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Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung

ARNOLD FIEDLER

4. November 1950 im Kunstverein in Hamburg

Beilage zum Brief von Agnes Holthusen an Karl Ballmer vom 3. März 1951. Sie dürfte den Text nicht nur abgetippt haben, sondern die Ansprache auch verfasst und gehalten haben.

Meine Damen und Herren!

Biographische Daten eines bildenden Künstlers mitzuteilen, wird nur einen Sinn haben, wenn dadurch zugleich in ein paar Punkten der äußere Rahmen seines Werkes fixiert wird.

So stellt die Tatsache, dass Arnold Fiedler „mit dem 20. Jahrhundert geht“, seine Lebensarbeit von vorn herein in eine ganz bestimmte Beleuchtung und lässt sie teilhaben an den großen Strömungen der Malerei unserer Zeit.

Für die noch genauere Festlegung seiner Bilder in einem „Nahraum“ ist es natürlich wichtig, dass Arnold Fiedler Hamburger ist, dass er hier Kindheit und Jugend verbrachte. Denn damit ergab sich schon für die Themen erster künstlerischer Versuche die Atmosphäre: Großstadt, Hafenleben, St. Pauli, Rummelplätze, Zirkusmotive, alles unter nordischem Himmel. Bedeutungsvoll werden die Kontrasterfahrungen im Klima von München und Paris, die verschiedenen Studienreisen nach dem wirklich „farbigen“ Süden, Italien und Jugoslawien.

Die entscheidende Zäsur bringen die Jahre 1937/1938, als Fiedler seine Kunstübung aus der Vaterstadt wegverlegte und vor der nazistischen Kunstverfolgung nach Paris rettete. Von seinen Arbeiten, die dort entstanden, bis zum Kriegsausbruch, ist dem Maler fast alles verloren gegangen, die Lücke müssen wir auch hier in unserer Ausstellung als schmerzliche Lücke hinnehmen. Viel härter zu tragen als dieser Verlust war von 1940–1946 der Ausfall der besten und für einen Mann fruchtbarsten Schaffensjahre. Hierin teilt Fiedler das Los mit einer langen Reihe von Kollegen. Auch der schwere Wiederbeginn 1946 unterlag den gleichen harten äußeren und inneren Bedingungen wie bei allen andern. Die Spuren davon sind unverkennbar den ersten neuen Arbeitsversuchen aufgeprägt.

Die eigentliche Biographie lesen wir bei einem Künstler aus seinen Werken ab. Denn ihm ist es ja gegeben, das Bild dessen, das er sowohl menschlich wie geistig ist, war und werden will, durch ihm innewohnende Ideen und schöpferische Kräfte zu formen, und eigenmächtig aus sich selber heraus und vor den Betrachter hinzustellen. Die Werke werden persönliche und geistige Entwicklungsstufe des Schöpfers.

Diese Physiognomie Arnold Fiedlers aus seinem Gesamtwerk deutlich hervortreten zulassen, war der leitende Gesichtspunkt bei der Auswahl der gezeigten Bilder und graphischen Arbeiten.

Versucht man, zur Einführung, einige der wesentlichen Grundvorstellungen Fiedlers, die ihn bei all seinem gestaltendem Tun leiten, ganz kurz zu formulieren, so lässt sich zeigen, dass das, worauf es ihm in erster Linie ankommt, der klare formale Aufbau seiner Bilder ist und der entsprechende koloristische. Also Anliegen, die letzten Endes künstlerisch-technischen Charakter haben und wobei höchste Handwerksperfektion angestrebt wird. Diese „Perfektion“ hat freilich nichts Mechanisches, sie deckt sich im Gegenteil mir einem anspruchsvollen Qualitätsbegriff vom Bilde. Diesem Genüge zu leisten, erfordert als dahinterstehenden Antrieb nicht sowohl eine hohe Gesinnung und das, was man „Persönlichkeit“ nennt, als auch ein schlichtes Ethos der Arbeit.

Präzise, kontrollierbare Formen entstehen, wenn die Hand bei ihrer Tätigkeit vorwiegend vom berechnenden Verstand geleitet wird; sie stellen dann gewissermaßen das geistige Bildelement dar. Für die Farbe dagegen empfängt der Maler die stärksten Impulse aus seinen seelischen Bezirken, wo die Beeinflussung unmittelbar ist, der Berechnung entzogen. Deshalb drückt die Koloristik der Bilder das Allerpersönlichste aus und bindet in einem ganz besonderen Klang auch am sichtbarsten die fortschreitenden Schaffensperioden aneinander.

Fiedler hält bei seiner Malerei immer daran fest, Bildinhalte zu geben. Sein Formen und sein Bauen mit Farben sind kein einfaches Spiel mit diesem Material. Bis in die freien Bildkompositionen hinein, die er heute aus der reinen Vorstellung entwirft, sind ganz bestimmte Inhalte maßgebend geblieben, selbst da, wo der Boden des Geläufigen verlassen wird und in Bezirken, die denen des Traumes oder Wachträumens verwandt sind, die dargestellten Gegenstände entmaterialisiert erscheinen. Gerade von den geglücktesten dieser neuen Schöpfungen geht ein geheimer magischer Reiz aus, der für das auslegende Wort freilich unerreichbar bleibt. Aber unsere Augen spüren, wie sich hier der Schwellenübertritt vollzieht von der realen Sichtbarkeit in eine geistige Dimension dahinter.

Wenn wir das Wachstumsgesetz suchen, unter dem Fiedlers bildnerische Entwicklung steht, so sehen wir, dass die von Anfang an verhältnismäßig einfache Sprache von Stift und Pinsel einer noch immer größeren Vereinfachung des Ausdrucks zustrebt. Doch nicht im Sinn etwa einer Expansion ins Leere auf Kosten der Intensität ihrer Wirkung. Im Gegenteil: haben Fiedlers Formen schon auf seinen frühen Bildern, wo sie noch vom Gegenständlichen, besonders der Hamburger Umwelt leben, etwas Statisches, aber zugleich sehr Gesammeltes und nach innen Weisendes – ebenso wie die Farbigkeit von damals noch Zurückhaltung atmet – so beobachten wir, wie sich späterhin aus einer immer mehr zunehmenden Kraft der Konzentration gleichzeitig ein immer reicheres Spiel der Form- und Farbbeziehungen zueinander losringt. Seit dem Beginn dieses Jahres empfinden wir einen wundervoll schwingenden Rhythmus in den feinsten Gleichgewichtsverhältnissen aller Teile und Farbwerte in den Bildern. Das Charakteristische daran ist vielleicht die große Intimität dieser ihrer innersten Zusammenstimmung, die aus jedem Bilde eine nach außen hin stark sich absondernde Welt für sich macht.

Das Tempo, in dem die malerische Entwicklung Fiedlers sich vollzieht, ist langsam, aber stetig, es macht keine überraschenden Sprünge. Darin hat es fast eine Verwandtschaft mit dem Pflanzenwachstum in der Natur – nicht zufällig gehört die malerische Darstellung von Pflanzenwesen zum Gelungensten auf vielen Fiedlerschen Bildern.

Die Bilder und ihnen zur Seite ein ihnen in der Haltung gleichendes graphisches Schaffen sehen Sie abgerundet durch eine Vielfalt von Aquarellen und farbigen Handzeichnungen. Hier sind Fiedlers Grundprinzipien mit noch lockererer Hand angewendet. Sie geben sich unverbindlicher, viele Studien vor der Natur haben die ganze Frische der Unterhaltung mit ihr. Eine besonders reiche formale Phantasie lebt sich aus in den ungezählten Aktzeichnungen, die wie ein nie abreißendes Kontinuum die Oberstimmen der malerischen und graphischen Übungen begleiten. Die ganze Skala von leidenschaftlicher bis zu zartester und empfindsamster Strichführung ist in ihnen beherrscht.

Wenn Sie jetzt selber mit den Bildern in Kontakt treten, so wäre der ideale Fall der, dass Sie sich dabei genau so passionierten, wie der Maler bei seiner Arbeit, als sie entstanden. Unterbrechen Sie den Maler nicht, ehe er überhaupt ausgeredet hat! Lassen Sie ihm die Führung und hängen Sie Ihr „kritisches Pendel“ zunächst aus! In der passiven Haltung zarter Einfühlung wird dann etwas auf den Beschauer übergehen von der Stimmung der Harmonie und des Entrücktseins, die der Maler anstrebt und die er mitteilen will. Wie schnell oder wie langsam der Einzelne mit dem Betrachten eines Bildes „fertig wird“, ist ungeheuer verschieden. Henri Matisse behauptete bescheiden, dass er ein Bild von Cézanne, nachdem er es 37 Jahre lang in seinem Besitz gehabt hatte, „ziemlich gut kenne, nicht durch und durch hoffentlich!“


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