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Die Lehre vom AllgemeinbegriffDie gekrachte Schublade – 14. April 2021

3. Oktober 1951

Die Lehre vom Allgemeinbegriff

1.

Ich habe unter den eitelsten monströsen Illusionen der abendländischen Geistesbildung den dümmsten Satz ermittelt. Es ist der Satz: „ich bin ein Mensch“. Was mich betrifft, so bin ich nicht „ein Mensch“. Ich bin ein N.N. Der N.N. ist ein bestimmter körperlicher Mensch. Der Mitteilung, dass ich nicht ein Mensch, sondern ein N.N. bin, entspräche formell der Satz: Ich, der hier Schreibende, bin nicht „ein Mensch“, sondern – beispielsweise – „ein Friedrich Schiller“.

Da der N.N. ein Körper ist, ist er als Körper nur einmal vorhanden. Wie kann das zugehen, dass ich dennoch „ein N.N.“ bin?

Um den N.N. zu kennzeichnen, bin ich auf die Redeweise angewiesen: der N.N. ist ein Mensch wie du und ich. Wichtig bei dieser Redensart ist, dass sie nicht etwas Unbekanntes, sondern etwas Bekanntes bezeichnet. Notgedrungen verhalte ich mich, als Mensch zwischen Menschen, unter dem Zwange der Vorstellung, der Tischler Meier sei „ein Mensch“, Platon sei „ein Mensch“, Goethe „ein Mensch“. Diese Nötigung ist eine elementare Grundlage meines Daseins. Doch bedeutet sie im Ernst nur, dass in meinem Dasein der Irrtum ein unentbehrlicher Faktor ist. Um unter Menschen Mensch zu sein, bin ich ein Irrender. Nun entschließe ich mich zu der neuen Einsicht: Dass ich „ein Mensch“ sei, ist ein schamloser Irrtum. Es handelt sich darum, dahinter zu kommen, wer mir diesen für mich existenznotwendigen Irrtum gestattet.

2.

Die übliche Ansicht, Meier sei „ein Mensch“, Müller „ein Mensch“, ich „ein Mensch“, will besagen, „ein Mensch“ sei ein Exemplar der Gattung Mensch. Der Vorstellungszwang nötigt dabei zu der Meinung, die Gattung Mensch sei ein an vielen Exemplaren abstrahierter Allgemeinbegriff, der eine Realität meinen muss. Dieser Allgemeinbegriff muss entweder ein Betrüger oder ein Witzbold sein. Er spielt sich auf und behauptet, er sei Etwas; soll er aber sein Etwas zeigen, so zeigt er den Müller, den Meier, den Platon, den Goethe. Die Sprache ist rechtschaffen genug, dem Witzbold Allgemeinbegriff Mensch ins Gesicht zu lachen. Wenn die Sprache sagt, die Müller usw. seien Exemplare der Gattung Mensch, so hat sie gesagt, die Müller, Meier, Platon und Goethe seien Muster und Vorbilder (eben Exemplare) für den Allgemeinbegriff. Die Ironie der Sprache ist groß. Wie man es auch anstelle: die Gattung, deren Exemplar ich sein soll, ist eine Chimäre, ein Idol, besseren Falles ein „Ideal“. Nach dem Scherzbold Stirner wird aus dem Ideal „Mensch“ eine erfüllte Wirklichkeit, wenn es nichts weiter ist als der leibhaftige Stirner selbst.

Die Annahme, ich sei „ein Mensch“, operiert mit der Unterstellung, es sei sinnvoll, das mit „Mensch“ Gemeinte zu unterscheiden in Einzelnes und Allgemeines. Diese Unterstellung muss eine monumentale Torheit sein. Da Mensch jedenfalls ein Körper ist, ein „allgemeiner“ Körper aber ein Nonsens, kann die Anwendung des Unterscheidungsmodus „Allgemeines – Einzelnes“ auf Mensch überhaupt nicht in Betracht kommen. Der Mensch ist ja nicht nebenbei, außer dass er Denker ist, auch ein Körper. An dem Satze Voltaires, „ich bin ein Körper und ich denke“ ist das kokettierende „und“ zu beanstanden; der Körper und der Denker sind nicht durch das inhaltlose „und“ zu verbinden, der Körper ist die Bedingung, dass der Mensch denkt.

Es fragt sich, an welche Instanz die Frage nach dem Verhältnis des Denkers zu ###[meinem? seinem?] Körper zu richten ist. Will man redlich sein, so wird man sich gestehen, dass nur der absolute Zufall die Instanz sein kann. Die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit, dass es vom denkenden Körpermenschen den Begriff gibt, ist gleich dem absoluten Zufall. Wenn der Mensch wesentlich Körper ist, der allgemeine Begriff aber wesentlich nicht Körper, dann kann es den Begriff Mensch nicht geben. Der Begriff Mensch ist undenkbar. Oder der Begriff Mensch müsste als Begriff und Gedanke körperlich sein.

3

Es trifft nicht zu, dass es vom Menschen den Allgemeinbegriff nicht gibt. Die Mitteilung, dass ich „ein N.N.“ bin, setzt voraus, bestätigt und urgiert, dass der N.N. der Allgemeinbegriff Mensch ist. Demgemäß hätte also jetzt hier der von Feuerbach in Aussicht genommene Weltuntergang stattzufinden.

Der Allgemeinbegriff Mensch hat den Inhalt: das Gemeinsame meines Körpers und der Körper von Meier, Müller, Huber, Plato, Goethe usw. ist, dass sie der Körper des N.N. sind, und dass sie vom N.N.-Körper körperlich verschieden sind. Das ist evident unmöglich. Andrerseits ist die Unmöglichkeit die Legitimation des Gedankens, dass der N.N. der Allgemeinbegriff Mensch ist.

Man muss jetzt sehen, ob und wie der Gedanke, dass der N.N. der Allgemeinbegriff Mensch ist, mit Vorstellungen ausgefüllt werden kann. Da mein Körper der N.N.-Körper ist, bedeutet mir die platte Selbstverständlichkeit, dass ich numerisch vom N.N.-Körper verschieden bin, nichts. Körperliche Verschiedenheit ist eine andere Art Verschiedenheit als numerische Verschiedenheit. Es steht zu vermuten, die körperliche Verschiedenheit sei – wenn man so sagen darf – eine höhere Art von Verschiedenheit als die mit Hilfe der Zahl ausgedrückte Verschiedenheit. Unsern Physikern ist die Frage Zahl noch nicht aufgegangen; sie ruinieren die Frage mit ihrer voreiligen Definition der „Undurchdringlichkeit“ aller physischen Körper, vermöge welcher sie einen Raum so erfüllen, dass in demselben zu gleicher Zeit kein anderer sein kann. Diese physikalische Definition der „Undurchdringlichkeit“ statuiert, dass sich alle physischen Körper gemeinsam in einer Welt befinden. Dass eine Welt sei, wird garantiert durch den Gedanken Raum. Der Gedanke Raum duldet die Verschiedenheit der Körper und zugleich ihre abstrakte Einheit. Somit die die Physiker-Definition der „Undurchdringlichkeit“ mehr eine Aussage über den Raum als über anderes. Indem die Physiker über die Undurchdringlichkeit alle physischen Körper sprechen, fingieren sie, schon zu wissen, was physischer Körper ist.

Genauer besehen, wird durch die physikalische Definition der Undurchdringlichkeit statuiert, dass sich alle physischen Körper gemeinsam in einer WELT befinden. Dass eine Welt sei, wird garantiert durch den Gedanken Raum. Der Gedanke Raum duldet die Verschiedenheit der Körper und zugleich ihre abstrakte Einheit als Welt.

Galileische Antezedenzien machen es den Physikern unmöglich, die Vorstellung zu bilden: Garant von Welt sei, anstelle des bloßen Gedankens Raum, ein physischer Körper, der Weltkörper. Die galileischen Physiker können höchstens symbolisch zum Ausdruck bringen, dass sie seit einem haltbn Jahrhundert an der Aufgabe kauen, den bloß gedachten Raum als Garanten von Welt zu beurlauben (mitsamt dem eitlen „Äther“), um an seine Stelle den physischen Welt-Körper zu setzen, indem der Anführer der physikalischen Revolution, die das räumliche Verhältnis der Körper als Eigenschaft der Körper verstehen möchte, durch seinen weltberühmten Gelehrtennamen das Thema Ein-körper postuliert.

Die Physiker unterstellen unbegründet, sie wüssten im voraus, was physischer Körper sei. Was physischer Körper ist, entnehme ich – per absoluten Zufall – am N.N.-Körper. Der Weltkörper, der N.N., verlangt nun nicht, dass gleichzeitig kein anderer Körper dort sein könne, wo der N.N.-Körper ist. Sondern er statuiert: Wo der N.N.-Körper ist, ist WELT. In der Welt des N.N.-Körpers sind die Körper der Meier, Müller, Huber und auch mein Körper der N.N.-Körper; aber sie sind zugleich körperlich verschieden vom N.N.-Körper. Der Körper N.N. als Welt garantiert jetzt, was der Raum nicht leisten kann: das Außereinander von Körpern als Eine Welt. Hier ereignet sich im Ernst die Frage ZAHL. Indem der physische N.N.-Körper zersplittert, ist jeder Splitter der ganze N.N.-Körper, und das Verhältnis der Splitter zum unzersplitterten N.N.-Körper ist die Zahl. Die ursprüngliche Zahl ist die privilegierte Eigenschaft des N.N.-Körpers, nämlich die Eigenschaft des Weltkörpers, als Einziger Körper zu sich selbst im Verhältnis zu stehen. Ein Kieselstein vermag nicht zu sich selbst im Verhältnis zu stehen. Galilei benötigt zur Weltkonstitution mindestens zwei Kieselsteine. Die modernen Physiker als Descendenten Galileis sind nicht Ein-Steiner, sondern Zwei-Steiner. Daher ist die Zahl nicht ohne weiteres, wie Locke annimmt, eine Eigenschaft der Dinge. Bei zehn Apfelbäumen, nach Mauthner, ist die Zehnzahl nicht in den Apfelbäumen, sie ist einzig im „menschlichen Kopf“. Der Nominalismus ist durch Mauthner noch nicht zu der ihm bevorstehenden Ehrung gekommen: Der „menschliche Kopf“ ist zuletzt ein Name: N.N. Ich selbst als „menschlicher Kopf“ bin „ein N.N.“.

Dass der N.N. als physischer Körper der Allgemeinbegriff Mensch sei, besagt nicht, dass außer dem N.N. Jemand da wäre, den Allgemeinbegriff Mensch zu denken. Weil nun der Allgemeinbegriff Mensch der N.N.-Körper als Innerlichkeit ist, so ist KÖRPER (als N.N.-Körper) der lange und krampfhaft gesuchte Name und Begriff von: Bewusstsein. Bewusstsein ist Einer, der N.N. Mein Bewusstsein, sagt man, sei evident nicht das Bewusstsein des N.N. Sehr wohl! Indessen hat der N.N.-Körper, indem er sich zersplittert, Teile. Und die Teile haben die Eigentümlichkeit, der ganze N.N. zu sein. Die Mitteilung, dass ich „ein N.N.“ bin, besagt jetzt des genaueren, dass ich Splitter [bin]. „ich“ war ja fragwürdig. Jetzt also ist vorläufig festgestellt, wer da „ich“ sagt in der Mitteilung „ich bin ein N.N.“.

Wenn also, um zu resümieren, das Bewusstsein Teile hat, dann ist gewiss eine ganze abendländische Welt untergegangen.

Erstaunlicherweise fehlt nun eine Nr. 4 und es geht direkt mit 5 weiter – offenbar ein reiner Zählfehler, denn es fehlt kein Blatt.

5

Der Begriff des Bewusstseins, sagte ich, ist der körperliche N.N. Nun verlangt das Urwesen der Definition eine Änderung, damit der Begriff in voller Evidenz auftreten kann. Ich distanziere mich von einem Exzess des Skeptizismus. Er bestand darin, dass sich Inhaber von Vernunft vor den Gott hinstellten, den Begriff Gott dachten, und klug herausfanden, der Begriff Gott müsse die Existenz Gottes enthalten. Die Werten wollten mit Existenz einen Körper gemeint haben, aber sie konnten nicht, was sie wollen mussten. Um vom Skeptizismus der Scholastik sehr weit entfernt zu sein, gewahre ich, dass die Definition des obersten Begriffes eine Tatsache ist. Darin besteht die Änderung des Urwesens der Definition, dass der oberste Begriff durch eine Tatsache definiert wird. Die von mir geleistete Definition des Begriffes Bewusstsein, also meine Definition des Begriffes vom N.N., ist die Körpertatsache: mein Bewusstsein. Nicht also, dass meine Definition des Begriffes N.N. dem N.N. Existenz zu garantieren hätte, sondern: meine Definition des Begriffs N.N. setzt mich allererst in Existenz, sofern mein Bewusstsein meine Existenz ist. In Wahrheit begehe ich eine Anmaßung, wenn ich fingiere, in der Lage zu sein, den Begriff vom N.N. zu definieren. Ich kann nur sagen: Mein Bewusstsein ist Derjenige außer mir, der N.N., der mich – da mein Bewusstsein meine Existenz ist – ins Dasein setzt.

Mein Cogito ergo sum bedeutet jetzt: bisher war ich Denker, um schließlich einzusehen, dass ich als Denker nicht existiere. Descartes wollte es mit etwas zu tun haben, was bei ihm Seele hieß. Von Seele ist hier im entferntesten nicht die Rede; hier ist die Rede vom Körper. Bevor es mein Denken geben kann, wird es mein Bewusstsein geben müssen.

[handschriftliche Anmerkung:] Gehirn

Noch einmal: Es ist schlechterdings unmöglich, dass der N.N. der Allgemeinbegriff Mensch ist. Denn wie soll der N.N., ein natürlicher Mensch wie du und ich, als Körper Er selbst und zugleich Verschiedener sein?

Ich bilde die Vorstellung, der N.N., obzwar ein natürlicher Mensch wie du und ich, ist – als Verschiedener – im Grund und im Ernst heimlich ein Toter. Um als der Mensch der identische Körper zu sein, der verschieden sein kann, muss man ein Toter sein. Die existierende menschliche Gattung ist der Tod, ein Toter; ihre Existenz ist ein „Denken“ in Körpern, wie mein Denken ein Denken in Vorstellungen ist. Es ist eitle Anmaßung, dass Jemand, der nicht der N.N. ist, den Menschen adäquat denken wollte. Dagegen, indem die Menschen sterben, ist ihr faktisches Sterben die ihnen mögliche Weise, den Menschen adäquat zu denken.


Erläuterung

Dieser Text ist mit Schreibmaschine ausgeführt, aber nicht in eine Endform für eine Veröffentlichung gebracht worden. Zusätzliche Entwürfe sind hier weggelassen. Der Text als ganzes ist nirgendwo anders eingeflossen; einzelne Gedankengänge und Formulierungen findet man ähnlich in den bereits gedruckten Schriften dieser Jahre, etwa Die moderne Physik…Die moderne Physik ein philosophischer Wert?, Ehrung…Ehrung – des Philosophen Herman Schmalenbach, Deutsche Physik…Deutsche Physik – von einem Schweizer.

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{=$:Titel}Die gekrachte Schublade – 14. April 2021


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