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Gotthard Jedlicka: Zur Kunst der Gegenwart

Aus: Neue Zürcher Zeitung, 22. Februar 1952, S.7-8

In der Diskussion über die geistige und sittliche Problematik der Nachkriegszeit wurde oft auch der Meinung Ausdruck gegeben, die moderne Kunst trage ihrerseits einen Teil der Schuld an mannigfachen Erscheinungen kultureller Zersetzung. Diese Meinung erscheint polemisch verabsolutiert in Sedlmayrs „Verlust der Mitte“; Sedlmayr versteigt sich dazu, die „Krankheitserscheinungen“ der letzten 150 Jahre zu addieren und sie – ohne auch nur die guten und starken Leistungen zu streifen – kurzerhand als Summe, als Antlitz unserer Zeit hinzustellen. Dieses Unternehmen Sedlmayrs hat sofort auch Abwehrkräfte geweckt; so hat man etwa im „Darmstädter Gespräch“ vom Sommer 1950 versucht, Probleme der zeitgenössischen Kunst zu klären. Unter die Hauptreferenten gehörten auch die beiden Zürcher Professoren Jedlicka und Direktor J.Itten. – Das „Darmstädter Gespräch“ ist nun in protokollartiger Form veröffentlicht worden, bereichert um Notizen, die Gotthard Jedlicka während der Tagung für sich gemacht hat. Wir messen diesen Notizen (die wir hier aus Raumgründen gekürzt wiedergeben müssen) höchste Bedeutung zu. Sie stellen die ungemein zerschwatzte Frage auf eine menschlich wahrhafte, grundsätzliche Weise klar.

Unser Urteil darüber, ob wir in einer Blütezeit der Kunst oder in einer Zeit des Zerfalls der Kunst leben, ist notwendigerweise subjektiv: es ist durch unser Lebensgefühl bestimmt, das auch dann subjektiv bleibt, wenn es sich mit einem bestimmten Glauben, mit einer besonderen Glaubenshaltung identifiziert. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich der Kunst der Gegenwart gegenüber zu verhalten, als es individuelle seelische, geistige, künstlerische Verhaltungsweisen überhaupt gibt. Fast alle Menschen treten im übrigen mit individuellen Wünschen und Forderungen an die Kunst der Gegenwart heran. Das Kunstwerk soll ihnen geben, was sie selber nicht besitzen. Es soll ihnen auch das geben, von dem sie annehmen, dass es ein Kunstwerk zu geben hat. Die Kunst der Gegenwart ist für sie ein Tummelplatz ihrer unbefriedigten Wünsche, Hoffnungen, Forderungen – ihrer Ressentiments. Weil sich der Mensch im Leben ununterbrochen behaupten muss, weil ihm nur selten etwas zukommt, was er sich nicht erkämpft oder erarbeitet hat, so meint er, die Kunst müsse ihm nun von vornherein und ohne die geringste Anstrengung seinerseits schenken, was ihm fehlt. Und viele Menschen sehen, wahrscheinlich, in der Kunst der Gegenwart nur darum eine Verfallserscheinung, weil sie selber von einer Weltuntergangsstimmung erfasst sind. Weil eine Welt in ihnen und mit ihnen zerbricht, fällt alles andere, zumindest für sie, auch zusammen.

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Die meisten Zeitgenossen verlangen von der Kunst nur, dass sie ihnen Gelegenheit gebe, aus einer Gegenwart zu flüchten, die sie beunruhigt oder belastet. Was sich der Mensch im Leben nicht erlauben darf, wenn er sich darin behaupten muss: Bequemlichkeit, gerade das erlaubt er sich der Kunst gegenüber – weil sie Kunst ist. Wie aber das Wahre nie leicht erkannt wird, sondern den Einsatz der ganzen Menschen verlangt, so vermag das Kunstwerk auch nur von jenen Menschen erlebt und erfasst zu werden, die mit ihrer Ganzheit zum Erlebnis bereit sind, die im Übrigen mit dieser Erlebnisfähigkeit begabt und begnadet sind. Diese Menschen waren zu jeder Zeit selten, und wir glauben annehmen zu dürfen, dass sie auch in der Gegenwart nicht in einer größeren Dichtigkeit vorkommen.

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Wir geben den Gegnern der zeitgenössischen Kunst von vornherein zu, dass vieles von dem, was heute geschaffen wird, auf den verschiedensten Gebieten der Kunst, keinen Anspruch darauf erheben darf, echte und dauernde künstlerische Leistung zu sein. Aber wir streiten diesen Gegnern die Berechtigung ab, von vornherein alles abzulehnen. Wir glauben im übrigen nicht, dass es je eine Zeit gegeben hat, in der nur Meisterwerke geschaffen wurden. Schon in der Antike gab es neben der Kunst auch die Kunstindustrie. Neben dem Meisterwerk, in dem ein schöpferischer Mensch mit letzter Dichtigkeit und Richtigkeit sich auswirkt, verwirklicht, stand wohl auch das Werk, das nicht bis ins Letzte vom selben Gestaltungswillen beseelt ist, und stand sogar das Machwerk. Keine Frage, dass in der Gegenwart von mehr Menschen gezeichnet, gemalt, modelliert wird als zu irgend einer anderen Zeit: und immer wieder hört man den Vorwurf: Überproduktion. Aber gerade darin erweist sich die Kunst unserer Zeit als ein Gleichnis des Lebens überhaupt, dass sie nicht nur reich, sondern überreich in Erscheinung tritt: dass die Lebenskraft in der Kunst ebenso verschwenderisch auftritt wie im übrigen Leben, das sich mit einem ungeheuren Verschleiß des Lebens selber auswirkt. Die geniale künstlerische Leistung war zu allen Zeiten, auch in den Blütezeiten der Kunst, verhältnismäßig dünn gesät; und keine Phantasie reicht aus, um auch nur ahnungsweise zu erfassen, welche Fülle von günstigsten und allgemein günstigen Voraussetzungen vorhanden sein muss, damit ein genialer Künstler sich verwirklichen kann.

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Wenn wir die Kunst der Gegenwart in ihrer Geamtheit der Kunst der Vergangenheit gegenüberstellen, um die eine durch die andere zu bewerten, so stellen wir zwei unvergleichbare Größen einander gegenüber. Aber wieviele Zeitgenossen sind so gerecht, diese Unvergleichlichkeit einzusehen und anzuerkennen? Wir sehen die Kunst der Vergangenheit immer nur in einer Auswahl, in dieser zu einfach: und immer nur unter einem bestimmten geistesgeschichtlichen und kunstgeschichtlichen Blickwinkel. Ein Kunstwerk, das zur Zeit der Renaissance entstanden ist, wird von uns immer vorerst einmal als ein Kunstwerk der Renaissance betrachtet, die wir, aus dem geschichtlichen Abstand heraus, einerseits gegen die Gotik, anderseits gegen Manierismus und Barock abzugrenzen vermögen; und so verschieden nun die Kunstwerke, die zur Zeit der Renaissance entstanden sind, voneinander sein mögen: so erleben wir diese Verschiedenheit nicht als Widersprüchlichkeit, sondern als künstlerische Vielfältigkeit, weil wir, aus unserem Abstand heraus, erkennen, was diese Kunstwerke mit der jeweiligen Vergangenheit, mit der jeweiligen Zukunft verbindet, worin sie nach rückwärts, worin sie nach vorwärts weisen. Wer aber ohne diese Kenntnis und vor allem ohne die Überzeugung, es mit Kunstwerken einer bestimmten kunstgeschichtlichen Periode zu tun zu haben, alle Kunstwerke, die um 1500 entstanden sind, nebeneinander hält und miteinander vergleicht, der steht vor einer verwirrenden und bisweilen quälend widersprüchlichen Fülle.

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Es sind im allgemeinen nicht die eigentlichen Kunsthistoriker, welche die Kunst der Gegenwart aus einem starken und reichen Gefühl heraus wesentlich erleben. Oft erweist sich gerade die kunsthistorische Bildung und kunsthistorische fachliche Ausbildung als ein großes Hindernis für das Verständnis der zeitgenössischen Kunst. Ein Auge, das wissenschaftlich und bildungsmäßig auf die Kunst der Vergangenheit in ihrer historischen Entwicklung „eingesehen“ ist, bleibt meistens dort blind, wo im Sehen nicht mehr historische Kenntnis und Erkenntnis mitzuwirken vermögen: wo Mensch und Kunstwerk einander unmittelbar gegenübergestellt sind. Der historisch gebildete Mensch lebt oft in einem viel größeren Ausmaß als der sogenannte ungebildete in der Vergangenheit und mit der Vergangenheit, die er, im Ausmaß seiner schöpferischen Kräfte, in einer lebendigen Schau zu erleben vermag, die aber auch seine lebendigsten Kräfte an sich zieht und nichts mehr übrig lässt, das dem Erlebnis der zeitgenössischen Kunst zugute kommen könnte.

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Zugegeben: Die Kunst der Gegenwart ist (manchmal) schwer verständlich. Aber darf die erste und wichtigste Forderung an die Kunst die der Leichtverständlichkeit sein? Ein Kunstwerk ist ein Gleichnis des Lebens: damit ein Gleichnis des schöpferischen Geistes, der in diesem zum Ausdruck gelangt. Und ist das Leben leicht verständlich? Und ist Gott, oder wie man den schöpferischen Geist nun nennen mag, leicht zu verstehen?

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Viele Zeitgenossen meinen, nur schon darum, weil sie die Kunst der Gegenwart nicht mehr verstehen, über diese auch ihr vernichtendes Urteil aussprechen zu dürfen. Aber ist es nicht so, dass damit, dass sie diese Kunst nicht mehr verstehen, nicht mehr verstehen wollen, in vielen Fällen nicht ein Urteil über diese, sondern ein solches über sie ausgesprochen ist? Eine künstlerische Gestaltung enthält immer mehr Notwendigkeit (Not-wendigkeit) als ein bloßes Urteil darüber, in dem nie ein Schicksal verwirklicht, sondern eine meist unverbindliche Meinung geäußert wird.

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Wie wenig braucht es auf dem Gebiete der Kunst dazu, um etwas abzulehnen – die bloße Ahnungslosigkeit oder Lieblosigkeit genügt schon. Wie viel braucht es dazu, um etwas wirklich zu bejahen: den Einsatz des ganzen Menschen. Aus diesen Gründen liegt die Wahrheit viel eher bei denen, die bejahen, als bei denen, die verneinen.

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Tritt in der schroffen Ablehnung der Kunst der Gegenwart in ihrem ganzen Ausmaß nicht der geistige Hochmut in Erscheinung, den die Verächter der Kunst der Gegenwart dieser vorwerfen?

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Die Stellungnahme der größeren Öffentlichkeit der „abstrakten“ oder „nicht gegenständlichen“ Kunst gegenüber wird dadurch erschwert, dass diese bei der Betrachtung dieser Kunst überhaupt nicht bis zu dem Punkte vorzustoßen vermag, der einzig entscheidet: bis zur Frage und bis zur Beantwortung der Frage nach der künstlerischen Qualität. Diese hat nie etwas anderes bedeutet und wird nie etwas anderes bedeuten als die dichteste Verwirklichung eines tiefen Welterlebnisses mit den wesentlichsten künstlerischen Mitteln: die nur dann auch die richtigen künstlerischen Mittel sind, wenn sie in der Gestaltung aufgehen. Auch in der „abstrakten“ oder „nicht gegenständlichen“ Kunst gibt es das Kunstwerk und das Machwerk, gibt es das Werk, in dem ein individuelles Lebensgefühl machtvoll und zwingend sich ausspricht, das eine ständigen Strahlungskern darstellt – und gibt es das Machwerk, welches das Kunstwerk nachahmt: von außen her, mit dessen äußerlich aufgegriffenen Gestaltungsmitteln. Die Unterscheidung von Kunstwerk und Machwerk, von künstlerischer Qualität und künstlerischer Qualitätslosigkeit, von echt und unecht wird aber nie eine Angelegenheit der großen Öffentlichkeit, des großen Publikums werden, sondern immer nur die Angelegenheit verhältnismäßig weniger, künstlerisch empfänglicher Menschen sein und bleiben, deren Überzeugungskraft dann auf die andern einwirkt: deren Augen zu entsiegeln vermag.

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Die gegenständliche Kunst verführt den Betrachter bisweilen dazu, den Gegenstand in der Kunst zu überschätzen; die nicht gegenständliche Kunst verführt den Betrachter bisweilen dazu, die Form zu überschätzen. Aber die gegenständliche Kunst beruht ebensowenig im Gegenstand wie die nicht gegenständliche in einer bloßen Form. Denn in keiner Kunst sind Gestalt und Gehalt voneinander zu lösen: Gehalt ist Gestalt, Gestalt ist Gehalt.

Auch in der nicht gegenständlichen Kunst kommt es darauf an, dass nicht erfunden, sondern gestaltet wird. Erfindung auf der einen, Gestaltung auf der andern Seite.

Einige von denen, welche die Kunst der Gegenwart in allem ablehnen, was sie nicht sogleich verstehen, das heißt: was sich nicht sogleich und widerstandslos ihrem Weltgefühl und Weltbild einfügt, sind bereit, der Kunst der Gegenwart doch zuzugestehen, dass sie, in ihrer Gesamtheit, einen Ausdruck der seelischen, geistigen, menschlichen Gesamtlage unserer Zeit wiedergebe. Damit geben sie aber auch zu, dass sie aus einer inneren Notwendigkeit heraus entstanden ist, entstanden sein muss. Denn gibt es für einen Zeitgenossen eine andere Möglichkeit, zu leben, als in der Zeit selber, in die er hineingeboren ist, gibt es für einen zeitgenössischen Künstler eine andere Möglichkeit, zu gestalten, als in der Zeit selber, in der er lebt: mit der er sich künstlerisch, gestalterisch auseinandersetzen muss: wenn er sich künstlerisch verwirklichen will?

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Wir treten gegen eine Auffassung auf, welche den Begriff „Moderne Kunst“ mit den Begriffen „abstrakte Kunst“ oder „nicht gegenständliche Kunst“ gleichsetzt. Der Begriff „Moderne Kunst“ umfasst mehr und anderes als „abstrakte Kunst“ oder „nicht gegenständliche Kunst“. Diese stellt nur einen Teil der künstlerischen Äußerungen unserer Zeit dar. Aber weil sich seit einiger Zeit die leidenschaftlichsten Kämpfe um Ablehnung oder Anerkennung der „abstrakten“ oder „nicht gegenständlichen“ Kunst abspielen, ist diese auch in einem Ausmaß in den Mittelpunkt der geistigen Auseinandersetzung gerückt, dass man sie oft als den einzigen wesentlichen künstlerischen Ausdruck unserer Zeit betrachtet. Die Wortführer der „abstrakten“ oder „nicht gegenständlichen“ Kunst (die Wortführer unter den Künstlern und unter den Kunstkritikern) lassen im allgemeinen nur diese gelten. Der Kunstfreund und Kunstbetrachter der Gegenwart aber, der sich allen wesentlichen künstlerischen Äußerungen der Gegenwart offen hält, der sieht die Kunst der Gegenwart doch reicher, erlebt in ihr eine Fülle von künstlerischer Gestaltung, die in einem Zwischenbereich zwischen gegenständlicher und nicht gegenständlicher Kunst angesiedelt ist. Was die Kunst der Gegenwart – eben die „Moderne Kunst“ – kennzeichnet, ist die ungemeine Vielfältigkeit der künstlerischen Strömungen und Strebungen, die erst den vollen Ausdruck der widersprüchlichen Vielfältigkeit der seelischen Struktur und geistigen Haltung unserer Zeit darstellt.

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Zu den häufigsten und gefährlichsten Forderungen, mit denen man von außen her an die Kunst herantritt, gehört auch die, dass sie den Menschen sittlich zu fördern habe. Kunst ist gestaltetes Gleichnis des Lebens. Und weil sie das Leben gleichnishaft verkörpert, so ist sie weder sittlich noch unsittlich: sie ist. Der Mensch kann sich ihr gegenüber, wie dem Leben überhaupt gegenüber als sittlich oder unsittlich, verantwortungsbewusst oder verantwortungslos erweisen. Das Kunstwerk hat die Eigenschaft, den ganzen kunstempfänglichen Menschen anzusprechen, sein Lebensgefühl zu erregen, zu erhöhen, zu erschüttern.


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