Wer ist Karl Ballmer?

Porträt Karl Ballmer

Der „große Unbekannte“ – so wurde er einmal von Samuel Beckett in Bezug auf seine Malerei genannt. Mehr noch gilt dies für den philosophischen Schriftsteller Ballmer.

Während das malerische Werk in den letzten Jahren wieder an Aufmerksamkeit gewonnen hat, werden die bisher publizierten Schriften und der im Staatsarchiv des Kantons Aargau aufbewahrte schriftstellerische Nachlass noch kaum wahrgenommen.

Angesichts seines außerordentlich profunden und umfangreichen Wissens auf verschiedensten Gebieten der Geistes- und Naturwissenschaften stellt sich die Frage, warum sich Ballmers Intelligenz außerhalb jeder akademischen oder sonstwie beruflich attraktiven Bahnen ausleben sollte.

Äußere Fakten des Lebenslaufs können nur eine halbe Antwort geben. Als Jugendlicher beendet der in Aarau/Schweiz aufgewachsene Ballmer eine eher trostlose Schulzeit spontan wegen einer Ohrfeige des Rektors und schlägt eine künstlerische Laufbahn ein, die ihm bald Anerkennung bringt. Nebenbei stellt sich schon früh sein Schreibtalent heraus: Es macht ihm als Verfasser von Zeitungsartikeln 1916 immerhin einiges Vergnügen, den Quatsch in 6 oder 7 Zeitungen wiederholt zu sehen.

Doch Jahrzehnte später steht Ballmers eigene Gewichtung zwischen Malen und Schreiben im umgekehrten Verhältnis zum öffentlichen Erfolg: …ich amüsiere mich beim Gedanken, dass man es relativ zu dem gemeinten Dauerhaften dann interessant finden könnte, dass der B. auch ein paar Dinge gemalt hat. Was trieb Ballmer zur Beschäftigung mit Philosophie und zum Schreiben, was lässt ihn sein Atelier so sehr vernachlässigen, dass er Dreiviertel der Zeit für die andere Fakultät vertan hat?

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Das entscheidende Ereignis seines Lebens ist für Ballmer die Begegnung mit Rudolf Steiner, den er 1918 persönlich kennenlernt. Steiner bittet ihn um Mitwirkung bei der künstlerischen Ausgestaltung des „Goetheanums“ im anthroposophischen Zentrum in Dornach.

Doch wenngleich Ballmer sich von da ab zeitlebens als persönlichen Schüler Steiners bezeichnet, bewahrt er sich als einer von ganz wenigen Anthroposophen seine Unabhängigkeit. Vom Dornacher Sektierertum abgestoßen, geht er nach Hamburg. Das 10jährige intensivste Studium des Autodidakten an deutschen Bibliotheken hatte das existentielle Bedürfnis zu befriedigen, durch umfassendes Studium der Philosophie zu einem selbständigen Urteil über Steiner und Anthroposophie zu kommen. Ich habe dieses Studium … ausgiebig betrieben und versuchte erstmals 1928 eine Interpretation des „Ereignisses Rudolf Steiner“, die vor den Kriterien des philosophischen Gedankens Bestand haben sollte. Außer ein wenig Respekt hat mir dieser Versuch bisher von Seiten der Anthroposophenschaft wenig Gegenliebe eingetragen. Meine dauernden Bemühungen (neben meiner Tätigkeit als „moderner“ Maler, worin ich es zu einigem Ansehen gebracht habe) sind ein Ringen um die Form einer Darstellung dessen, was ich als das „Ereignis Rudolf Steiner“ bezeichne.

Das „Ereignis“ – und damit skizzieren wir Ballmers von Anthroposophen nicht geteilte Interpretation der Anthroposophie – stellt sich für ihn als autonome künstlerische Selbstverwirklichung einer hervorragenden Persönlichkeit heraus. Der Inhalt von Steiners anthroposophischer Lehre wird für uns nicht geringer, sondern um so größer und bedeutender, je mehr wir uns mit der Empfindung durchdringen, dass er das Produkt der wahrheitschaffenden Phantasie des Künstlers Rudolf Steiner ist.

In späteren Jahren – vor den Nazis zurückgeflohen in die Schweiz – verdichtet sich Ballmers philosophische Sprache immer mehr. Er bezeichnet sich oft als terrible simplificateur, dem es nicht um akademisch-philosophische Problemstellungen geht, sondern stets um den Markgehalt des Menschseins. Er schreibt keine systematisierenden Bücher, sondern stellt in Briefwechseln und aus konkreten Anlässen heraus seine Gedanken dar. Viele Texte kommen ohne anthroposophische Terminologie und ohne Bezugnahme auf Steiner aus, denn Steiner ist nur ein Beispiel, an dem die Frage erprobt werden muss, wie DIE WELT als das Individuum beschaffen sein müsste, von dem abhängig sie sich als EINE und EINER selbst erfährt.