In seiner Jugend war Karl Ballmer selbst fußballerisch aktiv. So schreibt er über einen Freund (103-051) "Wir hatten seinerzeit im Fußball als 2. Bezirksschulklasse die 4. Klasse geschlagen, er und ich die Kanonen im Team." Sein jüngerer Bruder Fritz Ballmer (auf dem Foto in der mittleren Reihe links) spielte im FC Aarau, der in den Jahren 1912 und 1914 Schweizer Meister wurde:

In den Tessiner Jahren hatte Ballmer insofern mit Fußball zu tun, "als es sich als schicklich ergeben hat, dass ich beitragendes Mitglied des Fussballclubs Lamone bin (der Fussballplatz liegt an der Rückseite meines Hauses neben meinem Garten; ich pflege vom flachen Dach des Hauses den Spielen zuzusehen, auch werden im Winter bei Schnee und gefrorenem Boden etwa blessierte Spieler, die auf Liegen oder Sitzen angewiesen sind, in meine warme Stube getragen. Sodass meine teilnehmende Passivmitgliedschaft eben schicklich war)."
Im Nachlass findet sich ein Faszikel mit dem Titel "Vom Fussballspiel – eine theosophische Studie". Der ("unvollendete"?) kurze Text wird im folgenden wiedergegeben, ergänzt durch einen Ausschnitt aus einem anderen Faszikel zum Thema. Abschließend folgt eine längere Passage aus unserer Publikation Abschied vom "Leib-Seele-Problem".

Wer ist – so frage ich – in einem Fussballspieler das Subjekt der Bewegung? Und ich antworte: das bewegungsfähige Subjekt im Fussballspieler müsse der "Bezug" des Körpers des Spielers zum Ball sein. Das ist eine schwierige Vorstellung. Wie können zwei Dinge, der Fussball und der Körper des Spielers, ein Aktor – noch dazu ein personaler – sein? Wie soll das zugehen, dass ich mir unter dem Aktor nicht den mit der Fähigkeit der Motilität begabten Körper des Fussballspielers, sondern das Verhältnis zweier Körper (Ball und Spieler) vorstelle? Soll denn der Bezug oder das Verhältnis als ein Substantielles verstanden werden?
In der Tat: Wenn die akademische Wissenschaft meint, im bewegten Fussballspieler den biologischen Akt eines Organismus (Viktor von Weizsäcker) sehen zu sollen, so soll hier der vermeinten Zuständigkeit einer Physiologie der theosophische Ernst der Physik entgegengestellt werden.
Was der spielende Fussballer tut, hängt von den Bewegungen seines Körpers ab. Die Ironie dieses Satzes will statuiert haben: der Fussballer Müller III ist nicht sein Körper. [Fussnote: Ich distanziere mich schärfstens von den Zumutungen einer optimistisch-leichtfertigen Daseinsanalyse, die den (Heidegger-) "Menschen" als ein "Geistwesen" fingiert, dem die Fähigkeit eigne, "auch" leiblich zu existieren. M. Boss, in "Psychosomatische Medizin", glaubt an den Unsinn, dass wir unser Leibliches "immer und auch recht eigentlich sind".] Ich bin nicht mein Körper. Mein Körper mit seinen Bewegungen ist Naturgeschehen. Von beliebigem anderem Naturgeschehen unterscheidet sich mein geschehender Körper dadurch, dass er mir die Ich-Empfindung vermittelt. Ich bin ein Narr, wenn ich nicht weiss, dass meine Ich-Empfindung die Wirkung des Naturgeschehens meines Körpers ist; und ich bin ein Narr im Quadrat, wenn ich den Satz spreche: "ich bewege meinen Körper", während der Tatbestand ist, dass ich an dem Geschehen meines Körpers Ich-Erlebnisse gewinne.
Das Tun (die Handlung) des spielenden Fussballers, das von den Bewegungen seines Körpers, der er nicht ist, abhängt, ist also nicht die Einheit, auf die sich unsere Frage nach dem Subjekt der Bewegung im Fussballspieler richtet. Als die zu befragende Einheit kommt einzig die Welt in Betracht.
Durch Galilei sind die Bewegungsgesetze, d.h. die Gesetze der auf Bewegung beruhenden Ortsveränderungen von physischen Körpern, Welt-Gesetze. Gegenüber dem grossen Galilei gibt es nichts zu revozieren. Er erstritt seine Einsichten gegen den seelengläubigen Aristoteles, der den Dingen ein "Wesen" andichtete, das der Grund für ihr Verhalten sein soll. Die leichten Dinge sollen sich ihrem "Wesen" entsprechend verhalten, ebenso die schweren Dinge. Galilei widerlegte den Aristoteles und zeigte, dass die körperlichen Dinge […]
Aus einer anderen Skizze (1954), die sich mit dem Komplex Viktor von Weizsäcker / Gestaltkreis / Psychosomatik beschäftigt:
[…] Die Anamnese der gegenwärtigen allgemeinen Geistesstörung muß sich auf Tatsachen erstrecken, die von der gegenwärtigen Klinik aus noch nicht gesehen werden. […] Der Körper der Menschenleute ist schwer krank, indem die Körper der Leute "ich" piepsen und den Grund des "ich"-Sagens nicht kennen. Wegen dieser allgemeinen Geistesgestörtheit sind die Aussagen der Kliniker über "seelische Ursachen der Krankheit" selbst Gegenstand der fundamentalen Anamnese. Ich bin geistesgestört, wenn ich vom Flachdach meines Atelierhäuschens, das gegenüber der Mitte der Längsseite des Spielplatzes des Fußballklub Lamone liegt, dem Spiel zusehend wähne, daß die spritzigen Spieler "sich" bewegen. Sich in den Spielern bewegend ist die Gattung […]. Zwischen dem, was bei den Fußballspielern einerseits "Vorsatz" und anderseits "Tat" ist, bestünde vollkommene Diskontinuität, wenn nicht der Gattungsmensch als Körper die Seele der Spielenden sein wollte, um als der Ungewußte in den Spielern die Illusion zu sein, sie seien Selbstbeweger. Der amtliche theosophische Satz "Unser Tun hängt ab von den Bewegungen unseres physischen Körpers" wird gerade auf dem Fußballplatz aktuell. […]
Der "amtliche theosophische Satz" findet sich bei: Rudolf Steiner, Vor dem Tore der Theosophie, Vortrag vom 28. August 1906 (Gesamtausgabe Band 95, S. 64).
Es wäre ein Galilei nicht zumutbarer physikalischer Dilettantismus, die "Seele" oder das Ich des Fußballers als die physikalische Kausa für den glanzvollen Torschuß zu fingieren. (Wir müssen endgültig die spätbürgerchristliche Hoffnung, den glanzvollen Torschuß als "biologischen Akt" interpretieren zu dürfen, preisgeben.) Die Sache ist heikel, aber es soll nun eben Galilei die Ehre angetan werden. Subjekt der Bewegungen der 22 spritzigen Fußballer sind natürlich überhaupt nicht die 22 Spieler, sondern ist in den 22 "Der Mensch" als Selbstbeweger. Den 22 wird die notwendige Illusion zugute gehalten, sie seien aus Willkür sich Bewegende; in Wahrheit empfangen sie ihr "Ich" an und aus der Wahrnehmung der weltmäßigen Aktion ihres Körpers als eines Gegenstandes der Außenwelt. – Wenn nun der Selbstbeweger "Der Mensch" sich bewegt, dann hat er in seiner Bewegungshandlung nicht wie Bürgerchristen einen "freien Willen", sondern in seiner Handlung sind die außen wahrgenommenen Dinge der Welt (z.B. ein anderer Mensch, der aufgehende Mond, ein Fußball) sein Wille. Wenn er seinen Arm bewegt, so ist die wahrgenommene vollzogene Bewegung des Armhebens die Causa der Handlung des Armhebens, oder eben sein Wille, der grundsätzlich eine äußere Wahrnehmung ist. "Der Mensch" unterscheidet sich von den Menschenleuten dadurch, daß er will, was er tut, während die Leute sich gewolltes zu Tuendes erst vor-denken und vorstellen und es dann "ausführen". Der Wille des Wesens "Der Mensch" kommt auf ihn dauernd von außen zu. Wenn ein Narr dem Wesen "Der Mensch" hochmütig entgegentreten und ihm sagen würde, er sei ein Scharlatan, so würde "Der Mensch" sagen: "Mein Wille geschehe!", denn der Narr vor ihm ist ja sein Wille und Ich außen. Wehe, wenn "Der Mensch" nicht in den Fußballspielern die Möglichkeit ihrer personalen "Seele" sein wollte! Dann würde die notwendige Illusion von Fußballspielern, man sei Selbstbeweger, irreparabel sein.
Hier ist eine kurze Betrachtung über die geistesgeschichtliche und kulturgeschichtliche Bedeutung des Fußballspiels einzuflechten. Das Fußballspiel ist eine Erfindung von Engländern. Sie wurde zu Beginn dieses Jahrhunderts in Europa aufgenommen – mit dem Effekt, daß heute auf dem europäischen Festland im hintersten Dörfchen Fußball gespielt wird. Die Theosophie entfaltet Gedanken über die spezifischen Aufgaben der verschiedenen Volkstümer bei der Verwirklichung der Möglichkeit von "Seele". Dem englischen Volkstum fällt die spezielle Aufgabe zu, die "Bewußtseinsseele" darzuleben; die Franzosen kultivieren die "Verstandesseele"; dem italienischen Volkstum entspricht das Weben in der "Empfindungsseele". Die "Bewußtseinsseele", die von der personalen menschlichen Gattung den Engländern als Aufgabe zugedacht ist, entzündet sich am kraftvoll egoistisch interessierten Umgang mit den praktischen Dingen dieser Welt. Daß die Dinge der Welt allesamt "Ich" – als Gattungsmensch – sind, das können die Engländer ohne die theosophische Geistoffenbarung nicht wissen. Aber sie konnten aus einem Instinkte für die Seelenaufgabe ihres Volkstums das Fußballspiel erfinden – und nun stupfen sie auf englisch ihr außen befindliches Ich: den Fußball. Das ist buchstäblich gemeint. Es besteht auch eine "Synchronizität" zwischen dem Aufkommen der theosophischen Bewegung seit 1900 und dem Aufkommen des Fußballspiels auf dem europäischen Festland seit 1900. Bei Jungschen "Synchronizitäten" hat man stets ein "Innen" und ein "Außen" zu unterscheiden und aufeinander zu beziehen. Hinsichtlich des Synchronismus von Fußball und Theosophie ist das "Innen" des Großteils der Zeitgenossen das Fußballspiel, das "Außen" die Theosophie.
[Fußnote: Über die (aussichtslose) Gestaltkreis-Philosophie mit ihrer Theorie der "Einheit von Wahrnehmen und Bewegen", von der möglicherweise der eine oder andere Leser annehmen könnte, sie hätte bei unseren Überlegungen über das Subjekt der Bewegung im Fußballspieler berücksichtigt werden sollen, werde ich mich an anderer Stelle äußern. Hier genügt die Feststellung: Die Gestaltkreistheorie bedeutet nicht im mindesten ein Loskommen von dem schauderhaften "Leib-Seele"-Denken.]
Unsere Annahme, daß in einem Fußballspieler das Subjekt der Bewegung der "Bezug" sein müsse, hat sich somit bestätigt. Die Bewegung eines Fußballspielers ist nicht "biologischer Akt" des körperlichen Organismus des Spielers. Das personale Subjekt des Bewegungsaktes des Fußballspielers ist niemand anders als die Welt selbst, und die Bewegung ist schlechthin Welt-Geschehen. "Der Mensch", der als Gattung die Exemplare der Menschenleute ist, ist dieses Geschehen. "Der Mensch" als der Selbstbeweger in den Fußballspielern (entsprechend dem von den Fußballspielern zu übernehmenden Paulus-Motto: nicht ich, sondern ein Anderer) erstellt die Gleichung zwischen dem außen Ich und Wille seienden Ball und dem körperlichen Ich. Als der Bezug zwischen Wille und Körper ist er das Subjekt der Bewegung. Die Selbstbewegung des Selbstbewegers selbst ist Urphänomen, hinter dem es nichts weiter zu erfragen gibt. –