Zurück zur Eingangsseite!

Hauptmenu

Karl Ballmer

Vita

Aktuelles

Wir: Edition LGC

Unsere Bücher

Die gekrachte Schublade

Andere Verlage

Der Maler

Archiv

Links

Kontakt / Impressum

Suche 🔍

Übersicht nächste Seite

(:template each:)

Der Arbeiter in geistiger SichtDie gekrachte Schublade – 28. September 2020

Von Nachdenklichen wird ernstlich bezweifelt, dass die Schweiz in kulturell-geistiger Hinsicht ein wirkliches Eigenleben habe. Unser geistiges Bewegtsein, so sagen diese Nachdenklichen, sei letzten Endes keine Eigenbewegung, sondern ein Mitbewegtsein als Teil in einem größeren Zusammenhange, entsprechend der dreifaltigen Zugehörigkeit der Schweizer zu den drei großen Kulturnationen der Deutschen, Franzosen und Italiener. Diese Auffassung wird etwa mit dem Argument belegt, dass jedenfalls Namen wie Böcklin, Conrad Ferdinand Meyer, Hodler und Spitteler ihren Klang nicht hätten, wenn die Welt an der Schweizergrenze aufhörte, oder um ein neueres Beispiel anzuführen: dass ein Karl Barth die Karriere des großen Theologen gewiss nicht hätte in der Seldwyler Schweiz absolvieren können. Eine auf sich selbst gestellte schweizerische Geistigkeit wäre nicht fähig, der Spiegel zu sein, in dem sich wissenschaftliche oder künstlerische Größe zeigen könnten. Es schlummert im Schweizertum viel geistige Redlichkeit und Geradheit, doch war es stets so, dass die einzelnen großen produktiven Schweizer über die Seldwyler Heimat hinauswuchsen. Das wird wohl auch in der Zukunft so bleiben. An der kriegskonjunkturbedingten „geistigen Landesverteidigung“ ließ sich ermessen, wie beschämend eng sich der Welthorizont zeigt, wenn er vom schweizerischen Dorfkirchturm aus anvisiert wird.

Dank unserer merkwürdigen Randstellung in Europa und in der Welt sind dagegen auf unserem Territorium im Bereiche des Geistigen eigenartige Aufgaben möglich, für die sonst unter den heutigen Verhältnissen kein Raum wäre. Die Bewältigung solcher Aufgaben geschieht in der Stille, ohne begleitende offizielle Geräusche. Es gibt denn doch auch unter uns Geister, denen die Aufrechterhaltung der Kontinuität mit hochqualifizierten Erscheinungen des deutschen Geisteslebens eine würdige Pflicht ist. Nicht alle können sich bei dem bequemen Rezept vom Schlachtfelde des Weltwirtschaftskrieges beruhigen: dass man jetzt mit der deutschen wirtschaftlichen Konkurrenz auch den deutschen Geist mit seiner drängenden Problematik glücklich los sei.

Wenn heute dem Begriffe des Arbeiters eine eigentliche metaphysische Würde anhaftet, so soll man sich bewusst sein, dass die deutsche Philosophie diesen metaphysischen Begriff des Arbeiters gezeugt hat. Der „Arbeiter“ bei Hegel, bei Karl Marx und Friedrich Engels oder auch bei Ernst Jünger, das ist nicht einfach der „Büezer“ des Schweizerjargons, das ist vielmehr die Anzeige, dass sich grundlegende Fragen über das Wesen des neuzeitlichen Menschen mit Notwendigkeit an die Gestalt des Arbeiters heften. Im Ringen um ein neues Bild des Menschen, der sich der Obhut der alten Götterbilder entringt, um sich aus eigener Kraft seine selbst- und weltverantwortliche Stellung zu geben, erkannten die deutschen Philosophen im Arbeiter den providenziellen Träger eines neuen Bewusstseins. Das ist der tiefere Sinn des „Klassenbewusstseins“. Das Schicksal des Arbeiters als „Proletarier“, der ausgeschlossen ist vom Luxusgeistesleben des Bourgeoistums, hängt davon ab, ob es ihm gelingt, seiner illusionsfreien harten Existenz einen menschenwürdigen Sinn abzugewinnen. Die „Arbeiterbewegung“ ist ihrem Kerne nach im anspruchsvollsten Sinne eine Weltanschauungsbewegung; sie ist die erste moderne Menschheitsbewegung, die nicht aus Trieb und Instinkt, sondern aus philosophischen Gedanken aufbricht.

Der Bürger lebt noch immer mit traditionellen Vorstellungen und Gefühlen, die längst keinen wahren Bezug mehr haben auf die tatsächliche Wirklichkeit. Der Bürger lebt ein Doppelleben: in Schule und Universität eignet er sich jenes Bild des Menschen und der Welt an, das vom seelenlosen Materialismus der modernen Universitätswissenschaft geprägt ist. Um seine seelischen Sonntagsbedürfnisse zu befriedigen, hält sich der Bürger an die Überreste einer herkömmlichen „geistigen“ Kultur in Literatur, Kunst und Religion. Der Arbeiter hat am Komfort dieses Luxusgeisteslebens aus inneren Gründen keinen Anteil. Seine geistige Welt besteht einzig aus den illusionsfreien Gedanken, mit denen er seine tatsächliche Existenz begleitet. Für den Arbeiter stellt sich die Frage, ob sich seelisch mit dem wissenschaftlichen Materialismus, wie er von den Hochschulen kommt, ein menschenwürdiges Dasein führen lässt. Der Arbeiter muss diese Frage, die sich der Bourgeois nicht zu stellen braucht, verneinen. Diese geistige Situation des modernen proletarischen Arbeiters ist das eigentlich Wirksame im Ursprung der modernen „Arbeiterbewegung“, die allzubequem missverstanden wird, wenn man sie nur ausschließlich unter dem Gesichtspunkte des Kampfes gegen einen fragwürdigen „Kapitalismus“ sehen will.

Die moderne Arbeiterbewegung (womit nicht etwa eine sozialistische Parteistrategie gemeint ist) ist eine Weltanschauungsbewegung, sie dient als Plattform und Kampffeld für die größte moderne Menschheitsfrage: die Frage der menschlichen Freiheit. Über Wert und Unwert auch des „Kapitalismus“ wird nur eine Vertiefung der Freiheitsfrage Klarheit schaffen. Die französische Revolution war höchstens ein schüchterner Anlauf zur Bemächtigung des Freiheitsproblems. Ihr Ziel war die Erringung der politischen Freiheit. Die politische Freiheit, erkämpft gegen die Willkür des Feudalismus, gibt erst den Raum frei für die Frage nach dem positiven Inhalt der menschlichen, der voll-menschlichen Freiheit. Der positive Inhalt der Freiheit bildet das Urproblem der Philosophen des deutschen Idealismus. Diese Philosophen hatten sich von der politischen Umwälzung in Frankreich mächtig erregen lassen (Kant, Hegel, Fichte, Schiller), doch begriffen sie, dass die Abschüttelung von politischer Willkürherrschaft positiv schließlich nicht mehr bedeutet als die Liquidierung des klerikalen Absolutismus, die in der deutschen Reformation schon vor 300 Jahren erfolgt war. Die deutschen Philosophen stießen jetzt in Tiefen vor, die dem eleganten französischen Verstandestum nicht erreichbar sind. Sie griffen unmittelbar an die Wurzeln des „christlichen Abendlandes“. Die gewaltigste Bewegung ging von Hegel aus. Hegel ist ein weit radikalerer geistiger Revolutionär als der Hegelianer Karl Marx. Hegel erhob die volkstümliche Gottesvorstellung aus dem Stande des naiven Kinderglaubens; er versöhnte den Gott des Christentums mit den Intelligenzansprüchen des modernen wissenschaftlichen Bewusstseins: Wenn Gott ein Bewusstsein haben will, so muss er es sich vom tatsächlich existierenden Menschen leihen. Die Welt ist ein Prozess, den Hegel als die Bewusstwerdung des göttlichen Prinzips im und durch den Menschen beschreibt. Gott wird durch den Menschen. Wenn also die Welt Sinn, Zweck und Ziel hat, so ist der souveräne Menschengeist der Schöpfer dieses Zieles. Hegel kleidete seine grandiosen Erkenntnisse noch in die Formeln und Begriffe der philosophisch-theologischen Schulsprache. Er sprach vom „absoluten Geist“, vom „Weltgeist“ usw., wenn er den souveränen Menschengeist meinte. Radikaler ging sein Schüler Feuerbach vor. Ein Kerngedanke Feuerbachs lautet: „Das Wissen des Menschen von Gott ist das Wissen des Menschen von sich, von seinem eigenen Wesen. Nur die Einheit des Wesens und Bewusstseins ist Wahrheit. Wo das Bewusstsein Gottes ist, da ist auch das Wesen Gottes – also im Menschen.“ Von Feuerbachs Gotteslehre bemerkt Rudolf Steiner: „Wir wollen es durchaus zugeben, dass der Gottesbegriff aus dem Menschenherzen geboren ist, und Gott als Symbol eines inneren Ideals den Menschen über den Menschen hinaus entwickeln kann.“ Feuerbach war den Weg gegangen von den landesüblichen Vorstellungen zu den Ideen Hegels, dann zu seiner eigenen Weltanschauung. Er kennzeichnet diesen Weg mit den Worten: „Gott war mein erster Gedanke, die Vernunft mein zweiter, der Mensch mein dritter und letzter Gedanke.“

Über dem verheißungsvollen Vorstoß der deutschen Philosophen zur Vertiefung der Freiheitsfrage liegt dennoch eine tiefe Tragik. Es ist von schwerwiegendster Bedeutung, dass der theologisch belastete Hegel als das Subjekt und den Träger der Freiheit nicht eigentlich das einzelne menschliche Individuum versteht, sondern den – Staat, der gleichsam zu einer verweltlichten Kirche wird. Hier liegt die Wurzel der Ideologien des Kollektivismus, des nazistischen wie des kommunistischen. Es wäre heute an der Zeit, dass der „Marxismus“ begriffe, wie er dem „preußischen“ Freiheitsideal des Hegeltums verfallen ist. Es sind seit Hegels Tod 116 Jahre verflossen, und seither hat sich doch einiges Weitere ereignet im Begreifen des Menschen und seiner weltverantwortlichen Freiheit. Ein Einbruch von geistigen Elementargewalten erfolgte in der modernen Natur-Erkenntnis. Man findet die Spuren dieses Einbruches des Elementaren allerdings nicht an den heutigen Universitäten, wo man in leicht durchschaubarer politischer Absicht die Forschung wieder unter die Obhut der Kirchendogmen zu bringen trachtet. Man muss zu Denkern gehen, die noch auf der Schwelle stehen zwischen dem Zeitalter der klassischen deutschen Philosophie und der modernen materialistischen Forschung. Ein solcher Denker, der jüngere Fichte, sagt über den Erkenntnisumschwung etwa: Die Gesetze der Natur liegen zunächst außerhalb unserer Persönlichkeit in der Naturgrundlage, aus der wir hervorgegangen sind, aber in unserer Seele sehen wir nicht fertige Naturgesetze, sondern wir sind selbst Naturgesetz. Da erkennen wir nicht bloß, da leben wir die Erkenntnis. Wir haben jetzt die Aufgabe, ewige eherne Gesetze zu schaffen, nicht mehr bloß, sie zu erkennen. In diesem Punkte lebt der Mensch nicht nur in seiner Naturerkenntnis, in diesem Punkte verwirklicht und lebt er das Göttliche, das Schöpferische, an diesem Punkte geht die Philosophie in die Theosophie über.

Auf dem Fundament solcher Kerngedanken kann die Freiheitsfrage nicht mehr hegelisch-preußisch gestellt werden. Auf solchem Grund besteht Wert und Würde des einzelnen Menschen nicht mehr ausschließlich in seiner Zugehörigkeit zum übergeordneten Ganzen von Volk und Staat. Der Einzelne hat seine Moralität nicht im Gotte Staat, sondern einzig in sich selbst. Das freie Schaffen gedeiht am besten dort, wo der Staat mit seiner Nivellierungstendenz ausgeschaltet ist. Heute fürchtet man sich, auf dem Gebiete der Erziehung wie auf dem Wirtschaftsgebiete, vor einem Lebensbereiche, das dem Kommando des Staates entzogen ist. Man wird indessen ein freies menschliches Schaffen nicht zu beargwöhnen brauchen, wenn man im Sinne Immanuel Hermann Fichtes unter der menschlichen Freiheit die Fähigkeit versteht, das Gesetz des natürlichen Ganzen zur Offenbarung zu bringen. Freiheit heißt: das Gesetz und die Notwendigkeit des Ganzen als individuelle Tat schaffend mittragen und mitverantworten.

Diese Weltanschauungsfragen, mit der modernen Freiheitsfrage im Mittelpunkt, bilden den geheimen Untergrund der „Arbeiterbewegung“. Daran hat man zu denken, wenn Friedrich Engels anspruchsvoll erklärte: „die deutsche Arbeiterbewegung ist die Erbin der klassischen deutschen Philosophie“. Das von den Arbeitern zu erbende Vermögen bestand weniger in fertigen Lösungen, als im Mut zu kühnen neuen Fragestellungen. Wenn aus der Arbeiterbewegung inzwischen der „Marxismus“ als dogmatische Doktrin herausgewachsen ist, so ist damit das Suchen nach dem tieferen Sinn der menschlichen Existenz zwar zurückgedrängt, aber nicht aufgehoben. Die ursprüngliche Frage „Wie lässt sich ohne die Illusion des dekadenten bürgerlichen Luxusgeisteslebens ein menschenwürdiges Dasein begründen?“ ist nach wie vor wirksam.

Ein eigentümlicher Vorgang hat sich gleichsam parallel zur Arbeiterbewegung in der bürgerlichen Universitätsphilosophie abgespielt. Die Desillusionierung als Folge des ersten Weltkrieges drängte die Universitätsphilosophen dazu, ihrerseits die Frage zu stellen: Wie lässt sich ohne die hochmütigen Illusionen eines dekadenten Luxusgeisteslebens existieren? Die kümmerliche Frucht des Nachdenkens über diese Frage (die Schicksalsfrage des Arbeiters) genießt als modische „Existenzphilosophie“ akademisches Ansehen. Diese moderne Existenzphilosophie – von Heidegger bis Jean Paul Sartre – hat jeden ernsthaften Zusammenhang mit den bedeutenden Fragestellungen der großen deutschen Philosophen zerstört, sie besitzt höchstens den Wert einer spätbürgerlichen Lyrik. Man ist unter dem Eindrucke Kants aufgefordert, die Frage nach dem Sinn der Welt neu zu stellen. Die radikaleren Denker kommen zum Schlusse: Die Welt hat den Sinn, den der Mensch ihr erschafft, – denn der Mensch ist nicht ihr Zuschauer, sondern ihr wesentlichstes Organ. Da nun die Existenzphilosophen – besonders in Frankreich – nicht den Elan haben, der Welt einen Sinn zu erschaffen, behaupten sie (Sartre, Camus) die Sinnlosigkeit oder vollkommene Absurdität der Welt, sie fordern zur „heroischen“ Anerkenntnis der Sinnlosigkeit der Welt auf und kokettieren geschäftig mit dieser heroischen Blödheit.

*

Aus edlerem Stoffe als die faden Spintisierereien der Existenzphilosophen sind die Beiträge, die der von politischen Legenden umwobene Ernst Jünger rund um das Thema „Der Arbeiter“ geliefert hat. Über Jüngers Denkarbeit liegt die gehaltvolle Publikation eines schweizerischen Autors vor (Das Weltbild Ernst Jüngers – Darstellung und Deutung, von Erich Brock, Verlag Max Niehans, Zürich 1945, 278 Seiten). Ein ergänzender Aufsatz Dr. Brocks über „Ernst Jüngers Leben und Werk“ ist in der katholischen schweizerischen Monatsschrift „Schweizerische Rundschau“ erschienen. Es handelt sich bei dem exquisiten Buche von Erich Brock um ein vollkommen unpolitisches Werk, das sich an anspruchsvolle Leser wendet, die Neigung und Liebe mitbringen, um einem noblen und reichen philosophischen Geist bei den vielschichtigen Fragestellungen zu folgen, aus denen er die „Deutung“ der Gestalt Ernst Jüngers herauswachsen lässt.

Ernst Jünger ist ein „gefährlicher“ Denker: „Es kommt nicht darauf an, die Lebensführung des Arbeiters zu verbessern, sondern darauf, ihr einen höchsten, entscheidenden Sinn zu verleihen“. Zu diesem gefährlichen Satze, der Jüngers Grundhaltung kennzeichnet, bemerkt Erich Brock: „Möchte wohl jemand verständigerweise leugnen, dass dies richtig ist? Dennoch scheint es kaum erlaubt, es in dieser Form des Entweder-Oder zu sagen...“. Man kann sich leicht den Zorn ausmalen, den Jüngers Satz bei einer „Arbeiterbewegung“ auslösen muss, die sich in opportunistischer Taktik um Futterfragen erschöpft und demgemäß den Satz Jüngers nur als „reaktionär“ verdächtigen kann. Ernst Jünger ist von bürgerlicher Herkunft, geboren 1895 in Heidelberg als Kind eines wohlhabenden Chemikers. Seine erste Werdezeit fällt in die Jahre vor dem Beginn des ersten Weltkrieges. Es war die Zeit, als der Fortschrittsdünkel am höchsten stand, als man unter „Bildung“ den Besitz und Genuss der geistigen Museumsschätze aus aller Welt und aus allen Zeitaltern verstand. In Wahrheit hatte man über den materiellen Erfolgen den heiligen Ernst der Weltanschauungsfragen verloren, von dem sich die deutschen Idealisten als Philosophen, Künstler und Forscher hatten durchzittern lassen. Was konnte das genialische Herz und der gescheite Kopf eines Ungewöhnlichen damals auf der Schule empfangen? Eine große geistige Vergangenheit und Ahnenschaft war vom Materialismus ausgelöscht, es gab im Reiche der Intelligenz keine Einbrüche des Elementaren. Dagegen kam von außen das Schicksal zu Hilfe: Jünger zog 1914 von der Schulbank weg als 18-jähriger in den ersten Weltkrieg. Und er entschloss sich, diese Welt des Krieges als die Wirklichkeit zu sehen, die vom Firnis der bürgerlichen Kultur bisher verdeckt war. Am „Frontsoldaten“ des ersten Weltkrieges fand Jünger, selbst ein Soldat und junger Offizier von sagenhafter Tapferkeit, den Gegenstand für die entscheidenden Fragen nach einem Leben in der Wirklichkeit. Es war wie die Entdeckung eines neuen Menschen, der nicht neben der Wirklichkeit einherläuft. Es wird im Frontsoldaten nach dem neuen Typus Mensch gesucht, der sich sein selbstoffenbares Jetzt und Hier nicht verziert durch hintergründige Idealismen und wohlfeile Selbsttäuschungen. Der Philosoph Jünger hat seine Wurzeln im „Kriegserlebnis“ des ersten Weltkrieges, sein aufschreckendes Buch „Der Arbeiter“ erschien 1932. Es war riskant, wenn Jünger auf das Idol des „Frontsoldaten“ die Vision einer neuen Epoche gründete. Er hat es freilich vermieden, seine Vision zum „System“ auszubauen, er wurde – gleich Nietzsche – ein blendender „Schriftsteller“. Aus der dankenswert reichen Dokumentation des gescheiten Buches von Erich Brock entnimmt man, dass es Ernst Jünger nicht geglückt ist, unserer Zeit und Gegenwart „an der Klinge zu bleiben“, denn er hat nichts bemerkt vom „Einbruch des Elementaren“ in den Raum der großen, einfachen, geistigen Fragestellungen. Seine Phantasien über Technik haben ihren Sinn nur innerhalb seines Erkenntnis-Nihilismus.

*

Es geht um die Neufundierung des Verhältnisses des Menschen zu den natürlichen Dingen. An der Atombombe geht den Menschen eine Ahnung für dieses Problem auf. Wir können die „Welt“ nicht mehr wie ein uns nur gegenüberstehendes fremdes Objekt verstehen wollen, der Sinn der natürlichen Dinge fällt nicht mehr außerhalb unseres Geistes und unserer Verantwortung. Wenn die menschliche Technik mit der Atombombe sozusagen das Schicksal der Erde in ihren Griff zu nehmen vermag, dann wird unsere „Freiheit“ darin bestehen müssen, dass wir selbst im innersten Zentrum und Keimpunkte der letzten „Wirklichkeit“ dabei sind, aus dem sich der Sinn des Daseins entscheidet und entfaltet. Es ist vorbei mit dem Kindheitstraum der Menschheit, es könne der Sinn und Zweck unseres Daseins bei einem fremden autoritären Verwalter aufgehoben und gehütet sein.

Wären wir kühn und verwegen genug, aus einer erneuerten Erkenntnis des Natürlichen heraus die Untrennbarkeit der modernen Freiheitsfrage von der religiösen Gottesfrage zu sehen, so vermöchten wir zu empfinden: Die Wärme-Energien, die von der Atombombe entfesselt werden, sind die gleiche und eine Welt-Urkraft, die von unserer Religion als die geistige Urkraft der Liebes-Wärme – des göttlichen Menschensohnes – verehrt wird. An uns liegt es, Einheitsstifter im technischen Zeitalter zu werden. Vielleicht besteht nach dem Höllentanz der „Arbeiterbewegung“ Adolf Hitlers die „deutsche Frage“ in der Bemächtigung dieser Aufgabe. Dem Axiom von Friedrich Engels, die deutsche Arbeiterbewegung sei die Erbin der klassischen deutschen Philosophie, würde dadurch erneut ein tiefer Sinn und Gehalt erteilt.


Erläuterung

Das Manuskript ist von Ballmer auf den 1. Juni 1946 datiert. Er klebt einen Zettel bei:

Ich war von Erich Brock, Zürich, gebeten, sein Buch über Ernst Jünger zu besprechen. Leider stand ich dem Buche sehr kritisch gegenüber und suchte mich – freundschaftlich – aus der Affäre zu ziehen mit „Der Arbeiter in geistiger Sicht“, den mir die Redaktion des „Demokrat“ zurücksandte mit der Begründung, er sei „leider zu gescheit“ für unser Publikum. B.

👉 Aus der „gekrachten SchubladeDie gekrachte Schublade“ bekommen Sie wechselnd verschiedene Texte von Karl Ballmer zu lesen. Bei der Auswahl gilt das Motto von Rudolf Steiner: „Es muss der Zufall in seine Rechte treten.“ Besuchen Sie diese Seite also öfter. Bei Fragen kontaktierenKontakt/Impressum Edition LGC Sie uns bitte.

Erläuterung

{=$:Titel}Die gekrachte Schublade – 28. September 2020


mit Rahmen zum Seitenanfang (shift-alt-4) ohne Rahmen – zum Drucken