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Grund und AbgrundDie gekrachte Schublade – 15. Juli 2020

Ich muss nun wohl einmal die Welt symbolisch ansehen. Symbolisch nehme ich es, dass Sie den Umschlag Ihres Briefes aus Malente-Gremsmühlen vom 15. Oktober anstatt an Karl Ballmer an Kurt Ballmer adressieren. Die moderne exoterische Tiefenpsychologie hat ja interessante Theorien aufgestellt über Verhören und Verschreiben, die zum Symbolverständnis manches beitragen können aber zuletzt doch auf halbem Wege stehen bleiben. Denn der Symbolgehalt in seiner Sinn-Tiefe kann nur aus der Aufgabe der Ausgestaltung einer neuen Gottesvorstellung hervorgehen und vor dieser Aufgabe pflegen sich die Herren aus der psychoanalytischen Unterwelt zu bedanken, wofür man ihnen unsrerseits nur dankbar sein kann. An dem symbolischen „Kurt“ Ihrer Adresse empfinde ich, dass der „Herr des Karma“ offenbaren will, dass zwischen dem Individuellen des Briefschreibenden (der Vorname deutet mehr auf das Individuelle als der Familienname) und des Briefempfängers eine nähere geistige Beziehung besteht. Der „Herr des Karma“ verfügt in einer solchen Situation über die latenten Vorstellungsinhalte des Briefschreibers genau in dem Sinne, wie das tiefere Selbst eines Menschen im Traum aus latenten Vorstellungsbildem ein Traumbild (das stets ein Symbol ist, wenn auch ein schwer zu durchschauendes) organisiert. Der Schreiber der Briefadresse stellte dem „Herrn des Karma“ seine Eigentümlichkeit als idealistischer Philosoph zur Verfügung. Dieser Eigentümlichkeit entspricht es, die Annäherung als Identität (der Namen) zu meinen. Gegenüber aller bisherigen Identitätsphilosophie (zu der in einem offenen Sinne alle bisherige idealistische Philosophie zu rechnen ist) scheint es mir aber die Aufgabe einer gegenwärtigen Wendung der Philosophie zu sein, die vollkommenste Identität von Individuellem nicht in einem übergeordenten Allgemeinen (auch nicht in einem symbolisch repräsentativ Allgemeinen) zu suchen, sondern in der denkbar größten Differenz, so paradox das klingt. Das „Ich“ des deutschen Idealismus ist nicht, wie die Theologie meint, ein Aufrührer gegen Gott; das „Ich“ ist noch zu wenig Ich, zu wenig konkret, zu wenig einzige unvergleichliche Individualität. Ist das „Ich“ im strengsten Sinn diese Einzigkeit, so ist es Symbol der Welt und ist als solches identisch mit jedem andern „Ich“, sofern das letztere sich seinerseits als „Symbol der Welt“ offenbart. Solche Identität steht weit oberhalb der Hegelschen dialektischen Vermittlung der Differenz: sie ist unmittelbar Identität als Differenz. In dieser Auffassung steckt ein Affront gegen das bisherige logische Grundgesetz (Satz des Widerspruchs) an dem ja bereits Hegel kräftig gerüttelt hat. (In diesen Gedanken steckt der Kern meiner Position gegen die in „Symbol und Idol“ anklingende „Logik der Repräsentation“, ich werde auf dieses Problem in anderem Zusammenhänge zurückkommen.

Die neue Gottesvorstellung, die ich oben meine, verlangt von Gott nicht mehr nur, dass er Geist und Persönlichkeit (abstrakte Theologie), dass er mehr als Substanz, nämlich Subjekt (der Erkenntnis) sei (Hegel): sie verlangt, dass Gott echte inhaltvolle Individualität sei, der Inbegriff und die Fülle des Welt-Inhaltes als Symbol und als dieses Symbol die letzte überhaupt erreichbare Wirklichkeit und Wahrheit. Dieser Gott kann nur ein – MENSCH sein. Das ist eine ungewohnte Forderung, aber keine – unchristliche.

Ihr Brief ist für unsere Unterhaltung bedeutungsvoll, weil Sie der scheinbar philosophischen Stellung und Haltung Steiners den strengen Begriff der „religiösen Grundfrage“ entgegensetzen. „Die entscheidende Schicksalsfrage für den menschlichen Geist ist eben, ob er den Grund der gespaltenen Wirklichkeit in sich selber findet oder ob er von sich aus immer nur den Abgrund seiner selbst aufdecken kann, sodass er der Offenbarung von Gott her bedarf. Diese Frage nach den Grenzen des Menschentums ist, wie ich glaube, die religiöse Grundfrage. –“ Dieser Definition der religiösen Frage kann ich nur voll beistimmen. Ich messe deswegen der Theologie Gogartens eine so eminente Bedeutung bei, weil sie ein für allemal das Verhältnis von Mensch und Gott rücksichtslos aufgehellt hat. Diese Leistung ist von allergrößter Bedeutung für die Philosophie, die es in ihren gegenwärtigen anthropologischen Bemühungen (Scheler, Heidegger usw.) allenfalls bis zum Bankerott des Theismus bringt, aber für eine originale Fragestellung nichts leistet. Die theologische Leistung Gogartens hat Rechtskraft auf dem Felde der Religion. Ich sehe daneben ein anderes Feld und möchte es kurz die Aufgabe der „Weltregierung“ nennen. Das „Ereignis Rudolf Steiner“ interessiert mich nur, sofern ich es auf der Ebene der „Weltregierung“ sehe. Das ist für mich belustigend, wenn ich dabei auf das ratlose Schicksalhäuflein derer sehe, die sich heute als Anthroposophen wissen. Weltregierung kann nur bedeuten, diejenige Weltordnung zu gestalten, durch die die Individualität sich als „Symbol der Welt“ offenbaren kann. „Symbol der Welt“, „Herr des Karma“ und „Christus“ sind innerhalb dieser Aufgabe gleichbedeutende Begriffe. Weltregierung kann nur „von Gott her“ wirksam werden, aber allerdings nur von dem Gott des Christentums her, der erkannt und begriffen hat, dass seine Gottes-Leistung die Vollendung des Menschen ist. Bestimmt die Religion die „Grenzen des Menschentums“, so bestimmt sich auf dem Felde der Weltregierung die Offenbarung des Menschgewordenseins Gottes. Ich nannte die Position Steinern scheinbar philosophisch: meine Arbeit fußt aber auf der Überzeugung, dass Steiner – allerdings als Philosoph – „von Gott her“ handelt. Nur diese Auffassung gibt die Möglichkeit, die Leistung Steiners in ihrer systematischen Totalität fruchtbar zu sehen; jede mindere Auffassung muss sich in dilettantischer Art damit begnügen, Steiner als wertvollen und willkommenen Anreger auf tausend Gebieten sehend zu – verkennen. In das „Ereignis Rudolf Steiner“ sind heute Menschen von gesundem Wahrheitsgefühl verstrickt, das „Ereignis Rudolf Steiner“ fordert indessen die verantwortlichen Intelligenzen heraus. Was sich heute Anthroposophische Bewegung nennt, kann auch zerfallen, wenn nicht aus verantwortlichen Intelligenzen Führer werden, die aus einem Karma-Knäuel eine Geistes-Bewegung machen.

Zum Problem der „echten Transzendenz“ möchte ich ein paar – freilich gewagte – Gedanken versuchen. Mich drängen tausend Beobachtungen in der erlebten Wirklichkeit zu der Auffassung, dass in allem Tun Steiners der Gegenstand seines Handelns zugleich das Objekt seiner Erkenntnis war und dass dieses geistige Objekt als „ICH“ zu erkennen ist: nämlich als „Ich“ Steiners und als „Ich“ der Menschen, auf die sich sein Handeln richtete als Lehrer und geistiger Führer. Steiner handelte konsequent schicksalgerecht in dem Sinne, dass er seinen „Schülern“ stets soviel gab, als sie in Freiheit geistig selbst zu tragen und zu verantworten vermochten. Bis in die intimsten äußeren Einzelheiten hinein realisierte Steiner „symbolisch“ die geistige Situation des ihm gegenüberstehenden Anderen; im Gespräche etwa mit Steiner oder zusehend, wie er mit Menschen sprach und umging, konnte man bis in die Handbewegungen hinein symbolische Offenbarung als Realisierung der geistigen Situation des Partners Steiners sehen, – sofern man zu sehen verstand. In diesem sehr positiven Sinne war Steiner allerdings „Schauspieler“, er spielte die „Rolle“ des gerechten Richters, bezeichnenderweise nicht in der Sphäre der Jurisprudenz, sondern in der lebenerfüllten bilderreichen Sphäre des Ästhetischen. Doch zur „Transzendenz“: Ich versuche mir das Problem der Transzendenz bildhaft anschaulich zu machen. Ich habe treffende Gründe, um für möglich zu halten, dass Steiner in seiner Mitarbeiterin – seit Beginn der theosophischen Arbeit – Fräulein von Sievers (so viel mir bekannt, eine Schwester des Generals von Sievers, der 1914 eine russische Armee in den Masuren kommandierte) den wiederverkörperten römischen Kaiser Augustus gewusst habe. Ich bin mir der Abenteuerlichkeit dieses meines Gedankens bewusst, aber ich möchte ein Bild gewinnen. Fräulein von Sievers (seit 1915 formal die „Gattin“ Steiners, also Frau Marie Steiner) hatte die Leitung der Eurythmie an sich genommen, ohne ein inneres Verhältnis zu dieser in den Anfängen steckenden Kunst zu haben. Bei den Proben pflegte sie auf einem erhöhten Thron, [einem] Podium vor der Bühne zu sitzen, eine Holzstange in der Hand, mit der sie stampfend Zeichen herrschte. Sie pflegte sich autoritär zu geben, war aber innerlich ganz abhängig von den künstlerischen Ratschlägen Steiners, die sie mit Vorliebe nicht befolgte. Kam Steiner von Zeit zu Zeit aus seinem Atelier zur Eurythmie-Probe herein, so pflegte er sich in einen winzigen Korbsessel unterhalb des Thron-Podiums zu setzen und sah dann komisch winzig aus, und langmütig und geduldig, dass man hätte irrsinnig werden mögen. Wenn ich mir nun ausmale, dass der am Throne der „Leitung“ zusammengekauerte kleine Mann ein Augustus-Schauspiel genoss, so habe ich eine lebendige Anschauung davon, wie der Bewusstseinsinhalt Steiners transzendent ist – für die Anderen an dem Schauspiel Beteiligten. Für Steiner selbst sehe ich keine Möglichkeit, dass ihm etwas transzendent sein konnte. Die ungeheure Schwere seiner Gottestragik wäre ja gemildert, wenn er nicht zu Allem hätte „Ich“ und „Ja“ sagen sollen.

Ich bitte Sie für diese Bild-Phantasie um Nachsicht.

Ins Schreiben geraten, bewege ich mich mit diesem Briefe noch immer in Prolegomena zu der beabsichtigten ausführlichen Besprechung von „Symbol und Idol“. Je deutlicher jedoch zunächst mein Standort wird, der in einem nicht landläufigen Sinn der anthroposophische Standpunkt ist, desto fruchtbarer stelle ich mir die Auseinandersetzung vor. Ich weiß nicht, wie weit die Meinung verbreitet ist, dass heute innerhalb unserer öffentlichen Bildung bereits fundierte Urteile über Anthroposophie möglich und vorhanden sind. Wenn ich dieser Tage wieder von einem geschätzten Kritiker der Hamburger Nachrichten so einen Satz las „auch wenn man die Lehre Steiners grundsätzlich ablehnt“ (um diese oder jenes Einzelne dankbar anzuerkennen), so kann ich dazu nur ein dickes Fragezeichen setzen. Was ist denn die Lehre Steiners? Wer kennt denn diese Lehre? Wem sind die Voraussetzungen gegeben für „grundsätzliche“ Urteile? Die heutigen Anthroposophen im Durchschnitt geben sich aus verständlichen Gründen alle Mühe, das eigentlich Zentrale der Anthroposophie sich selbst und erst recht anderen zu verbergen. Woher also sollte schon die Öffentlichkeit dann dieses Zentrale kennen? Aus den möglichst neutral gehaltenen öffentlichen und verbreiteten Schriften Steiners jedenfalls nicht.

Steiner hat mit aller Eindringlichkeit als die Wesensaufgabe seiner Anthroposophie (als Lehre, geistige Bewegung und Karma) bezeichnet: die Vorbereitung für die Wiederkehr des Christus-Ereignisses im 20. Jahrhundert.

In welcher Definition der Anthroposophie hat man bisher derlei gelesen? Etwa bei Rittelmeyer? Oder bei Unger? – der noch zu den wenigen in philosophicis nicht ganz Unbemittelten zählt.

Als offizielle Definition wird in der anthroposophischen Arbeit heute überall von Un-Verantwortlichen eine Definition verwendet, die Steiner selbst gegeben hat in einem Büchlein „Leitsätze“. Dort sagt Steiner: „Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschen zum Geistigen im Weltall führen möchte.“ Aber man verrät Steiner in Grund und Boden, wenn man im Ernst unterstellt, dieser Satz enthalte eine Definition der Anthroposophie im philosophischen Sinne. Diese Definition nämlich ist keine Definition, sondern der Ausdruck einer schicksalgerecht gemeisterten Situation; Steiner hat als Verantwortlicher sein eigenes Ich zugleich in den Anderen, zu denen er spricht, d.h. zu seinen „Schülern“, den Anthroposophen. Er lässt seine Antwort auf die Menschenfrage so viel enthalten, als dem verantwortbaren Fragen der Anderen entspricht. Verantwortlich fragen nämlich heißt aus dem Besitz der Antwort fragen. Die Anderen fragen also verantwortlich, indem sie aus dem sie auszeichnenden Besitz der Antwort fragen, – und dieser Besitz der Anderen fällt in das „möchte“. Das ist der wahre Sinn der „Definition“, über die heute das Blaue vom Himmel herunter gelogen wird.

Um die von Steiner ausgebreiteten Materialien für eine wahre Definition im exoterischen Sinne zu verwenden, dazu gehört heute etwas Mut, angesichts der tristen Ahnungslosigkeit der „führenden“ Anthroposophen. Diese Materialien sind ja in Fülle da. In vielen Variationen hat Steiner das zentrale Wesen seiner Aufgabe genug herausgestellt. Zum Beispiel in Vorträgen in London (l. und 2. Mai 1913), aus denen ich zitiere:

„Zweimal schon ist der Christus gekreuzigt worden; das eine Mal physisch in der physischen Welt im Anfange unseres Zeitalters und ein zweites Mal im 19. Jahrhundert, spirituell, in der oben beschriebenen Weise. Man könnte sagen, die Menschheit erlebte die Auferstehung seines Leibes in der damaligen Zeit; sie wird die Auferstehung seines Bewusstseins vom 20. Jahrhundert an erleben.“ Zur Erläuterung einige Stellen, die in dem Vortrage der eben zitierten Stelle vorangehen: „Erinnern wir uns an das, was gesagt worden ist, nämlich, dass es in den unsichtbaren Welten keinen Tod gibt. Christus selbst, dadurch, dass Er auf unsere Welt herunterstieg, ging durch einen Tod ähnlich dem der Menschen. Als Er wieder eine geistige Wesenheit wurde, behielt Er noch immer die Erinnerung an seinen Tod bei: aber als eine Wesenheit vom Range der Engel (Engel: hier gleichbedeutend mit dem „Ich“ der deutschen Philosophie), in welchem Er sich weiterhin äußerlich (äußerlich: das heißt: in der Philosophiegeschichte) offenbart, konnte er nur eine Herabminderung seines Bewusstseins erfahren.“ (wird begründet durch den Triumpf der materialistischen Wissenschaften) „… das Eintreten von Bewusstlosigkeit in den geistigen Welten in der oben beschriebenen Weise in der geistigen Welt wird die Auferstehung des Christus-Bewusstseins in den Seelen der Menschheit (N.B. der „Menschheit“, nicht der „Menschen“, – Steiner ist philosophisch exakt, auch wo er sehr populär spricht!) werden auf Erden zwischen Geburt und Tod im 20. Jahrhundert. In gewissem Sinne kann man daher voraussagen, dass vom 20. Jahrhundert das, was der Menschheit verloren gegangen ist an Bewusstsein, sicherlich wieder heraufsteigen wird für das hellseherische Schauen (hier könnte Steiner, spräche er zu Philosophen, ohne weiteres statt „hellseherisches Bewusstsein“ setzen: philosophisch reines Denken; er spricht aber nicht zu Philosophen und deswegen sagt er: hellseherisches Schauen). Anfangs nur wenige, dann eine immer wachsende Anzahl von Wesen wird im 20. Jahrhundert fähig sein, die Erscheinung des ätherischen Christus wahrzunehmen, d.h. Christus in der Gestalt eines Engels. (ganz nüchtern: Christus in der Gestalt eines Engels, das ist philosophisch: „Ich“ als ‘Gott des Denkens’ – Erbarmungswürdige Phantasie-Akrobatik geistlüsterner anthroposophischer Damen, die ihren an der gesamten biblischen Kunstgeschichte genährten Vorstellungsbesitz an Engelgestalten mobilisieren, um das gemeinte Phänomen als – sinnliche Vision zu haben. Die Dreisten unter den Tanten behaupten sogar mit Erfolg bei Glaubenssüchtigen, dass sie die Vision schon „haben“. Dieser Spuk treibt sein Unwesen auch in den Kreisen um die Menschenweihehandlung der Christengemeinschaft. Es sind Absurditäten, es ist eine Judaswelt des Bewusstseins.) Um der Menschheit willen geschah das, was man eine Zerstörung von Bewusstsein (eben hatte ich leichtfertig in die Maschine getippt: „des Bewusstseins“ – aber Steiner ist eben exakt und sagt „von Bewusstsein“) nennen kann, in den Welten, die unmittelbar über unserer irdischen Welt liegen, und in welchen Christus sichtbar gewesen ist (in der Geistes-Geschichte) in der Zeit zwischen dem Mysterium von Golgatha und dem heutigen Tag.“

Die Kenntnis dieses Fundamentes der Arbeit Steiners scheint mir für eine Wesensbeurteilung des „Ereignisses Anthroposophie“ unerlässlich. Ebenso unerlässlich erscheint mir die Kenntnis des Verhältnisses Rudolf Steiners zu Thomas von Aquino. Für die Kenntnis dieses letzteren Verhältnisses nehme ich ein Wissen in Anspruch, das ich als Wissen zwar hier nicht begründen kann und von dem ich nur sagen kann, dass meine ganze Arbeit auf diesem Wissen fußt (seit 1920).

In seiner „Philosophie der Freiheit“ (1894) schrieb der 33jährige Steiner: „Weil man aber der Ansicht war, dass der von dem menschlichen Denken ermittelte Zusammenhang nur eine subjektive Bedeutung habe, suchte man den wahren Grund der Einheit in einem jenseits unserer Erfahrungswelt gelegenen Objekte (Gott, Wille, absoluter Geist usw.). – Und, auf diese Meinung gestützt, bestrebte man sich, zu dem Wissen über die innerhalb der Erfahrung erkennbaren Zusammenhänge noch ein zweites zu gewinnen, das über die Erfahrung hinaus geht, und den Zusammenhang derselben mit den nicht mehr erfahrbaren Wesenheiten aufdeckt (Metaphysik). Den Grund, warum wir durch logisch geregeltes Denken den Weltzusammenhang begreifen, sah man darin, dass ein Urwesen nach logischen Gesetzen die Welt aufgebaut hat, und den Grund für unser Handeln sah man in dem Wollen des Urwesens. Man erkannte nicht, dass das Denken (in der Interpretation der „Philosophie der Freiheit“ als Anthroposophie: das „Denken“ als Christus-Bewusstsein, das Denken Christi) Subjektives und Objektives zugleich umspannt, und dass in dem Zusammenschluss der Wahrnehmung mit dem Begriff die totale Wirklichkeit vermittelt wird.“

Wer schrieb diese Sätze? Rückhaltlos: diese Sätze schrieb Thomas von Aquino, mein „Wissen“ behauptet dies auf dem Grunde der Tatsache der Wiederverkörperung des geistigen Individuums. Jede Beurteilung der Anthroposophie tappt ohne die – zum mindesten hypothetische – Anerkenntnis der obigen Voraussetzung einfach im Dunklen.

Mir scheint, dass es sinnlos wäre, wollte ich mich mit einem Geist von Ihrem Range über Steiner unterhalten ohne rückhaltlose Aufdeckung meines Standpunktes.

Erläuterung

Aus einem Brief an den Hamburger evangelischen Theologen Kurt Plachte, 16. Oktober 1932. Ballmer war wenige Tage zuvor „zufällig“ in Plachtes Vortrag (über sein gleichnamiges Buch) „Symbol und Idol“ geraten.

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{=$:Titel}Die gekrachte Schublade – 15. Juli 2020


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