgatha hatten. Deshalb brachte man die Lieblingsidee auf: alles war schlicht, alles war so, dass der Christus Jesus womöglich nichts weiter war als, wie mancher heute sagt, „der schlichte Mann aus Nazareth“. Man wundert sich bei solchen Dingen vielleicht weniger, wenn man diese Anschauung bei jüngeren Leuten findet. Ältere Leute müssten allerdings wissen, dass wir selbst in unserer Zeit mit Bezug auf diese Dinge einen bedeutungsvollen Umschwung erlebt haben. Ich habe es oft gehört, dass gesagt wird: Ja, solche Dinge, wie sie in der Geisteswissenschaft dargestellt werden, kann man ja nicht verstehen; die sind sehr schwer verständlich. – Ja, wenn es keine Hindernisse, keine äußeren Hindernisse gäbe! Vor noch dreißig Jahren würden gerade die schlichten Leute auf dem Lande draußen diese Dinge voll verstanden haben. Im Laufe der letzten Jahrzehnte aber ist es anders geworden. Die älteren Leute könnten noch etwas davon wissen, wie Schriften wie z.B. die des Jakob Böhme oder des Eckartshausen – Schriften, die sehr, sehr versuchen, in die Konkretheit der geistigen Welt einzuführen – gerade von einfachen Bauerngemütern vor Jahrzehnten noch aufgenommen worden sind. Oberflächlich ist unser Geistesleben lediglich durch das Bourgeoistum geworden. Das hat seine Lieblingsidee immer mehr und mehr zum Ausdruck gebracht, dass das Wahre – wie man sagt – „einfach“ sein müsse, wobei man nichts anderes meint, als, es müsse auf bequeme Weise, ohne viel Nachdenken, von jedem erfasst werden können. Heute sind allerdings nicht mehr viel Belege – auch in den schlichten Gemütern nicht – dafür zu finden, dass in den ersten Jahrhunderten des Christentums schon geredet werden konnte, gerade diesen schlichten Gemütern gegenüber, von hohen geistigen Dingen, wenn man von dem Christus-Jesus sprach. Das heißt aber: was dann in den folgenden Jahrhunderten geschehen ist, das ist eigentlich geschehen, um gewissermaßen zunächst auch die Christuserkenntnis für die Menschheit wiederum etwas zu verdecken, die Christuserkenntnis nicht sehr nahe an die Menschen herankommen zu lassen.
• In diesen Dingen hat man nötig, die Wirklichkeit anzuschauen, nicht das, was man sich einbildet. Es gehört zu den tiefsten Anforderungen unseres Zeitalters, dass man wiederum lerne, die Wirklichkeiten anzuschauen. Ich muss dabei immer an ein Beispiel erinnern, weil es recht anschaulich ist. – Ich habe einmal in Colmar einen Vortrag gehalten über Christentum und Weisheit. Bei diesem Vortrage waren auch zwei katholische Geistliche anwesend. Die hatten natürlich nie von so etwas gehört, selbstverständlich; aber weil sie jedenfalls nichts darüber gehört hatten, – das wirkte ja dazu mit – kamen sie nach dem Vortrage an mich heran; denn das, was ich gesagt hatte, kam ihnen gar nicht so schlimm vor. Es wäre ihnen wahrscheinlich nur schlimm vorgekommen, wenn sie schon etwas von ihren entsprechenden Oberen gehört hätten, und dann hätten sie wahrscheinlich eben Unsinn gehört. Nur das eine wendeten sie ein. Sie sagten: „Was Sie da sagen, ist ja alles schön; so über die geistige Welt zu reden, ist schön. Aber das versteht ja die Menschheit gar nicht. Wir reden ja so, wie es die Menschheit verstehen kann.“ Ich sagte: „Wissen Sie, Hochwürden, wie man zur Menschheit zu sprechen hat, das dürfen nicht Sie und nicht ich nach unseren Lieblingsmaximen auslegen. Auf diese Lieblingsmaximen kommt es nicht an; denn selbstverständlich, wenn wir nach unseren Lieblingsmaximen urteilen wollten, so würde Ihnen die Art gefallen, wie Sie reden, und mir würde die Art gefallen, wie ich rede. Aber darauf kommt es nicht an. Sondern es kommt darauf an, wozu uns unser Zeitalter verpflichtet: ja nicht solche Fragen, wie Sie sie eben aufwerfen, nach unseren Lieblingsmaximen zu beantworten, sondern sie uns von der Wirklichkeit beantworten zu lassen. Und da gibt es eine naheliegende Antwort. Ich frage Sie: gehen heute alle Leute zu Ihnen in die Kirche, da Sie glauben, Sie sprechen zu allen Leuten?“ Da konnten Sie wahrheitsgetreu nur sagen: „Es bleiben auch manche draußen.“ Darauf konnte ich sagen: „Das ist die Antwort der Wirklichkeit! Für die, welche bei Ihnen draußen bleiben, spreche ich, und die haben auch ein Recht, den Weg zum Christus-Jesus zu finden.“ – Man frage nicht sich, sondern man frage die Realität, man frage das Zeitalter. Denn was man durch sich selbst als Antwort bekommen kann, das weiß man ja. Es scheint so sehr einfach zu sein: aber lernen, die Verpflichtung zu fassen, die einem das Zeitalter gibt, das ist nicht so einfach. Und nur wenn man mit sich recht sehr zu Rate geht, wird man erkennen, was eigentlich hinter dem liegt, was ich jetzt eben gesagt habe.
• Was der Menschheit heute nottut, das ist eben gerade: objektiv werden, mit der Umgebung leben lernen. Wenn wir verstehen den Impuls zu fassen, der hier gemeint ist, dann werden wir uns auch mit der Wahrheit abfinden können, wie allmählich unter dem Einfluss der Zeitereignisse in den Jahrhunderten, von denen ich gesprochen habe, die höhere Erkenntnis, das Hinaufblicken zu dem geistigen Zusammenhang zwischen dem Mysterium von Golgatha und dem kosmischen Geschehen, allmählich in Europa dahingeschwunden ist. Der Christus ist den europäischen Gemütern ferngerückt worden; er hat sich zusammengezogen auf dasjenige, was man fassen wollte, was man sich vorstellen wollte. Aber es kommt darauf an, dass man die Wirklichkeit fasst, nicht das, was man fassen will. Heute hört man sehr häufig: der Mensch soll seinen Gott suchen, im Inneren werde er diesen Gott finden; er soll sich in seinem Inneren mit seinem göttlichen Selbst vereinigen, dann wird er den Gott finden. Insbesondere nehmen die Leute daran Anstoß, dass die Geisteswissenschaft betonen muss: Wenn wir aus der Welt, in der wir leben, hinauskommen in den Geist, dann finden wir „Hierarchien“, dann finden wir, wie wir hier eine reichgegliederte physische Welt finden, dort ebenso eine reichgegliederte, abgestufte geistige Welt. Aber dann ist es den Leuten einfacher und bequemer zu sagen: Man wende sich direkt unmittelbar an den einigen Christus; den findet jeder einzelne Mensch. Es kommt nicht darauf an, dass man es sich einbildet, sondern es kommt darauf an, dass man erkennt, was man im Geistigen wirklich findet. „Was finden diejenigen Menschen, die heute oftmals davon sprechen: Ich habe ein innerliches Verhältnis zu meinem Gott gefunden?“ Das nämlich, was da „Gott“ genannt wird, ist oftmals nichts anderes, als das allernächste geistige Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, der unmittelbar schützende Engel, der als das „höchste Wesen“ verehrt wird. Dass wir „glauben“ wir haben den Gott, darauf kommt es ja nicht an, sondern dass wir die Realität dieses inneren Erlebnisses verstehen, das der Mensch hat. Wenn mancher glaubt, er ist innerlich durchsetzt von einem Göttlichen, so ist er meistens nur durchsetzt von einem Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, oder aber er ist durchsetzt von seinem eigenen Ich, wie es war zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt, wie es in der geistigen Welt gelebt hat, bevor es sich mit diesem physischen Leib vereinigte. Ist es denn nicht interessant, dass es ein Wort gibt, dessen Ursprung man nicht kennt? Wenn Sie die Wörterbücher aufschlagen, so finden Sie mancherlei recht Schönes über mancherlei Wörter. Doch ein Wort gibt es – die gelehrtesten philologischen Wörterbuchschreiber können seinen Ursprung nicht finden, sie wissen nicht, was damit gemeint ist, auch philologisch nicht: das ist das Wort Gott! Lesen Sie nach im „Deutschen Wörterbuch“. Es ist das Wort, dessen Bedeutung man nicht kennt. Sehr bedeutsam, sehr bezeichnend! Denn das, wovon man in Wirklichkeit redet, wenn man heute vielfach von „seinem Gott“ spricht, das ist der einzelne Engel oder gar das eigene Selbst in der Zeit zwischen dem letzten Tode und der jetzigen Geburt. Was man da wirklich erlebt – ich denke jetzt nur an wirklich aufrichtige, ehrliche Selbsterleber –, das ist Wirklichkeit. Darauf kommt es an – und nicht darauf, dass man sich selbst der Täuschung hingibt: Die Leute beten einen „einheitlichen Gott“ an. Sie haben nur ein Wort für das Erlebnis ihres Engels oder gar für das eigene Selbst, wenn es noch nicht verkörpert ist oder schon verkörpert ist, gewissermaßen.
• Dass man dies ahnt, dass man ahnt: durch Geisteswissenschaft muss dahintergekommen werden, was sehr häufig mit dem sogenannten Gotteserlebnis der Menschen gemeint ist, – das bewirkt, dass man diese Geisteswissenschaft so wenig gern sich ausbreiten sieht; denn sie ist geeignet, hinter diese ungeheuer bedeutungsvolle Tatsache zu kommen, die ich eben hervorgehoben habe. Die ganze geschichtliche Entwickelung vom dritten bis zum zehnten, ja noch bis zum fünfzehnten Jahrhundert geht dahin, die Mysterien des Christus-Jesus eigentlich mehr zu verdecken, mehr zu kaschieren, als sie offenbar werden zu lassen. Dies, was ich sage, ist nicht eine Kritik, sondern eine bloße Charakteristik; denn wenn man nicht imstande ist, diese Charakteristik objektiv hinzunehmen, so wird man nie verstehen, unter welchen Gewalten das Zeitalter heraufkommt, das mit dem fünfzehnten Jahrhundert beginnt, das Zeitalter der eigentlichen Bewusstseinsseele. Ich möchte sagen: dieses Zeitalter „donnert herein“, und alles in der geistigen Welt tendiert so, dass diese Bewusstseinsseele mit ihren zwei Polen – mit ihrem materialistischen und ihrem spirituellen Pol – herauskommen muss. Aber von diesem Gesichtspunkte aus muss man erst das geschichtliche Werden ansehen. Bilder muss man sich vor die Seele hinstellen, wie etwa dieses: aus solchen Stimmungen wie diese, die uns auf einer höchsten Stufe in dem heiligen Bernhard erscheint, geht die europäische Tendenz hervor – aus verstärkter, konsolidierter Glaubenskraft geht die europäische Tendenz hervor: Jerusalem an die Stelle von Rom zu setzen, das Christentum mit dem Mittelpunkte in Jerusalem als antirömisches Christentum zu begründen. Denn das liegt eigentlich den Kreuzzügen zugrunde. Gottfried von Bouillon ist nicht ein Sendling der römischen Päpste, sondern er ist derjenige, der die Kreuzzüge aufgreift, um ein Bollwerk in Jerusalem gegen Rom zu errichten, um das Christentum unabhängig zu machen von Rom. Es war eine Idee, die im Grunde viele Jahrhunderte beherrschte. Heinrich der Zweite, der Heilige, hat sie dann in die Form geprägt einer „ecclesia catholica non romana“.
• Wir sehen, wie die europäische Glaubenskraft in diejenigen Gefilde hinein ihre Aura sendet, in welche die Römer ihr Gold gesandt haben! Mit dem Golde und seinen Folgen im Orient stoßen die Kreuzfahrer zusammen, mit dem römischen Golde auf der einen Seite, mit der orientalischen Gnosis auf der andern Seite. Diese Aura muss man in Betracht ziehen, unter der die Kreuzzüge entstanden sind. Sie ist ganz die Aura der europäischen Glaubenskraft. Das ist der eine Ton, der eine Farbenton des Bildes. Doch stellen wir hinein in diesen Farbenton – man könnte es, wenn man es malen wollte, nur als einen Farbenton malen –, stellen wir hinein ein anderes Bild des aufgehenden Zeitalters der Bewusstseinsseele. Wie müsste man es etwa hineinstellen?
• So, dass man den im Jahre 1408 geborenen Dandolo von Venedig (1408–1505), den Dogen, hinstellt, jenen Dogen, der frühzeitig in Konstantinopel war, dort von den Türken geblendet worden ist, der aber die Inkarnation des ahrimanischen Geistes war, und der, trotzdem er nicht sehen konnte, Herr von Venedig war, jenes Venedig, das den ahrimanischen Geist in den Geist hineingestellt hat, den ich jetzt eben gekennzeichnet habe. Das ist ein bedeutungsvoller Augenblick der Weltgeschichte, als dieser Doge Dandolo Konstantinopel eroberte, und als er den ursprünglichen Geist der Kreuzzüge überführte in den späteren Geist der Kreuzzüge. Wie war das?
• So war es, dass zuerst die Kreuzfahrer nach dem Orient zogen, um dort zu finden, was an Heiligtümern, an Reliquien zurückgeblieben war, auf dass sich die Glaubenskraft daranknüpfen könnte. Das haben sie gesucht, das haben sie in ihrer Ehrerbietung nach Europa bringen wollen. Ein reales Band haben sie herstellen wollen zwischen ihrer Glaubenskraft und den tatsächlichen Ereignissen des Mysteriums von Golgatha. Als Venedig eingegriffen hat – was wurden da die Reliquien? Alles wurde gesammelt, aber alles wurde zur Grundlage von Kapitalbildung gemacht! Die Reliquien wurden unter dem Einflusse von Venedig nach und nach behandelt wie Börsenpapiere; sie stiegen und stiegen. Die kapitalistische Aura breitete sich aus: Dandolo, die Inkarnation des ahrimanischen Geistes!
Zyklus D, 2.Vortrag, S.38 — GA 185a 📄 (1963/2004), S.52
Dornach, 10. November 1918
• Sehen Sie, meine lieben Freunde: dasjenige, was heranrückt – wir können ja hier, wo wir unter uns sind gewissermaßen, sehr unbefangen über diese Sache sprechen –, dasjenige, was herannaht, ist ja zweifellos eine Auseinandersetzung des auch auf die Weise wie ich es selbst im öffentlichen Vortrage in Basel neulich erwähnt habe, des in den letzten Jahrhunderten aus dem modernen Industrialismus herausgewachsenen Proletariats mit den alten Klassen der Menschheit. Nun, es ist ja selbstverständlich, dass man zunächst, – ich habe mich schon einigermaßen ausgesprochen, als ich in Anknüpfung an meine „Philosophie der Freiheit“ dasjenige sagte, was ich für das Allernotwendigste gehalten hätte, in den letzten Jahren, und auch heute noch halte, – aber ich möchte noch das Folgende sagen: Sehen Sie, dasjenige, um das es sich handelt, ist, dass man erkenne, dass eine Strömung heranzieht wie mit einer gewissen elementaren Notwendigkeit. Da handelt es sich nicht darum, dass man über diese Strömung das eine oder andere Urteil abgibt, – ich meine mit dieser Strömung die soziale Bewegung, oder die Summe der sozialen Forderungen, die aus dem Proletariat erhoben werden, – da handelt es sich nicht darum, dass man das eine oder andere Urteil über diese Dinge abgibt, sondern da handelt es sich, meine lieben Freunde, darum, dass man sich wirklich vertiefen kann in dasjenige, was da heranzieht, was einfach als Tatsache heranzieht. Darum handelt es sich. Darüber zu kritisieren, – das ist etwas, was man ja kann, wenn man will, was aber nicht viel mehr Wert hat, als eine vielleicht sehr berechtigte, aber doch nur private Meinung. Worauf es ankommt, meine lieben Freunde, das ist doch wirklich das: dass eine Möglichkeit gefunden werde, dass die Masse der nicht-proletarischen Bevölkerung der ganzen zivilisierten Welt eine Stellung gewinne zu dem, was heraufzieht. Und gerade nach dieser Richtung gingen manche Fragen, die an mich gestellt worden sind. Und das ist es ja, was jetzt vor den Seelen der Menschen liegen muss: Stellung zu gewinnen. Nun, meine lieben Freunde, da kann ich nur sagen: Wir sind mit Bezug auf die soziale Bewegung, wie sie sich aus dieser kriegerischen Katastrophe heraus entwickelt hat, nur aus dieser heraus entwickelt hat in ihrer heutigen Gestalt, wir sind in ein Stadium eingetreten, wo es sich wahrhaftig nicht mehr darum handeln kann, abstrakte Programme zu machen, so und soviele Punkte zusammenzustellen: man solle dies oder jenes tun. Das wäre vielleicht noch vor drei Jahren, vor zwei, vielleicht vor einem Jahre eine Möglichkeit gewesen. Heute ist das keine Möglichkeit mehr. Heute kann ich jemandem, der mich nach dieser Richtung frägt, nur die Antwort geben, dass es sich heute nur darum handeln kann, dass man an jedem einzelnen Platze, an den man gestellt ist, finden kann, gerade wenn man Geisteswissenschafter ist, durch ein wirklichkeitsgemäßes Betrachten der Situation, was zu tun ist, und dass man auch die Mittel und Wege findet, um dasjenige, was getan werden muss, zu tun. Da ist es natürlich wiederum gut, wenn man dasjenige objektiv und sorgfältig erwägt, was insbesondere von den bürgerlichen Kreisen unterlassen worden ist. Nicht wahr, der abstrakte Satz kann leicht eingesehen werden: die bürgerlichen Kreise müssen die Möglichkeit finden, wenn es nicht zu furchtbaren Katastrophen kommen soll, sich zu rangieren mit dem Proletariat. Aber so ist der Satz doch ein ganz abstrakter, so besagt er garnichts Besonderes. Dasjenige, um was es sich handelt, ist doch etwas ganz anderes. Dieses Rangieren, das notwendig ist, das geschehen muss, dieses Rangieren wird nicht leicht sein. Denn, meine lieben Freunde, gerade die bürgerlichen Klassen haben im Laufe der Jahre ungeheures unterlassen, was dazu geführt hat, dass ihnen jetzt vieles fehlt, um sich unmittelbar zu rangieren mit dem Proletariat. Die bürgerlichen Klassen in ihrer Mehrheit haben keine Ahnung von der Seelenverfassung des Proletariats. Dasjenige, was heranzieht, sind Masseninstinkte. Aber diese Masseninstinkte, sie muss man wirklich verstehen können, sie muss man wirklich so, wie sie ihrer Natur nach sind, ins Auge fassen. Und gerade dieser Situation gegenüber darf man gar nicht den Glauben haben, dass das Verständnis für diese Masseninstinkte, die heute heranziehen, von selbst kommt. Mit patriarchalischer Denkweise, mit dem, was die bürgerlichen Kreise heute Verständnis nennen solcher Dinge, ist nicht im entferntesten irgend etwas getan. Die bürgerlichen Kreise verstehen von sozialen Fragen, wenn sie sich auch nach der oder jener Richtung damit beschäftigt haben, doch nicht viel mehr, als dass die Leute Hunger haben und nach Brot schreien, weil sie das nämlich auch tun, wenn sie Hunger haben. Das ist dasjenige, was sie gemeinschaftlich haben heute mit den proletarischen Kreisen. Sie haben gar nichts getan in den letzten Jahrzehnten, um wirklich eine geistige Gemeinschaft mit dem Proletariat anzustreben, um eine geistige Gemeinschaft einzuleiten. Ich darf, meine lieben Freunde, mich schon für einen Beurteiler dieser Sache aus dem Grunde halten, weil ich das, was ich sage, nicht bloß aus dem Studium heraus sage, – denn wer, wie ich selber, aus dem Proletariat hervorgegangen ist, weiß, wie das Proletariat lebt und denkt, ich möchte sagen, auf allen möglichen Gebieten; und wer sich dann beschäftigt hat, soviel sich nur ein Mensch beschäftigen kann, mit den Gedanken, die durch Jahrzehnte hindurch das Proletariat gebildet hat, und mit den Empfindungen, die von diesem Proletariat ausgehen, der darf eben über diese Sache reden. Da ist ins Auge zu fassen und wohl zu berücksichtigen, dass im Verlauf der letzten Jahrzehnte die proletarischen Kreise jede freie Zeit, die sie hatten von ihrer Arbeit, dazu benützt haben, um sich Vorstellungen, Begriffe, und danach auch Empfindungen und Impulse anzueignen über Kapital und Kapitalwirtschaft, über Lohn und Mehrwert, über materialistische Geschichtsentwickelung, über Unternehmertum und Arbeitertum. Und man darf, wenn man selber seine Empfindungen in die richtigen Bahnen lenken will, nicht vergessen, meine lieben Freunde, dass in den letzten Jahrzehnten in der Zeit, in welcher die Arbeiter Abend für Abend – insoweit sie in Betracht kommen – gesessen haben, sich Begriffe, volkswirtschaftliche, anzueignen für eine – was sie Revolution nennen, was aber auch eine Reform hätte werden können – in der Zeit, was haben denn die bürgerlichen Kreise getan? In der Zeit haben die bürgerlichen Kreise Karten gespielt oder sogenannte unterhaltende Theaterstücke angehört oder Zeitungen gelesen, na, oder ähnliche nützliche Beschäftigungen mehr gehabt. Dadurch ist mit Bezug auf menschliches Verständnis der Zustand endlich eingetreten, der heute da ist: der Zustand der völligen Unfähigkeit, das, was proletarisch ist, zu verstehen auf seiten der bürgerlichen Bevölkerung.
• Dieser Zustand war solange aufrechtzuerhalten, als nicht elementare Masseninstinkte entfesselt wurden. Er ist nicht aufrechtzuerhalten, wenn elementare Masseninstinkte entfesselt werden. Denn der ganze Gang der Bewegung ist so, dass man nicht, ohne drinnen zu stehen in der Seele des Proletariers, an eine Rangierung denken konnte. Derjenige, der wirklich die Entwickelung des Proletariats verfolgen konnte, der weiß, dass alle die verschiedenen patriarchalischen Machinationen, die von wirtschaftlich Führenden ausgegangen sind, von der Seele der Proletarier gerade am intensivsten abgelehnt worden sind. Was man geglaubt hat in bürgerlichen Kreisen, zugunsten der Arbeiter zu machen, das ist ja im Innersten der Proletarier-Seele strikte abgelehnt worden, meine lieben Freunde, ist sogar als eine Art Beleidigung aufgefasst worden, insofern es einen patriarchalischen Charakter hat. Aber auf dem Gebiete der volkswirtschaftlichen Zusammenhänge hat sich der Proletarier Kenntnisse erworben, die er heute hat, hat sich ein Urteil erworben, mit dem er als einem Inhalt seiner Seele herumgeht, und von dem der Zugehörige der bürgerlichen Klasse gar nicht die allergeringste Ahnung, keinen Schimmer hat. Denn so ist die Tatsache gekommen, dass heute der proletarische Arbeiter über die Funktionen des Kapitals, über Unternehmertum und Lohnverhältnisse, über materialistische Geschichtsentwickelung mehr weiß als ein nationalökonomischer Universitätsprofessor, dessen Beruf es ist, über diese Dinge etwas zu wissen.
• Das ist die Lage, die man vor allen Dingen richtig ins Auge fassen muss. Denn nur, wenn man sie richtig ins Auge fasst, dann wird man verstehen, was gemeint ist, wenn ich sage: derjenige, der sich jetzt rangieren will mit dem, was herauftaucht, der hat nötig eine ganz neue Sprache zu sprechen. All das, was bisher gedacht worden ist in bürgerlichen Kreisen, das muss sich in eine ganz andere Sprache verwandeln; denn das, was hergestellt werden muss, muss Vertrauen sein. Sie müssen aus der Seele der Leute heraus sprechen können, und an jedem einzelnen Ort aus der Seele der Leute heraus sprechen können, und vor allen Dingen heraus handeln können. Das können Sie nicht mit abstrakten Programmpunkten, sondern nur, wenn Sie sich hineinstellen in das, was heute geschieht, oder hineingestellt werden; wenn das das Richtige ist. Vorläufig wird aber noch alles zurückgewiesen, was das Richtige ist, werden auf keinem Punkte irgendwelche Anstalten gemacht, um irgend etwas nach dieser Richtung zu unternehmen. Denn nicht um die Abforderung von abstrakten Programmen kann es sich heute noch handeln, sondern heute kann es sich nur darum handeln: das persönlichste Wirken zu entfalten aus dem Verständnis der Sachlage heraus im konkreten einzelnen Fall. Nur darum kann es sich handeln.
• Dasjenige, was im allgemeinen gesagt werden kann, ist ja das Folgende: sehen Sie, dadurch, dass alles das in proletarischen Kreisen getrieben worden ist, was die bürgerlichen Kreise verschlafen haben, was weder Inhalt der Schulbildung, noch Inhalt der Salonunterhaltungen oder dergleichen war, dadurch wissen die meisten Menschen heute nicht viel über die Dinge, über die man eben fähig sein muss, sich Gedanken zu machen. Nun ist ein Zweifaches heute nur möglich: entweder Sie machen sich Gedanken über gewisse soziale Werte vom Gesichtspunkte des heutigen Proletariats aus, oder Sie machen sich solche Gedanken vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus. Sind Sie durch Jahre in der geisteswissenschaftlichen Bewegung drinnengewesen und haben Sie Ihre Zeit darinnen richtig angewendet, so denken Sie einfach richtig über dasjenige, was Ihnen heute im konkreten Fall entgegentreten kann. Und nur dann sind Sie in der Lage, ein Vertrauensverhältnis herzustellen, auf das es vor allen Dingen ankommt. Denn mit dem, was heute der Bürgerliche sagen kann, muss er überall zurückgewiesen werden, weil eben der Proletarier eine viel vorgeschrittenere Sprache führt. Der Bürgerliche muss lernen, eine noch vorgeschrittenere Sprache zu führen. Das muss er aber erst wollen. Sehen Sie, was notwendig ist, ist: das Augenmerk zu richten auf die drei Typen von volkswirtschaftlichen Werten, die die hauptsächlichsten drei Typen sind, und um die die eigentlichen Fragen gehen. Was heute behandelt werden muss durch Denken und durch die Tat, das sind diese drei Typen von volkswirtschaftlichen Werten. Sie können sich aber nur verständigen, auch durch die Tat nur verständigen mit dem, was als elementare Strömung heraufzieht, wenn Sie den Willen haben, auf die Sprache, die das Proletariat spricht, einzugehen und sein wirklich sachgemäßeres und wirklichkeitsgemäßeres Urteil ins Auge fassen, geltend machen können. Bei „sein“ notiert Ballmer handschriftlich: „ein?“, während der GA-Text hier „Ihr“ schreibt.
• Die drei Typen sind der sogenannte Unternehmergewinn (Kapitalgewinn), die Rente und der Lohn. Andere Typen von nationalökonomischen Werten gibt es nicht. Alles dasjenige, was es gibt an nationalökonomischen Werten, fällt sachgemäß unter die drei Typen, entweder Unternehmergewinn, oder Rente, oder Lohn. Diesen drei Typen von volkswirtschaftlichen Werten steht das Proletariertum in einer gewissen Weise gegenüber. Es will die schädlichen Seiten – nach seiner Ansicht schädlichen Seiten –, welche diese drei Typen von volkswirtschaftlichen Werten haben, dadurch beseitigen, dass herbeigeführt werde die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und des Grunds und Bodens, und dass die Herrschaft übergehe an das eigentliche Proletariat, die Herrschaft in den verschiedenen gesellschaftlichen Gebieten, weil das Proletariat eben das Vertrauen zu den anderen Klassen verloren hat. Ja, meine lieben Freunde, darüber kann man heute nicht theoretisch bloß sprechen, darüber kann man nur wirklichkeitsgemäß sprechen. Man kann nur so sprechen, meine lieben Freunde, dass man ins Auge fasst: Wie weit sind die Verhältnisse gediehen? – Man kann, wenn man diese oder jene nationalökonomische Theorie durchgeochst hat, das eine oder das andere für das Richtige halten, aber das besagt gar nichts für die Wirklichkeit, für dasjenige, was zu tun ist. Für dasjenige, was zu tun ist, besagt heute etwas einzig und allein das Faktum: was in den Köpfen der proletarischen Massen drinnen ist. Und das ist sehr uniform: das hat sich durch Jahrzehnte sehr uniform ausgebildet. Und mit dem muss vor allen Dingen gerechnet werden. Man muss sich vor allen Dingen klar darüber sein, dass gewisse Dinge von denen, die angestrebt werden müssen, verständnisvoll verfolgt werden müssen, wenn sich das Bürgertum überhaupt rangieren will mit dem Proletariat.
• Unternehmergewinn – die Tendenz der Arbeiterschaft geht darauf hin, den Unternehmergewinn so zu gestalten, dass aus dem Unternehmergewinn nichts einfließe in den privaten Erwerb. Dieses ist eine Sache aber, über die durchaus eine Verständigung mit dem Proletariat möglich wäre. Wenn man verfolgen würde all die Kanäle, all die Rinnsale, in denen sich im volkswirtschaftlichen Körper ergießt dasjenige, was Kapital ist, und dann, wenn das Kapital die Form des Unternehmergewinns annimmt, – wenn man das alles verfolgt, und wenn man sich zu gleicher Zeit sagt: das hat das ärgste Misstrauen hervorgerufen des Proletariats gegen das Bürgertum, namentlich gegen die Großbourgeoisie, dass in ausgiebigstem Maße der Unternehmergewinn in den Privaterwerb einbezogen worden ist, – darüber wird sich in der Zukunft überhaupt nicht streiten lassen –, dann ist man auf dem rechten Wege. Dann wird man aber auch, wenn man Verständnis zeigt für dasjenige, was in diesem Punkte das Proletariat will, dann wird man auch die Mittel und Wege finden, um jene tiefe soziale Schädigung hintanzuhalten, die dann eintreten muss, wenn im Sinne des radikalen Proletariats heute der Unternehmergewinn bekriegt wird. Es liegen leider die Dinge so, dass nach den Kenntnissen, die die Bürgerlichen haben von diesen Dingen, gar nicht diskutiert werden kann meistens mit dem Proletariat, weil diese Kenntnisse eben nicht da sind, weil der Bürgerliche heute nichts weiß von den Kanälen und von den Funktionen, in denen so etwas wie Unternehmergewinn – von einer Fabrik der Gewinn des Unternehmers, oder von irgend etwas anderem der Gewinn des Unternehmers – sich ergießt. Da dem Proletarier notwendig fehlen die Ausblicke, in die die eine oder die andere soziale Gestaltung führt, so bekämpft er nur die Schäden, die allmählich durch das Verhalten des Bürgertums in bezug auf den Unternehmergewinn hervorgerufen worden sind. Aber er ruft dadurch ganz sicher nur Zerstörung, nur Untergang hervor. Sache des Bürgertums wäre es nun, über diesen Punkt sich im einzelnen zu verständigen. Gerade wenn man sich in diesen Einzelheiten verständigen würde, so würden diejenigen, die fähig sind, dadurch, dass sie bisher in den Wirtschaftskörpern drinnen gestanden haben, führende Stellungen hatten in den Wirtschaftskörpern, die darum einzig und allein nur die Kenntnisse hatten, um die Kontinuität des Wirtschaftslebens fortzuführen, ganz von selbst nach dem Willen des Proletariats an erste Stellen gestellt werden, – na, ob nun durch Arbeiter- und Soldatenräte oder andere Räte auftreten, sie würden ganz von selbst dort schon hineinkommen. Aber es muss die Möglichkeit vorhanden sein, wirklich über etwas zu verhandeln mit den Leuten. Wenn die Möglichkeit vorhanden ist, über etwas zu verhandeln, so dass die Leute wissen: aha, der weiß selber dasjenige, was wir eigentlich wollen, aber er weiß noch etwas mehr, dann kommt dasjenige, was kommen muss: Vertrauen, das heute nicht vorhanden sein kann. Denn der Zustand kann nie eintreten, meine lieben Freunde, dass, wenn die Proletarier einfach den Glauben haben müssen: na ja, jetzt haben sie das Heft in der Hand, und die Bürgerlichen, die bisher sich so und so benommen haben, die wollen sich jetzt auch hinsetzen an den Tisch …, dass sie da gleich aus Gutmütigkeit sie mit hinsetzen lassen werden; das wird nicht eintreten, sondern es muss das durch Vertrauen gestützt sein. Und die Schwierigkeit besteht darinnen, dass eigentlich in weitesten Kreisen keine Möglichkeit besteht, eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Man kann ja dann die verschiedensten Ansichten haben; aber man muss eine gemeinsame Sprache sprechen können.
• Dann muss man aber sich darüber klar sein, meine lieben Freunde, dass nicht nur der Unternehmergewinn, sondern auch die Rente wesentlich angefochten werden wird. Nun hat ja gerade die Rente zu den ärgsten Auswüchsen geführt; und aus den Masseninstinkten heraus wird nicht nur der Unternehmergewinn bekriegt, sondern selbstverständlich auch die Rente bekriegt werden. Nun ist es ganz klar, meine lieben Freunde, dass nur derjenige wieder in diese Dinge hineinsehen kann, der die Funktionen der Rente überschaut. Und da handelt es sich darum, dass es leicht ist, wenn man die Sprache des Proletariats heute handhabt, es wenigstens bis zur Diskussion zu bringen … Verständnis wird sich langsam und allmählich nur entwickeln, gegenseitiges Verständnis, – aber es wenigstens bis zur Diskussion zu bringen, und es bis zu einer gewissen Art von Vertrauen zu bringen.
• Nicht wahr, beim Unternehmergewinn handelt es sich ja darum, dass man wirklich nicht den Unternehmergewinn betrachte als eine Grundlage für privaten Erwerb, sondern dass alles, was Unternehmergewinn ist, zu einem nur in dem Verhältnis steht, dass man die Sache zu verwalten hat, dass man mit der Sache zu wirtschaften hat, dass der Unternehmergewinn in der Zukunft nicht hineingehen darf in den privaten Erwerb, in all dasjenige, was privater Erwerb ist. Bei der Rente handelt es sich darum, dass die Welt ohne Rente gar nicht leben kann, denn von der Rente im weitesten Sinne muss das ganze geistige Leben, Erziehung, Unterricht und alles erhalten werden; und außerdem müssen die nicht arbeitsfähigen und kranken Menschen, die alten Menschen und dergleichen eigentlich aus der Rente erhalten werden. In dem Augenblick, wo man sachgemäß über diese Dinge redet, würde es sich selbstverständlich darum handeln, dass man wenigstens in eine fruchtbare Diskussion kommt; aber man muss sich auch klar darüber sein, dass es unmöglich ist, in eine fruchtbare Diskussion zu kommen, wenn man nicht weiß, dass das wirklich Berechtigte der Rente nur darinnen bestehen kann, dass sie in diese Richtungen geleitet wird, von denen ich eben gesprochen habe.
• Das dritte ist der Lohn, den ja regeln will das Proletariat so, dass kein Mehrwert sich ergibt, der in etwas anderes fließt, als in den nicht zum privaten Erwerb umzusetzenden Unternehmer-Gewinn und in die berechtigte Rente. Natürlich ist es ein Horror für die auf diesem Gebiete ganz kenntnislose bürgerliche Bevölkerung, darinnen Einsicht zu gewinnen, dass nun wirklich niemand etwas zu fürchten hat, im Geringsten etwas zu fürchten hat, wenn im Prinzip das wirklich besteht: dass jedem zufällt das Erträgnis seiner Arbeit; dass tatsächlich die volkswirtschaftliche Struktur so ist, dass sich für jeden Arbeitenden umwandelt die Arbeit in Erträgnis seiner Arbeit.
• Ein Ideal ist es nicht, das können Sie aus meinem Aufsatz „Theosophie und soziale Frage“ sehen; aber es handelt sich heute nicht um ein Ideal, sondern um dasjenige, was allein erreicht werden kann in der unmittelbaren Zukunft. Und da handelt es sich darum, dass man in der Tat ein Verständnis dafür erweckt, welches das Minimum des Mehrwertes ist, und nur das Minimum des Mehrwertes zurückhält von dem Lohn, der dann nicht mehr Lohn sein wird, sondern der einfach Entschädigung sein wird für Arbeit. In der allergerechtesten Weise, man kann sogar sagen: in der allerbequemsten Weise würde sich die soziale Struktur gestalten, natürlich nach und nach, wenn man zunächst gar nichts anderes wollte, als mit wirklichem Verständnisse nach diesen drei Richtungen hin sich zu rangieren. Denn man würde dann zunächst dasjenige hervorrufen, was das Allernotwendigste ist: man würde hervorrufen die Möglichkeit einer Kontinuität des Wirtschaftslebens. Und das ist vor allen Dingen notwendig. Das ist dasjenige, was nicht möglich war auf dem Gebiete des Bolschewismus in Russland, und was niemals möglich sein wird, wenn nicht eine Rangierung in dem angedeuteten Sinne stattfindet. Anders als in dem angedeuteten Sinne ist es nicht möglich.
• Nach diesen drei Richtungen hin handelt es sich darum, dass man vor allen Dingen so Verständnis erweckt, dass aus diesem Verständnis eine Bewegung nach der Regel nach diesen drei Richtungen geschieht. Dadurch allein ist es möglich, dass die tauglichen Führer des wirtschaftlichen Lebens – was dringend notwendig ist, wenn nicht unermessliches Unheil kommen soll, – dass die Tauglichen, nicht die Untauglichen, die müssen selbstverständlich raus – dass die tauglichen Führer des wirtschaftlichen Lebens diesem wirtschaftlichen Leben wirklich erhalten bleiben. Es ist unter keinen anderen Verhältnissen möglich, das Proletariat für die Kontinuität des Wirtschaftslebens zu gewinnen, als wenn man in dieser Weise eine ihm verständliche Sprache zu führen vermag. Die Kontinuität des Wirtschaftslebens, die muss erhalten werden.
Zyklus 51, S.54 — GA 186 📄 (1963/1990), S.71
Dornach, 1. Dezember 1918
• Heute ist es schon so, dass die Menschen auf der Erde vierzehnhundert Millionen sind; aber es wird nicht bloß Arbeit geleistet von diesen vierzehnhundert Millionen – ich habe das einmal hier ausgeführt –, sondern es wird so viel Arbeit geleistet auf rein mechanische Weise, dass man sagen kann: die Erde ist heute eigentlich von zweitausend Millionen Menschen bevölkert; die anderen sind eben einfach Maschinen; d.h. würde die Arbeit, welche von Maschinen geleistet wird, durch Menschen geleistet werden müssen, ohne Maschinen, so müssten sechshundert Millionen mehr Menschen auf der Erde leben. Aber man wird, wenn das, was ich jetzt vor Ihnen mechanischen Okkultismus nenne, in das Gebiet der praktischen Wirksamkeit tritt, was ein Ideal jener geheimen Zentren ist, man wird nicht nur fünf- oder sechshundert Millionen Menschenarbeit leisten können, sondern man wird etwa tausendundachtzig Millionen Menschenarbeit leisten können. Dadurch wird die Möglichkeit gegeben sein, dass innerhalb des Gebietes der englisch sprechenden Bevölkerung 9/10 der Menschenarbeit unnötig wird. Aber der mechanische Okkultismus macht möglich nicht nur, dass man 9/10 der Arbeit, die heute noch von Menschenhänden geleistet wird, entbehren kann, sondern er macht es auch möglich, dass man jede aufständische Bewegung der dann unbefriedigten Menschenmasse paralysieren kann.
• Die Fähigkeit, nach dem Gesetze der ineinanderklingenden Schwingungen, Motoren in Bewegung zu setzen, diese Fähigkeit, sie wird sich gerade in ausgiebigem Maße bei der britisch sprechenden Bevölkerung entwickeln. Das weiß man in jenen geheimen Zirkeln. Damit rechnet man als mit demjenigen, was einem noch im Laufe des 5. nachatlantischen Zeitraums die Übermacht über die übrige Erdenbevölkerung geben wird.
• Aber man weiß in jenen Kreisen noch etwas anderes. Man weiß, dass es zwei andere Fähigkeiten gibt, die sich auch entwickeln werden. Und eine Fähigkeit wird sich entwickeln, meine lieben Freunde, die ich nennen möchte die eugenetische Fähigkeit. Und diese eugenetische Fähigkeit wird sich vorzüglich entwickeln bei den Menschen des Ostens, bei den Menschen Russlands und des asiatischen Hinterlandes. Und auch das weiß man in jenen geheimen Zirkeln des Westens, dass dieser eugenetische Okkultismus sich nicht aus den angeborenen Anlagen der britisch sprechenden Bevölkerung heraus entwickeln wird, sondern aus den angeborenen Anlagen gerade der asiatischen und russischen Bevölkerung. Man kennt diese Tatsachen in den geheimen Zirkeln des Westens, und man rechnet damit. Man zählt mit ihnen als mit gewissen Impulsen, welche in der Entwickelung der Zukunft tätig sein müssen. Eugenetische Fähigkeit, meine lieben Freunde, nenne ich die Heraushebung der Menschenfortpflanzung aus der bloßen Willkür und dem Zufall. Innerhalb der Bevölkerung des Ostens wird sich nämlich ein instinktiv helles Wissen entwickeln, welches Kenntnis davon haben wird, wie mit gewissen kosmischen Erscheinungen parallel laufen müssen die Gesetze der Population, die Gesetze der Bevölkerung; wie man, wenn man im Einklange mit gewissen Sternkonstellationen die Empfängnis einrichtet, dadurch Veranlassung gibt, gut gearteten oder übel gearteten Seelen den Zugang zur Erdenverkörperung zu verschaffen. Zu dieser Fähigkeit werden nur diejenigen Menschen gelangen können, welche die Rassenfortsetzung, die Blutsfortsetzung der asiatischen Bevölkerung bilden. Einfach im einzelnen zu schauen: wie ist das, was heute chaotisch, nach Willkür, über die Erde hin wirkt – Konzeption, Geburt –, wie ist das im Einklange mit den großen Gesetzen des Kosmos im einzelnen konkreten Falle zu machen. Da nützen nämlich abstrakte Gesetze nichts; sondern was da erworben wird, ist eine konkrete einzelne Fähigkeit, die im einzelnen Falle wissen wird: jetzt darf eine Konzeption sein oder jetzt darf keine Konzeption sein.
• Dieses Wissen, welches in der Lage sein wird, vom Himmel herunter die Impulse zu holen für Moralisierung oder Demoralisierung der Erde durch die Natur des Menschen selbst, diese besondere Fähigkeit entwickelt sich als eine Fortsetzung der Blutsfähigkeit bei den Rassen des Ostens. Und ich nenne das, was da als Fähigkeit sich entwickelt, eugenetischen Okkultismus. Das ist die zweite Fähigkeit, meine lieben Freunde, welche verhindern wird, dass bloß nach Willkür, mehr oder weniger durch Zufall die Evolution der Menschheit mit Bezug auf Konzeption und Geburt in der Welt verläuft. Und bitte, jetzt sehen Sie auf die ungeheure soziale Folge, auf den ungeheuren sozialen Impuls, der damit hereinkommt! Diese Fähigkeiten sind latent. Man weiß gut in jenen geheimen Zirkeln der britisch sprechenden Bevölkerung, dass diese Fähigkeiten sich bei der Bevölkerung des Ostens entwickeln werden. Man weiß, dass man sie selber in seinen durch die Geburt vermittelten Anlagen nicht haben werde. Man weiß, dass die Erde ihr Ziel nicht erreichen könnte, nicht von der Erde zum Jupiter hinüberkommen könnte, ja dass sogar schon verhältnismäßig bald die Erde von ihrem Ziele sich abwenden würde, wenn nur mit den Kräften des Westens gearbeitet würde. Wenn nur mit den mechanischen okkulten Fähigkeiten des Westens gearbeitet würde, meine lieben Freunde, dann würde allmählich eine seelenlose Bevölkerung im Westen sich allein entwickeln können, eine Bevölkerung, welche so seelenlos wie möglich werden würde. Das weiß man. Daher strebt man an, innerhalb des eigenen Kreises dasjenige, was man entwickeln kann durch seine Fähigkeiten, zu entwickeln: den mechanischen Okkultismus; und man strebt an, zu beherrschen diejenige Bevölkerung, welche den eugenetischen Okkultismus entwickelt. Jeder Wissende in den Zirkeln des Westens sagt: Es ist notwendig, dass wir z.B. Indien beherrschen, aus dem Grunde, weil nur in der Fortsetzung desjenigen, was aus indischen Leibern kommt (wenn es sich mit dem verbindet, was im Westen nach ganz anderer Richtung hin, nach der Richtung des nur mechanischen Okkultismus geht), Körper entstehen, in denen sich zukünftig Seelen verkörpern können, die die Erde zu ihren künftigen Entwickelungsstadien hinübertragen. Die englisch sprechenden Okkultisten wissen, dass sie verzichten müssen auf die Leiber, welche aus ihrer eigenen Volksgrundlage heraus kommen, und sie streben danach, die Herrschaft über eine Bevölkerung zu haben, welche Leiber liefern wird, mit Hilfe welcher die Entwickelung der Erde in die Zukunft hinausgetragen werden kann.
• Die amerikanischen Okkultisten wissen, dass sie nur, wenn sie von sich aus dasjenige pflegen, was innerhalb der russischen Bevölkerung sich an Leibern der Zukunft durch die eugenetisch okkulte Anlage entwickelt, wenn sie das beherrschen, so dass allmählich eine soziale Verbindung zwischen ihren absterbenden Rasseeigentümlichkeiten und den aufkeimenden psychischen Rasseeigentümlichkeiten des europäischen Russland zustande kommt, dass sie nur dann in die Zukunft hinübertragen können, was sie hinübertragen wollen.
• Von einer dritten Fähigkeit, die heute latent ist, und die sich entwickeln wird, muss ich Ihnen sprechen. Es ist diejenige, die ich nennen möchte die hygienische okkulte Fähigkeit. Nun haben wir alle drei: die materielle okkulte Fähigkeit, die eugenetische okkulte Fähigkeit und die hygienische okkulte Fähigkeit. Diese hygienische okkulte Fähigkeit ist auf dem guten Wege und wird verhältnismäßig nicht lange auf sich warten lassen. Diese Fähigkeit wird einfach durch die Einsicht reifen, dass das menschliche Leben, indem es von der Geburt bis zum Tode verläuft, nach einem Prozesse verläuft, der ganz identisch ist mit einem Krankheitsprozesse. Krankheitsprozesse sind nämlich nur spezielle und radikale Umbildungen des ganz gewöhnlichen, normalen Lebensprozesses, der zwischen Geburt und Tod verläuft, nur dass wir in uns nicht nur die krankmachenden Kräfte tragen, sondern auch die gesund machenden Kräfte. Und diese gesund machenden Kräfte, das weiß jeder Okkultist, sind ganz genau dieselben wie diejenigen, welche man dann anwendet, wenn man sich okkulte Fähigkeiten erwirbt, indem man diese Kräfte in Erkenntnisse umwandelt. Die dem menschlichen Organismus innewohnende Heilkraft in Erkenntnis umgewandelt, gibt eben okkulte Erkenntnisse.
• Es weiß nun wiederum jeder Wissende in den westlichen Zirkeln, dass in Zukunft die materialistische Medizin keinen Boden haben wird. Denn in dem Augenblicke, wo sich die hygienisch-okkulten Fähigkeiten entwickeln, wird man nicht eine äußere materielle Medizin brauchen, sondern es wird die Möglichkeit da sein, jene Krankheiten, die nicht durch karmische Ursachen (die unbeeinflussbar sind) entstehen, auf psychischem Wege prophylaktisch zu behandeln, zu verhüten. Es wird sich alles in dieser Beziehung ändern. Das erscheint heute noch wie eine bloße Phantasie; aber das ist etwas, was sogar sehr bald kommen wird. Nur, meine lieben Freunde, liegt die Sache so, dass diese drei Fähigkeiten nicht etwa gleichmäßig über alle Bevölkerung der Erde kommen. Sie haben ja schon die Differenzierung gesehen. Diese Differenzierung hat natürlich nur etwas zu tun mit den Leibern, nicht mit den Seelen, die ja immer von Rasse zu Rasse und von Volk zu Volk gehen; aber mit den Leibern hat sie sehr viel zu tun, diese Differenzierung. Aus den Leibern der englisch sprechenden Bevölkerung kann niemals herauskommen die Fähigkeit, durch Geburt eugenetisch-okkulte Fähigkeiten in Zukunft zu entwickeln. Sie werden angewendet werden gerade im Westen, aber dadurch angewendet werden, dass man Ostländer beherrschen wird und Ehen herbeiführen wird zwischen den Menschen des Westens und den Menschen des Ostens; dass man benützen wird dasjenige, was man nur von den Menschen des Ostens erfahren kann.
• Für die hygienisch-okkulten Fähigkeiten sind besonders veranlagt die Menschen der Mittelländer. Und die Sache liegt so, dass die englischsprechende Bevölkerung nicht durch die Geburtsanlage die hygienisch-okkulten Fähigkeiten erlangen kann, dass sie aber im Laufe der Zeit in der Entwickelung zwischen Geburt und Tod sich diese Fähigkeiten erwerben kann. Da können sie erworbene Eigenschaften werden. Und bei der Bevölkerung ungefähr östlich vom Rhein werden sie durch die Geburt vorhanden sein, bis nach Asien hinein. Und wiederum ist es so, dass die Bevölkerung der Mittelländer nicht die eugenetisch-okkulte Anlage unmittelbar erwerben kann durch Geburt, aber sie im Laufe des Lebens, wenn sie in die Lehre geht bei den Menschen des Ostens, sich aneignen kann. So werden diese Fähigkeiten verteilt sein. Die Menschen des Ostens werden gar keine Fähigkeit haben zum materiellen Okkultismus; sie werden ihn nur empfangen können, wenn man ihn ihnen gibt, wenn man ihn nicht vor ihnen geheim hält. Und man kann immer die Mittel finden, ihn geheim zu halten, besonders wenn die andern so töricht sind, an die Dinge nicht zu glauben, die jemand sagt, der ungefähr einmal in der Lage ist, in diese Dinge hineinzuschauen. Die Menschen also des Ostens und die Menschen der Mittelländer werden den materiellen Okkultismus vom Westen erhalten müssen. Sie werden die Segnungen eben erhalten, die Produkte. Der hygienische Okkultismus, er wird sich vorzugsweise in den Mittelländern entwickeln, der eugenetische in den Ostländern. Aber eine Kommunikation wird zwischen den Menschen stattfinden müssen. Das ist etwas, was in die sozialen Impulse der Zukunft aufgenommen werden muss, meine lieben Freunde; das ist etwas, was notwendig macht, dass die Menschen einsehen: sie können über die ganze Erde hin in der Zukunft nur noch als Gesamtmenschen leben. Denn wollte der Amerikaner nur als Amerikaner leben, so würde er zwar den höchsten materiellen Effekt erreichen können, aber er würde sich dazu verdammen, niemals über die Erdenentwickelung hinauskommen zu können. Er würde sich dazu verdammen, wenn er nicht die sozialen Beziehungen zum Osten suchte, als Seele nach irgendeiner Inkarnation in das Erdengebiet gebannt zu werden und nur innerhalb des Erdengebietes zu spuken. Die Erde würde herausgehoben werden aus ihrem kosmischen Zusammenhange, und es würden alle diese Seelen spuken müssen. Während, wenn nicht aufnehmen würde der Mensch des Ostens mit seinen eugenetisch-okkulten Fähigkeiten das, was zur Erde niederzieht, den Materialismus des Westens, so würde der Mensch des Ostens die Erde verlieren. Er würde bloß in irgendeine psychisch-spirituelle Entwickelung hineingezogen werden, und er würde die Erdenentwickelung verlieren; die Erde würde gleichsam unter ihm versinken, er würde die Früchte der Erdenentwickelung nicht haben können.
• Vertrauen unter den Menschen im tief innersten Sinn, meine lieben Freunde, das muss eintreten. Das zeigt gerade diese merkwürdige Menschen-Entwickelung der Zukunft.
Es liegt durchaus im vernünftigen Sinn der Zentren des Westens: nur die Dinge so zu pflegen, wie sie sie pflegen können. Es ist nicht an den Menschen des Westens, auf dasjenige besonders zu sehen, was sich im Osten entwickelt von dem Gesichtspunkte der Menschen des Ostens aus; was sich bei andern entwickelt, das muss den andern überlassen bleiben.
Das ist es, was man sich recht, recht tief in die Seelen schreiben soll, dass hier ein Punkt erreicht ist, wo Schuld oder Unschuld oder dergleichen Begriffe überhaupt ihre Bedeutung verlieren, wo es sich darum handelt, die Dinge im allertiefsten Sinne voll ernst zu nehmen, weil sie ein Wissen enthalten, das allein geeignet ist, in die Lenkung der Menschheit in der Zukunft überzugehen.
• Diese Dinge sind sehr wichtig, und es ist wichtig, sie in einer gewissen Art zu betrachten. Denn bedenken Sie: ich habe Ihnen gesagt, dass über die Erde hin, differenziert nach den verschiedenen Menschen, nach den Menschen des Westens, der Mittelländer und des Ostens, sich dreierlei okkulte Fähigkeiten entwickeln, die sich gewissermaßen verschlingen. Und zwar so sich verschlingen, dass der Mensch des Westens Anlage zum materiellen Okkultismus von der Geburt hat, aber sich erwerben kann hygienischen Okkultismus; dass der Mensch der Mittelländer vorzugsweise durch die Geburt Anlage hat für den hygienischen Okkultismus, dass er sich aber erwerben kann – wenn man ihm’s gibt – vom Westen her den materiellen, vom Osten her den eugenetischen Okkultismus; dass der Mensch des Ostens von der Geburt Anlage hat für den eugenetischen Okkultismus, dass er sich aber erwerben kann, von den Mittelländern aus, den hygienischen Okkultismus.
Diese Fähigkeiten treten differenziert, über die Menschheit der Erde verteilt auf, aber zu gleicher Zeit so, dass sie sich verschlingen. Und durch die Verschlingungen wird eben das zukünftige soziale Gemeinschaftsband über die ganze Erde bedingt sein. Nun gibt es aber Hindernisse für die Entwickelung dieser Fähigkeiten; und die sind mannigfaltiger Art, und ihre Wirksamkeit ist eigentlich eine recht komplizierte.
So ist zum Beispiel gerade für den Menschen der Mittelländer und der Ostländer ein bedeutsames Hindernis, die Fähigkeiten zu entwickeln, die da kommen sollen, namentlich sie wissentlich zu entwickeln, wenn starke Antipathien gegen die Menschen der Westländer in ihnen spielen, wenn diese Dinge nicht objektiv betrachtet werden können. Das ist ein Hindernis für die Entwickelung dieser Fähigkeiten. Dagegen wird in einer gewissen Weise sogar die Anlage zu einer anderen okkulten Fähigkeit unterstützt, wenn sie aus gewissen Instinkten des Hasses heraus entwickelt wird. Das ist eine sehr eigentümliche Erscheinung. Denn, meine lieben Freunde, man fragt sich doch so oft – hier liegt nämlich etwas, was recht objektiv betrachtet werden sollte – man frägt sich nämlich oftmals: warum ist denn eigentlich auf dem Gebiete der Westländer so unsinnig geschimpft worden? Das ist auch aus dem Instinkte schon nach diesen Fähigkeiten hin. Denn nichts wird das, was in den tiefsten Impulsen des westlichen Okkultismus liegt, mehr fördern, als wenn sich unwahre, aber gewissermaßen als heilig empfundene Gefühle entwickeln, welche die Menschen des Ostens, namentlich die Menschen der Mittelländer als Barbaren hinstellen können. Gefördert werden die materiellen okkulten Anlagen gerade zum Beispiel durch jene Stimmung, welche in Amerika die sogenannte Kreuzzugstimmung ist. Diese besteht darin, dass Amerika berufen ist, Freiheit und Recht, und ich weiß schon nicht, was die schönen Dinge alle sind, über die ganze Erde zu bringen. Die Leute glauben das selbstverständlich. Hier ist nicht die Rede von irgend welcher Anschuldigung. Die Leute glauben, dass sie einen Kreuzzug machen. Aber gerade darin, dass man das Unrichtige glaubt, darinnen liegt die Unterstützung nach einer gewissen Richtung hin. Würde man bewusst das Unrichtige sagen, dann würde man diese Unterstützung nicht haben. So ist, auf der einen Seite, dasjenige, was jetzt geschieht, unendlich förderlich, auf der andern Seite hinderlich gerade der Entwickelung derjenigen Fähigkeiten, von denen man sagen muss, dass sie heute bei den meisten Menschen noch latent sind, dass sie sich aber gegen die Zukunft hin entwickeln wollen, und dass sie tief eingreifen werden in die soziale Struktur der Menschen der Zukunft.
• Denken Sie einmal, wie sich Ihnen durchglüht und durchsättigt mit Verständnis und Einsicht alles das, was in der Gegenwart geschieht, wenn Sie diese Hintergründe ins Auge fassen. Wenn Sie ins Auge fassen, dass hinter all dem, was bewusst heute vielfach gesagt wird, die diesen Ausführungen entsprechenden unterbewussten Instinkte liegen.
Nun, meine lieben Freunde, die wichtigste Tatsache dabei ist aber diese, dass durch ganz besondere Evolutionsvorgänge eben die britisch sprechende Bevölkerung solche geheimen okkulten Zentren hat, die diese Dinge kennen; die wissen, welche Fähigkeiten sie in der Zukunft haben werden als Angehörige der britisch sprechenden Bevölkerung, und welche Fähigkeiten ihnen mangeln werden, die daher auch wissen, wie sie die soziale Struktur einrichten müssen, damit sie das, was ihnen mangelt, auch in ihren Dienst stellen können. In der Richtung solcher Dinge wirken aber die Instinkte, meine lieben Freunde. Und diese Instinkte haben auch schon gewirkt, sie haben ungeheuer gewirkt, sie haben bedeutungsvoll gewirkt.
• Sehen Sie, ein besonders brauchbares Mittel, wenn man ins unrichtige Fahrwasser lenken will, was durch das westliche okkulte Wissen impulsiert werden kann, ein besonders brauchbares Mittel ist, wenn man den Osten so bearbeitet, dass er seinen alten Hang: bloße Religion ohne Wissenschaft zu entwickeln, auch in der Zukunft beibehält. Die Führer der westlichen Geheimzirkel werden dafür sorgen, dass es dort nichts gibt, was bloße Religion oder bloße Wissenschaft ist, sondern die Synthese von beiden, das Zusammenwirken von Wissen und Glauben. Aber sie werden auch dafür sorgen, dass diese Wissenschaft bloß eben im Geheimen wirkt, dass sie bloß z.B. die wichtigeren Angelegenheiten der Menschheit und die politische Führung der Erde beim Erringen der britischen Weltherrschaft durchdringt. Dagegen wird es ungeheuer helfen bei der Ausbreitung dieser Weltherrschaft, wenn der Osten möglichst die religiösen Vorstellungen nicht mit Wissenschaft durchdringt.
• Nun denken Sie, wie gerade alles Russische diesem westlichen Streben entgegenkommt. Da ist auf der einen Seite in Russland heute noch das Streben, fromm zu sein, aber nicht zu durchdringen den Inhalt der Frömmigkeit mit spiritueller Wissenschaft, gewissermaßen in einer unklaren Mystik zu bleiben. Diese unklare Mystik, die würde ein gutes Förderungsmittel sein für das, was der Westen will als Oberherrschaft für den Osten.
• Auf der andern Seite handelt es sich darum, die Wissenschaft, die für die Erde ist, womöglich atheistisch zu machen. Und darin, meine lieben Freunde, hat gerade die Kultur der britisch sprechenden Bevölkerung in der neueren Zeit das Fruchtbarste geleistet. Sie hat Ungeheueres erreicht; denn sie hat ihre wissenschaftliche Richtung, die religionslose Wissenschaft, die atheistische Wissenschaft über die ganze Erde im Grunde verbreitet. Die ist Herrscherin geworden über die ganze Erde. Der Goetheanismus, der das Gegenteil, ganz bewusst das Gegenteil davon ist, der konnte ja selbst im Lande Goethes nicht aufkommen, ist eine ziemlich unbekannte Sache im Lande Goethes! Dasjenige, was als Intellekt heute die Wissenschaft beherrscht, das ist durchaus im Sinne desjenigen gehalten, was offenbar werden soll als äußerlicher Ausdruck der von den Zirkeln im Geheimen gepflegten, aber dort wohl als Synthese zwischen Wissenschaft und Religion gepflegten, für die Außenwelt atheistischen Wissenschaft, für die inneren Zirkel, welche den Gang der Weltereignisse leiten sollen, eine Wissenschaft, welche zu gleicher Zeit Religion, eine Religion, welche zu gleicher Zeit Wissenschaft ist.
• Am besten in der Hand haben wird man den Osten, wenn man ihm eine wissenschaftslose Religion erhält. Am besten in der Hand haben wird man die Mittelländer, wenn man ihnen aufpfropft, weil sie sich eine Religion nicht aufpfropfen lassen, eine religionslose Wissenschaft. Diese Dinge werden von denjenigen, die als Wissende in den genannten Zirkeln stehen, ganz bewusst, von den andern instinktiv gefördert. Und nachdem die aus überlebter Zeit herstammenden Herrschaftsmächte der Mittelländer weggefegt sind, ist ja in den Mittelländern zunächst nichts da, was an die Stelle gesetzt werden kann. Das macht es ja auch so schwierig, meine lieben Freunde, die ganze welthistorische Sachlage der Gegenwart richtig zu beurteilen. Alle Welt hat sich befasst mit der Frage der Schuld oder der Ursache dieser kriegerischen Katastrophe. Aber alle diese Dinge finden nur ihre Beleuchtung, wenn man sie auf dem Hintergrunde desjenigen betrachtet, was als wirksame Kräfte nicht in den äußeren Phänomenen zutage tritt. Es lässt sich nicht nach den Kategorien, nach den Denk-Kategorien, nach denen man gewöhnlich, wenn man die Schuld- oder Unschuld-Frage aufwirft, urteilt, über diese Dinge urteilen, gerade aus den heute Ihnen dargelegten Gründen nicht.
• Meine lieben Freunde, ich weiß sehr gut, dass heute, wo man sogar schon Wilson den Papst des 20. Jahrhunderts nennt, aber nicht im abträglichen Sinne, sondern im zustimmenden Sinne, weil er berechtigterweise der Laien-Papst des 20. Jahrhunderts ist, ich weiß, dass selbst in den Mittelländern sich nach und nach ein getrübtes Urteil über den Hergang dieses „Krieges“, wie man ihn nennt, entwickeln wird, weil man die eigentlichen Frage-Stellungen nicht berücksichtigen wird. Jedes Dokument wird das beweisen, was ich sage. Aber man muss die Dokumente auf dem richtigen Untergrunde sehen. Man muss vor allem die Möglichkeit haben, ein Urteil zu gewinnen. Dieses Urteil ergibt sich in diesem Falle nur demjenigen, der etwas Licht von jenseits der Schwelle auf die Dinge bringen kann. Denn sehen Sie, ich fürchte, dass sich durch die Dinge, die ja jetzt – man könnte sagen – Tag für Tag zutage treten, immer falschere und falschere Urteilswege geltend machen werden, dass immer weniger Menschen geneigt sein werden, auf die Frage so einzugehen, dass dieses Eingehen fruchtbar sein kann. Sehen Sie, meine lieben Freunde, ich glaube, die Leute werden sich sonderbare Gedanken machen, wenn sie jetzt z.B. durch die Zeitungen erfahren – mag’s wahr sein oder nicht wahr sein, es könnte aber wahr sein –, dass der abgedankte deutsche Kaiser sagt: Ich bin ja gar nicht dabei gewesen, als der Krieg gemacht worden ist (Sie werden das in den letzten Blättern gelesen haben), ich bin ja gar nicht dabei gewesen, das hat der Bethmann und der Jagow gemacht! Die haben das gemacht. –
• Es ist natürlich unerhört, wenn so etwas von diesem Munde ausgesprochen wird, selbstverständlich unerhört! Aber es gibt überall im Geheimen beeinflusste Urteile, die dann in falsche Wege geraten durch solche Dinge. Sehen Sie, um was es sich da handelt, das ist, dass man wirklich ganz genau die Tatsachen berücksichtigen muss, um die richtigen Fragen stellen zu können. Dann wird man schon sehen, dass man wahrhaftig die tiefe, tragische Notwendigkeit, die dieser Katastrophe zugrunde liegt, nicht so oberflächlich wird ins Auge fassen dürfen, wie das so häufig geschieht. Auch die oberflächlichen Ereignisse dürfen nicht oberflächlich ins Auge gefasst werden.
Zyklus 58A, S.95 — GA 192 📄 (1964/1991), S.184
Stuttgart, 15. Juni 1919
• Es sollte im Grunde genommen jedem jetzt schon mehr oder weniger klar sein, wie sehr an der Oberfläche der Dinge diejenigen haften, die heute im gewöhnlichen Sinne von „Schuld“ oder „Verfehlung“ zwischen diesen oder jenen Völkern sprechen. Es sollte heute schon klar sein, dass man nicht deutlich im Gang der Ereignisse der Gegenwart und der jüngsten Vergangenheit sehen kann, wenn man sich nicht frei machen kann von jenen Schuld- oder Sühnebegriffen, die für das Einzelleben, für das individuelle Leben der Menschen gelten. Für das, was geschehen ist und was noch geschieht, sind viel mehr solche Begriffe anwendbar wie Tragik und Schicksal, als die Begriffe von Unrecht, Schuld, Sühne oder dergleichen. Und so wenig auch die Menschheit geneigt ist, sich selber gegenwärtig das Urteilsvermögen auf ein höheres Niveau hinaufzuheben, es wird doch hinaufgehoben werden müssen. Denn der Kampf, den die Menschheit ausgefochten hat, weist er denn nicht klar und deutlich darauf hin, dass in dieser Menschheit einfach kulturhistorisch, man möchte sagen anthropologisch-historische Unruhe lag, welche die Menschheit fast über das ganze Erdenrund hin ergriff? Man muss da sehen auf die elementarische Unruhe, die über die Menschheit der ganzen Erde gekommen ist. Und diese innere Unruhe hat sich zunächst ausgelebt in dem physischen Waffenkampf. Dieser physische Waffenkampf war physischer als früher die Kriege; denn wieviel rein Maschinelles, wieviel rein Mechanisches hat Anteil gehabt an diesem Waffenkampf! Aber wie dieser Waffenkampf ein solcher war, dass man ihn mit nichts in der bisherigen Geschichte vergleichen kann, so wird er gefolgt sein von einem Geisteskampf, der ebenfalls mit nichts in der Geschichte sich wird vergleichen lassen. Der äußerste physische Waffenkampf auf der einen Seite wird gefolgt sein von einem Geisteskampf, der auch ein Äußerstes darstellen wird von dem, was die Menschheit bisher in der geschichtlichen Entwickelung erlebt hat. Man wird sehen, dass an diesem Geisteskampf die ganze Erde teilnehmen wird, und dass in diesem Geisteskampf Orient und Okzident mit Gegensätzen geistiger und seelischer Art stehen werden, wie sie noch nie dagewesen sind.
• Die Dinge kündigen sich stets durch allerlei Symptome an, deren Bedeutung man nicht immer kräftig genug einschätzt. Vieles wird davon abhängen, wie die anglo-amerikanische Welt, als Okzident-Welt, gegenüber der orientalischen Welt in der Zukunft sich verhalten wird. Denn nicht so leicht, wie mit Mittel- und Osteuropa physisch, wird die anglo-amerikanische Welt, als Okzident, mit dem Orient geistig fertig werden. Dass Indien heute halb verhungert ist, dass das halbverhungerte Indien nach einer Neugestaltung aller menschlichen Verhältnisse schreit, das bedeutet ein Ungeheures in der Gegenwart. Denn wenn dieses halbverhungerte Indien aufstehen wird, dann wird es durch das Vermächtnis, durch das geistige Vermächtnis urältester Zeiten, ein viel elementarerer Feind sein für den Okzident, für die anglo-amerikanische Welt, als es Europa mit seiner materialistischen Gesinnung war.
• In diesen großen Geisteskampf, für den alle sozialen und sonstigen Bestrebungen der Gegenwart nur das Vorspiel sind, gewissermaßen nur Propädeutik, in diesen Geisteskampf wächst unsere junge Generation hinein, und sie wird gerüstet sein müssen mit Kräften, von denen sich die heutige Menschheit, auch die pädagogische Menschheit, vielfach nichts träumen lässt. Die heutige Menschheit hat es schon notwendig, wenn sie soziale Pädagogik treiben will, auf ganz andere Dinge zurückzugehen als auf das, was man erlernen kann an den heutigen wissenschaftlichen Methoden, die ja zumeist naturwissenschaftliche Methoden sind. Vielfach ist das allerverkehrteste Zeug gerade in unser Bildungswesen hineingekommen; hineingekommen aus dem Grunde, weil der Drang schon da ist, etwas Tieferes aus der Menschennatur in dieses Bildungswesen hineinzubringen, weil aber die Menschen sich noch sträuben gegen die wahre Wirklichkeit, die ohne die geistige Wirklichkeit nicht gedacht werden kann. Denken wir uns nur einmal, dass heute in der Pädagogik gesucht wird, allerlei Zeug aus der sogenannten analytischen Psychologie, aus der „Psychoanalyse“, in das Bildungswesen hineinzubringen. Warum geschieht das? Es geschieht deshalb, weil man unfähig ist, den Geist geistig zu denken, und daher die Entwickelung des Geistes aus der physischen Beschaffenheit des Menschen psychoanalytisch untersuchen will. Überall ist es das Sichsträuben gegen geistige Erkenntnis, das uns das Streben verdirbt, in dem wir drinnen stehen sollen.
……
Lange Auslassung, siehe GA-Text S.186–202.
• Wenn man in Mitteleuropa die Notwendigkeit der Emanzipation des Geisteslebens, insbesondere des Schul- und Unterrichtswesens, nicht wird verstehen wollen, dann wird ein sehr schlimmer Geisteskrieg kommen zwischen Orient und Okzident. Heute müssen die Engländer, die in ihrer Politik verhältnismäßig leicht mit Mitteleuropa fertig geworden sind (das versäumt hat, über historische Möglichkeiten und Impulse nachzudenken), heute müssen die Engländer sich fragen: Wie werden wir mit Indien fertig? Das braucht nicht unsere Sorge sein, aber es wird in der nächsten Zeit eine sehr bedeutsame Sorge der anglo-amerikanischen Politik sein; denn die Inder werden eine Sozialisierung verlangen, aber eine solche, von der sich die Europäer kaum etwas träumen lassen. Zunächst knurren die Magen eines ungeheuer großen Teiles des indischen Volkes, zunächst lebt in einem großen Teile dieses Volkes, geheimnisvoll unterstützt von all den Dämonen, welche die Erbschaft uralter Geistigkeit begleiten, es lebt in einem großen Teile der indischen Menschheit der Ruf: „Los von England!“ Und England ist in dem Augenblick nicht mehr England, wenn es nicht Indien hat. Aber das wird nicht ein einfacher Vorgang sein, das wird ein Vorgang sein, der sich sehr bedeutsam abspielen wird. Schläfrige Seelen werden ihn vielleicht verschlafen. Den physischen Krieg kann man nicht verschlafen, aber den Geisteskrieg zu verschlafen, das werden vielleicht Menschen doch zustande bringen; denn sie haben heute eine so starke Schlafsucht, die sogenannten Kulturmenschen, dass sie die wichtigsten Dinge verschlafen. Aber abspielen wird sich die Sache doch. Und mit all den Kräften, die im Innersten der Seelen liegen, wird der Mensch drinnenstehen in diesem Kampfe.
Zyklus 52, S.181 — GA 186 📄 (1963/1990), S.248
Dornach, 15. Dezember 1918
• Sehen Sie, für die gewöhnliche Wissenschaft, wie sie heute allein üblich ist, ist der Mensch eine Einheit. Der heutige Anatom, der heutige Physiologe betrachtet das Gehirn, die Sinnesorgane, Nerven, Leber, Milz, Herz: für ihn sind es alles Organe, die er in einen einheitlichen Organismus einordnet. Sie wissen, das tun wir nicht. Wir unterscheiden den Kopfmenschen, respektive Nerven-Sinnesmenschen, von dem Brustmenschen, respektive Atmungs-Blutzirkulationsmenschen, und den Stoffwechselmenschen oder auch Extremitätenmenschen oder auch Muskelmenschen. Wir unterscheiden, wie Sie wissen, einen dreigliedrigen Menschen, und dieser dreigliedrige Mensch, der lebt in der Welt. Und weil wir nicht abstrakt an dem eingliedrigen Menschen festhalten in anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, so ist es auch so, dass der anthroposophisch orientierte Geisteswissenschafter diejenige soziale Ordnung findet, in die sich der Mensch als dreigliedriges Wesen hineinschließt. Denn das ist der Leitfaden, meine lieben Freunde, diese anthroposophische Gliederung des Menschen. Diese drei Glieder sind ja mehr oder weniger auch nur die äußeren am Menschen selbst befindlichen Symbole seines Wesens, denn er wurzelt ja in allen Welten, der Mensch; aber wenn wir diese Dreigliedrigkeit betrachten, so ist sie uns ein Leitfaden, um wiederum die Differenziertheit der Menschen über die Erde hin ins Auge zu fassen.
• Ich bitte, wenn ich mich über diese Sache ausspreche, diese Sache wiederum „sine ira“ zu betrachten, denn ich charakterisiere, ich kritisiere nicht, noch sage ich irgend etwas, um nach der einen Seite hin abträglich, oder nach der anderen Seite hin zuträglich zu wirken. Fangen wir beim russischen Menschen an. Beim osteuropäischen Menschen. Man kann ihn gar nicht studieren, wenn man nur die heutige Anatomie oder Physiologie oder Psychologie ins Auge fasst, wenn man nicht jenen dreigliedrigen Menschen ins Auge fasst, den ich in meinem Buche „Von Seelenrätseln“ wenigstens skizzenhaft angedeutet habe. Denn fasst man das, was heutige – heutige, bitte, das zu berücksichtigen – was heutige russische Seelen-, überhaupt russische Volks-Eigentümlichkeit ist, ins Auge, so kann man sagen: In Russland ist – die Russen mögen mir das verzeihen, aber es ist wahr – der Kopfmensch zu Hause. Ich sage: die Russen mögen mir das verzeihen, denn sie glauben das selber nicht; aber sie irren sich eben. Sie werden vielleicht sagen: in Russland ist der Herzensmensch zu Hause und gerade der Kopf tritt mehr zurück. Das ist nur dann möglich zu behaupten, wenn Sie nicht Geisteswissenschaft ordentlich studieren. Denn deshalb erscheint die russische Kopfkultur vorzugsweise als eine Herzenskultur, weil, wenn ich mich trivial ausdrücken darf, der Russe das Herz im Kopfe hat, das heißt: das Herz wirkt so stark, dass es nach dem Kopfe hin wirkt; dass es die ganze Intelligenz durchkreuzt, dass es alles durchsetzt. Aber die Wirkung des Herzens auf den Kopf, auf die Begriffe, auf die Ideen, das konfiguriert die ganze osteuropäische Kultur.
• Und mögen es mir die Mitteleuropäer wiederum nicht übel nehmen, aber so ist es: die haben als Wesentliches – und das charakterisiert die ganze mitteleuropäische Kultur –, dass ihnen der Kopf fortwährend in die Brust fällt, und der Unterleib oder die Extremitäten fortwährend nach dem Herzen heraufgezogen werden. Das ist das Wesentliche beim mitteleuropäischen Menschen; deshalb kommt er so furchtbar schwer zurecht, weil er weder an dem einen noch an dem anderen Ende eigentlich ist. Ich habe Ihnen das dargestellt dadurch, dass ich Ihnen gesagt habe: Beim Hüter der Schwelle kommt der mitteleuropäische Mensch dazu, das Schwanken, den Zweifel, die Unsicherheit namentlich zu erleben.
• Und die Westeuropäer mögen es mir wiederum nicht übelnehmen, denn – Sie ahnen schon, was nun übrig bleibt – die Kultur ist vorzugsweise eine Unterleibskultur, eine Muskelkultur, weil das gerade das Eigentümliche ist, dass alles, was von der Muskelkultur ausgeht – im Volkstum, nicht im einzelnen Menschen – stark auch in den Kopf hineinwirkt. Daher das Instinktive der Intelligenz, daher auch dort die Ursprungsstätte der Muskelkultur im modernen Lebenssinn, des Sportes usw. Sie können das alles, was ich sage, auch im äußeren Lehen überall finden, wenn Sie nur wollen, wenn Sie nur wirklich und unbefangen auf die Verhältnisse hinschauen wollen. Einen Leitfaden dazu gibt Ihnen nur anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Es ist beim Russen so, dass bei ihm das Herz in den Kopf heraufraucht, bei der englisch sprechenden Bevölkerung so, dass der Unterleib in den Kopf heraufraucht, dass aber der Kopf auch wiederum zurückwirkt auf den Unterleib und ihn dirigiert. Das ist sehr wichtig, dass man diese Dinge ins Auge fasst; man braucht sie ja nicht immer so radikal zu sagen, wie wir sie unter uns sagen, meine lieben Freunde, aber wir verstehen uns ja, denn wir sind vielleicht ja doch bis zu einem gewissen Grade wohlwollend unter uns und wissen diese Dinge in objektiver Weise zu nehmen, nicht mit Sympathie und Antipathie.
• Aber Sie sehen, man muss den dreigliedrigen Menschen ins Auge fassen; man muss wirklich wissen, dass der Mensch ein dreigliedriges Wesen, ein Wesen nach dem Muster der Trinität ist, wenn man die Differenzierungen auch physiologisch, psychologisch studieren will. Und das ist ja das Wesentliche, dass nicht nur so, wie es der Pastor auch sagt, die Menschen Interesse aneinander haben, dass ein Mensch sich für den andern interessiert, sondern dass wirkliches Interesse von Mensch zu Mensch herrscht. Das kann aber nur auf der Einsicht beruhen. Das bleibt ein leeres Abstraktum, wenn Sie sagen: Ich liebe alle Menschen. Verständnisvolles Eingehen auf den Menschen ist notwendig, also auch auf Menschengemeinschaften, wenn man ein Urteil haben will über Menschengemeinschaften und über soziale Struktur von Menschengemeinschaften. Das kann man aber nur aus der dreigliedrigen Menschennatur heraus. Wenn man nicht weiß – nun missverstehen Sie das nicht! –, was der hervorstechendste Körperteil bei einer Menschengemeinschaft ist, so kann man den Menschen doch nicht erkennen. Man muss doch irgendwie einen Leitfaden haben, um Einsicht zu gewinnen, sonst wirft man doch alles durcheinander. Das ist es, worauf es ankommt. Deshalb ist anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft etwas, was mit der Wirklichkeit rechnet. Sie ist deshalb auch etwas, was den Menschen vielfach unangenehm ist. Denn die Menschen wollen aus gewissen Vorurteilen heraus gar nicht, dass sie durchschaut werden. Das ist sogar den Menschen im Privatleben fürchterlich unangenehm, wenn sie durchschaut werden, und man kann fast sagen: Von 10 Menschen werden mindestens 9 Feinde, wenn man sie wirklich durchschaut; sie werden es schon in irgendeiner Weise; vielleicht mancher im Unbewussten, aber sie werden es. Das ist den Menschen unangenehm, durchschaut zu werden, wenn es auch in dem Lichte geschieht, wie es hier mitgeteilt ist, meine lieben Freunde, so dass es gerade zur Erhöhung der Menschenliebe dienen soll. Die abstrakte Menschenliebe ist eben die Liebe, die der Ofen – ich habe den Vergleich öfter gebraucht – mit seiner Wärme entwickeln soll. Wenn man ihm zuredet: du bist ein Ofen, also ist es deine Ofenpflicht, das Zimmer zu wärmen, – und man nicht heizt, ist alles moralische Zureden nichts nütze. So auch alle Sonntagnachmittagspredigten. Wenn man den Menschen noch so sehr predigt: Liebe und Liebe und Liebe, – und man nicht das Heizmittel liefert, wodurch Menschen und Menschengemeinschaften erkannt werden, ist alles Predigen wertlos.
• Sie sehen, in welchem Sinne wir anthroposophische Geisteswissenschaft als Heizmaterial gerade für das richtige Interesse vom Menschen am Menschen, für die richtige Entwickelung der Menschenliebe auffassen können. Selbst die geschichtlichen Tatsachen – ich habe sie als Symptomatologie vor einiger Zeit hier vor Ihnen entwickelt –, selbst die wichtigen geschichtlichen Tatsachen, die den heutigen sozialen Impulsen zugrunde liegen, selbst diese, meine lieben Freunde, sind nur vom Gesichtspunkte einer Wirklichkeits-Anschauung aus in die menschliche Einsicht hereinzubringen.
• Wenn wir das alles ins Auge fassen, was wir über die Differenzierung der westlichen, der mittleren und der östlichen Welt schon gesagt haben, und was noch reicher dann in Ihre Seelen einfließt, wenn Sie auf diese Welten nun wirklich verständnisvoll hinschauen, dann frägt man sich ja wohl auch: woher rührt es denn noch außer dem schon Gesagten, dass z.B. die russische Intelligenz sich aufbewahren kann für folgende Zeiten? Es bedarf einer größeren Kraft, meine lieben Freunde, die Intelligenz gewissermaßen zu bewahren vor dem Ansturm der Instinkte, als es der Kraft bedarf, die angeborene, die instinktive Intelligenz zu üben. Es bedarf einer größeren Kraft. Auch das ist durch gewisse, wenn ich so sagen darf, Einrichtungen in der Entwickelung der abendländischen Menschheit erreicht. Nehmen Sie nur den einen Umstand, dass Russland in vieler Beziehung zurückgehalten worden ist von den Strömungen des Kulturlebens, die im Westen sich abgespielt haben. Ich habe Ihnen von einem anderen Gesichtspunkte dieses Zurückstauen früherer Zeitkultur nach dem Osten hin charakterisiert. Nehmen Sie, wie im 9. Jahrhunderte die Kirchenspaltung eintritt, die dann im 10. Jahrhundert vollendet ist; wie eine frühere Gestaltung des Christentums nach Osten zurückgeschoben wird, da stationär, konservativ bleibt, so dass man sagen kann: ein gewisser Zustand, der über das ganze Christentum verbreitet war in den ersten Jahrhunderten, ist nach Osten geschoben worden, also stationär geblieben. Der Westen hat mittlerweile sein Christentum weiterentwickelt. Es ist also etwas nach Osten zurückgeschoben worden. Das ist das eine. Auf der anderen Seite ist vorgeschoben worden in den Osten hinein von seinem Osten aus wiederum das Tartarentum, alles dasjenige, was aus Asien herüberkam. Das alles ist aber nur der Ausdruck dafür, dass auf russischer Erde frühere Menschenkräfte zurückgestaut worden sind und dasjenige, was als Menschenkräfte aus Asien herüberkam, in einem jugendlicheren Zustand als die westeuropäische Menschheit in sich aufgenommen haben.
• Nehmen Sie z.B., um da etwas ins Auge zu fassen, die mitteleuropäische Kultur in ihrer Abhängigkeit vom Protestantismus. Diese Abhängigkeit ist größer, als man gewöhnlich denkt. Im Grunde genommen ist die ganze mitteleuropäische Kultur konfiguriert von dem Impuls des Protestantismus, nicht von diesem oder jenem Bekenntnis, aber von dem Impuls des Protestantismus, denn der Protestantismus ist ja für den höher Betrachtenden auch nur ein Symptom; das Wesentliche ist der geistige Impuls, der im Protestantismus wirkte. Die ganze Wissenschaft, wie sie in Mitteleuropa getrieben wird, die Form, die sie erhält, ist eigentlich vom Protestantismus beeinflusst, und ohne den Protestantismus ist diese mitteleuropäische Kultur nicht denkbar. Was an einer Stelle besonders hervorragend auftritt (geradeso, wie ich es Ihnen vorhin mit der Anwendung der sozialen Aufgaben der Anthroposophie gezeigt habe, die man sogar differenziert anwenden soll), das ist an anderer Stelle in anderer Weise vorhanden, in anderen Verhältnissen zum Leben vorhanden. In Mitteleuropa ist der Protestantismus so gewesen, dass er vorzugsweise – ich möchte sagen – in Schwung gebracht hat das Sich-Stützen des Menschen auf sein intelligentes Wesen. Die mitteleuropäische Intelligenz, die anerzogen werden muss, die hängt schon zusammen mit dem Protestantismus. Sogar die katholische Aktion, die gegen den Protestantismus sich erhoben hat, ist, wenn man sie richtig betrachtet, protestantisch, wenn sie nicht gerade vom Jesuitismus ausgeht, der bewusst zurückgehalten hat, was durch den Protestantismus gekommen ist. Aber der Impuls, der durch den Protestantismus wirkt, wirkt – ich möchte sagen – in seiner Reinkultur in Mitteleuropa. Wie wirkte er in Westeuropa? Studieren Sie die geschichtlichen Verhältnisse an der Hand historischer Symptomatologie, dann werden Sie finden: In Westeuropa und in Amerika wirkt der Protestantismus so, dass er dem angeborenen intelligenten Instinkt wie eine Selbstverständlichkeit entspricht, der sich sogar mehr im politischen Leben, als im religiösen Leben auslebt. Er wirkt ganz selbstverständlich. Er ist da etwas, was alles durchdringt, er hat nicht eine besondere Beschaffenheit nötig, wenn auch da und dort natürlich reformatorische Herzen erglühten; er hat nicht nötig, eine so erschütternde Reformation herbeizurufen, wie das in Mitteleuropa der Fall war. Er ist im Westen selbstverständlich da. Er ist so, dass man sagen könnte: Der moderne Westmensch wird schon als Protestant geboren; der mitteleuropäische Mensch diskutiert als Protestant. Gerade der Protestantismus ruft die Diskussionen über die intelligenten Dinge hervor. Da ist es nicht angeboren. Der Russe lehnt den Protestantismus ab als Russe, er will ihn nicht haben; er kann ihn auch als Russe nicht haben. Russentum und Protestantismus sind unverträglich miteinander.
• Dieses, was ich sage, das drückt sich nicht etwa bloß dadurch aus, dass man auf das religiöse Bekenntnis sieht, sondern in der Aufnahme jeglichen Kulturimpulses drückt sich das aus. Sie können zum Beispiel den Marxismus in den Westländern verfolgen. Er wird so aufgenommen in den Westländern, dass er von vornherein ein Protest ist gegen die alten Besitzesverhältnisse usw. In den Mittelländern muss viel diskutiert werden über diese Dinge, gezankt, gezweifelt, auch viel unnützes Zeug muss da geredet werden. Das entspricht dem Charakter der Mittelländer. In Osteuropa nimmt der Marxismus überhaupt sonderbare Formen an, in Osteuropa muss man ihn erst vollständig umsetzen. Und wenn Sie den Marxismus in Osteuropa nehmen, so ist er eigentlich ganz durchsetzt und gefärbt von russischer Orthodoxie. Er trägt, nicht in seinen Ideen, aber in der Art und Weise, wie sich der Russe selbst zum Marxismus stellt, das Gepräge des orthodoxen Glaubens.
• Das soll nur darauf aufmerksam machen, meine lieben Freunde, wie es notwendig ist, über die Außendinge hinwegzusehen, und auf das Innere zu sehen; Sie werden viel gewinnen, wenn Sie sich den mannigfaltigen Dingen des Lebens gegenüber daran gewöhnen, sich zu sagen: so wie wir die Worte heute gebrauchen, so sind sie schon zum großen Teile abgebrauchte Münzen. Was man heute nach dem Sprachgebrauch über die Dinge denkt, das ist eigentlich niemals recht der Wirklichkeit entsprechend. Man muss überall tiefer in die Dinge hineinsehen. Ich möchte sagen: Protestantismus, definiert so, wie das gewöhnlich nach den heutigen Denkgewohnheiten geschieht, sagt eigentlich gar nichts Wirklichkeitsgemäßes mehr. Man muss den Protestantismus so auffassen, dass man auch sagen kann: so wie der Protestantismus auftritt im Marxismus oder meinetwillen in der Politik, oder selbst in der Wissenschaft, hat man das, was der Wirklichkeit entspricht. So radikal notwendig ist es, dass heute angestrebt wird, über das bloße Wortscheingebilde, über das Begriffsscheingebilde hinaus zur lebendigen Erfassung der Wirklichkeit zu streben. Davon hängt alles ab, meine lieben Freunde, und davon hängt vor allen Dingen ab die richtige Auffassung des wichtigsten Impulses der Gegenwart, des sozialen Impulses. Auch hängt davon ab die richtige Beurteilung der Zeitverhältnisse. Gerade weil die Menschen gar nicht gewöhnt sind, auf das Wirkliche zu sehen, werden ja die Zeitverhältnisse z.B. so schief beurteilt, weil die Menschen ganz fern sind von wirklichkeitsgemäßen Vorstellungen. Sie fragen immer nach Schuld oder Unschuld an den letzten kriegerischen Katastrophen, obwohl diese Frage als solche nicht den allergeringsten Sinn hat. Deshalb habe ich Ihnen ja vor längerer Zeit schon hier vorgetragen, wie die Dinge eigentlich in den Weltimpulsen lagen. Gerade so, wie jene Karte heute eigentlich an der Realisierung ist, die ich vor Ihnen hier aufgezeichnet habe, so sind auch die anderen Dinge an der Realisierung. Sie realisieren sich; sie werden sich auch genau so realisieren, wie sie hier besprochen worden sind, meine lieben Freunde. Man muss Sinn haben für dasjenige, was wirklich ist, und nicht an Worthülsen hängen. Worthülsen müssen ja oftmals zur Charakteristik gebraucht werden, aber man darf nicht hängen bleiben an ihnen. So muss man, wenn man die Wirklichkeit sieht, auch vom Wirklichkeitsstandpunkte aus verstehen das heutige Urteil, das von der Entente und den Amerikanern gebildete Urteil, das über die Mittelländer gefällt wird. Ich habe ja schon gesagt: Ich habe von vielen Seiten gehört, als diese Kriegskatastrophe begann, dass man das, was die Mittelländer getan haben, in Grund und Boden kritisiert hat. Man hört jetzt weniger das, was wahrhaftig genug Gewaltpolitik usw. ist, von denselben Leuten kritisieren, obwohl genügend Veranlassung zu einer ähnlichen herben Kritik vorhanden wäre! Ich habe, glaube ich, niemals irgendwelche Persönlichkeiten in Schutz genommen, sondern Verhältnisse charakterisiert. Daher habe ich auch gar keine Aufgabe, Persönlichkeiten, deren Charakter sich im Laufe der letzten Zeit enthüllt hat, irgendwie zu verteidigen. Aber, meine lieben Freunde, ob nun die restlose Vergötterung des Wilsonianismus z.B. und alles dessen, was drum und dran hängt, weniger in dem Hang der Menschen zu irgendeinem Götzendienst liegt, als dasjenige, was in den Mittelländern als Ludendorfferei entwickelt worden ist, und was ja in die soziale Psychiatrie gehört, das ist doch etwas, was eben sehr sorgfältig entschieden werden muss, worüber nicht so obenhin gesprochen werden kann.
• Aber von einem anderen Gesichtspunkte betrachtet, meine lieben Freunde, habe ich Ihnen einmal hier gesagt: Wenn ein Mensch über den andern schimpft, Böses sagt, so ist nicht immer, ja sogar in den seltensten Fällen der Grund dazu in dem Menschen, über den Böses gesagt wird. Der mag auch böse sein; aber dieses, die Bösheit in ihm, ist für den objektiven Betrachter der Wirklichkeit der allergeringste Grund des Schimpfens. Der Grund des Schimpfens ist zumeist das Schimpfbedürfnis. Und dieses Schimpfbedürfnis sucht sich ein Objekt, das will sich entladen. Das sucht auch seine Ideen in eine solche Strömung zu bringen, dass diese Ideen erscheinen als berechtigt hervorgehend aus der Seele des schimpfenden Menschen. So ist es oftmals im einzelnen Verkehr der Menschen. Aber im Großen, in der Welt, ist es auch nicht anders. Man muss dann nur darauf hinsehen, dass ja auch tiefere Gründe vorhanden sind. Sehen Sie, es ist durchaus begreiflich und selbstverständlich, dass die Leute in Ententeländern und in amerikanischen Gebieten jetzt nicht nur einzelne Machthaber der Mittelländer in Grund und Boden bohren, sondern dass sie auch die Bevölkerung der Mittelländer in Grund und Boden bohren und alles mögliche sagen nach dieser Richtung hin. Man kann das begreifen, denn, meine lieben Freunde, wie würde sich denn die Politik in den jetzigen Wochen der Ententeländer ausnehmen, wenn die Leute in den Ententeländern sagen würden: diese Leute in den Mittelländern sind ja gar nicht so schlimm; das ist ja gar nicht so schlimm; es sind doch im Grunde genommen nur Menschen, die nur ihre besseren Seiten zu entwickeln brauchen, dann ist es ganz gut mit ihnen. Ja, wenn sie das sagen würden, dann würde das wenig stimmen mit der Politik, die sie trieben. Man muss dasjenige sagen in der Welt, meine lieben Freunde, was einen rechtfertigt. Man muss wissen, wie die Dinge aus der Wirklichkeit herausgehen. Das ist eine tiefere Anschauung. Es ist ganz selbstverständlich, dass die gesamte öffentliche Meinung der Ententeländer nicht deshalb so ist, weil es wahr ist, sondern um das eigene Verhältnis zu rechtfertigen, gerade so, wie oftmals, wenn einer über den andern schimpfte, er nicht deshalb schimpfte, weil der Angeschimpfte so oder so ist, sondern weil er ein Schimpfbedürfnis hat, weil er es entladen will. Es handelt sich wirklich darum, die Dinge anders anzusehen, als man gewohnt ist, sie anzusehen. Das ist es, worauf es ankommt. Geisteswissenschaft im innersten Grund seiner Seele zu erfassen, ist noch in vieler Beziehung etwas ganz anderes, als was sich selbst viele, die sich der anthroposophischen Bewegung zurechnen, vorstellen.
Zyklus 50, 20.Vortrag, S.2 — GA 181 📄 (1967/1991), S.383
Berlin, 30. Juli 1918
Diese Passage hatte Ballmer zweimal … ±
… in fast identischer Auswahl abgetippt – vermutlich zu verschiedenen Zeiten, so dass es ihm nicht auffiel: die erste Abschrift liegt an dieser Position unter dem Titel „Der Trichotomismus als Ketzerei“, die zweite nach „Manes, Manichäismus“, also ganz am Schluss der Zusammenstellung. Aus den Notizen geht dann hervor, dass er die Doppelung merkte; zugleich wollte er „Manes, Manichäismus“ „vorläufig weglassen“, so dass „Die Einsamkeit …“ den Schluss der Zusammenstellung gebildet hätte. Die Abschriften unterscheiden sich an kleinen Punkten, was die Vermutung stützt, dass Ballmer noch einen Korrekturdurchlauf machen wollte.
• Die Gegenwart mit ihren verschiedensten Strömungen, geistigen, materiellen Strömungen, zu verstehen, ist ja außerordentlich schwierig, und man sollte gar nicht glauben, dass man sie verstehen könnte, diese verworrene Gegenwart, ohne den Willen, dasjenige zu erkennen, was sich für diese Gegenwart im Grunde genommen lange, lange im Schoße der Geschichte vorbereitet hat. Wir wollen heute in dem Sinne, wie wir das aus unserer Geisteswissenschaft heraus versuchen können, zurückschauen auf den sogenannten vierten nachatlantischen Zeitraum. Sie wissen, wir müssen diesen Zeitraum beginnen lassen ungefähr mit dem Jahre 747 vor dem Mysterium von Golgatha, und er schließt für uns mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts, etwa mit dem Jahre 1413. Wir blicken also auf diesen Zeitraum (die Zahlen sind natürlich approximativ aufzunehmen, wie überhaupt in bezug auf diese Dinge), weil wir in diesem Zeitraum gewisse zusammengehörige, miteinander verwandte Kräfte sehen, die sich von all den Kräften, die im vorhergehenden und im nachfolgenden Zeitraum herrschen, ganz wesentlich unterscheiden. Dieser Zeitraum, den wir die Entwickelung der Verstandes- oder Gemütsseele in der Menschennatur nennen, kann uns wiederum in drei kleinere Epochen zerfallen: in einen Zeitraum, den wir etwa so begrenzen können, dass wir ihn beginnen lassen etwa 747 vor Christus – das ist ja auch die wahre Begründungszahl von Rom – und schließen etwa im Jahre 27 vor dem Mysterium von Golgatha; der zweite kleinere Zeitraum würde sich dann erstrecken von diesem Jahre 27 bis etwa zum Ende des siebenten Jahrhunderts, bis zum Jahre 693 nach Begründung des Christentums; und der letzte, der dritte kleinere Zeitraum in diesem größeren, umschließt die Zeit von 693 bis etwa 1413. Seit jenem Zeitpunkte, seit etwa 1413, stehen wir dann in derjenigen Zeit drinnen, die unserer Seelenentwickelung die uns ja in ihrer Eigenart bis zu einem gewissen Grade schon bekannten Seelenkräfte gibt. So wie man den vierten nachatlantischen Zeitraum in bezug auf die Seelenentwickelung der Menschheit scharf abgrenzen kann von den drei vorhergehenden, dem urindischen, dem urpersischen und dem ägyptisch-chaldäischen, und wie man ihn wieder scharf abgrenzen kann von dem, was darauf schon gefolgt ist und noch kommen muss, so kann man auch wieder innerhalb dieses Zeitraumes schon charakteristische Momente hervorheben für die Entwickelung der Kulturmenschheit, insofern sie im Prozess der Fortentwickelung der Menschheit innerhalb dieser kleineren angegebenen Zeiträume in Betracht kommen.
• Für den Zeitraum von 747 bis 27 vor dem Mysterium von Golgatha kommen ja selbstverständlich vorzugsweise jene Völker in Betracht, die um das Mittelmeer herum wohnen. Bei diesen Völkern sehen wir eine ganz bestimmte Seelenverfassung sich ausbilden. Die Geschichte sagt wenig über diese Seelenverfassung, weil die Geschichte in diesem Falle sich die Ideen, die Begriffe nicht verschaffen will, um auf das eigentlich Charakteristische dabei einzugehen. Will man diesen Zeitraum, den ich eben begrenzt habe, charakterisieren, so kann man sagen: die Menschenseelen entwickeln sich in dieser Zeit aus inneren Gründen der menschheitlichen Entwickelung heraus so, dass sie sich gewissermaßen als „Seelen“ von dem Zusammenhange mit der allgeistigen Welt lösen. Wenn wir ins Ägyptertum, ins Chaldäertum zurückgehen (das ist ja der Zeitraum der „Empfindungsseele“), so finden wir da für das menschliche Bewusstsein ein ausgesprochenes Gefühl der Zusammengehörigkeit dieser Menschenseele mit dem Kosmos vor. Die Empfindungsseele in der Menschennatur verspürte damals, dass der Mensch ein Glied des ganzen Kosmos ist. Man kommt nicht mit der Charakteristik dessen zurecht, was man als ägyptische, als chaldäische, babylonische Entwickelung kennt, wenn man nicht berücksichtigt, dass damals der Mensch gewissermaßen mit der Empfindung, mit der sinnlichen Empfindung aus der Weltenbeobachtung etwas hereinnahm, was in ihm dieses Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem geistigen Kosmos ausdrückte. So, wie unsere Finger an der Hand sich gleichsam als eins mit uns selber fühlen, so fühlte sich noch der ägyptische, der chaldäische Mensch als ein Glied des geistigen Kosmos. Mit Bezug auf dieses kosmische Gefühl war im achten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung eine Krisis, eine richtige Katastrophe über die Menschheit gekommen. Die Menschenseelen hatten ja ihr früheres Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem Kosmos ihrem alten atavistischen, mehr traumhaften Hellsehen verdankt. Die Menschen nahmen in jenen alten Zeiten nicht so wahr, wie wir heute wahrnehmen. Sie nahmen (die profane, aber in diesem Sinne nichts wissende Wissenschaft nennt es „Animismus“), indem sie mit den Sinnen wahrnahmen, zugleich das Geistige, das Göttliche wahr. Dadurch fühlten sie sich im Zusammenhange mit dem Geiste des Kosmos.
• Dieser Zusammenhang schwand. Auf der einen Seite hatte dieses Schwinden viele Dekadenzerscheinungen zur Folge; auf der anderen Seite hatte es aber auch die ganze wunderbare griechische Kultur zur Folge. Denn diese griechische Kultur, die vorzugsweise auf das begründet war, was der Mensch als Mensch, als isoliert im Weltall dastehender Mensch erlebt, diese griechische Kultur ist dem Umstande zu verdanken, dass der Mensch sich nicht mehr als ein Glied des Kosmos fühlte, sondern als eine menschliche Totalität, als etwas in sich Abgeschlossenes als Mensch. Er hatte sich gewissermaßen herausgestellt im Kosmos, er hatte ein Totalleben in sich begonnen. Wenn über das griechische Geistesleben dieselbe Seelenverfassung ausgegossen wäre, die aus alten Zeiten z.B. im Indertum zurückgeblieben war, und die noch eine gewisse Zusammengehörigkeit mit dem Kosmischen hatte, so könnten Sie sich nicht denken, dass unter diesem Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem Kosmos die schöne griechische Kultur hätte entstehen können. Alles, was in der griechischen Kultur als Glanz und Glorie zum Vorschein gekommen ist, was auf anderen Gebieten in weniger erfreulicher Art sich herausgebildet hat, das alles hat sich herausgebildet in der Zeit vom achten bis ersten vorchristlichen Jahrhundert. Die Menschheit hat sich in das Seelische, in das rein Menschliche zurückgezogen. In dieses Zeitalter hinein fiel dann die Hinbewegung der Menschheit zu dem Mysterium von Golgatha. Vergessen wir nicht, dass das Mysterium von Golgatha immer etwas haben muss, was gewissermaßen nicht ganz in das menschliche – auch nicht in das menschliche übersinnliche Verständnis aufgehen kann. Es wird immer ein ungelöster Rest bleiben. Was sich mit dem Eintritt des Christus in die Erdenentwickelung vollzogen hat, das kann, wie ich bei verschiedenen früheren Betrachtungen ausgeführt habe, nicht vollständig in menschliche Begriffe, auch nicht einmal in menschliche Gefühle und Empfindungen sich auflösen. Damit aber hängt es zusammen, dass dieses Mysterium von Golgatha sich gewissermaßen so entwickeln musste, dass die Kulturmenschheit während dieses Ereignisses nicht dazu vorbereitet war, dieses Mysterium von Golgatha eigentlich so voll mitzuerleben, sondern es neben dem eigenen menschlichen Erleben für sich verfließen zu lassen. Denken Sie doch einmal, dass dieses neben dem eigentlichen menschlichen Erleben für sich Verfließenlassen historisch ziemlich deutlich zutage tritt. Wieviel hat denn eigentlich die Kulturmenschheit um das Mittelmeer herum von dem berücksichtigt, was da in der entfernten Judenprovinz Palästina sich mit dem Christus Jesus abgespielt hat? Wie wenig ist das noch in das Bewusstsein der Kulturmenschheit eingeflossen, selbst für Tacitus, der ein Jahrhundert nach dem Mysterium von Golgatha geschrieben hat!
• Auf der einen Seite haben wir die Strömung der Kulturmenschheit und auf der andern Seite jene Strömung, innerhalb welcher das Mysterium von Golgatha spielt: beide vollziehen sich gewissermaßen nebeneinander. Das konnte nur dadurch geschehen, dass, während sich das göttliche Ereignis vollzog, der Mensch, der Kulturmensch sich von dem Göttlichen abgeschnürt hatte, ein Leben lebte, das mit dem Geistigen keinen unmittelbaren Zusammenhang hatte. So geschah auf dem Erdenrund selbst ein geistiges Ereignis, das eigentlich neben der menschlichen Kultur einhergeht. Ein solches Verhältnis des Nebeneinanderlebens von äußerer Kultur und einem Mysterienereignis ist in allen früheren Kulturperioden der Menschheit ganz undenkbar. Niemals spielte sich dergleichen früher ab, weil die Menschheitskultur sich früher im Zusammenhang wusste mit dem, was göttlich-geistig vorgeht. Das ist sehr charakteristisch, sehr bedeutsam: dass eigentlich die profane Kultur, welche mit dem Mysterium von Golgatha parallel ablief, diesem Ereignisse fernstand, dass der Mensch sich abgeschnürt hatte.
• Und im zweiten Zeitraume, der also etwa 27 vor dem Mysterium von Golgatha beginnt und 693 nach ihm abschließt, in diesem Zeitraume ist eigentlich die ganze mitteleuropäische Kultur darauf angelegt, die profane Kultur in Wahrheit doch nicht an das Verständnis des Mysteriums von Golgatha herankommen zu lassen. Es könnte sehr sonderbar aussehen, was ich sage, wenn man doch bedenkt, dass das Christentum sich in diese europäische Profankultur eingelebt hat, dass es sich über die mitteleuropäische Kultur ausgebreitet hat. Aber die Ausbreitung ist in dem Sinne erfolgt, wie ich es schon neulich charakterisiert habe. Das Mysterium von Golgatha war einsam für sich. Gewiss, in äußerlich dogmatischer Weise nahm man in die profane Kultur allerlei herüber, was sich so ausdrückt: der Christus war da, hat Apostel gehabt, hat dieses oder jenes für die Menschheit eingeholt, hat über die Beziehung des Menschen zum Göttlichen dieses und jenes gesagt. Man nahm in Form von äußeren Sätzen dies in die Profankultur recht sehr auf; aber neben diesem Aufnehmen in äußerlicher Weise war das andere doch durchaus geltend: dass eigentlich diese ganze Menschheit, welche gerade in diesen Jahrhunderten das Christentum aufnahm, sich von dem innerlichen Verständnis des Mysteriums von Golgatha gerade fernhielt. Mit Hilfe der Gnosis, mit Hilfe mancher Vorbereitung durch das, was aus dem alten Heidentum an Weisheitsschätzen überliefert war, hätte man sich gerade dem nähern können: was ist da eigentlich mit dem Mysterium von Golgatha geschehen? Man hat es nicht getan. Man hat eigentlich alles für Ketzerei erklärt, was zum Verständnis des Mysteriums von Golgatha hätte führen können, und man versuchte mehr oder weniger in triviale Formeln hineinzugießen, was sich niemals in triviale Formeln hineingießen lässt, was in bezug auf das Mysterium von Golgatha nur mit den höchsten Inhalten des Weisheitsstrebens erfasst werden kann.
• So waren die Einrichtungen, die in den ersten Jahrhunderten der christlichen Entwickelung gepflogen wurden, eigentlich nicht dazu da, sich mit dem Mysterium von Golgatha zu verbinden, sondern in der Menschenseele etwas leben zu lassen, was dem wirklichen inneren, verständnisvollen Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem Mysterium von Golgatha eigentlich recht ferne blieb. Die „Kirche“ war eher eine Einrichtung zum Nichtverstehen des Mysteriums von Golgatha, als zum Verstehen desselben. Wer verfolgt, was die verschiedenen Konzilien, was überhaupt die kirchlichen Machinationen in diesen Zeiten zu bewirken sich bestrebt haben, der findet, dass all das, was so angestrebt worden ist, dahin ging, gewisse dogmatische Vorstellungen ins menschliche Leben hereinzunehmen, aber über diejenigen Dinge, die mit dem Mysterium von Golgatha zusammenhängen, doch so zu denken, dass diese sich eigentlich unabhängig vom menschlichen Seelenleben vollziehen. Es tendiert alles nach einem gewissen Punkte hin, nach jenem Punkt, den man etwa, wenn man etwas radikal charakterisiert, in der folgenden Weise schildern könnte. Man kann sagen: die Menschen suchten sich hier auf der Erde mit gewissen Vorstellungen über das Mysterium von Golgatha und seine Wirkungen einzurichten. Aber das Wichtigste war ihnen nicht, was sie wissen konnten, was sie in ihre Seele aufnahmen; sondern das Wichtigste war ihnen, dass sie die Voraussetzung haben können: was wir Menschen auch begreifen – das Mysterium von Golgatha hat sich für sich selbst vollzogen, und der Christus sorgt schon dafür, dass wir selig werden! Und die Tendenz ging dahin, die Realität der geistigen Ereignisse immer mehr und mehr in ein Jenseits des Seelischen abzuschieben, nicht die eigentlichen – wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf – geistig-heiligen Ereignisse im Zusammenhange mit dem zu denken, was sich in der Menschenbrust abspielt, sondern beide möglichst zu trennen. In dieser Tendenz lag ein selbstverständlich nicht ausgesprochenes, aber unbewusst wirkendes Ziel, ein Ziel, das dann beim achten Konzil in Konstantinopel, 869, erst recht herausgekommen ist; das Ziel, es lag darinnen, den Menschengeist von seiner individuellen, seiner persönlichen Beschäftigung mit dem Geistigen, das man ja auf das Mysterium von Golgatha beschränken wollte, abzuhalten, also gerade die individuelle menschliche Beschäftigung abzuhalten von der Hinneigung, von der individuellen und empfindungsgemäßen Hinneigung zum Verständnisse des Mysteriums von Golgatha. Unverstanden sollte es bleiben. Dadurch konnte sich die Kirche nach und nach dazu entwickeln, Menschen unter sich zu haben, die nur Profanverständnis haben, die immer mehr und mehr zu dem Glauben kommen: über das Übersinnliche kann man überhaupt nicht nachdenken, denn das Übersinnliche entzieht sich den Kräften der eigenen Menschenseele; das menschliche Nachdenken soll sich nur auf das beschränken, was hier in der physischen Welt lebt. Aus den Menschenseelen heraus sollten sich keine Kräfte entwickeln, die für sich selbst geeignet sein könnten, Verständnis zu suchen für das Mysterium von Golgatha. In gewissen Beschlüssen gerade des achten Konzils von Konstantinopel liegt klar ausgesprochen, dass die Menschen Europas nicht nachdenken sollten – weil die menschlichen Seelenkräfte nicht heranreichen an das Gebiet –, dass sie nicht nachdenken sollten über das Gebiet, in welchem das Leben verflossen ist, dem das Mysterium von Golgatha angehört.
• So vollzog sich gerade in diesem mittleren Zeitraum des vierten nachatlantischen Zeitabschnittes von etwa 27 vor dem Mysterium von Golgatha bis 693 nach demselben für die Menschheit dies, dass man sagen kann: Diese Menschheit sollte zu dem Glauben bestimmt werden, dass alles menschliche Erkennen, alles menschliche Empfinden nur für das sinnenfällige Diesseits berechnet sei; das Nichtsinnenfällige, das Übersinnliche oder wie man es nennen will, „Jenseitige“ sollte dem menschlichen Empfinden und Erkennen, dem unmittelbaren erkenntnismäßigen Empfinden entzogen werden. Die ganze Geschichte dieser Jahrhunderte versteht man eigentlich nur, wenn man dieses eben Charakterisierte ins Auge fasst. Alle Maßnahmen der katholischen Kirche in jenen Jahrhunderten waren darauf angelegt, den Menschen zu dem Glauben zu bringen: „Dein seelisches Erkennen ist nur für das Diesseits berechnet; was das Übersinnliche betrifft, so musst du es auf eine Weise an dich herankommen lassen, die nichts mit deinem Verständnis, mit deinem Eigenerkennen zu tun hat.“ Das hat bewirkt, dass dann nach dem Ende dieses Zeitraumes, also im achten, neunten Jahrhundert, eine Art Verfinsterung der europäischen Menschheit eingetreten ist in bezug auf den Zusammenhang der Menschenseele mit dem Übersinnlichen. Und solche Erscheinungen, wie ich sie geschildert habe, unter denen eine solche wie später Bernhard von Clairvaux typisch ist, die erklären sich gerade daraus, dass sie gewissermaßen jenseits bleiben allem Physisch-Sinnlichen und demjenigen die Seele ganz hingeben, woran das natürliche menschliche Verständnis nicht heranreicht. Dieser Enthusiasmus für das, was doch jenseits alles menschlichen Verstehens liegt, muss hinzugedacht werden zu der ganzen Seelenverfassung eines Bernhard von Clairvaux, so, wie man sie versteht. Man kann gerade in dieser Persönlichkeit manche Züge finden, die groß und gewaltig wirken, weil alles, was einen mehr oder weniger verzerrten Zug haben kann, auch einen schönen, einen großen, gloriosen Zug haben kann. Aber man wird bei Bernhard eben Züge finden, die in seinem Seelencharakter ganz deutlich anzeigen, dass er herausgeboren ist aus jener Seelenstimmung, die sich in der geschilderten Weise in den angegebenen Jahrhunderten innerhalb der abendländischen Kultur entwickelt hat. Man könnte außer Bernhard von Clairvaux manche andere Gestalt nennen, er ist nur eine typische Figur, so z.B. wenn er seinen Anhängern – deren Kreis war ein großer – davon spricht, was alles mit dem von ihm beabsichtigten „Kreuzzug“ der Menschheit beschert sein sollte. Dann kam das Misslingen der ganzen Sache. Und wie spricht er, dieser gottinnige Mensch, gerade über dieses Misslungene? Ungefähr so: Wenn alles, alles schlimm ausgeht, so möge das Urteil über den schlimmen Ausgang mich treffen, aber nicht das Göttliche, denn das muss immer recht haben. –Selbst da, wo sich der Mensch im Zusammenhange wissen konnte mit dem, was er als göttlich-geistige Kraft hinter den Erscheinungen denkt – das eine sondert er von den andern ab –, da sagt er: Die Sünde möge mich treffen; das Richtige ist etwas, was für sich verläuft, was gewissermaßen jenseits des Stromes verfließt, in welchen die Menschenseele eingespannt ist.
• So war mit dem Beginne dieses dritten Zeitabschnittes des vierten nachatlantischen Kulturzeitraumes etwas wie eine Verfinsterung über die Menschheit gekommen. Die drückt sich am besten darin aus, dass man darauf hinblickt, wie die Menschheit in ihren Begriffen keinen Zusammenhang mehr mit den realen geistigen Strömungen und Impulsen zu erkennen vermochte.
Hieran schließt unmittelbar die bereits zitierte Passage an.
Diese drei Auszügen unter der Überschrift „Manes, Manichäismus“ stammen als einzige nicht vom 1. Weltkriegsende, sondern noch aus theosophischer Zeit (die ersten beiden) bzw. aus 1917. Ballmer notierte dazu handschriftlich: „vorläufig weglassen“. Möglicherweise erwartete er auch damals schon kein dem Kontext angemessenes Verständnis der von Steiner benutzten theosophischen „Rassen“-Vokabeln in den ersten beiden Abschnitten.
Zyklus 1, S.41 — GA 95 📄 (1990), S.76
Stuttgart, 29. August 1906
• Die Evolutionslinie geht zurück in ganz alte, alte Zeiten. Da war die Erde eine ganz andere, es waren ganz andere Verhältnisse. Die höheren Tiere waren noch nicht vorhanden, es gab eine Zeit, wo überhaupt noch keine Fische, Amphibien, Vögel, Säugetiere bestanden. Der Mensch war da, aber in ganz anderer Gestalt; sein physischer Leib war noch sehr unvollkommen; höher war der geistige Leib. Er war noch in einem weichen, ätherischen Leib, und die Seele arbeitete selbst von außen an diesem physischen Leib. Der Mensch hatte noch alle anderen Wesen in sich. Nachher entwickelte sich der Mensch aber höher hinauf und ließ die Fischform zurück, die er in sich hatte. Das waren mächtige, phantastisch aussehende Geschöpfe, unähnlich unseren heutigen Fischen. Wieder entwickelte sich der Mensch höher hinauf und sonderte die Vögel aus sich heraus. Dann gingen die Reptilien und Amphibien aus dem Menschen heraus, groteske Wesen wie die Saurier, Froscheidechsen, die eigentlich nur Nachzügler der früher zurückgebliebenen, noch menschenähnlicheren Wesen waren. Dann noch später setzte der Mensch die Säugetiere heraus, zuletzt stieß er die Affen ab und ging selbst höher hinauf.
• Der Mensch war also von Anfang an Mensch, nicht Affe, und er sonderte das ganze Tierreich aus sich heraus, um selbst vollkommener zu werden. Gleichsam als wenn man aus einer farbig gemischten Flüssigkeit die Farbstoffe nach und nach heraussondert und das klare Wasser zurückbehält. Alte Naturforscher, wie Paracelsus und Oken, haben dies in schöner Weise ausgesprochen: „Wenn der Mensch hinaussieht auf die Tierwelt, muss er sich sagen: Das habe ich selbst getragen und abgesondert aus meinem Wesen.“
• So hatte der Mensch in sich, was er später außer sich hatte. Und so hat der Mensch auch heute noch etwas in sich, was er später außer sich haben wird, nämlich sein Karma, die beiden Posten „Gut und Böse“. So wahr es ist, dass der Mensch das Tiergeschlecht aus sich herausgesetzt hat, ebenso wahr ist es, dass er das Böse und das Gute in die Welt hinaussetzen wird. Das „Gute“ wird eine von Natur gute Menschenrasse ergeben, das Böse eine abgesonderte böse Menschenrasse. Das steht auch in der Apokalypse. Das darf nicht missverstanden werden. Nun muss man aber auch unterscheiden zwischen Seelenentwickelung und Rassenentwickelung. Eine Seele kann inkarniert sein in einer Rasse, die herunterkommt; aber wenn sich diese Seele nicht selbst böse macht, braucht sie sich nicht wieder in einer zurücksinkenden Rasse zu verkörpern; sie inkarniert sich wieder in einer höhersteigenden Rasse. Für die heruntersteigenden Rassen strömen von anderen Seiten Seelen genug zur Inkarnation herbei.
• Aber was innen ist, muss nach außen und der Mensch wird höher steigen, wenn sein Karma sich ausgewirkt hat; damit hängt etwas außerordentlich Interessantes zusammen. Im Hinblick auf diese Entwickelung der Menschheit sind nämlich schon vor Jahrhunderten Geheimorden gegründet worden, die sich die denkbar höchsten Aufgaben gestellt haben. Ein solcher Orden ist der Manichäer-Orden. Die Wissenschaft weiß nichts Rechtes über ihn. Man meint, die Manichäer hätten die Lehre aufgestellt, dass es von Natur aus ein Gutes und ein Böses gäbe, die miteinander im Kampf liegen. Das sei so von der Schöpfung her bestimmt gewesen. Das ist ein zum Unsinn verzerrter Schimmer der wirklichen Aufgabe dieses Ordens. Die einzelnen Glieder dieses Ordens werden in ganz besonderer Weise für ihre große Aufgabe erzogen. Dieser Orden weiß, dass es Menschen geben wird, die im Karma kein Böses mehr haben werden, und dass es auch eine von Natur aus böse Rasse geben wird, bei der alles Böse noch in höherem Grade vorhanden sein wird, als bei den wildesten Tieren, denn sie werden Böses tun, bewusst, raffiniert, mit einem hochausgebildeten Verstande. Der Manichäer-Orden belehrt nun jetzt schon seine Mitglieder in solcher Weise, dass sie Umwandler des Bösen werden in späteren Geschlechtern. Das ungeheuer Schwierige dieser Aufgabe liegt darin, dass in jenen bösen Menschenrassen nicht etwa wie bei einem bösen Kinde neben dem Bösen noch Gutes ist, das sich durch Beispiel und Lehre höher entwickeln lässt. Jene von Natur aus ganz Bösen radikal umzugestalten, das lernt der Manichäer-Orden heute schon. Und dieses dann umgeschmolzene Böse wird nach gelungener Arbeit ein ganz besonders Gutes. Ein Zustand der Heiligkeit wird ein sittlicher Zustand auf Erden sein; die Kraft der Umwandlung wird den Zustand der Heiligkeit bewirken, aber das kann nicht anders erzielt werden, als wenn erst dieses Böse sich bildet. Und in der Kraft nun, die angewandt werden muss, um dieses zu überwinden, entwickelt sich die Kraft zur höchsten Heiligkeit. Der Acker muss gedüngt werden mit dem ekelerregenden Dünger; der Dünger muss zuerst gleichsam in den Acker hineinwachsen als Ferment. So braucht die Menschheit den Dünger des Bösen, um den Zustand der höchsten Heiligkeit zu erreichen. Das ist die Mission des Bösen. Stark wird der Mensch, wenn er seine Muskeln anstrengen muss; ebenso muss das Gute, wenn es sich zur Heiligkeit steigern soll, erst das ihm entgegengesetzte Böse überwinden. Das Böse hat die Aufgabe, die Menschheit höher zu bringen. – Solche Dinge lassen uns hineinahnen in das Geheimnis des Lebens. Später dann, wenn der Mensch das Böse überwunden hat, kann er daran gehen, die heruntergestoßenen Geschöpfe, auf deren Kosten er sich entwickelt hat, zu erlösen. Das ist der Sinn der Entwickelung.
Zyklus 6, 8.Vortrag, S.100 — GA 104 📄 (1985) S.161
Nürnberg, 25. Juni 1908
• Und es wird sich nach dem großen Kriege aller gegen alle darum handeln, dass nach und nach durch die gute Rasse, durch die gute Strömung die böse Strömung hinübergeführt wird zum Guten. Das wird eine der Hauptaufgaben sein nach dem großen Kriege aller gegen alle: zu retten, was zu retten ist aus denjenigen, die nach dem großen Kriege nur das Bestreben haben werden, einander zu bekämpfen, das Ich ausleben zu lassen im äußersten Egoismus. Innerhalb der Sphäre des Okkultismus wird für alle solche Dinge immer vorgesorgt in der Welt.
• Betrachten Sie es nicht als eine Härte des Schöpfungsplanes, nicht als etwas, weswegen man rechten könne mit dem Schöpfungsplan, dass also die Menschheit gespalten wird in solche, die zur Rechten und die zur Linken stehen werden; betrachten Sie es vielmehr als etwas, was im höchsten Grade weise im Schöpfungsplane ist. Denn bedenken Sie einmal, dass dadurch, dass so das Böse sich von dem Guten trennte, dass dadurch gerade das Gute seine Hauptstärke im Guten erhalten wird. Denn es wird das Gute sich nach dem großen Krieg aller gegen alle jede nur mögliche Anstrengung geben müssen, um die Bösen in dem Zeitraum, in dem es noch möglich sein wird, wieder herüberzuziehen. Das wird nicht eine Erziehungsaufgabe sein, wie heute die Erziehungsaufgaben sind, sondern da werden okkulte Kräfte mitwirken. Denn die Menschen werden in diesem nächsten großen Zeitraum okkulte Kräfte in Bewegung zu setzen verstehen. Die Guten werden die Aufgabe haben, auf ihre Mitbrüder der bösen Strömung zu wirken. Und in den okkulten Weltenströmungen wird alles, alles vorbereitet. Nur versteht man die tiefste aller okkulten Weltenströmungen am allerwenigsten. Die Weltenströmung, die das vorbereitet, sagt folgendes zu ihren Schülern: „Da reden die Menschen von Gut und Böse, und sie wissen nicht, dass es im Weltenplan notwendig ist, dass das Böse auch zu seiner Spitze kommt, damit diejenigen, die dieses Böse überwinden müssen, gerade in der Überwindung des Bösen die Kraft so nützen, dass ein um so größeres Gutes herauskommt.“ Aber es müssen die auserlesensten Menschen darauf vorbereitet werden, dass sie hinüberleben über das Zeitalter des großen Krieges aller gegen alle, wo Menschen ihnen entgegenstehen werden, die in ihrem Antlitz haben werden die Zeichen des Bösen; sie müssen vorbereitet werden darauf, dass soviel als möglich gute Kraft einfließen muss in die Menschheit. Es wird noch möglich sein, dass die bis zu einem gewissen Grade weichen Leiber nach dem großen Kriege aller gegen alle umgeformt werden durch die bekehrten Seelen, durch die Seelen, die noch in diesem letzten Zeitraum zu dem Guten hinübergeführt werden. Damit wird viel erreicht werden. Das Gute würde nicht ein so großes Gutes sein, wenn es nicht also wachsen würde durch die Überwindung des Bösen. Die Liebe würde keine so intensive sein, wenn sie nicht eine so große Liebe werden müsste, um selbst das Hässliche im Antlitze der bösen Menschen zu überwinden. Das wird schon vorher vorbereitet und den Schülern wird gesagt: „Also dürft ihr nicht glauben, dass das Böse nicht im Schöpferplan begründet sei. Es ist darinnen, dass durch es einmal das große Gute sei.“ Diejenigen, die vorbereitet werden in ihren Seelen durch solche Lehren, damit sie einstmals diese große Erziehungsaufgabe lösen können, das sind die Schüler jener Geistesrichtung, die man nennt das Manichäertum. Die Manichäerrichtung wird gewöhnlich falsch verstanden. Wo Sie irgend etwas hören oder lesen darüber, da vernehmen Sie eine phrasenhafte Rede. Da heißt es, die Manichäer glaubten, es gebe von Anfang der Welt an zwei Prinzipien, das Gute und das Böse. So ist es nicht, sondern es ist die Lehre, die Ihnen eben auseinandergesetzt worden ist. Solche Lehre und ihre Umsetzung für die Zukunft und die Schüler, die angeleitet werden so, dass sie in künftigen Verkörperungen solch eine Aufgabe leisten können, das ist es, was man unter dem Namen Manichäertum versteht. Manes ist jene hohe Individualität, die immer und immer auf der Erde verkörpert ist, die der leitende Geist ist derer, die zur Bekehrung des Bösen da sind. Wenn wir von den großen Führern der Menschen sprechen, so müssen wir auch dieser Individualität gedenken, welche sich diese Aufgabe gesetzt hat. Es wird, wenn auch in der Gegenwart dieses Prinzip des Manes sehr in den Hintergrund hat treten müssen, weil wenig Verständnis für den Spiritualismus da ist – es wird dieses wunderbar herrliche Manichäer-Prinzip mehr und mehr Schüler gewinnen, je mehr wir dem Verständnis des spirituellen Lebens entgegengehen.
Zyklus 45, 7.Vortrag, S.10 — GA 175 📄 (1996), S.301–309
Berlin, 19. April 1917
• Es war noch nicht jene Zeit, wo über die europäische Entwickelung bereits jene Entwicklungswelle gewirkt hatte, die daher ihren Ursprung genommen hat, dass einer der größten Kirchenlehrer, Augustinus, sich bis zu einer gewissen Idee nicht hat aufschwingen können; dass er zu wenig geistig war, um sich zu einer gewissen Idee aufschwingen zu können. Sie wissen aus der Geschichte vielleicht, dass Augustinus, – ich habe ja das auch bei verschiedenen Gelegenheiten besprochen, unter anderem da, wo ich die Faust-Idee besprach, – Sie wissen, dass Augustinus ausgegangen ist von dem sogenannten Manichäertum, von jener Lehre, welche in Persien drüben entstand, welche sich zuschrieb, den Christus-Jesus besser zu verstehen, als Rom und Konstantinopel ihn verstehen konnten. Diese manichäische Lehre, deren letztes Wort auszusprechen leider heute noch nicht möglich ist, auch in unserem Kreise noch nicht möglich ist heute, – diese manichäische Lehre, sie ist ja in mannigfaltiger Weise durchgesickert auch bis in das Abendland herein in späteren Zeiten und wurde sozusagen in ihren – aber korrumpierten – Ausläufern begraben, als aufzuzeichnen begonnen wurde im sechzehnten Jahrhundert die Faustsage. Aus einer genialen Intuition heraus liegt aber in der Wiedererweckung des Faust durch Goethe auch etwas von der Wiedererweckung des Manichäismus. Julianus dachte in großen Zusammenhängen; er hatte Gedanken, die durchaus die Menschheit umspannten. Bei einem solchen Menschen wie Julianus wird es ganz besonders klar, meine lieben Freunde, wie klein die menschlichen gewöhnlichen Gedanken eigentlich sind. Sehen Sie, die Lehre vom Menschensohn musste ja natürlich ihre verschiedenen Gestaltungen annehmen, je nachdem man fähig war, sich Vorstellungen über den Menschen, über das Wesen des Menschen selbst zu bilden. Natürlich musste man über den Menschensohn solche Vorstellungen sich bilden, wie man sie fähig war, über den Menschen sich zu bilden. Ich meine: das eine bedingt das andere. Darin waren aber die Menschen sehr verschieden. Sehr, sehr verschieden. Und für solche Dinge hat man in der heutigen Zeit am allerwenigsten ein einigermaßen nur tief durchdringendes Verständnis.
• Mensch, – Manushya: im Sanskrit das Wort für Mensch. Damit ist aber auch angeschlagen, mit diesem Wort Manushya, – die Grundempfindung, die man mit dem Menschentum bei einem großen Teil der Menschen verband. Worauf bezieht man sich nun, wenn man dem Menschen den Namen Manushya gibt, wenn man also diesen Wortstamm verwendet, um den Menschen zu bezeichnen, worauf bezieht man sich? Man bezieht sich auf das Geistige im Menschen; man beurteilt vor allen Dingen den Menschen als ein geistiges Wesen. Wenn man ausdrücken will: der Mensch ist Geist, und das andere ist nur der Ausdruck, die Offenbarung des Geistes, – wenn man also in erster Linie Wert legt auf den Menschen als Geist, sagt man „Manushya“.
• Nach dem, was wir vorbereitend besprochen haben, kann es nun eine andere Anschauung geben. Man kann vor allen Dingen sein Hauptaugenmerk darauf lenken, wenn man vom Menschen redet, von der Seele zu sprechen. Und dann wird man, ich möchte sagen, weniger Rücksicht darauf nehmen, dass der Mensch Geist ist. Man wird darauf Rücksicht nehmen, dass der Mensch Seele ist, und das Äußere, Physische, dasjenige, was auch mit dem Physischen zusammenhängt, mehr in den Hintergrund treten lassen bei der Menschheits-Bezeichnung, – man wird dann die Bezeichnung des Menschen vor allen Dingen hernehmen von dem, was ausdrückt, dass im Menschen etwas Seelenhaftes lebt, das sich im Auge ausdrückt, das sich ausdrückt darin, dass sich des Menschen Haupt nach der Höhe hebt. Prüft man das Wort Anthropos, das griechische Wort Anthropos, prüft man es auf seinen Ursprung, so drückt es ungefähr das aus. Konnte man sagen: diejenigen, die mit Manushya oder einem ähnlich klingenden Tongefüge den Menschen bezeichnen, sie sahen vor allen Dingen auf den Geist, auf das aus der geistigen Welt Heruntersteigende, – so muss man sagen: diejenigen, die den Menschen bezeichnen mit einem Worte, das an das griechische Wort Anthropos anklingt, vor allen Dingen die Griechen selber, sie drücken das Seelenhafte aus im Menschen.
• Ein Drittes ist aber möglich. Es ist möglich, dass man vor allen Dingen darauf sieht, dass im Menschen das Äußerliche, Erdgeborene da ist, das Leibliche, dasjenige, was auf physischem Wege erzeugt wird. Dann wird man den Menschen bezeichnen mit einem Worte, das gewissermaßen heißt: der Erzeugende oder Erzeugte. Das wird drinnenliegen in dem Worte. Prüft man das homo auf seinen Ursprung, dann liegt das eben Geschilderte darinnen.
• Da haben Sie verteilt – ich möchte sagen – eine dreifache Anschauung vom Menschen in einer ganz merkwürdigen Weise. Aber Sie werden gerade aus dieser Verteilung ersehen können, dass ein solcher Mensch, der etwas von diesen Dingen wusste wie Julianus, mit einem gewissen Rechte den Instinkt bekommen konnte, zu suchen nach einer geistigen Auslegung des Menschensohnes. Es entstand vor seiner Seele der Gedanke: In die Eleusinien bist du eingeweiht. Ist es vielleicht möglich, dir zu erzwingen, dich in die persischen Mysterien, und in die Mysterien, die in der Manichäer-Lehre anklingen, einweihen zu lassen? Vielleicht gewinnst du daher die Möglichkeit, die kontinuierliche Entwickelung, die du anstrebst, zu fördern! – Das ist ein gigantischer Gedanke! Aber so, wie dem Zug Alexanders des Großen noch etwas anderes zugrunde liegt als die Trivialität, Eroberungen in Asien zu machen, so lag dem Zuge des Julian des Apostaten nach Persien auch etwas anderes zugrunde; das eben Angedeutete lag zugrunde; etwas anderes lag zugrunde, als nur in Persien Eroberungen zu machen. Er wollte sehen, ob er mit Hilfe der persischen Mysterien tiefer in seine Aufgabe eindringen könne.
• Um was es sich handelt, meine lieben Freunde, man wird es am besten einsehen, wenn man sich fragt: Was hat denn eigentlich Augustinus am Manichäertum nicht verstanden? Was war denn eigentlich am Manichäertum unverständlich? – Nun, wie gesagt, über die letzten Ziele des Manichaertums zu sprechen, geht ja heute noch nicht an; aber man kann immerhin einige Außenwerke andeuten. Augustinus war ja sogar in seiner Jugend sehr eingenommen für die Manichäerlehre, er wurde tief von ihr ergriffen. Dann vertauschte er die Manichäerlehre mit dem römischen Katholizismus. Was konnte er an der Manichäerlehre nicht verstehen? Wem war er nicht gewachsen?
• Die Manichäerlehre bildete nicht abstrakte Begriffe, bildete nicht Begriffe, welche gewissermaßen das Gedachte abtrennen von dem übrigen Wirklichen. Solche Begriffe zu bilden, war in der Manichäerlehre, wie übrigens auch schon bei den Eingeweihten der eleusinischen Mysterien, unmöglich. Ich habe versucht, auf den Unterschied zwischen bloß logischen und wirklichkeitsgemäßen Begriffen hinzudeuten. In der Manichäerlehre liegt vor allen Dingen das Prinzip, ja keine bloß logischen, sondern immer wirklichkeitsgemäße Begriffe zu bilden, wirklichkeitsgemäße Vorstellungen zu bilden. Nicht als ob unwirkliche Vorstellungen nicht auch im Leben eine Rolle spielen würden! Sie spielen leider eine große Rolle, besonders in unserer Zeit; aber die Rolle, die sie spielen, ist auch danach! Und so ist es im Sinne – unter vielem anderen – im Sinne der Manichäerlehre, Vorstellungen zu bilden, welche nicht bloß gedacht sind, sondern welche mächtig genug sind, um in die wirkliche äußere Natur einzugreifen, um in der äußeren Natur auch eine Rolle zu spielen. Eine solche Vorstellung, wie sie vielfach über den Christus-Jesus ausgebildet wurde, wäre der Manichäerlehre ganz unmöglich gewesen. Wozu ist denn der Christus-Jesus in vieler Beziehung geworden? Ja, zu einem ziemlich unbestimmten Begriff vom Christus, der in Jesus verkörpert war, und durch den etwas in der Erdenentwickelung geschehen ist. Die Begriffe sind ja alle furchtbar abgeschattet worden, namentlich im 19. Jahrhundert abgeschattet worden.
• Aber wenn man sich fragt, meine lieben Freunde, ob dasjenige, was in der christlichen Dogmatik dem Christus und seiner Wirksamkeit zugeschrieben wird, auch wirklich zu etwas führen kann, – wenn man eindringlich, ernst und aufrichtig und wahrheitsliebend ist, so kann man die Frage nicht bejahen. Denn wenn die christlichen Begriffe nicht stark genug sind, um eine solche Erde zu denken, die nicht ein Grab der Menschheit ist, sondern die hinüberträgt zu einer neuen Gestaltung die Menschheit, wenn man nicht stark genug ist, die Entwickelung der Erde anders zu denken als so, wie sie heute die Naturforscher beschreiben, dass die Erde einmal aufhören wird, nicht wahr, etwas hervorzubringen, dass das Menschengeschlecht erlöschen wird, – dann hilft alle Vorstellung von dem Christus-Jesus doch eigentlich nichts! Denn wenn er auch für die Erde eine gewisse Wirksamkeit entfaltet hat – die Vorstellung, die man sich davon macht, ist nicht so stark, um gewissermaßen die Materie so weit zu heben, dass diese Materie so in Wirksamkeit gedacht werden kann, dass sie herüberkommt aus dem Zustand der Erde in einen zukünftigen Zustand. Es bedarf aber viel stärkerer Begriffe, als da gebildet werden können, um mit diesen Begriffen die Erde aufzufangen, so dass sie hinüberlebt zu einem neuen Dasein.
• Ich habe neulich in einem öffentlichen Vortrag gesagt: Heute denkt die Naturwissenschaft so … na, dass sie etwa berechnet: so wie die Naturkräfte sind, dehnt man das aus auf Millionen von Jahren, so kommt einmal ein Zustand, – nun, ich habe es Ihnen beschrieben nach einem Vortrag der Royal-Institution –, wo man die Wände mit Eiweiß wird anstreichen können, weil das leuchtet und man dabei Zeitung lesen kann. Ich habe beschrieben, wie da ein Naturforscher sagt, dann wird die Milch fest sein, wird im blauen Lichte strahlen usw. Aus den schattenhaften Begriffen über die Wirklichkeit gehen natürlich diese Vorstellungen hervor, aus den Begriffen, die nicht stark genug sind, um die Wirklichkeit zu erfassen. Denn diese ganze Ausrechnerei der Naturwissenschaft gleicht eben dem Unternehmen – nun, als ob ich den menschlichen Magen untersuche, wie er sich verändert in vier bis fünf Jahren, und dann ausrechne, wie der Mensch sein wird nach 250 Jahren. Indem ich das ausdehne über eine große Anzahl von Jahren, kann ich das ausrechnen. Gerade so wie der Naturforscher ausrechnet, wie die Erde in einer Million Jahre aussehen wird, kann ich ausrechnen, wie der menschliche Magen aussehen wird, – bei einem sechs-, siebenjährigen Menschen kann ich ausrechnen, wie dieser Magen nach 250 Jahren aussehen wird; nur wird dann der Mensch gestorben sein! Ebensogut könnte man, so wie die Geologen berechnen, dass vor so und so viel Millionen Jahren die Erde ausgesehen hat, ebenso könnte man heute ein Kind nehmen und berechnen, wie sich in 8 Tagen, 14 Tagen die inneren Organe ändern, könnte zurückrechnen, nicht wahr, und würde dann einen Zustand bekommen, wie das Kind vor 250 Jahren ausgesehen hat – nur hat’s damals noch nicht gelebt, selbstverständlich. – Die Begriffe sind eben nicht fähig, die ganze Wirklichkeit zu ergreifen. Für die Teil-Wirklichkeit, die den Menschen unmittelbar in den Jahrtausenden umgibt, die etwa sechs bis sieben Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung und sechs bis sieben Jahrtausende nach unserer Zeitrechnung liegen, gelten diese naturwissenschaftlichen Begriffe, weiter aber nicht.
• Das Menschenwesen muss aber für ganz andere Zeitalter gedacht werden. Und im Sinne dieses Menschenwesens muss das Christus-Wesen da sein. Daher sagte ich einmal hier: Es ist ein Unterschied zwischen dem, was man im Mittelalter „mystische Hochzeit“ genannt hat, und dem, was man die „chymische Hochzeit“ genannt hat im Sinne des Christian Rosenkreutz. Die mystische Hochzeit, das ist nur ein innerer Prozess. So wie es früher viele Theosophen gesagt haben – jetzt vielleicht auch noch: Wenn man sich so recht sehr in sein Inneres vertieft, so findet man die Identität mit dem göttlichen Wesen! – Das wurde so schön den Menschen vorgemalt, dass diejenigen, die, nachdem sie einen solchen einstündigen Vortrag gehört hatten, hinausgingen mit dem Bewusstsein: Wenn du dich recht sehr in deinem Inneren erfassest, dann kannst du dich so recht schon als eine Art Gott fühlen! – Die chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz, – die allerdings denkt sich solche Kräfte im Menschen wirksam, welche den ganzen Menschen ergreifen, welche wirklich umgestalten das Menschenwesen so, dass es, wenn die Materie als Schlacke abfällt einmal, hinübergetragen wird in die Jupiter-, Venus-, Vulkanzeit.
• Bezwingung des Bösen, Bezwingung der Materie mit dem Begriff, das lag im Manichäismus. Dass im tieferen Stile erfasst werden muss die Frage des Bösen und damit im Zusammenhang die Frage nach dem Christus-Jesus, das stand vor des Julianus Seele, das wollte er sich holen aus einer persischen Einweihung, die er dann nach Europa tragen wollte. Und siehe da, auf diesem Zuge nach Persien fiel er durch Mörderhand. Es ist auch historisch zu erweisen, dass er durch Mörderhand, durch die Hand eines Anhängers der Konstantinischen Christen gefallen ist. – Sie sehen also, wie – ich möchte sagen – das Prinzip, die Kontinuität herzustellen, tragisch wurde überall in der Geschichte, wie es bei Julian dem Apostaten gleichsam in eine Sackgasse führte.
• Und dann wurde das Augustinische Prinzip zur Geltung gebracht, dass man nur ja nicht Begriffe bilden solle, welche irgendwie an den Manichäismus, d.h. an das Mitdenken der materiellen Vorstellungen mit dem geistigen Denken, anklingen. In den Abstraktionsprozess wurde das Abendland hineingetrieben. Und dieser Abstraktionsprozess ging weiter, meine lieben Freunde, ging mit einer gewissen Notwendigkeit weiter und durchdrang wirklich dieses Abendland. Nur einzelne bedeutsame Geister lehnten sich auf, waren die großen Rebellen gegen den Abstraktizismus. Einer der bedeutsamsten dieser Rebellen war Goethe seiner ganzen Geisteskonstitution nach. Und einer derjenigen, die am meisten verfallen sind dem Abstraktizismus, das ist Kant. Denn nehmen Sie sich – ich weiß sehr wohl, wie ketzerisch ich damit spreche, aber wahr ist es doch –, nehmen Sie sich die „Kritik der reinen Vernunft“ von Kant und lesen Sie ihre Hauptsätze; und verwandeln Sie einen jeden dieser Hauptsätze ins Gegenteil, – so kriegen Sie die Wahrheit. Gerade über die wichtigsten Sätze über die Raumlehre und Zeitlehre bei Kant muss so gedacht werden. Man kann ruhig die Sätze ins Gegenteil verwandeln, man kann Nein sagen, wo er Ja sagt, und Ja sagen, wo er Nein sagt, dann kriegt man ungefähr dasjenige, was vor den geistigen Welten haltbar ist. Sie können daraus entnehmen, meine lieben Freunde, wie großes Interesse herrscht, Goethe, den großen Antipoden Kants, so zu verfälschen, wie ihn der Mann verfälscht hat, von dem ich Ihnen neulich erzählt habe, dass er ihn ins Gegenteil verfälscht hat: „Ins Innere der Natur dringt kein erschaffner Geist!“
• Man muss diese Gesichtspunkte ins Auge fassen, dann kann man auch des Julianus Schrift, die namentlich gegen das paulinische Christentum gerichtet ist, vom richtigen Gesichtspunkte aus würdigen. Eine merkwürdige Schrift ist das. Und merkwürdig ist diese Schrift nicht so sehr durch dasjenige, was sie enthält, als durch dasjenige, was verschiedene Schriften des 19. Jahrhunderts enthalten. Das ist ein Paradoxon, nicht wahr? Aber die Sache verhält sich so: Wenn man die Schriften Julians des Apostaten gegen das Christentum nimmt, dann werden alle möglichen Gründe gegen das Christentum, gegen den historischen Jesus, gegen gewisse christliche Dogmatik vorgebracht, alles mit einem sehr starken, wahren Pathos – nicht mit einem falschen Pathos –, mit einem wahren Pathos, mit starker Innerlichkeit. Und wenn man diese Gründe nimmt und dann beginnt zu prüfen, was die liberale Theologie des 19. Jahrhunderts und dann der Übergang dieser liberalen Theologie zu den Drews-Leuten und zu den Leuten, die dann auf Grundlage dieser liberalen theologischen Forschung die Historizität, die Existenz des Christus-Jesus abgeleugnet haben, –wenn man das nimmt, was da in der Literatur des 19. Jahrhunderts aufgebracht worden ist, und sie zusammenstellt – diese ganze Literatur, die im 18. Jahrhundert beginnt und dann durch das ganze 19. Jahrhundert geht, die also zu dem fleißigsten, sorgfältigsten, dem gründlichsten Philologischen gehört, was man sich denken kann, dann stellt sich allerdings heraus, dass man gewisse Hauptlinien zusammenstellen kann. Begonnen, nicht wahr, hat ja die hauptsächlichste Kritik damit, dass man die Evangelien verglichen hat, gefunden hat Abweichungen des einen von dem anderen usw. (Nun, über diese Dinge habe ich öfter gesprochen, das braucht nicht wiederholt zu werden.) Aber wenn man die Hauptlinien, die Hauptsätze zusammenstellt, finden sie sich alle schon bei Julianus Apostata. Man hat eigentlich nichts Neues im 19. Jahrhundert vorgebracht. Er hat schon alles vorgebracht, Julian Apostata. Er hat es nur aus einer gewissen Genialität heraus gesagt, während es im 19. Jahrhundert gesagt worden ist mit einem riesenhaften Fleiß, mit einer gründlichen theologischen Gelehrsamkeit und mit einer gründlichen theologischen Sophistik.
• So kann man sagen: Julianus der Apostat hat einen titanischen Kampf aufgenommen. Er hat zuletzt noch versucht, indem er den Manichäismus lebendig hat machen wollen, eine kontinuierliche Entwickelung herbeizuführen. Denken Sie sich, dass solche besten Geister wie Goethe, wie aus einem instinktiven Drang heraus, in sich selber das alte Hellenentum wieder lebendig machen wollten! Denken Sie sich, wie das alles gerade mit diesen Leuten geworden wäre, wenn Julianus dem Apostaten sein Werk geglückt wäre! Man darf sagen, jene Notwendigkeit, die zugrunde liegt der Tatsache, dass Julian dem Apostaten sein Werk nicht glücken konnte, diese Notwendigkeit muss von einer ganz anderen Seite her beleuchtet werden. Aber man wird nicht verstehen auch diese Notwendigkeit, wenn man etwa in philiströser Weise auf den großen Julianus hinsehen will, wenn man in diesem nicht einen titanenhaften Kämpfer sehen will für ein in die Wirklichkeit eindringendes menschliches Verständnis der Weltenzusammenhänge. – Und in unserer Zeit, meine lieben Freunde, da ist die Sache so, dass es insbesondere nützlich ist, sich an solche großen Momente des geschichtlichen Werdens des Abendlandes zu erinnern. Denn wir leben in einer Zeit, über die man nicht hinauskommen würde in gesunder Weise, wenn man nicht in einer neuen Weise verstehen wird, was solch ein Geist wie Julianus der Apostat wollte. Zu seiner Zeit war eben noch nicht die Möglichkeit gekommen – und das ist seine große Tragik –, es war noch nicht die Möglichkeit gekommen, das alte Initiationsprinzip zu versöhnen mit dem tiefsten Wesen des Christentums.
Hans Gessner
Besazio
Casa Fornasella
den 7. Oktober 1945
An der Rascher-Verlag,
Zürich
Sehr geehrter Herr,
gestatten Sie mir, Ihnen ein Projekt zu unterbreiten, das Sie als Verleger interessieren dürfte.
Die vergangenen Kriegsjahre und die jetzige Nachkriegszeit legen uns immer den Vergleich mit den Kriegs- und Nachkriegsjahren von 1918–1919 nahe. Nun hat schon 1943 Herr Schriftsteller Karl Ballmer, Lamone (bei Lugano) es unternommen, eine Reihe von Auszügen aus Vorträgen Dr. Rudolf Steiners, außerordentlich aktuelle Sentenzen zu europäischen Fragen, zusammenzustellen und damit ein ungenutzt liegendes Geist-Kapital für ein breiteres Intelligenz-Publikum zugänglich zu machen. Die Vorträge Dr. Rudolf Steiners sind 1918–1919 gehalten worden; die Auszüge sind jedoch so gewählt, dass sie nicht die spezifischen anthroposophischen Lehrgedanken enthalten, sondern Beleuchtungen von Europa-Problemen, die durchaus eine nicht speziell auf den Dornacher Verlag eingestellte größere Leserschaft interessieren können.
Die einzelnen Abschnitte sind sinngemäß zusammengestellt und umfassen bis zu 10 Schreibmaschinenseiten.
Die Abschnittüberschriften sind folgende:
Das Ganze umfasst 190 Schreibmaschinenseiten zu 1800 Buchstaben. Die ausgezogenen Vorträge sind sämtlich in öffentlichen Buchpublikationen des Dornacher Philosophisch-Anthroposophischen Verlages enthalten.
Ein kurzes orientierendes Geleitwort wäre voranzustellen. Es liegt eine Skizze zu einem solchen vor, die mit Berücksichtigung eventueller Anregungen oder Wünsche des Verlegers modifiziert werden kann.
Es erscheint zweckmäßig, im Titel einen persönlichen Herausgeber nicht zu nennen. Im Geleitwort, das mit „Die Herausgeber“ zu firmieren wäre, wird Herr Karl Ballmer genannt als der die Auswahl Besorgende. Herr K. Ballmer ist als qualifizierter Schriftsteller in anthroposophischen wie außeranthroposophischen schweizerischen (und deutschen) Kreisen geschätzt. Bezüglich Ihnen möglicherweise erwünschter Referenzen betr. Herrn Ballmer nenne ich Ihnen die Adressen: Herrn Dr. Max Picard, Caslano, und Herrn Universitätsprofessor Dr. Donald Brinkmann, Zürich, Dunantstr. 2.
Als Buchtitel ist in Aussicht genommen:
Als Ihr Vertragspartner wäre – im Einverständnis mit Herrn Ballmer – der Schreibende zu betrachten.
Es wäre zu erwägen, ob die Frage einer eventuellen Beteiligung des Dornacher Verlages mit einem Zuschuss und entsprechendem Anteil an Risiko und Gewinn aufzuwerfen sei.
Ich bin bereit, Ihnen das im Entwurf vorliegende Manuskript zur Einsicht zu senden. Es ist leicht möglich, dieses nach Ihren allfälligen Vorschlägen noch zu modifizieren.
Indem ich Ihrer geschätzten Antwort mit Interesse entgegensehe, begrüße ich Sie mit vorzüglicher Hochachtung
RASCHER VERLAG ZÜRICH
ZÜRICH,
Limmatquai 50
10. Oktober 1945
Herrn
Hans Gessner
Casa Fornasella
Besazio
Tessin
Sehr geehrter Herr Gessner,
wir danken Ihnen bestens für Ihr ausführliches Schreiben vom 7.ds. Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass es vorläufig keinen Sinn hat, uns das Manuskript zur Prüfung einzusenden, bevor Sie die Verlagsrechte dafür erworben haben. Rudolf Steiner ist noch keine 30 Jahre tot, so dass seine Werke noch geschützt sind, und zwar auch solche Auswahlbände. Nach dem schweizerischen Urheberrecht sind nur Zitate frei, d.h. wenn in andern Werken aus früher erschienenen Werken Zitate in geringem Umfange verwendet werden.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Der Brief liegt uns bisher nur als Durchschlag in Ballmers Nachlass vor. Es kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, dass er so abgeschickt wurde.
Hans Gessner
Casa Fornasella
Besazio, Tic.
Besazio, den 24. Oktober 1945
Frau Marie Steiner
Rudolf Steiner-Halde
Dornach, Solothurn
Sehr geehrte Frau Dr. Steiner!
in einem Briefe vom 7. Oktober 1945 entwarf ich dem Verlage Rascher in Zürich den Gedanken einer Publikation „Europa-Sentenzen – aus Vorträgen von 1918–1919 von Dr. Rudolf Steiner“. (Abschrift meiner Anfrage an Rascher in der Beilage).
Meine Anregung geht von der Überlegung aus, dass es ungeheuer wichtig wäre – in der jetzigen Nachkriegszeit, dass breiteste Kreise Kenntnis erhielten von grundlegenden Gedanken über „Europa“, die Dr. Rudolf Steiner beim Ende des ersten Weltkrieges aussprach. Besonders wichtig wäre, auch solche Intelligenzkreise zu erreichen, die im Allgemeinen nicht ohne Weiteres nach anthroposophischer Literatur greifen. Ich wollte den Versuch unternehmen, für den Gedanken einen ersten Schweizer Verleger zu interessieren, der bei den zu erreichenden breiteren Intelligenzkreisen in Ansehen steht. (Der Verlag Rascher verlegt jetzt, wie Ihnen bekannt ist, auch die Werke von Christian Morgenstern).
Art und Charakter der ins Auge gefassten Publikation geht aus meinem Brief an Rascher hervor. Der Entwurf zu einem kurzen Geleitwort liegt vor. Ich bin der Ansicht, dass die Gedanken Rudolf Steiners derart stark für sich selber sprechen, dass eine größere Einleitung sich erübrigt.
Der Hauptgrund für meine Anfrage bei Rascher ist aber dieser: Es ist unvermeidlich, dass der Publikation, indem sie unter dem Titel „Europa-Sentenzen“ auftritt (welcher Titel zweckmäßig neutral erscheint) eine Aura von Politik anhaftet. Da von Dornach sinngemäß nichts ausgehen darf und soll, was von ferne wie „Politik“ aussieht, wäre die gemeinte Publikation von Dornach aus keineswegs opportun. Einerseits scheint mir die weitere Verbreitung bestimmter Gedanken Rudolf Steiners aus der Nachkriegszeit 1919 eine dringende Pflicht; anderseits ist von Dornach aus zweckmäßig alles „Politische“ streng zu vermeiden – daher die Fühlungnahme mit Rascher, der auch wohl zu den Verlegern zählen dürfte, die als erste in Deutschland wieder werden arbeiten können.
Ich bitte um Ihr Verständnis für die Situation und um Ihre Nachsicht, dass ich nicht schon vorgängig der Vorfühlung bei Rascher Ihnen den entscheidenden Hauptpunkt unterbreitete: nämlich die Frage nach Ihrer event. Genehmigung zum Abdruck von größeren Zitatauszügen aus den gedruckt im Philosophisch-Anthroposophischen Verlag vorliegenden Vortragsnachschriften. Nachdem ich aus der Antwort Raschers auf meinen Brief vom 7. Oktober glaube entnehmen zu können, dass der Zürcher Verleger meinem Plane nicht absolut abgeneigt ist, ist demnach meine Frage nach Ihrem Interesse an der Publikation weniger bloß hypothetischer Natur.
Ich bin gerne bereit, Ihnen entweder den Manuskript-Entwurf für „Europa-Sentenzen“ oder eine eingehende Charakterisierung mit genauer Bezeichnung der verwendeten Stellen zu unterbreiten.
Ich glaube nicht, dass durch die Form der Publikation, wie sie aus meinem Vorschlage hervorgeht, ein gefährliches Präjudiz geschaffen wird, insofern ein nichtanthroposophischer Verleger bemüht wird. Die Sache kann ohne Schwierigkeit als einen einmalige, aus einer bestimmten Situation zu rechtfertigende Ausnahme angesehen werden und niemand soll das Recht haben, daraus irgendwelche Präjudizien abzuleiten. Der Philosophisch-Anthroposophische Verlag könnte die Rascher-Publikation als erweiterte indirekte Anzeige der eigenen Verlagswerke betrachten.
In meinem Vertrauen, einer sinnvollen und vertretbaren Idee zu dienen mit dem Plane „Europa-Sentenzen“ werde ich bestärkt durch das Vertrauen zu Herrn Ballmer und dessen Einsicht in anthroposophische Zusammenhänge.
In Erwartung Ihrer Rückäußerung begrüße ich Sie
mit ausgezeichneter Hochschätzung
Beilagen: